Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Kleiner Mann in dir
von Asla Kant

Gunther lag im Wohnzimmer auf dem Boden. Nach einem Absacker zu viel war er in sich zusammengesunken, an Ort und Stelle eingeschlafen. Ein Geräusch aus dem Schlafzimmer weckte ihn.

Holz kratzte auf Holz.

„Schatz, bist du wach?“, fragte Gunther und rieb sich die verschwitzen Haare aus dem Gesicht. Sein Kopf, vom Restalkohol gefühlt doppelt so schwer wie sonst, kämpfte gegen die Schwerkraft und sein Verstand wehrte sich gegen das seltsame Konzert nebenan.

„Oh Mann, das hört sich fies an … Lucy?“

Klang und Rhythmus veränderten sich. Zu dem Kratzen gesellte sich ein Quietschen wie von Nägeln, die sich an einer Tafel ausließen. Gunther zog sich an der Sofalehne hoch und taumelte ins Schlafzimmer.

Der anbrechende Tag schien durch die Vorhänge. Kreide, Kohle, Öl und Terpentin überdeckten seinen schlechten Atem. Gunther liebte diese Gerüche und er liebte seine Lucy, die, zwischen Staffeleien, Tiegeln und Leinwänden auf dem Boden sitzend, kaum zu erkennen war.

Wo er auch hintrat, tauchten seine Füße in frische Farben.
„Hast du die ganze Nacht ge…“ Seine Worte gingen in einer Klangfontäne unter, als Fingernägel über eine Schiefertafel glitten und ein Pinsel, den Lucy fest umklammerte und dem bereits jede Borste fehlte, den hölzernen Bettpfosten schliff.

Gunther zog sein T-Shirt aus, entfernte den Matsch von seinen Füßen und begutachtete den Bilderteppich aus verstreutem Stückwerk: Zwei Fenster, oder waren es Bildschirme? Ein Paar Stiefel, ein Schulranzen, eine Hose, ein Monster mit Stacheln, ein Gesicht ohne Augen und eine Hand, welche einsam einer eigenen Melodie folgte.

Fragmente, scheinbar ohne Zusammenhang, verloren auf weißen Inseln.

Gunther wusste, warum Lucy bisweilen exzessiv und unerreichbar für ihn ihrer Leidenschaft nachging. Vergangenheitsbewältigung und Berufung nannte sie das. Aber das hier fühlte sich weder stimmig noch gesund an.

Hin und her gerissen zwischen 'Brauchst du mich?', 'Willst du allein sein?' und 'Habe ich irgendwas falsch gemacht?', verdrängte Gunther seine Fragen und blieb neben Lucy stehen. Dann brach der Pinsel in ihrer Hand. Nicht der erste, wie das Kleinholz neben dem Bettpfosten zeigte.

Lucy erschrak, als Gunther sanft über ihre wunden Hände streichelte und das Papier auf ihrem Schoß betrachtete.

Auf einem Hintergrund, der wie ein frisches Aquarell aus zartem Violett und Türkis zusammenfloss, fügte sich jedes noch so unscheinbare Detail verstreuter Skizzen zu einem Gesamtwerk zusammen, selbst die dunklen Farbkleckse samt Stachelmonster und erloschenem Warndreieck.

„Wer ist das?“, fragte Gunther.
„Das habe ich dir ausführlich erklärt“, entgegnete Lucy.

Sie drückte ihm das Bild auf den Bauch, kramte einen Besen unter dem Bett hervor, fegte ihre Zettelwirtschaft auf einen Haufen und stopfte diesen in einen Mülleimer. Lucy schaute auf die Uhr und verschwand im Badezimmer. Gunther traute seinen Augen nicht, als seine Freundin mit Wischtuch und Eimer zurückkam und in Windeseile auf allen Vieren über den Boden robbte, um ihre Hinterlassenschaften zu beseitigen.

„Wer ist das?!“, wiederholte Gunther fassungslos, denn nun sah er nicht nur die gepackte Reisetasche neben der Tür stehen, sondern auch Lucys Bauch, der unter einem viel zu großen Pulli hervordrängte und bei jeder Bewegung die Dielen streifte. „Mach langsam! Denk an unser Kind!“ Er kniete vor ihr. „Das ist die schönste Zeit in meinem Leben!“ Doch Lucy entzog sich seiner ausgelassenen Freude und Zuneigung.

