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Schlechte Angewohnheiten | Februar 2012
Herr von Santhrop geht auf die Jagd
von Elmar Aweiawa

„Wie ich diesen Frühling hasse! Wenn die Bäume mit ihrem ekligen Grün mein Auge beleidigen und die vermaledeiten Blumen ihren Gestank verbreiten. Jeder dahergelaufene Idiot glaubt, gute Laune verbreiten zu müssen, und die Biergärten sind übervölkert mit grölenden Kretins. Im grellen, schonungslosen Licht der Mittagssonne spazieren halbnackte Weiber umher, deren Hässlichkeit nur von ihrem Glauben an ihren Liebreiz übertroffen wird. Was, zum Teufel also, soll am Frühling gut sein?“

Die negative Meinung Herrn Michael Ignatius von Santhrops über den Frühling stand fest wie ein Fels in der Brandung, bis ... ja, bis er die Jagd als Hobby für sich entdeckte. Aus Zufall war er darüber gestolpert, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn eines Abends, als ihm zu Hause die grau gestrichene Decke auf den Kopf fiel, ging er in den Park, wo er um diese Zeit keine schrecklich gutgelaunten Menschen vermutete. Anfangs sah es so aus, als sollte er mit dieser Einschätzung richtig liegen, und er genoss den morbiden Duft der nachtblühenden Pflanzen. Doch dann stolperte er im tiefen, ungemähten Gras – es ist kaum zu erzählen – über zwei ineinander verschlungene Leiber. Ekel sprang ihn an wie ein wildgewordener Tiger den verhassten Dompteur, als er erkannte, womit er es hier zu tun hatte. Zwei Missgeburten unterschiedlichen Geschlechts versuchten, ihrer trostlosen Existenz durch Fortpflanzung einen Sinn zu geben.

Mit rüden Worten und vor Hohn triefender Stimme verjagte er die beiden Unglücklichen, und sein schadenfrohes Gelächter über die in namensloser Panik Flüchtenden hallte durch den Park.
„Wenn ich euch wieder erwische, werde ich euch abknallen wie die Hasen“, rief er ihnen hinterher.
Hei, das machte Spaß, wie sie davon flitzten, ihre Kleider in den Händen, sich ängstlich umschauend und mit vollen Hosen - die sie gar nicht anhatten. Noch lange danach und immer wieder gab sich Herr von Santhrop dem Laster des Lachens hin, das ihm sonst verhasst war, wie dem Teufel das Weihwasser. Ein prägender Anblick war das gewesen. Den wollte sich Herr von Santhrop noch öfter gönnen, beschloss er in seltener Fröhlichkeit.

Gleich am nächsten Abend bewaffnete er sich und schlich zu guter Abendstunde durch den Park. Sollte ihn doch der und jener holen, wenn da nicht noch mehr Freizeitsportler unterwegs waren. Und richtig, er wurde fündig. Im hintersten Winkel des Pariser Gartens, wie dieser Teil des Parks sinnigerweise hieß, ließen sich geflüsterte, verlogene Liebesschwüre hören, untermalt von geilem, brünstigem Gestöhn. Mit vor Ekel verzerrtem Gesicht schlich Herr von Santhrop näher, bis er sehen konnte, wie sich ein nackter Hintern in rhythmischem Auf und Ab bewegte.
Eine Weile beobachtete er das schauderliche und frevelhafte Geschehen, bevor er zur Waffe griff. Gut lag sie in der Hand, und sein Gesicht verzog sich zu einem höhnischen Grinsen.

Oh nein, ein Unmensch war Herr von Santhrop nicht. Er legte an, und mit einem leisen Zischen schnellte der Strahl eiskalten Wassers aus der engen Öffnung, überwand in Bruchteilen von Sekunden die Entfernung zu dem vor Hitze fast dampfenden Allerwertesten und sorgte bei seinem Besitzer für den Schock seines Lebens. Mit einem Schrei, der die Engel im Himmel in ihrem Abendgebet innehalten ließ, sprang der Getroffene in die Höhe, jaulte, als wäre ihm eine Biene in den Hintern gekrochen, fluchte wie ein Holzfäller und flüchtete, seine vor Schreck fast starre Gefährtin hinter sich herziehend, wie von Furien gehetzt.

