Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Schlechte Angewohnheiten | Februar 2012
Wer Ordnung hält …
von Ingo Pietsch

Es klingelte an der Tür.
Ich warf meinen Kopf herum und erschrak, dass ich fast meinem Gymnastik-Ball herunterfiel.
Die Uhrzeiger standen schon auf 13.45 Uhr.
Ich schob meine Brille hoch und rieb mir die Augen. Ich hatte die Zeit beim Arbeiten völlig vergessen. Nach ausgedehntem Strecken und letzten Hüpfen auf meinem Ball, sprang ich vom Computer auf.
Es läutete erneut, diesmal energischer. Markus war von der Schule zurück und musste mit Sicherheit ganz dringend auf die Toilette.
Ich hastete zur Wohnungstür und stolperte dabei über einen von Markus Turnschuhen. Im letzten Moment konnte ich mich noch an der Garderobe abfangen. Oh, Mann, musste Markus denn alles überall liegenlassen? Er war doch nicht faul und von mir oder seinem Vater hatte er das bestimmt nicht abgeschaut.
Jetzt klingelte es ein drittes Mal und ich betätigte den Türdrücker. Schon beim Öffnen der Tür, hörte ich Markus die Treppe nach oben eilen.
Ruckzuck war er im vierten Stock angelangt und stürmte an mir vorbei, Richtung Badezimmer. Er warf seinen Rucksack auf den Boden und die Jacke gleich hinterher.
Ich atmete tief durch. Er hatte mich nicht einmal begrüßt. Wütend schoss ich den Schuh in den hinteren Teil des Flurs. Dann hob ich den Rucksack auf, brachte ihn ins Wohnzimmer zum Esstisch und öffnete ihn. In seiner Mathearbeit hatte Markus eine 2+ bekommen. Er würde auf jeden Fall eine gymnasiale Empfehlung erhalten. Allerdings stand im Hausaufgabenheft, dass seine Klassenlehrerin mich schon wieder sprechen wollte.
Früher war mein Sohn aufgeschlossen und lebenslustig gewesen. Er hatte sich ins Gegenteil gewandelt, als Jens sich von mir getrennt und uns verlassen hatte.
Immer, wenn ich einen Gedanken an die gescheiterte Beziehung verschwendete, hörte ich auch wieder meine Mutter, die mir einredete, dass ich dafür selbst verantwortlich gewesen war, weil ich Jens nicht stärker bedrängt hatte, mich zu heiraten, als ich mit sechzehn schwanger geworden war. Vielleicht wären wir dann noch zusammen. Vielleicht. Ich schüttelte den Kopf über meine eigenen naiven Gedanken.
Jens hatte mich, uns, verlassen, nicht wir ihn. Seine peinliche Ausrede, er wolle seinen Spaß und nicht mit einer „Hausfrau mit Kind“ zusammen sein, hatte mein Herz zerrissen. Dabei war er der Spießer in der Beziehung gewesen. Ständig kritisierte er meine Hausarbeit und stieß mir vor den Kopf, ich könne nicht mit Kindern umgehen. Konnte ich wirklich nicht. Markus war mein erstes Kind und ich war auch nicht wirklich erwachsen gewesen. Die einzige Hilfe, die ich bekam, war die von meiner Mutter. Ich fühlte mich schlampig, wenn er meine angebliche Unordnung anprangte. Er sortierte alles penibel genau und rückte ständig jedes Bild zurecht.
Außerdem trug er immer denselben schmalzigen Seitenscheitel, weshalb ich mich jetzt im Nachhinein fragte, wie ich mich in diesen schmierigen Kerl hatte verlieben können.
Und, was noch schlimmer war: Auf Knien war ich vor ihm herumgerutscht und hatte ihn angebettelt uns nicht zu verlassen. Und wenn schon nicht wegen mir, dann wenigsten um Markus Willen.
Der Arsch war einfach verschwunden, ohne sich richtig von seinem Sohn zu verabschieden.
Die Toilettenspülung lief. Am liebsten hätte ich den Typen auch im Klo runterspülen sollen.
„Händewaschen nicht vergessen!“, rief ich in den Flur. Ich sprach mir selbst ein paar beruhigende Worte zu und verdrängte meine Erinnerungen. Ich beschloss mit Markus nach den Hausaufgaben ein Eis essen zu gehen, denn das hatte er sich für die Mathearbeit verdient. Meine Arbeit am Computer konnte ich auch noch am Abend erledigen, wenn Markus im Bett war.
Ein bisschen durch die Fußgängerzone zu schlendern würde uns beiden gut tun. Plötzlich wurde mir bewusst, dass Markus die letzten paar Tage nicht mehr draußen zum Spielen gewesen war, obwohl die Sonne schien.

