Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Schlechte Angewohnheiten | Februar 2012
Paradoxe Pädagogik
von Jochen Ruscheweyh

Hätte unsere sonst so liberale Deutschlehrerin nicht in einem Anfall von Despotentum bestimmt, welche Schüler gemeinsam ein Referat ausarbeiten müssten, wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, Frieda zu mir nach Hause einzuladen. Gut, der Blonde mit dem Wikingerbart, den alle nur Hägar nannten, stellte noch ein halblautes „Diese Praxis ist Kulturfaschismus!“ in den Raum, aber seine Worte zerliefen in der allgemeinen Unruhe ebenso wie seine Tuschfarben im Kunstkurs, die er mit erstaunlicher Kontinuität zu wasserreich ansetzte.

Frieda hatte ihre Haare immer zu zwei kräftigen seitlichen Zöpfen geflochten, von denen jemand mal behauptet hatte, sie sähen aus wie eine Begrenzung, um ihre Sommersprossen daran zu hindern, von ihren Wangen zu driften. Auf mich wirkte sie nicht richtig dick, sondern eher irgendwie prall, was möglicherweise daher kam, dass sich die mit alpinen Motiven besetzten Strickjacken, die sie meistens anhatte, in einem Zustand irgendwo zwischen verfilzt und eingelaufen befanden und an Taille, Busen und Schulter leicht spannten.

Auch wenn ich mich mit ihr als Quereinsteigerin, die erst vor wenigen Wochen an unser Aufbaugymnasium gewechselt war, so gut wie noch nie unterhalten hatte, kam mir das Arbeiten an unserem ersten gemeinsamen Nachmittag nicht unangenehm vor. Hätte jemand ein Comic von uns gezeichnet, wären wir zwar nicht unbedingt hinter den Sprechblasen verschwunden, aber man hätte auch keine Bildunterschriften wie „Jonas und Frieda schwiegen eine Weile“ gefunden.
Wir hatten schon eine Zeit lang versucht, den frühen französischen Minimalismus in Bezug zur Ruhrgebiets-Pop-Art-Literatur der 80er Jahre zu setzen, als Frieda völlig aus dem Zusammenhang meinte: „Ich kenn dein Problem.“
„Wie kommst du drauf, dass ich ein Problem hab?“
Ihr Arm hing plötzlich in der Luft, wie bei einer dieser winkenden japanischen Glückskatzen, ohne dass Frieda aufhörte mich zu fixieren. Ich weiß nicht wie, aber ohne hinzuschauen fand sie die Lücke zwischen der Cloé Lilles Gesamtausgabe, dem Guide du Malaise und dem Zechentinten-Clash, als sie ihre Hand auf die Tischplatte niederkrachen ließ.
Natürlich ist mir im Nachhinein klar, dass es nicht sein konnte, weil sie einfach zu leicht sind, zu wenig Masse, Dichte und Wichte besitzen, trotzdem glaubte ich, sie wie Hagel herunterprasseln zu hören. Ich musste nicht hinschauen, um zu wissen, dass der Teppich unter meinem Tisch, mit angetrockneten Popeln übersät war, die durch Friedas Jacky-Chan-Handkantenschlag ihre Haftkraft verloren und aus ihrem Refugium unter meiner Schreibtischplatte vertrieben worden waren.
Man plaudert auch nicht einfach fröhlich weiter, wenn man plötzlich in der U-Bahn merkt, dass man weder Hose noch Unterhose anhat, selbst wenn man die Situation nur nächtlich alpträumt. Ich schwieg also. Eine Weile. Das schien mir angebracht. Dann versuchte ich, die an meinen Wangen aufgezogene Röte wegzudenken.
„Du magst das, das Popeln, oder?“
Wie auf eine bizarre Weise gefügig gemacht, blieb mir keine andere Wahl, als die Augen zu schließen, die Lippen aufeinander zu pressen und stumm zu nicken.
„Aber du tust es heimlich. Es soll niemand mitbekommen, weil du denkst, es ist etwas Schlechtes ...“
Bildunterschrift: Der Junge nickte noch einmal kraftlos.
Frieda stand auf. „Du solltest deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Sowas ist ganz normal. Ich gehe jetzt nach Hause und färbe meine Zöpfe blau. Wir sehen uns Morgen.“

