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Inspiration durch ein Bild | Januar 2012
Der Junge, der Übles nahm
von Oliver Wöbbeking

Seinen Namen habe ich nie erfahren. Ich nenne ihn daher nur den Jungen, wenn ich von ihm erzähle. Und das geschieht nicht oft. Denn die Ereignisse von damals lassen mich einfach nicht los, selbst heute noch, wo sich die Jahre wie eine graue Patina über sie hätten legen müssen. Aber so ist es nicht. Ich brauche nur an den Jungen zu denken, und schon ist alles wieder lebendig, als würde ich es gerade in diesem Moment erleben. Manche Dinge verfolgen einen ewig. Bis in den Tod – und vielleicht darüber hinaus.

Ich bin ihm am 25. November 1982 begegnet. Niemals werde ich dieses Datum vergessen. Damals ging ich in die 6. Klasse der Friedrich-Ebert-Hauptschule, und an jenem Tag hatten mich Greg und seine Bande besonders übel in die Mangel genommen. Sie haben mir nach der Schule auf dem Nachhauseweg aufgelauert und hatten mich ins Gebüsch gezerrt, wo sie mich mit Faustschlägen und Fußtritten traktierten, bis ich Blut spuckte. Diese Art der Behandlung war Gregs kleines Hobby, dem er mit Hingabe nachging, und ich war sein Lieblings-Punchingball. Und weil Greg bisher klug genug gewesen war, nur dorthin zu schlagen, wo man es nicht sofort sah, hatten die Erwachsenen nie etwas bemerkt.

Aber ich hätte ohnehin niemandem davon erzählt, weder den Lehrern noch meinen Eltern. Dafür hatte Greg gesorgt. Denn das hätte eine Woche lang seine All-Inclusive-Spezialbehandlung bedeutet – mitsamt Felgenreinigung und Unterbodenwäsche -, und davor hatte ich eine Heidenangst. Also hielt ich still.

Doch an diesem Tag war etwas in mir zerbrochen. Entweder weil Greg es übertrieben hatte (ich konnte mich nicht erinnern, jemals solche Prügel von ihm bezogen zu haben), oder weil alles irgendwann einmal zu viel wird. Jedenfalls schleppte ich mich nach Hause, zerschunden und mit einer dicken Nase, schloss mich in mein Zimmer ein und weinte mir die Augen aus.

Ich war am Ende. Noch einmal hätte ich Gregs Service, wie er es sarkastisch nannte, nicht ausgehalten. Es musste aufhören! Nie wieder durfte er Hand an mich legen. Oder an jemand anders. Gleichzeitig wusste ich aber, dass ich mich nicht gegen ihn hätte wehren können. Das war ja gerade Gregs Trick, sich nur an den Schwächeren zu vergreifen.

„Ich kann dir helfen, wenn du willst!“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter mir.

Ich fuhr herum. Vor mir stand ein Junge etwa in meinem Alter und sah mich grinsend an. Erschrocken wich ich zurück, als hätte ich ein Gespenst gesehen. Und vielleicht hatte ich das ja. Ich fragte mich, wie er hereingekommen war. Doch augenblicklich meldete sich ein anderer Teil von mir, der das gar nicht wissen wollte. Manche Geheimnisse bleiben besser im Verborgenen.

Wir waren von ähnlicher Statur. Aber das war praktisch die einzige Gemeinsamkeit, die wir besaßen. Er trug ein gestreiftes T-Shirt und Blue-Jeans, unter der Cowboystiefel aus Wildleder hervorlugten. Sein Kopf war fast kahl, nur ein paar Stoppeln stachen daraus hervor wie bei einer alten Bürste. Auf dem Rücken trug er einen alten Schulranzen aus armeegrünem Popeline. Damals wunderte ich mich nicht über die dunkelroten Flecken, mit denen er übersät war. Die Augen des Jungen waren hinter einer Sonnenbrille aus Spiegelglas verborgen. Ich fragte mich, wie er damit überhaupt etwas sehen konnte. Draußen dämmerte es bereits. Gleichzeitig machte mich der Anblick dieser Brille nervös. Etwas stimmte nicht mit ihr. Ich konnte nur nicht sagen was.

