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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Brennende Scham
von Elmar Aweiawa

Seit Jahren hatte ich Inge nicht mehr gesehen, und jetzt saßen wir uns in ihrem Wohnwagen gegenüber. Zufällig waren wir uns über den Weg gelaufen, und als sie mich zu sich einlud, ging ich gerne mit. Bei einem Glas Wein unterhielten wir uns angeregt über unsere derzeitige Lebenssituation.

„Weißt du noch“, begann sie endlich das Gespräch, dem wir bisher aus dem Weg gegangen waren, „wie wir im zarten Alter von zwölf Jahren damals in Steinberg auf einer Wiese lagen, und du zum ersten Mal meine Hand geküsst hast?“
„Oh ja, ich war total verliebt in dich.“
„Du hast damals meine Hände abgeknutscht, doch niemals versucht, meinen Mund zu küssen. Ich habe nie verstanden, warum du dich darauf beschränkt und nicht ein einziges Mal versucht hast, mich richtig zu küssen?“
„Ich war so verdammt schüchtern. Hatte keine Ahnung, wie das geht.“
„Und, hast du denn heute mehr Erfahrung?“

Das Grinsen auf ihrem sommersprossigen Gesicht verriet mir, dass diese Frage eine verklausulierte Aufforderung war. Doch als ich ihr beweisen wollte, dass ich inzwischen einiges dazugelernt hatte und sie in den Arm nahm, stieß ich an den Tisch und beide Gläser kippten um, sodass der Wein auf den Boden tropfte.
Es war mir peinlich, und Inge begann zu kichern.
„Mir scheint, das müssen wir trotz deiner sicher immensen Fortschritte auf diesem Gebiet noch ein wenig üben.“

Nach endlosen Minuten beendeten wir den Kuss und schauten uns etwas atemlos an.
„Wieso haben wir uns das bis heute aufgehoben?“, fragte sie. „Das hätten wir schon damals tun sollen.“
„Leider hatte ich keine Gelegenheit mehr herauszufinden, wie toll es ist, dich zu küssen. Ich bin ja leider ins Internat gegangen.“
„Du bist mir aber in der Schule aus dem Weg gegangen, noch bevor du ins Internat gekommen bist. Oder?“
„Stimmt. Und ich war zu feige, um mit dir darüber zu reden.“
„Dann erzähl’ es mir jetzt. Hilf mir, es zu verstehen. Erst warst du so verliebt in mich! Und dann, von heute auf morgen, war ich nur noch Luft für dich. Das hat mich ganz schön verletzt.“

„Klar, das war ja auch nicht gerade die feine Art. Aber du hast das Recht, den Grund zu erfahren. Ich habe nur eine klitzekleine Bitte. Lass uns noch einmal küssen wie eben. Dann wird es mir leichter fallen.“
„Prima, der Vorschlag könnte von mir stammen. Wir haben ja einiges nachzuholen.“
Süß waren ihre Küsse, heißer noch, als ich sie all die Jahre erträumt hatte.

„Willst du mir jetzt erzählen, was damals passiert ist?“, griff sie unser Gespräch wieder auf.
„Weißt du noch“, ging ich darauf ein, „wie ich dir zum ersten Mal erzählt habe, dass ich bis über beide Ohren in dich verliebt war?“
„Ja, das war eine wundervolle Liebeserklärung.“
„Ich war so verflucht nervös. Und aufgeregt! Ich habe stundenlang vor dem Spiegel geübt. Sonst wäre mein Gestammel garantiert nicht zu verstehen gewesen.“
„Aber ich wusste es ja längst. Sonst hättest du nicht immer meine Hände abgeknutscht, wenn wir allein waren.“ Inges Grinsen war allerliebst.

„Sicher erinnerst du dich auch noch an den Albtraum auf dem Schulhof?“, näherte ich mich schließlich dem Kern meiner Geschichte. „Weißt du, ich habe wieder und wieder davon geträumt ...“


Inge wartet auf mich. In unsrer Ecke des Schulhofs. Dort im hintersten Winkel ist wenig los und wir können uns ungesehen an den Händen halten.
Doch Inge ist nicht allein. Der dicke Hermann Wetzel ist bei ihr.
„Na, ist deine Fotze schon nass? Es riecht hier so nach Möse.“ Er steht ganz dicht bei ihr. Mein Kommen stört ihn nicht im Geringsten.
„Lass mich!“, wehrt sich Inge und drückt ihn von sich weg. Ein aussichtsloses Unterfangen angesichts des Gewichtsunterschieds.
„Stell dich nicht so an, du stehst doch drauf“, dringt er weiter auf sie ein.
Und ich stehe daneben. Wütend, ohnmächtig, Angsthase pur. Hermann ist der skrupelloseste Schläger der Schule. Ein Jahr älter als ich.
„Und jetzt fick ich dich, du geile Schlampe!“ Mit eindeutigen Kopulationsbewegungen drängt er Inge an die Wand. Ängstliche Augen schauen zu mir herüber. Erwarten Hilfe. Meine Lähmung nimmt zu, ich kann mich nicht mehr bewegen.
„Das gefällt dir, was? Komm morgen zu mir nach Hause, dann zeig ich dir, wie das richtig geht.“
Meine Beine geben nach und ich beginne zu fallen ...



