Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Regine
von Reiner Pörschke

„Mama, Mama, wo bist du?“, wimmerte und schluchzte sie immer wieder. Das kleine Bündel schüttelte sich unter hilflosen Zuckungen. Wir schauten Regine an, das heißt das, was wir von ihr sehen konnten. Das war nicht viel, nur ihr roter Haarschopf, das Mädchen lag, eingewickelt in ihren alten Bademantel, auf einer verblichenen Couch und wandte uns den Rücken zu. Wir konnten eigene Tränen kaum zurückhalten. Manchmal hasse ich den Polizeiberuf. Meine Kollegin Britta und ich sollten den Mordfall „Doris Gärtner“ aufklären. Ich hätte ihn in diesem Moment sofort gegen jeden andern Fall eingetauscht.

Die Mutter des kleinen Mädchens war vor ein paar Tagen in ihrer Wohnung im siebten Stock eines Hochhauses getötet worden, der unbekannte Täter flüchtig. Er hatte mehrmals mit einem Messer zugestoßen.

Regine war Gott sei Dank bei ihrer Tante Mia untergekommen.
In deren Wohnung saßen wir nun und blickten uns dort weiter um: Schimmelflecke an den Wänden, armselige Möbel und die verheulte Tante, die mit verkrampften Händen auf der Plastikdecke des Wohnzimmertisches sinnlos herumfuhr.

„Haben Sie denn etwas bemerkt?“, nahm Britta die verhärmte Frau zur Seite und flüsterte auf sie ein: „Sie wohnen doch in der achten Etage direkt über Ihrer Nichte?“ „Nein, gar nichts“, schluckte sie und antwortete leise: „Wissen Sie, die Freier gingen doch bei ihr ein und aus. Was sollte denn Doris sonst machen? Sie hat nichts Richtiges lernen können, hier sind doch auch eh’ die meisten arbeitslos. Und ihr Mann ist schon lange über alle Berge.“

„Doris hat ihr Töchterchen immer zu mir hoch geschickt, wenn sie Besuch bekam. Ungefähr nach einer Stunde ging Regine zurück, übrigens auch beim letzten Mal. Da war die Wohnungstür unten aber zu und Regine kam wieder zu mir zurück. Ich bin dann mit dem Hausmeister in die Wohnung von Doris, na ja, den Rest kennen Sie. Gott sei Dank musste Regine ihre Mutter nicht in der eigenen Blutlache sehen.“

Britta nahm sich ein Herz und wandte sich an das Mädchen, das inzwischen ein bisschen ruhiger geworden war: „Du bist doch gar nicht mehr so klein, sicher gehst du schon in die Schule?“ Ein kleines Lächeln huschte beim Wort „Schule“ über Regines Gesicht, sie wandte sich kurz um und deutete auf ihren schäbigen Rucksack in der Zimmerecke: “In die dritte Klasse, bald werde ich versetzt.“ Britta wurde mutig und versuchte es weiter: „Ja und wie war das denn, als du an dem Tag runterkamst? Hast du da jemanden gesehen?“

Ich hörte irritiert zu. „Zeugenaussagen von Kindern sind generell unbrauchbar und führen auf Abwege bei der Ermittlung“, diese Worte meines Ausbilders kamen mir in den Sinn, „sie denken, beobachten und behalten ganz anders als wir Erwachsenen.“

Regine mühte sich, Brittas letzte Frage zu beantworten. Aber wieder war ihr Schmerz stärker, Tränen erstickten ihre Stimme. „Komm“, sagte ich und fasste Britta an den Arm, „das hat hier keinen Zweck, lass uns das Kind nicht länger quälen.“

Unsere weiteren Ermittlungen kamen einfach nicht voran: keine Fingerabdrücke oder verwertbare DNA- Spuren, keiner der übrigen Mieter hatte etwas gesehen. Ein Motiv war nicht erkennbar, höhere Geldbeträge oder Wertgegenstände waren in der Wohnung der Getöteten nun wirklich auch nicht zu vermuten.

Einen Monat später rief uns Tante Mia aufgeregt an. Sie erzählte von einer merkwürdigen Zeichnung, die Regine in den letzten Tagen angefertigt habe. Ob wir die sehen wollten? Klar, wir fuhren sofort wieder in den heruntergekommenen Vorort von Köln, erneut machten wir wegen der undefinierbaren Gerüche im Eingang des Hochhauses unsere Nase zu und ließen uns vom maroden Lift acht Stockwerke lang durcheinander rappeln.

Tante Mia stand schon oben an der Wohnungstüre und drängte uns in ihr Wohnzimmer. Regine sah uns gespannt entgegen. Sie saß am Tisch, wo ein großes Blatt Papier lag, eine Art Zeichnung war darauf zu sehen. Wie ein Wasserfall prasselten nun die Worte der Tante auf uns ein: „Regine hat so einen komischen Mann mit einem Schulranzen gezeichnet, hier!“ Sie zeigte auf das Bild. „Wissen Sie, die Schule ist ihr ganzer Stolz, sie hat kaum einen Tag versäumt, trotz dieser Katastrophe. Ziemlich ehrgeizig ist sie nämlich und zeichnen kann sie besonders gut. Den Mann in dem Bild kenne ich nicht, aber aus dem Tornister ragt ein Frauenarm. Und auffällig sind für mich diese rotlackierten Fingernägel. Die haben mich sofort an meine Nichte erinnert, die sich für ihre Kunden die Fingernägel immer so knallrot anlackiert hat.“

Mit leiser Stimme fuhr Regine fort: „ Ich hab oft geheult, ich kann diesen Tag nicht vergessen. Ich habe oft sogar davon geträumt und dann wieder und wieder rumgegrübelt, stundenlang. Heute bin ich mir aber sicher. Als ich damals nach unten ging, kam mir so ein Mann auf unserem Flur entgegen. Und der hat meine Mama mitgenommen.“

Die Tante setzte hinzu: „Regine hat immer wieder den Zeichenblock herausgeholt. Ich weiß nicht, das wievielte Bild das ist. Aber auch mir hat sie bei dieser Zeichnung gesagt, jetzt sei es richtig.“

Britta und ich sahen uns an, beide dachten wir in diesem Augenblick „Bingo“. Dieser Typ mit der Igelfrisur in dem Bild kam uns bekannt vor. So war der Rest unserer Ermittlungen eigentlich Routine. Als Vorbestrafter wegen Körperverletzung, begangen an einer Prostituierten, fand sich der Mann in unseren Polizeiunterlagen wieder, ein gewisser Heinz Klarowski. Wir zeigten der Kleinen unser Erkennungsfoto mit einigen anderen Bildern von ähnlich aussehenden Männern, Regine tippte sofort auf das Konterfei von Heinz. 14 Tage später hatten wir ihn gefasst und nach einem längeren Verhör gestand er schließlich, Doris Gärtner getötet zu haben.




Reiner Pörschke

22.1.2012

Letzte Aktualisierung: 22.01.2012 - 21.44 Uhr
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