„Du hast ja wirklich blaue Zöpfe ...“, sagte ich, nachdem wir am nächsten Nachmittag bereits eine halbe Stunde erfolglos recherchiert hatten.
Frieda lehnte sich zurück und zog das Alpenpanorama, das quer über ihre Brust lief, gerade. Dann sagte sie. „Ich finde, du solltest es jetzt tun.“
„Was?“
„Popeln. Ich möchte dir dabei zusehen.“
„Nein, auf keinen Fall“, gab ich zurück und starrte an die Wand.
„Was spricht denn dagegen? Stell dir einfach vor, ich wär nicht da!“
Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her. „Du bist aber da, Frieda!“
Sie verschränkte die Arme. Das Alpenpanorama verschwand. „Würde es dir leichter fallen, wenn ich anfange? Dann schau einfach her!“
Ich beobachtete, wie sich ihr Zeigefinger aus ihrer noch geschlossenen Faust löste und sich wie ein dem Licht entgegenstrebender Bohnenkeimling seinen Weg nach oben suchte.
Ich gehörte eher zur Sorte der Schnellrührer. Frieda hingegen zelebrierte die Kreisbahn einer Eislaufkür gleich - erst langsam, dann schnell, mit ein paar Pirouetten und Dehnungen.
Mit einer Raffinesse, die ich selbst nie hätte entwickeln können, rieb sie dann Daumen und Zeigefinger aneinander, machte das Material gefügig und heftete es unter meine Tischplatte. „So, jetzt du!“

Begrüßt man jemanden herzlicher, wenn man mit ihm gepopelt hat? Ich hatte keine Ahnung, aber zur Sicherheit umarmte ich Frieda, als sie am nächsten Tag vor meiner Tür stand. Ich zuckte zusammen, als sie mir als Antwort darauf in den Hintern kniff.
Verwirrt folgte ich ihr zu meinem Schreibtisch, an dem wir trotz unserer neuen Vertrautheit eine ganze Stunde lang kühl und sachlich an unserem Referat arbeiteten. Als der italienische Eiswagen, der immer durch unsere Siedlung fuhr, durch seine quäkige Hupe auf sich aufmerksam machte, fragte Frieda plötzlich: „Heizt ihr eigentlich noch mit Kohlen?“

„Das reicht noch nicht! Du musst die Kohlen noch mal zur anderen Seite schaufeln!“, dirigierte mich Frieda, die mit dem Rücken an die Latten unseres Kellerverschlags gelehnt dahockte.
Wieder oben wuschen wir uns die Hände, aber ehe ich mir den Kohlenstaub von meinem Gesicht reiben konnte, zog mich Frieda vom Waschbecken weg: „Wehe, du putzt dir die Nase!“ Ihr Blick wirke dabei fast bedrohlich. Dann wechselte ihr Gesichtsausdruck. Bildunterschrift: Sie lächelte verschmitzt. „In genau einer halben Stunde haben wir die besten Popel der Welt, dick und schwarz wie der Hintern von Martin Luther King!“

Ich lag die halbe Nacht wach. Hatte bis gestern nur Tante Ju in meinem Bauch gekreist, war es jetzt ein komplettes Stuka 87D Geschwader. Und ich tat das, was ich immer tat, wenn ich verliebt war: Ich leistete den Schwur, erst dann wieder mein Geschlechtsteil – schon diese neutrale Bezeichnung klang obszön in Verbindung mit meinen Gefühlen zu Frieda – zu berühren, wenn sie definitiv nicht fest mit mir zusammensein wollte oder die Berührung in irgendeinem Zusammenhang zum – Obszönität Nr.2 – Sex mit ihr stand.