Herr von Santhrop lachte und lachte, bis ihm die Tränen kamen. Noch nie war ihm ein ähnlich schöner Anblick vergönnt gewesen, und fortan ging er regelmäßig auf die Jagd. Im Laufe der Zeit verfeinerte er seine Methoden, schaffte es fast immer, den Augenblick der höchsten Ekstase abzuwarten, bevor er eiskalt zuschlug.
Schon bald war die Jagd seine liebste Beschäftigung geworden. Schon morgens malte er sich mit freudiger Erregung aus, wie er abends im Park seine Pistole auf einen nackten, auf- und abwippenden Hintern richten, und mittels einer eiskalten Wasserladung geiles Vergnügen jäh in Angst und Schrecken verwandeln würde. Am liebsten beschoss er weibliche Hinterteile, weil die Schamlosigkeit geiler Frauen ihm doppelt verdammenswert schien.

Mit pedantischer Gründlichkeit kühlte er das Wasser so weit herab, dass mit durchschlagendem Erfolg zu rechnen war, und das Gefühl, das ihn bei diesen Vorbereitungen beschlich, war Euphorie ähnlicher als alles, was er bisher in seinem freudlosen Dasein gefühlt hatte.

Als der Sommer sich seinem Ende näherte, hatte er bereits unglaubliche 11 Mal zugeschlagen und seine Technik weiter verfeinert. Selbst das widerwärtige, ungläubige Gesicht des Verkäufers im Spielzeugladen, als dieser griesgrämige Alte eine überdimensionierte Wasserpistole kaufte und hartnäckig um den Preis feilschte, konnte Herrn von Santhrop die Vorfreude nicht vergällen.
Am letzten Wochenende des Monats September wollte er das Dutzend voll machen und seine neuerworbene Waffe einweihen. Mit geladener Pistole schlich er aufmerksam lauschend auf der Suche nach neuen Opfern durch den Pariser Garten.

Als er das brünstige Stöhnen aus der hintersten Ecke hörte, verzerrte sich sein Gesicht zu einer hässlichen Fratze. Dieses Pärchen hatte es mehr verdient, als alle vorigen, denn so selbstvergessen laut war noch keines gewesen.
Leise, wie ein Jäger der Urzeit, schlich er sich heran. Schon sah er nackte Haut durchs Unterholz blitzen. Eine junge Frau ritt schamlos auf einem Mann, den er im hohen Gras nicht erspähen konnte. Frauen, die sich anmaßten, in dieser Stellung ihrer Sucht nach Befriedigung nachzugehen, waren ihm ein besonderer Dorn im Auge. Einem Stück Rippe stand es nicht an, sich oben zu befinden!
Ihre wippenden Rieseneuter stachen ihm in die Augen und zu seinem Entsetzen spürte er eine Erregung in der Hose, was ihm bisher noch nie passiert war. Das machte den heiligen Gralsdienst zu einer profanen Angelegenheit, und dafür musste das Luder büßen.

Zielen und Abdrücken war eins, und der eiskalte Strahl aus der neuen, hervorragenden Waffe traf sein Ziel. Der plötzliche Übergang von geilem Stöhnen in ein unartikuliertes Heulen bescherte ihm das Gefühl, eine sinnvolle Aufgabe von eminenter Bedeutung hervorragend erledigt zu haben. Das erquickliche Geräusch war noch nicht verklungen, als Herr von Santhrop seine Beine in die Hand nahm, um den Schauplatz der wohlverdienten Bestrafung einer geilen Metze so schnell wie möglich zu verlassen.

Als er ein Geräusch hinter sich hörte, drehte er sich um und hätte sich vor Schreck fast in die Hosen gemacht. Ein nackter, muskelbepackter Mann raste hinter ihm her und würde ihn in Kürze wie ein D-Zug in den Boden rammen. Ein plötzlicher Adrenalinschub schenkte Herrn von Santhrop ungeahnte Kräfte, sodass sich sein Tempo fast verdoppelte. Doch was nützte das, angesichts der Urgewalt, die ihm auf den Fersen war!? Die Angst schüttelte ihn und die Schande der besudelten Hose blieb ihm nicht erspart.

