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Schlechte Angewohnheiten | Februar 2012
Undenkbare Verschwendung
von Robert Pfeffer

„Wozu ist sie denn sonst da? Ok, zum Sprechen, seh ich ein. Trotzdem sie hat auch noch einen anderen Zweck, das lässt sich nicht abstreiten!“
„Gewiss, man kann sie so verwenden. Sie können sie aber nicht überall rausstrecken, wo es Ihnen passt. Es Konventionen, das sollte Ihrer Lebenserfahrung nicht verborgen geblieben sein.“
„Haben Sie vor, mich an meinen Vierzigsten nächstes Jahr zu erinnern?“, fuhr ich ihm in die Parade.
„Grundsätzlich nicht, doch wenn Sie drüber reden wollen ...“
Ich streckte ihm die Zunge raus. Er schien das erwartet zu haben wie beim Blick auf eine Kuckucksuhr, bei der auf den Punkt das Vögelchen ins Freie rauscht.
„Wieso bekommen Sie eigentlich Geld von mir? Oder von der Krankenkasse? Sie sollen mich heilen, nicht frustrieren!“
„Manchmal geht das eine nicht ohne das andere.“

Seit anderthalb Jahren war ich bei einem Seelenklempner in Behandlung. Die achtunddreißig davor teilten sich auf in neun vergleichsweise unbeschwerte und neunundzwanzig auf der Suche nach Gründen. An der Brust meiner Mutter schien noch alles nach Plan zu laufen und ich zeigte die gewünschte Verhaltensweise. Vater erzählte mir aber von ersten Irritationen bereits in meinem zweiten Lebensjahr, als ich während eines Italienurlaubes einen Klecks Sonnenmilch von seiner behaarten Vorderseite zu lecken begann. Glaubte man damals an kindliche Unterscheidungsschwäche oder war sich nicht sicher, ob meine Augen schlecht sein könnten, änderte sich das in der Folgezeit.

Mir gefielen die Geschichten meiner Großeltern, die sie aus der Zeit des Krieges erzählten. Ihr Leid sah ich dabei gar nicht. Es war für mich abstrakt, wie das für eine Fünfjährige typisch sein dürfte, die ohne vergleichbare Entbehrungen die Regelmäßigkeit von Mahlzeiten eher als Spielunterbrechung empfand. Großmutter brachte am Esstisch immer wieder die Sprache auf die Krümel, die neben den Brotkorb fielen, beim Schneiden entstanden oder einfach nur an der Seite die Klappe verfehlten, wenn man abbiss. Sie zu verschwenden sei in Notzeiten undenkbar gewesen, betonte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich bin sicher, dass sie bis zu ihrem letzten Abendbrot die Körnchen abseits des Tellers mit dem Zeigefinger auflas, um ihn danach verschämt und doch voller Überzeugung in den Mund zu stecken. Omas Einstellung wollte ich fortan perfektionieren. Zwischen fünf und acht lernte ich, dass eben jener kindliche Zeigefinger als Sammelfläche für Speisereste eine überschaubare Kapazität besitzt. Je nach Beschaffenheit dessen, was zusammengesucht werden musste, schied der Finger auch völlig aus. Tropfen von Suppe oder Limonade etwa, sah ich mehr als ein Mal für immer verloren im Lappen meiner Mutter verschwinden. Zum Glück hatte ich mich soweit im Griff, darüber nicht in Tränen auszubrechen, aber schwer fiel es mir doch.

Mit sieben entdeckte ich Teile meines Körpers auf neue Weise. Die hochgezogenen Augenbrauen der Großmama waren so präsent, dass es bei Mahlzeiten nur zwei Möglichkeiten gab. Entweder blieb alles übrig und ich rührte es nicht an, was sehr selten vorkam, eigentlich nur bei Rosenkohl oder bei Leber mit Apfelscheiben und Zwiebelringen. Oder es blieb nichts übrig. Und wenn ich 'nichts' sage, meine ich NICHTS. Nichts auf oder neben dem Teller, nichts am Besteck, im Glas oder dem Dessertschälchen.