Es war ein wunderbarer Nachmittag zusammen mit Markus geworden. Weshalb ich ihn sogar darauf ansprechen konnte, warum er denn schmutziges Geschirr nicht abspülte, seine dreckigen Socken und Unterwäsche im Zimmer liegen ließ und sich kaum an der Hausarbeit beteiligte, obwohl wir beiden eine klare Absprache deswegen getroffen hatten.
Und dann geschah das Wunder, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Er blieb stehen und sah mich direkt an. Normalerweise blickte er bei Gesprächen an mir vorbei oder durch mich hindurch.
Markus stemmte seine Hände in die Hüften und sagte: „Ich bin erst zehn, ich muss das tun, damit du als Mutter besser lernen kannst, einen Sohn gut zu erziehen!“
Ich war völlig perplex und wusste nicht, was ich antworten sollte.
Dann redete er mit leicht weinerlicher Stimme weiter: „Ich will es meinem Vater zeigen und genau das Gegenteil machen, was er tun würde!“
Eigentlich wollte ich meinen Sohn zurechtweisen und ihm erklären, dass er mir damit wehtat. Aber mir standen die Tränen in den Augen und ich verstand ihn! Ich nahm ihn einfach in die Arme und drückte ihn.

Zuhause angekommen warf Markus seine Jacke einfach auf den Boden; aber ich schimpfte nicht, sondern fragte ihn liebevoll, ob er noch Hunger hätte.
Doch er war schon zu müde und zog sich seinen Schlafanzug an.
In seinem Zimmer war ein heilloses Durcheinander. Sogar der Kleiderschrank stand offen, weil die Sachen zusammengeknüllt aus den Fächern hingen.
Ich musste aufpassen, nicht versehentlich auf einen der spitzen Legosteine zu treten, wie ich es eines morgens getan hatte, um das Rollo hochzuziehen.
Ich schüttelte mich bei dem Gedanken an die Schmerzen.
Falls es in dem ganzen Chaos eine Ordnung gab, erkannte ich sie nicht. Ich gab Markus noch einen Gutenachtkuss und ging ins Wohnzimmer zu meinem Schreibtisch.
In mir stiegen schlechte Gefühle hoch, als ich mein leergeräumtes CD-Regal erblickte. Markus hatte sich eine CD herausgenommen und alle anderen einfach vor dem Regal liegen gelassen. Ich sortierte sie ein und beschloss meinen Sohn ein wenig die Nase darauf zu stupsen, was Unordnung bewirken kann.
Ich verteilte im ganzen Flur meine Kleidung, Bettwäsche und Handtücher und ließ nur einige Stellen frei, von wo man weiterhüpfen musste. Vielleicht sah er ja dann ein, dass man gelegentlich auch mal aufräumen musste. Oder im schlimmsten Fall gefiel es ihm sogar.
Meine Arbeit am Computer war schnell erledigt und ich ging ins Badezimmer, um mich bettfertig zu machen. Ich schaltete das Licht aus und stand im dunklen Flur.
Plötzlich drehte sich ein Schlüssel in der Wohnungstür.
Mit einem Satz sprang ich in die Küche und tastete nach der schmutzigen Bratpfanne, die noch auf dem Herd stand. Bewaffnet und unfähig mich zu rühren, stand ich am Türrahmen und wartete, was als nächstes passierte.
Ein Unbekannter betrat die Wohnung und schloss die Tür wieder. Ein Klicken ertönte und ein Lichtstrahl suchte die Wände ab, als plötzlich der Fremde stöhnend hinfiel und das Licht an die Decke strahlte.
Ich fasste all meinen Mut zusammen und hüpfte in den Flur, auf die Stelle zu, von wo der Laut gekommen war und schlug mit aller Kraft zu. Ein Geräusch gleich einem Glockenschlag schallte durch die Wohnung. Ich machte Licht und sah einen Maskierten am Boden liegen.
„Mama?“, rief Markus aus seinem Zimmer. Ich sprang so schnell ich konnte über die Wäscheberge zu meinem Sohn, nahm ihn fest in die Arme und flüchtete zusammen mit ihm zu den Nachbarn.
Als die Polizei den Einbrecher abgeholt und die Spurensicherung ihre Arbeit erledigt hatte und wieder Ruhe ins Haus eingekehrt war, bemerkte ich einen nichtangenommenen Anruf. Markus war in sein Zimmer zurückgegangen und spielte völlig übermüdet noch mit seinen Autos.
Die Wäsche lag jetzt zu einem riesigen Haufen aufgetürmt im Flur. Ich ließ mich in den Berg fallen und entdeckte dabei den Schlüssel, den der Einbrecher benutzt hatte: Den Zweitschlüssel, den ich Jens für Notfälle gegeben hatte. Am Anhänger stand sauber und akkurat meine genaue Adresse und sogar die Etage und Seite der Wohnung.
Der Anruf wurde abgespielt und ich drehte den Schlüssel in meinen Händen, während ich zuhörte.
„Hallo Anna, hier ist Jens!“ Er hatte einen leicht hektischen Ton in der Stimme, was ich gar nicht von ihm kannte, denn er war die Ruhe in Person. „Bei mir ist eingebrochen worden und dein Wohnungsschlüssel ist mit unter dem Diebesgut. Eventuell, wie soll ich es sagen, steht deine Adresse auf dem Schlüsselanhänger. Sei so gut und lass deinen eigenen Schlüssel in der Tür stecken. Nur für alle Fälle. Tschau, Jens.“
Ich musste lächeln und brachte Markus zum zweiten Mal an diesem Abend ins Bett. Ich gab ihm einen dicken Kuss auf die Stirn und war froh, dass er nicht so ein Ordnungsfanatiker wie sein Vater geworden war.

Letzte Aktualisierung: 24.02.2012 - 18.01 Uhr
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