'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Schlechte Angewohnheiten | Februar 2012
„Grossie“
von Glädja Skriva

Ich war verdreht. Zumindest meine Füße waren es. Wenn ich an mir herunterschaute, sah ich meine Zehen schielen. Der große linke war verdreht zum rechten. So, wie der rechte verdreht war zum linken. Und wer schielt, sieht schlecht. Nur so konnte ich es mir erklären, dass ich anfing zu stolpern. Erst war es nur, wenn ich als Kind mit anderen Kindern um die Wette rannte. Dann war es sogar, wenn ich nur das Haus verließ. Ich erinnere mich noch genau daran. Es war ein stinknormaler Mittwoch. Ich hatte stinknormal Schule. Ich war noch nicht einmal spät dran. Ich rief „Tschüss“ ins Haus, nahm die Klinke in die Hand, zog die Tür hinter mir zu – und donnerte auf beide Knie. Meine Hände knickten mir wie bei einem verunglückten Engel weg und mein Gesicht schmirgelte kurz darauf über den Kiesboden – mit kleinen Blutstropfen, die diese Stelle später markierten. Ich war - wieder einmal – über das Fußabstreifergitter gestolpert, unter dem ich an graunassen Tagen die Regenwürmer der näheren und weiteren Umgebung einsammelte und pflegte. Zumindest die, die wie ich schielten – und das waren, davon war ich fest überzeugt, alle! Schließlich sollte ihnen nicht das passieren, was mir jetzt passiert war: Eine aufgeplatzte Lippe und aufgeschlagene Knie, die wie Feuer brannten und was am schlimmsten war, meiner Wollstrumpfhose genau an diesen Stellen ein Loch bescherte, das so groß war, dass man darin hätte eine Faust platzieren können. Ich hatte genau zwei Wollstrumpfhosen. Diese eine, aus der jetzt zwei Bullaugen von Löchern glotzten, und eine andere für Sonntags, auch mit zwei Löchern, die Mama allerdings gestopft hatte: schmutzigbraune Webteppiche auf verwaschenem grauem Hintergrund. Wir hatten nicht viel Geld. Zumindest nicht dafür, lange Feuerwehrschläuche von Stopfgarn zu kaufen, und so quäkte es immer morgens, wenn ich mich an einem stinknormalen Tag stinknormal in die Schule aufmachte: „Kind, pass ja auf! Sei vorsichtig! Und renne ja nicht zu schnell! Du hast einfach zwei linke Beine! Denke daraaan!! Das „a“ spielte Mutter darin in sämtlichen Koloraturen durch, sodass es mir immer im Ohr sang. Keifernd. Durchdringend. Angst einflößend. So begann ich wie ein Storch meine Beine anzuheben, langsam, bedächtig, und doch, um mitten in neuen Hindernisse zu landen, was die Kinder in meiner Straße johlen ließ und mir die Hänselei „Meisterin Adelebart“ einbrachte, was sie mit mahlenden Zähnen hinter mir her klapperten.

Als sich meine Mutter endlich entschloss, meine Zehen bei einem Orthopäden richten zu lassen, war das Stolpern bereits Programm geworden. Ich stolperte über den Schulabschluss, in unglückselige Liebschaften genauso wie in Bürgschaften, Seilschaften und Schulden. In schimmelnde Mietswohnungen, besoffene WGs und abgehalfterte Kneipen. In One-Night-Stands und Schokoladenberge mit Freßattacken.

Halt, stopp, zurückdrehen. Genauso hätte es mit mir enden können, wenn, ja, wenn damals nicht Grossie bei uns in der Nachbarschaft gewohnt hätte, zu der Zeit, als alles mit meinen verdrehten Zehen begonnen hatte. Wir wohnten Garten an Garten. Ich musste nur die quietschig knallgelbe Tür aufstoßen, die windschief in den Angeln hing und bei Sturm immer so wild mit den Gatterarmen wedelte, und schon war ich bei ihr und stand zwischen Kartoffeln, Sonnenblumen und Hagebutten. Einem ganzen Feld mit Hagebutten und einer kleinen, abgeschabten Couch dazwischen. In Plüsch und Rot. Tiefem, dunklem Plüschrot. Wer Grossi war, dass sie Rot so liebte? Nun, sie war - einzig! Einzig und anders. Sie hatte Säbelbeine, knochig, hart, die fest auftraten und unter ihrer kleingeblümten Kittelschürze, die sie immer trug, hervorstaksten, während ihre Nase, knubbelig, weich und rosa, wie ein zusammengeschnurzelter Luftballon für Liebende aussah. Ihr Haar glänzte darüber pechschwarz, wie das einer Flamencotänzerin, deren Locken bei jeder ihrer feurigen Drehungen in alle Himmelsrichtungen davonwippten. So einzig wie sie, war auch ihr Haus. Nicht nur, dass es aus der kleinen, grauen Reihenhaussiedlung durch seine quietschgelbe Gartentür hervorstach. Auch nicht, dass es eine stetige Baustelle und Matschgrube war. Nein, es war vielmehr ein Spielplatz, einem brummenden Bienenkorb ähnlich, auf dem es nur so von Kindern wimmelte - nur ihr Mann glänzte dort durch stetige Abwesenheit. Aber Letzteres dämpfte weder ihre Laune, noch hob es sie. So traf man sie gelassen beim Anwerfen des Betonmischers, genauso wie beim Heimschleppen der großen Einkaufstüten, obwohl dies für sie etwa eine Stunde Wegstrecke bedeutete, die stets an der Bulldogge des Nachbarn vorbeiführte, der die Lefze triefte, wenn sie Frischfleisch roch. Grossie hatte auch als Einzige in der Siedlung ein Klavier, das sie mit ihren knochigen, kräftigen Fingern anschlug und dem sie dennoch so seltsam zarte Melodien entlockte, dass man meinte, der Bienenkorb hätte sich mit Elfenklängen vermischt, um zu feiern, dass der Betonmischer kurz den Atem anhielt. Meist stieg sie später noch in den Keller, der vor Öl triefte, zu der Wäsche hinunter, die sie darin aufhängte und die dort den Duft annahm nach schweißtreibender Arbeitskluft und langer Zeit auf Montage. Ein Duft, der auch Grossie anhaftete, wenn sie nachts wieder einmal darin getanzt hatte. Zu Musik, die nur sie hörte.