Es war ein Donnerstag im März, ich war gerade acht geworden, als sich mein Leben in eine kritische Richtung entwickelte und gleichzeitig eines seiner komischsten Momente hatte. Spaghetti Bolognese neigen bei zu hoher Drehgeschwindigkeit der Gabel zu großräumiger Verbreitung und ich empfand großen Spaß daran, der erst endete, als mein Vater mir das Werkzeug entriss.
„Jetzt schau dir diese Sauerei an, Evi!“, rief er und betrachtete gleichermaßen den Tisch wie sein Hemd, während meine Mutter in die Küche stürmte.
Ich konnte beim besten Willen keine Sauerei erkennen, nur viel Sauce abseits des Tellers. Schon seit sie gestorben war, lächelte mich Großmutter in Gedanken an. In jener Situation damals tat sie es besonders fröhlich und doch war da dieser Anflug der hochgezogenen Stirn. Als sähe ich auch noch den Zeigefinger gehoben, schob sich wie von selbst meine Zunge aus dem Mund. Sie kümmerte sich um die Bolognese. Es war wie ein Reflex. Wie man zu Pfeifen beginnt, wandert man an einem lauen Frühlingstag durch eine blühende Wiese oder man zum Klo rennt, wenn einem schlecht wird. Meine Mutter kam aus der Küche mit einem Lappen um die Ecke, als meiner schon ganze Arbeit geleistet hatte.
„Hans-Dieter, wie konntest du das Kind den Tisch ablecken lassen?“
Mein Vater sah erschreckt vom Hemd zur Gattin und danach zu mir. Aus Sorge um seine Bekleidung hatte er meinen Auftritt verpasst.
Stellvertretend für Oma hob ich den Finger und sagte: „In Zeiten der Not ist Verschwendung nicht denkbar!“

Die folgenden zwölf Monate waren ein Trainingslager. Wir verbesserten uns miteinander, meine Eltern und ich. Sie darin, mir beizeiten das Besteck und das Geschirr zu entreißen, ich dabei, möglichst vorher mit all dem unter dem Tisch zu verschwinden. Ein Belauern wie das zweier Westernhelden. Millimeter für Millimeter schob ich meine Hände um den Tellerrand, klemmte zugleich Messer und Gabel ein. Wenn ich gerade etwas in den Mund gesteckt hatte, erwarteten sie meine Attacke wohl am wenigsten. Das Becken nach vorne schiebend verschwand ich mit einer halben Drehung hinab in die Tiefe, wie die letzten Reste eines Strudels in den Ausguss. Einem Welpen gleich nutzte ich meine kleine Statur, um sofort unter der Sitzbank abzutauchen und in Ruhe alles ablecken zu können. In der Endphase unserer Trainingszeit hatte mein Vater einen Besen im Wohnzimmer platziert, aber seine Furcht, mich zu verletzen, war größer als sein Bestreben, mich aus dieser Position zu stochern.

Der Wendepunkt war meine Kommunion. Es hagelte zahlreiche Vorträge, Salven von Strafandrohung, unter anderem der Entzug aller Geldgeschenke, die mir zuteilwerden sollten, und wir übten die korrekte Einnahme eines Mittagessens. Ich war mit dem Oberkörper am Stuhl festgebunden, um mich nicht nach vorne beugen und die Zunge ausfahren zu können. Die Arme blieben frei. Mein Vater servierte, meine Mutter saß direkt neben mir und hielt mit einer Hand den Teller fest, sobald er mehr als zur Hälfte geleert war. Der große Tag aber endete so, wie ich es mir vorstellte. Da konnten sie mich schließlich nicht festbinden. Die Verwandtschaft schwieg verlegen, verließ irritiert den Festsaal, während man mich in einen Nebenraum gesperrt hatte, zur Beruhigung mit zwei Dutzend Dessertschälchen und den Resten von Mousse au chocolat.