„Weißt du, dass der Hermann vor etwa drei Jahren gestorben ist? An Hodenkrebs“, unterbrach Inge meine Erinnerungen.
„Nein, doch das ändert nichts daran, dass er ein Arschloch war.“
„Sag ich doch! Er hat später wegen sexueller Belästigung ein paar Monate im Knast gesessen.“
„Das wundert mich nicht. So hat er seine Strafe doch noch erhalten. Aber der ist nicht wichtig. Mir geht es nicht um den Saftsack Hermann, sondern um uns, um mich vor allem. Meine Rolle damals war doch auch beschissen.“
„Du warst doch viel schmächtiger als er. Kleinholz hätte er aus dir gemacht, der gemeine Schläger.“
„Das ist sicher wahr – und trotzdem keine Entschuldigung.“
„Erzähl! Was ist damals mit dir passiert?“

„Diese Szene hat mich fertig gemacht. Du hast mich so verzweifelt angesehen, ich sehe noch heute deine ängstlichen Augen. Jede Nacht, wochenlang, bin ich nachts aus dem Schlaf aufgeschreckt und hatte dieses Bild vor mir. Das geile Arschloch, das sich an dich drängte, und ich ... direkt daneben. So unendlich feige! Ich hasste mich dafür.“
„Oh, und das hast du nicht vergessen? Bis heute nicht? Meist verdrängt man doch diese unangenehmen Dinge.“
„Niemals! Die Feigheit, die ich damals an den Tag legte, verfolgt mich bis heute. Sie passt so gar nicht zu meinem Selbstbild. Ich muss damit fertig werden, dass ich einfach Angst vor Hermann hatte, ganz ordinäre, klägliche Scheißangst. Er war als brutaler Kerl verschrien, und obwohl ich ihn am liebsten erwürgt hätte … schlich ich mich mit vollen Hosen still davon.“
„Was hättest du auch tun können? Mir jedenfalls war klar, dass du keine Chance hattest.“

„Da war aber noch was anderes, und das macht mir noch mehr zu schaffen. Ich glaube, ich hatte mehr Angst davor, als uncool zu gelten, als Spielverderber und Spießer, als dass ich mich vor seinen Schlägen gefürchtet habe. Das macht alles noch viel schlimmer. Denn das heißt ja, dass ich dich aus Angst vor Bloßstellung geopfert habe. Etwas, was mir heute überhaupt nichts mehr bedeutet.“
„Darüber habe ich damals gar nicht nachgedacht. Weißt du, ich hab nur gebetet: Hoffentlich hält Elmar still, sonst haut ihn der Hermann zu Klump.“
„Oh verflixt, dann hast du in dieser Situation an mich gedacht, und ich ... Jetzt schäme ich mich noch mehr.“
„Ach komm, Elmar, wir waren damals Kinder.“

Ich war aufgewühlt bis ins Innerste und nahm Inge fest in meine Arme. Ihre Nähe gab mir den Mut weiterzusprechen.
„Auf jeden Fall war dieses Erlebnis und die brennende Scham über mein Verhalten die Ursache dafür, dass ich es nicht fertig gebracht habe, dich wieder zu sehen. Wie sollte ich dir in die Augen schauen? Oder dir gar etwas von Liebe faseln? Das ist der wahre Grund dafür, dass unsere junge Beziehung so plötzlich zu Ende ging. Ich konnte es nicht! Nicht nach dieser feigen Flucht. Ich wäre in den Erdboden versunken.“
„Mensch Elmar, so schlimm war das doch gar nicht, es ist doch letztlich nichts passiert.“
„Doch, mit mir ist da viel passiert. Ich habe gelernt, dass ich nicht der war, für den ich mich hielt. Das war eine verteufelt bittere Lektion. Jedes Mal, wenn ich in späteren Jahren an dich gedacht habe, ist mir diese Szene in den Kopf gekommen. Und ich habe verdammt oft an dich gedacht!“

„Ach, hättest du doch nur mit mir geredet. Ich hätte dich verstanden, ganz sicher.“
„Darauf wollte ich es nicht ankommen lassen. Wenn ich deine Verzeihung erlangt hätte, was hätte es geholfen? Tief in mir drin war etwas kaputt gegangen. Und die Liebe zu dir ist mit zu Bruch gegangen. Da waren nur noch Schuldgefühle und Selbstvorwürfe. Wenn ich in späteren Jahren davonlaufen wollte, brauchte ich mich nur an dich und meine Feigheit zu erinnern. Ich wollte mich nie wieder über mich schämen müssen.“

Inge nahm meinen Kopf in beide Hände, legte ihre Nase an meine, sodass unsere Augen nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren, und flüsterte:
„Doch jetzt hast du es mir erzählt und kannst es beiseitelegen, ja?“
„Deine Methoden, mich zu ermutigen, machen süchtig“, ging ich auf ihre körperliche Nähe ein, froh, das Notwendige endlich gesagt zu haben. „Ich könnte davon noch eine Prise davon vertragen.“
„Eine Prise? Gibt es bei mir nicht. Nur ganze Schöpflöffel!“
„Na dann los, mein sommersprossiges Prinzesschen“, gab ich mich pathetisch, „küssen wir!“

Es war nicht der letzte Abend, den wir zusammen verbrachten, und Inge schaffte es schließlich, mich von dieser brennenden Scham zu erlösen. Nicht dadurch, dass sie die Vergangenheit ungeschehen machte, was ja unmöglich ist, sondern weil sie mir beibrachte, dem jungen Kerl von damals zu verzeihen. So wie sie mir längst verziehen hatte. Und um dieser Aufgabe vollkommen gerecht zu werden, ist sie nach einigen Wochen bei mir eingezogen.

© by aweiawa Version 3

Letzte Aktualisierung: 08.01.2012 - 18.33 Uhr
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