Woher ich das alles weiß? Nun, ich wusste es nicht sofort. Für mich war Grossie anfangs nur Grossie, über die sich die Leute die Mäuler zerrissen, na ja, weil sie eben ein bisschen seltsam war. Und vielleicht hatte ich sogar auch ein bisschen Angst vor ihrer großen, roten, schrumpligen Nase. Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich weiß nur noch, dass es wieder an so einem stinknormalen Mittwoch war, an dem ich in die Schule gehen musste und dabei wieder einmal über das Fußabstreifergitter stolperte und auf meine Knie donnerte. Mama quäkte schon lange nicht mehr hinter mir her. Sie glänzte inzwischen durch Abwesenheit wie Grossies Mann. Und vielleicht war es das, was uns verband ... auf jeden Fall stellte Grossie im Zeitlupentempo ihre schweren Einkaufstaschen ab, zwinkerte mir zu und pflückte mich dann vom Boden auf. Plötzlich saß ich auf ihrem Schoß. Ihr Busen war klein und wogte wenig mütterlich. Ich konnte mich weder darin verstecken noch hineinkuscheln und ihr anschließender Stärkungstrunk war auch nicht das Übliche: Ein verquirltes Ei, Zucker und ein Schluck Rotwein. Aber sie bestand darauf, dass ich ihn trank, weil er alles fortzaubere, die höllischen Schmerzen am Knie und überhaupt; sogar die Löcher in der Strumpfhose, die sie mir anschließend stopfte in Form von weißen Margeriten auf blauem Wölkchenhintergrund, während sie summte: „Heile, heile, Gänschen, wird ja wieder gut ...“ und mir dabei sachte über das Knie pustete, so, dass kleine eiverquirlte Zuckerrotweinwölkchen darüber wabern konnten.

Was muss ich es erklären? So, wie das Hinfallen Programm geworden war, wurde es Programm, dass ich nach jedem Hinfallen zu Grossie rannte. Durch diese quietschgelbe Himmelspfortentür in ihren Garten.

An dieser Stelle könnte die Geschichte mit einem Happyend schließen. Vielleicht auch mit einem kleinen Appell an uns, dass wir füreinander da sein und einen Blick haben sollten wie die „Grossies“ dieser Welt.

Ja, durch sie hatte ich gelernt, immer wieder aufzustehen und mich nicht unterkriegen zu lassen, allerdings nur, wenn mein Zaubertrunk dabei war: Ein verquirltes Ei, Zucker und - inzwischen einen kräftigen Schluck Rotwein. Das war von Grossie geblieben, als sie vor fünf Jahren starb. Das Klavier wurde damals verkauft wie auch das Häuschen. Es wurde ordentlich hergerichtet. Die Fassade zeigte sich mit breiten Fensterfronten, der Betonmischer verschwand, sogar die Gartentür wurde gestrichen, in dezentem Ockergelb, und die Scharniere wurden geölt, dass sie nicht mehr knarzten.

Alles lief wie geschmiert, auch in meinem Leben. Ich hatte eine gute Beziehung, nach außen. Einen guten Job, der mir ausreichend Geld brachte für Freunde und gute Zeiten. Ich hatte interessante Hobbies und Bewunderer dafür, und stolperte ich einmal über meine Füße, was immer seltener vorkam, hatte ich mir eine Technik zugelegt, es so erheiternd wirken zu lassen, als sei es beabsichtigt, sodass die Anderen vor meiner Fassade begeistert mitlachten.

Im Gegensatz zu Grossie. Grossie hatte nicht gelacht, wenn es schmerzte. Sie hatte mich auf ihren Schoß genommen und gewiegt.

Ich war inzwischen 62 und hatte alles ausprobiert. Ich hatte die Schöße der Welt nach Trost bekrabbelt und reichlich, mehr als reichlich, vom Trunk derselben Welt, nein, nicht genossen, sondern nach Trost begierig, davon hinter die Binde gekippt.

Ich war 62 Jahre alt, als ich das kapierte und darüber weinte wie ein Kind. Aber ich war kein Kind mehr. Da beschloss ich, von Grossies Schoß herunterzukrabbeln.

Es war an einem stinknormalen Mittwoch, als ich an Grossies Grab ging und ihren Becher darauf legte, aus dem sie immer getrunken hatte und mir zu trinken gab: Ein verquirltes Ei, Zucker und ein großer Schluck Rotwein. Ich ließ den Becher liegen und ging und weinte. Und vergaß darüber alles. Auch darauf, auf meine Zehen zu achten. Aber ich ging aufrecht und nüchtern. Denn sie hatte mir das Allerbeste mitgegeben, das sie mitgeben konnte: Hinzufallen und wieder aufzustehen.

© Patricia Kohnle/Februar 2012

Letzte Aktualisierung: 22.02.2012 - 01.05 Uhr
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