Der Junge grinste mich an, als wisse er, was mir noch verborgen war. „Ich kann dir helfen, wenn du willst“, wiederholte er. „Bei deinem kleinen Problem. Deinem Problem mit Greg.“

„Mir helfen?“ Ich lachte nervös. „Wie willst du das machen?“

„Ich könnte dafür sorgen, dass er dich nie wieder anrührt“, gab der Junge zurück, als sei es das Einfachste von der Welt. „Ich könnte dich von diesem Übel befreien. Soll ich?“

Verwirrt starrte ich ihn an. Ich dachte an Greg und wie er mich an diesem Tag malträtiert hatte; ich dachte an die Prügel, die mir noch bevorstanden, und wie schön es wäre, wenn mir all dies erspart bliebe. Das Angebot des Jungen war verlockend, so unsäglich verlockend. Und schließlich, obwohl ich schon damals geahnt hatte, dass es ein Fehler war, sagte ich ja.

Das Grinsen des Jungen wurde breiter, und seine Zähne kamen zum Vorschein. Sie strahlten beinahe unnatürlich weiß. Es war, als fletschte ein Raubtier seine Zähne.

„Dann schließ deine Augen“, sagte er.

Danach hatte ich für einige Zeit einen Filmriss. Vom Gefühl her waren nur Sekunden vergangen. Aber draußen war es bereits dunkel, als mich seine Stimme wieder zurückholte.

„Ich habe getan, worum du mich gebeten hast“, sagte er.

Ich schreckte hoch. Wir standen uns gegenüber, als hätten wir uns nicht bewegt.

„Was getan?“, fragte ich benommen.

Da fiel mir sein Ranzen auf. Ich erinnerte mich genau, dass er eben noch leer gewesen war. Doch jetzt befand sich etwas darin, was mich erschauern ließ.

Aus dem Tornister lugte eine Hand hervor. Aber es war keine normale Hand. Es war eine Klaue, mit großen Fingern und roten, spitzen Krallen, Krallen, die es gewohnt waren, zu quälen. Viel schlimmer noch war das Blut, das aus dem Boden des Ranzens sickerte wie aus einem nassen Lappen. Unmengen von Blut. Ich wusste, wessen Hand das war.

„Ja, so sieht das Übel aus, wenn man es vom Körper trennt“, sagte der Junge gelassen. „Dann nimmt es seine wahre Gestalt an. Es wird dich nicht mehr quälen. Greg wird dich von jetzt an in Ruhe lassen.“

„Was hast du getan?“, schrie ich den Jungen an. „Großer Gott, was hast du getan?“

Der Junge grinste nur, legte den Kopf schief und sagte: „Nur das, was du dir gewünscht hast.“

Als hätten diese Worte eine Schleuse geöffnet, begann sich alles um mich herum zu drehen. Die Konturen meines Zimmers verschwammen, stürzten zusammen, wurden gegenstandslos. Bett, Schreibtisch, Kleiderschrank lösten sich auf, verschmolzen mit den Wänden zu einem lilafarbenen Nebel. Nur der Junge stand inmitten des Chaos wie eine Säule und grinste sein teuflisches Grinsen. Und das letzte, was ich sah, bevor ich ohnmächtig wurde, war das Spiegelbild seiner Brille.

Am nächsten Tag wurde ich krank und musste für längere Zeit das Bett hüten. Da die Ärzte keine körperliche Ursache feststellen konnten, sagten sie, ich somatisiere. Ich weiß nicht, ob sie damit recht hatten. Jedenfalls ging es mir verdammt mies in diesen Tagen. Alpträume plagten mich. Immer wieder dachte ich an den Jungen und den Tornister mit der grauenhaften Klaue. Ich wusste, etwas Schreckliches war passiert, etwas, dafür das ich die Verantwortung trug, und nun würde diese Schuld mein ganzes Leben auf meinen Schultern lasten.

