Der Tod aus der Teekiste
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Schlechte Angewohnheiten | Februar 2012
Amaryllis und der Psychologe
von Andrea Will

Amaryllis machte einmal eine Therapie bei einem Psychologen wegen ihrer
Kaufsucht. Nachdem ihr Gehalt für ihre guten Taten auf ihr Konto eingangen war, ist
auch schon wieder alles weg. Zwar gab sie es nicht wie die meisten Frauen für neue
Schuhe aus, aber andere Sachen strahlten sie so verlockend an. Gewiss, sie hatte immer wieder gute Vorsätze, aber die waren in kürzester Zeit vergessen, wenn sie die verlockenden Dinge sah. Und
die Euphorie des Gefühls, wenn sie einen Gegenstand in der Hand hielt, war nicht von langer Dauer. Wie ein Augenaufschlag. Dann war alles wieder vorbei und die Traurigkeit nahm ihre Seele wieder gefangen. Zudem hatte sie auch Schulden, und die Bank gab ihr keinen Kredit mehr.


So hatte der liebe Gott davon genug, als Amaryllis ihn wieder einmal um einen
Vorschuss bat, und machte sofort einen Termin für sie bei dem Psychologen Sigmund Freud. Einmal in der Woche hielt er auf Wolke sieben hoch drei Sprechstunde. Denn, sagte der Allmächtige, wenn man so handle wie sie, sei die Seele krank. Sie brauche professionelle Hilfe.

Amaryllis brauchte ja schon alleine drei Wolken für ihre Kleider- und Bücherschränke. Die Sonne hatte sich bereits beschwert, dass sie bei Amaryllis keine Chance hätte zu scheinen. Und so mussten bereits einige Menschen auf der Erde in diesem Teil auf sie verzichten.

Gesagt, getan. Zehn Minuten vor der verabredeten Zeit stand Amaryllis vor ihm.

„So, so, Amaryllis, das sind ja schöne Sachen, die ich über dich höre. Kaufst so viele
Sachen, dass du bereits die dritte Wolke besetzen musst.“

Amaryllis trat vorsichtig vor ihn hin und stellte sich verlegen erst auf das linke und
dann auf das rechte Bein. Den Kopf nach unten gesenkt.

„Männer verstehen das einfach nicht. Frauen möchten doch hübsch aussehen und nicht ewig ein und dieselben Sachen anziehen. Gestern und vorgestern bist du schon in den Sachen herumgelaufen. Man denkt ja schon, du hast nichts anderes mehr.“

„ Was habe ich davon? Ich habe nur einen Körper, den ich ankleiden kann. Dafür stehst du vor deinen Kleiderschränken und weißt nicht, was du anziehen sollst. Obwohl sie so voll sind.

Amaryllis, leg dich bitte auf die Couch. Wir sind hier, um dir zu helfen. Schließlich hast du bereits Schulden. Und wenn das so weitergeht, verlierst du auch noch deine roten Rollschuhe. Denn die kann man dir pfänden und dann bekommst du ganz gewöhnliche Schuhe.“

So geschah es dann auch. Amaryllis legte sich auf die Couch und Sigmund Freud
stellte Fragen und schrieb alles auf. Was er aber auch alles wissen wollte! Wie
ihre Kindheit gewesen sei. Ihre wichtigen Erlebnisse. Ob sie denn mit ihrem Leben
zufrieden sei.

„Was hat das alles mit meiner Kaufsucht zu tun?“, fragte Amaryllis.

„Weißt du, jede Gestalt ist ein einziges Mysterium. Und im Unterbewusstsein ist alles
vergraben. Ich muss es an die Oberfläche holen und mit dir daran arbeiten. Aber ich
muss erst herausfinden, wo alles anfing, als du die Kaufsucht entwickelt hast. Kannst
du dich an deinen ersten Einkauf erinnern? Als du nur einen Gegenstand haben
wolltest und er dir nicht mehr aus dem Kopf ging?“

Amaryllis überlegte. Und da fiel ihr die Geschichte wieder mit dem guten alten Mond
ein.

„Ich habe einmal mit dem Mond Federball gespielt und habe ihm hinterher seinen
größten Wunsch erfüllt. Er wollte wieder in sein Lieblingshemd passen, das ihm so
eng geworden war. Und das Hemd war so schön, dass ich auch unbedingt so eines
haben musste. Aber als ich dann in dem Laden von Gucci stand, gefielen mir dort
so viele Sachen, dass ich zum ersten Mal mein Konto überzog. Und seitdem gehe
ich hin, wenn es Geld gibt. Die Verkäufer dort reden mich schon mit Namen an. Da
bin ich wer. Hier werde ich nur immer gerügt, wenn ich wieder einmal etwas falsch
gemacht habe. Ich kaufe mir aber auch Bücher, damit ich das Geld auch für was
Sinnvolles ausgebe. Denn aus Büchern wird man schlau.“

Der Allmächtige, der alles mit angehört hatte, fühlte sich ein wenig schuldig. Er
hatte es doch nur gut gemeint, wenn er Amaryllis ab und an zu sich rief, um sie zu
maßregeln. Aber jetzt sah er ein, dass er sie nie für ihre guten Taten gelobt hatte.