Im Wohnzimmer schlüpfte sie in ihre Turnschuhe und zog ihre Jacke an. Gunther, völlig verwirrt und überfordert, klemmte sich die Reisetasche unter den Arm und stürmte hinterher. Das Bild hatte sich indes an seinem schweißnassen Bauch festgesaugt.

„Warte, Schatz, ich zieh mich schnell an!“
Lucy fuhr zärtlich über sein Gesicht: „Ich fahre allein.“

Gunther ließ vor Schreck die Tasche fallen. Und er fragte sich, was ihm in diesem Moment mehr Angst einjagte, er selbst, der kleine Mann in ihr, oder sie, die sein Kind ablehnte …

„Wohin willst du jetzt allein?“
„Nicht wieder dieselbe Leier, Gunni. Meine Entscheidung steht fest, ich lasse es wegmachen.“

Gunther spürte seinen Magen. „Das lasse ich nicht zu! Mein Gott, es ist deine erste Schwangerschaft! Du darfst verunsichert sein!“ Lucy schüttelte den Kopf. „Nein, es ist schon zweimal schiefgegangen, vor unserer Zeit. Und wie ich dir gestern erklärt habe, will ich mir das nicht noch einmal antun.“

Sie entfernte die Zeichnung von Gunthers Bauch und legte sie auf den Tisch. „Sieh doch, ich habe schon vor Wochen von ihm geträumt, ihn gezeichnet. Er ist nicht gesund.“

Gunther explodierte: „Du hast seit frühster Kindheit Alpträume, nicht ohne Grund. Du träumst von unserem Kind und behauptest, dass es wie diese Missgeburt auf dem abartigen Kunstwerk aussieht? Es kommt bereits eingekleidet zur Welt? Klein und frisch und doch alt, mit viel zu großen Zähnen und Ohren, haarlos, außer einigen Borsten? Und anstatt mit echten Augen darf es die Welt durch zwei beschmierte Milchglasscheiben entdecken? Es darf sich an einem abgerissenen Lederriemen erfreuen und die Hand, die es erschaffen hat, in einem Tornister mit sich herumtragen? Das kann nicht dein Ernst sein!“

Lucy wandte sich unter Tränen ab.
„Du verstehst es nicht.“
„Bingo, mein Schatz, und es reicht mir! Ich bringe dich auf der Stelle in die Frauenklinik und weiche nicht von deiner Seite! Los jetzt!“

Gunther registrierte, wie Lucy ihre Wut unterdrückte.

„Fass mich nicht an“, flüsterte sie, „fass mich bloß nicht an“, bis Gunther vorsichtig ihre Schultern berührte. Ein Turnschuh traf ihn zwischen den Beinen. Er schlug mit dem Kopf auf der Tischplatte auf.

Blut und Speichel durchfeuchteten den kleinen Mann in Öl, tropften auf Hose und Ranzen und sammelten sich am unteren Bildrand.

Es vergingen einige Stunden, bis Gunther zu sich kam. Ein Cocktail aus Erbrochenem und Ölfarben brannte in seinem Hals. Barfuß, in Schlafanzug und Blazer, holte er das Letzte aus seinem betagten Wagen heraus.

Vor der Tagesklinik touchierte er den Treppenaufgang und sprang aus dem achtlos im Grünstreifen abgestellten Fahrzeug. Dass man ihn am Eingang entsprechend distanziert empfing und ihm nach einigen Wortgefechten ein Hausverbot erteilte, ignorierte er.

„Ich will doch nur das Schlimmste verhindern!“, schrie er.

Ein Arzt nahm sich seiner an, nachdem Gunther beinahe das gesamte Foyer zusammengebrüllt hatte.

„Wen suchen Sie?“
„Meine Frau, ihr Name ist Lucy, sie ist schwanger!“
„Geht es etwas präziser, Herr …?“
„Rote Haare, gelbe Turnschuhe und Kugelbauch“, unterbrach Gunther. Der Arzt wies auf den Park im Innenhof. „Ich erinnere mich. Sie hat eine Kürettage verweigert und sitzt am Tulpenbeet. Nur die Ruhe, Mann!“

Gunther umarmte den Doktor und eilte nach draußen.

„Lucy!“, rief er.
„Ein kleiner Mann lebt in mir!“, antwortete sie.

©anahtar.lg.enfantdel'amour.gl.

Letzte Aktualisierung: 26.01.2012 - 15.34 Uhr
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