Daher war ich nicht überrascht, als einige Tage später meine Mutter kreidebleich in mein Zimmer kam, sich wortlos zu mir auf die Bettkante setze und meine Hand nahm, so wie sie es getan hatte, als Opa gestorben war. Ich konnte sehen, dass sie geweint hatte.

„Greg aus deiner Schule hatte einen Unfall“, begann sie und kämpfte gegen die Tränen.

Ich wartete geduldig, bis sie sich wieder gefasst hatte. Ich hatte keine Eile. Ich wusste, was sie mir sagen würde.

Offenbar hatte Greg sich an jenem Abend, an dem mich der grinsende Junge besucht hatte, in die Schreinerwerkstatt seines Vaters geschlichen, um darin zu spielen. Dabei musste er versehentlich eine der Kreissägen angestellt haben und war mit seiner Hand hineingeraten. Es heißt, sie sei sauber abgetrennt worden. Greg hatte Glück gehabt, dass er nicht verblutet war. Seine Eltern hatten ihn rechtzeitig gefunden. Leider war die Chirurgie damals noch nicht so weit wie heute, und so hatte man ihm seine Hand nicht wieder annähen können. Greg musste für den Rest seines Lebens mit seiner Linken auskommen.

Dies war die offizielle Geschichte, und ich hörte sie mir in Ruhe an. Doch ich wusste, was tatsächlich geschehen war. Ich wusste, dass er Gregs Hand abgetrennt hatte, er, der Junge, der Übles nahm. Ich hatte die Hand gesehen. Und mehr noch. Der Junge hatte mir einen Blick hinter die Kulissen gewährt. Er ließ mich sehen, was sich hinter dem, was wir Wirklichkeit nennen, verbarg. Eine Art von schrecklicher Wahrheit. Und es hatte mir nicht gefallen. Ich hatte nicht nur Gregs Hand gesehen. Ich hatte gesehen, was sie wirklich war. Aber das behielt ich für mich. Genauso wie die Blutflecken auf dem Teppich, auf denen seitdem mein Schreibtisch stand.

Nachdem meine Mutter fertig war, umarmte sie mich.

„Das ist so schrecklich“, sagte sie. „Ihr hab doch manchmal miteinander gespielt, oder?“

Ich nickte. Ja, so konnte man es auch nennen.

Viel mehr gibt es nicht zu erzählen. Ich könnte noch erwähnen, dass Greg mich seitdem tatsächlich in Ruhe ließ. Mehr noch: wann immer er mich sah, sei es in der Pause oder zufällig auf dem Flur, drehte er sich um und rannte panisch weg, fast so als sei ich sein schlimmster Alptraum, als sei ich sein Übel geworden.

Über mich muss ich sagen, dass die Begegnung mit dem Jungen das Entsetzlichste war, was mir jemals widerfahren war, obwohl er dieses eine Übel von mir nahm. Aber heute frage ich mich, ob er es wirklich genommen oder nicht gegen ein anderes ausgetauscht hatte. Denn ich weiß nicht, was schlimmer war: Gregs Prügel oder die Alpträume, die mich seitdem verfolgen. Immer wieder muss ich an das Gesicht des Jungen denken und an seine Sonnenbrille aus Spiegelglas. Bis heute versetzen mich solche Brillen in Panik. Ich kann nicht in sie hineinblicken. Ich habe Angst vor dem, was ich darin sehe.

Denn heute weiß ich, was mich die ganze Zeit an seiner Brille geängstigt hatte: Zum einen war es keine Brille gewesen. Es gab kein Gestell, keine Bügel, keine Fassung. Das, was ich für eine Brille gehalten hatte, waren seine Augen gewesen.

Aber das war nicht das einzige. In den Spiegelungen hatte ich bei unserer Begegnung mein Zimmer gesehen, das Fenster, die gestreifte Tapete, den Schreibtisch, vor dem ich gestanden hatte. Nur etwas hatte ich nicht darin gesehen, etwas, dass hätte da sein müssen.

Ich hatte mich nicht gesehen.

©2012 Oliver Wöbbeking

Letzte Aktualisierung: 27.01.2012 - 15.02 Uhr
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