„Jetzt habe ich einen Mann kennengelernt und er hat mich zum Essen eingeladen“, sagte ich vor einer Woche zu meinem Psychologen. „Sie müssen schaffen, was meinen Eltern in knapp vierzig Jahren nicht gelungen ist!“
„Dass Sie im Restaurant nicht wie ein Hund unterm Tisch die Knochen abnagen und alle Krümel auflecken?“
„Es wäre beruhigender für mich, wenn Sie mich ernst nähmen!“
„Nun, dann ... nicht ich muss das schaffen! Sie müssen es! Wir können höchstens gemeinsam darüber nachdenken, was Ihnen dabei hilft.“

Wir dachten nach. Leider ohne verwendbares Ergebnis. Eine Woche später saß ich mit Uwe im Ristorante La Spezia und zitterte mich vom Aperitif zum Nachtisch.
„Du wirkst so unentspannt, Evi. Hast du was? Fang ruhig an zu essen.“
„Wenn ich einmal anfange, höre ich erst wieder auf, wenn alles weg ist.“
„Aufessen ist keine Schande.“
„Nein, das meine ich nicht. Ich lecke die Teller anschließend ab, stecke die Zunge in die Gläser und so weiter.“
Uwe senkte die Hände auf den Tisch, legte Messer und Gabel ab.
„Echt? Mach ich zu Hause ja auch gelegentlich.“
„Ich eben überall. Ich weiß, dass es sich nicht gehört, doch ich kann nicht anders. Es ist wie ein Zwang, verstehst du, wie ein Reflex. Als wenn meine Oma hinter mir stünde, mich drängte, nur ja keinen Klecks übrig zu lassen. Eine undenkbare Verschwendung wäre das.“
„Krass! Aber gut, ich hab eine Idee. Fang einfach an zu essen. Wirst schon sehen.“
Die Penne arrabiata schmeckten köstlich, dennoch vermochte ich sie kaum zu genießen. Zwischendurch zitierte Uwe den Kellner an den Tisch, flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Mann mit der Schürze zog die Augenbrauen hoch.
„No, Signore, dasse gehte nichte!“
„Doch, es muss sein. Bitte! Ich zahle notfalls dafür!“
Kopfschüttelnd verschwand der Ober hinter der Theke, rief die Kollegen zusammen. Sechs schüttelnde Köpfe verteilten sich wieder im Lokal.
In kurzer Folge stellte das weißbeschürzte Hauspersonal daraufhin gebrauchte Teller mit Besteck vor mir ab, schaute möglichst bedeutungsvoll und sagte: „Hier, iste fur Sie. Verschwendung nichte denkbare.“
Sogleich folgte Nummer zwei, rollte mit einem Wagen dreckigen Geschirrs vor, um mit gewohntem Akzent anzumerken, dass wir uns in Zeiten der Not befänden. Es dauerte nicht lang, da waren sämtliche Flächen auf und um unseren Tisch mit Abwasch vollgestellt, den man eigentlich in der Küche erwartete.

Eine halbe Stunde später ging ich mit Uwe eingehakt die Flusspromenade entlang in die Nacht. Er hatte mich ernst genommen und mir doch ganz anders einen Spiegel vorgehalten, als die versammelte Schar Erziehungswilliger bisher. Irgendwie war trotzdem ein Dessertschälchen in meine Jackentasche geraten. Ich zog es heraus und begann, es genüsslich zu säubern.
„Das ist jetzt nicht wahr, oder? Brauchst du sicherheitshalber was für den Heimweg?“, fragte er.
„Und ich hab nicht nur an mich gedacht.“
Zögerlich griff er die Schale. Hinter der nächsten Straßenecke erst blieb er stehen, sah sich noch einmal um wie einer, der ungestört in der Nase bohren will, und ertastete in Zeitlupe mit der Zunge eine ungekannte Freiheit.

Letzte Aktualisierung: 24.02.2012 - 14.40 Uhr
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