„Stop! Verschwinde, sonst schieß ich dich über den Haufen!“
Herr von Santhrop hatte keine Ahnung, wer der Mann war, der sich ihnen in den Weg stellte, noch woher er kam. Und doch erschien er ihm wie ein Engel, der speziell zu seinem Schutz vom Himmel gestiegen war. Denn die Pistole war augenscheinlich auf den Verfolger gerichtet und nicht auf ihn.
Wutschnaubend drehte der Berserker ab und sein Schimpfen war noch lange zu hören.

„Guten Abend“, begrüßte ihn der Fremde. „Das war knapp.“
„Ähem ... wer sind Sie und was wollen Sie?“ Herr von Santhrop war immer noch atemlos.
„Ich beobachte Sie schon lange und wollte einmal den Mann kennen lernen, der sich um die moralische Sauberkeit in unserer Stadt verdient macht.“
„Hä?“, entfuhr es Herrn von Santhrop, „moralische Sauberkeit?“
„Genau! Ich bin Mitglied der Liga für sittliche Gesundheit. Wir beobachten Sie schon lange und haben beschlossen, Ihnen unter die Arme zu greifen. Wenn wir zu mehreren auf die Jagd gehen, werden wir die Unmoral aus unserer Stadt verbannen. Es gibt ja menschlichen Dreck an jeder Straßenecke.“

Wenn es etwas gab, was Herr von Santhrop noch mehr hasste als Menschen, die glaubten, ihm unaufgefordert die Hand schütteln zu müssen, dann waren es bigotte Typen, denen die Falschheit aus jeder Pore quoll und die sich anmaßten, bessere Menschen zu sein – sowieso ein Widerspruch in sich, wie er fand.
„Und Sie denken, ich kann Ihnen da behilflich sein?“, fragte er mit falscher Freundlichkeit, um mehr über die Absichten dieses unangenehmen Zeitgenossen zu erfahren. Der jedoch war so sehr von seiner eigenen Wichtigkeit eingenommen, dass er den Sarkasmus in Herrn von Santhrops Stimme überhörte.
„Selbstverständlich! Sie sind ein konsequenter Feind des moralischen Verfalls und solche Leute brauchen wir in unseren Reihen. Nieder mit der Unmoral!“
Jedes Mal, wenn der mit seiner Pistole herumfuchtelnde Propagandist das Wort Moral in den Mund nahm, verzog sich Herr von Santhrops Gesicht als litte er unter unerträglichen Zahnschmerzen.

„Sie mieses Stück Scheiße!“, brüllte er laut auf, während er seine Waffe hervornestelte. „Auf Ihresgleichen hätte ich Jagd machen sollen.“ Die erste Salve eiskalten Wassers traf den völlig perplexen Mann direkt im Gesicht, sodass ihm die Camouflageschminke an den Wangen herunterlief. Der nächste Schuss traf das linke Auge, wodurch ihm für einige Zeit die Sicht genommen wurde.
Ein Wutschrei entfuhr seiner Kehle. Er zielte mit der Pistole dorthin, wo er seinen Widersacher vermutete, drückte ab, und eine Kugel schlug in den Baum, vor dem Herr von Santhrop gerade eben noch gestanden hatte. Der, dem diese Kugel gegolten hatte, befand sich schon etliche Meter entfernt und als er den Schuss vernahm, legte er noch einen Zahn zu. Sicher zu Hause angekommen schwor er sich, fortan die Jagd als Hobby aufzustecken. Der Gedanke an den abgeschossenen Saubermann wurde zu einer seiner Lieblingserinnerungen, der Rest wurde Opfer eine gnädigen partiellen Demenz.


© aweiawa, 2012

Version 3

Letzte Aktualisierung: 24.02.2012 - 08.53 Uhr
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