Achtzehn Stunden später verblüffte Frieda mich mit einem dieser indischen Male auf ihrer Stirn. „Bist du Hindu?“, fragte ich, nachdem wir bereits gute fünfundvierzig Minuten an unserem Referat gearbeitet hatten. Sie schob den Guillaume Dupondant beiseite und antwortete: „Das, was wir jetzt tun werden, ist der normale nächste Schritt. Bist du bereit?“
Ich stimmte zu, obwohl ich nicht genau wusste, was sie meinte, bis sie meine Hand nahm und meinen kleinen Finger in ihre Nase schob. Friedas Scheidewand fühlte sich wunderbar glatt an, wie Marmor oder – so stellte ich es mir zumindest vor – Elfenbein.
„Dreh ihn!“, flüsterte sie. Ich tastete feine Härchen und ...
„Nein, noch nicht, warte!“, gebot mir Frieda Einhalt. Dann legte sie ihre Hände an meine Wangen und wiegte meinen Kopf sanft hin und her. „Schließ deine Augen!“
Mit ihrem Finger drang ein dezentes Nektarinenaroma in meinen Nasenvorhof ein; leicht, unaufdringlich und nicht so intensiv wie der Duft einer geöffneten Pfirsichdose.
„Jetzt darfst du dich bewegen“, sagte sie und tastete selbst nach meinen Nasenhaaren. „Versprichst du mir etwas?“
„Ja, sicher“, gab ich zurück und spürte, wie meine Knie zitterten.
Ihre Stimme flatterte: „Du darfst sie nicht schneiden. Versprich es mir!“

Wir trafen uns jetzt täglich. Frieda kannte viele Tricks und Kniffe, die Nasenschleimhaut zur Popelproduktion anzuregen. Ich revanchierte mich, indem ich ihr zeigte, wie sie ihre Fingernägel feilen konnte, um noch besseren Grip beim Bohren zu bekommen.

Gegen Juni stellte Frieda fest, wir wären nun bereit für das nächste Level:
Wir taten es auf öffentlichen Toiletten, in Umkleidekabinen, in Treppen- und Parkhäusern. Dann erhöhten wir den Kick, suchten uns mäßig frequentierte U-Bahnen und Bushaltestellen und fanden schließlich eine wunderbare Stelle am Dortmunder Flughafen, von der aus wir den startenden AirBerlin-Maschinen frisch geförderte Abschiedsgrüße hinterherschnippten.

Als sich das Laub langsam gelb färbte, spürte ich, dass Frieda etwas bewegte.
„Ich habe nachgedacht“, eröffnete sie mir eines Nachmittags, „im Moment gibt es diese Eruptionen auf der Sonnenoberfläche und die Magnetfelder verschieben sich. Wir haben alle Facetten unserer Leidenschaft exzessiv ausgelebt. Ich glaube, wir sollten es reduzieren.“
„Wie meinst du das?“
„Wir sollten es reduzieren, damit es etwas Besonderes bleibt. Wir müssen es nicht mehr so oft tun, vielleicht nur noch einmal in der Woche oder einmal im Monat.“
„Du meinst, so wie diese alternden Junkies, die irgendwann mal von selbst mit Heroin und so aufhören?“
„Nein, nein“, Frieda schüttelte vehement den Kopf, „wir vergöttern es und es wird immer ein Teil von uns bleiben. Hier drin!“ Sie nahm meine Hand und legte sie auf ihre Brust.
In die Angst, zu verlieren was mich glücklich machte, mischte sich die Furcht, wie in aller Welt sich dieses Vakuum in einer möglichen Zukunft auffüllen lassen könnte.
„Dann wäre das sowas wie paradoxe Pädagogik. Wir erziehen uns selbst zur Abstinenz und werden damit zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft“, sagte ich leise.
Frieda zog eine Kette mit dicken bunten Holzperlen in Kirschengröße heraus und legte sie mir um den Hals. „Ich mag dich, Jonas, ich mag dich sehr, aber vielleicht ist es einfach Zeit für etwas Neues.“
Meine Knie zitterten wie damals, als sie mir zum ersten Mal ihren Finger in die Nase gesteckt hatte.
„Wir haben uns noch nie geküsst. Wir können zusammen schlafen und irgendwann zusammenziehen, wenn du willst.“
„Das wäre toll“, sagte ich.

Er spielte mit seiner neuen Kette.






Version 2

Letzte Aktualisierung: 26.02.2012 - 01.24 Uhr
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