So kam es, dass der liebe Gott wieder einmal von seiner Wolke kam und sich zwischen
Amaryllis und Sigmund Freud setzte.

„Weißt du, Sigmund, ich habe eben beim Zuhören auch einiges gelernt. Aber lachen
muss ich trotzdem. Über mich und die Geschichten, welche ich bisher mit Amaryllis
erlebt habe.“

Amaryllis sah den Allmächtigen erstaunt an.

„Weißt du, Amaryllis, eigentlich müsste ich hier auf der Couch liegen und nicht du.
Ich gab dir immer das Geld, das du verlangt hast. Dabei hätte ich dich auch mal
loben müssen. Ich hoffe nur, dass du nicht noch weitere Wolken für deine Kleider- und
Bücherschränke brauchst. Du bist meine beste Fee. Aber ich habe immer gedacht,
du wüsstest das.“

„Meinst du das im Ernst?“

„Du hast mir gezeigt, wie viel Spaß Federballspielen macht. Jeden Sonntag spiele ich
nun mit Petrus eine Runde. Seither habe ich schon ordentlich abgenommen. Mein
Arzt ist schon sauer, dass ich gar nicht mehr zu ihm kommen muss. Die Hexe wurde dank dir
seliggesprochen und du hast bei Starlight Express ein paar Jahre gearbeitet und so
dafür gesorgt, dass sie keine Geld- und Nachwuchssorgen hatten. Und habe ich
dich danach nicht sogar in den Urlaub auf das Land geschickt? Meinst du etwa, so
belohne ich jeder Fee?“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich.“

„Na ja. Dann kann ich dich ja nochmal um einen Vorschuss bitten, wenn du so mit
mir zufrieden bist“, meinte Amaryllis augenzwinkernd zum Allmächtigen.

„Amaryllis. Treib es nicht auf die Spitze!“

Gott versuchte etwas streng Amaryllis anzusehen. Doch vergeblich, denn beide brachen in lautes Gelächter aus.

„Nein, keine Angst. Ich werde ein paar Sachen ausmisten, so dass ich mindestens
eine Wolke weniger habe. Aber kannst du mir nicht ab und an mal sagen, dass ich gut bin?“

„ Na klar“, sagte der Allmächtige. „ Auch ich habe meine Lektion gelernt.“

„Petrus macht doch Urlaub, wollen wir morgen nicht eine Runde Federball spielen?“

Amaryllis und der liebe Gott fassten sich an die Hände und gingen lächelnd in die Kneipe Heaven`s Comfort. So etwas musste doch gefeiert werden. Und sie tranken und sangen dort bis spät in die Nacht.
Auch Sigmund Freud kam noch vorbei. Der Wirt schrieb fleißig an. Er staunte nicht schlecht über die munteren Worte. "Amaryllis, Amaryllis", meinte Gott, "was soll ich nur mit dir machen? Am Ende verkaufst du noch deine Rollschuhe, um an Geld zu kommen. Deine Schulden sind bald größer als unten auf der Erde. Aber eigentlich brauchst du diese roten Dinger auch nicht mehr. Geh ruhig mehr zu Fuß über die Milchstraße."

Amaryllis erinnerte sich daran, wie sie schon den großen Psychologen in Verlegenheit gebracht hatte.
"Männer verstehen Frauen einfach nicht. Du hast doch auch jeden Tag deinen Heiligenschein auf."
Gott musste sehr lachen."Eins zu null für dich, Amaryllis!"
Siegmund Freud meinte, dass man sich gegen Angriffe wehren kann, aber gegen Lob
machtlos ist.

"Geht alles auf mich!",rief Amaryllis. Und der Wirt nahm einen neuen Deckel. Der kam dann zu Amaryllis' übrigen Deckeln. Es wird Zeit, dachte der Wirt, dafür eine extra Wolke einzurichten.

Sigmund Freud schüttelte den Kopf. Wieder einmal jemand, den er bereits nach der
ersten Sitzung geheilt hatte. Wenn das so weiterging, musste er noch zum Arbeitsamt und sich arbeitslos melden, weil sein Honorar fehlte. Und er änderte den Titel seines
Buches, welches er gerade schrieb.

„Auch dem Himmel sind menschliche Probleme nicht fremd“.

Letzte Aktualisierung: 24.02.2012 - 08.51 Uhr
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