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Schlechte Angewohnheiten | Februar 2012
Lebensformen
von Oliver Wöbbeking

Marion Scholl lud die Einkäufe aus dem Auto und schleppte sie quer über den Vorgarten zur Haustür – etliche Tüten und Kartons, vollgestopft mit Lebensmitteln. Als müsste sie eine Kompanie versorgen – und irgendwie war das ja auch so.

Aus dem Wohnzimmer drang leises Stimmengewirr. Probenzeit. Wie ständig. Von morgens bis Abends, und häufig auch in der Nacht. Sogar fast immer in der Nacht. Marion hörte Macbeth und Faust – die beiden berühmtesten Rollen ihres Mannes - mit ihrem durchdringenden Timbre, mit dem er das Publikum binnen Sekunden einfangen konnte. Selbst jetzt spürte Marion den Sog, der von dieser Stimme ausging. Sie erkannte Warten auf Godot, Tod eines Handlungsreisenden und den Franz Moor aus Die Räuber, für den ihr Mann vor acht Jahren zum ersten Mal den Berliner Theaterpreis erhalten hatte, einen Preis, dem Darius Scholl in den Folgejahren insgesamt fünf Mal verliehen werden sollte – so oft wie keinem anderen Schauspieler. Es war das Jahr, in dem er seine Arbeitsmethode perfektionierte.

Von da an sollte er mit Preisen überschüttet werden, unter ihnen der Laurence Olivier Award, den er insgesamt drei Mal erhielt, und den Theater World Award. Es verging kein Jahr, in dem er nicht mindestens fünf Auszeichnungen bekam. Innerhalb kürzester Zeit galt er als der beste Theaterschauspieler der Welt. Er war Träger des Grillparzer-Ringes auf Lebenszeit und der Kainz-Medaille.

Darius Scholl war bekannt für schier unerschöpfliches Repertoire, das er scheinbar aus dem Stehgreif abrufen konnte. Nicht selten trat er in bis zu zehn verschiedenen Stücken gleichzeitig auf. Tagsüber gab er den Argan, abends in einem anderen Theater Heinrich V.; anderentags spielte er den Iwanow oder den Brick, und am Wochenende absolvierte er einen Faust-Marathon. In einem Jahr kam Darius gut und gerne auf dreihundert Aufführungen und einem Dutzend Premieren. Und das, ohne mit dem übrigen Ensemble vorher zu proben. Bestenfalls ließ Darius sich zu einer Generalprobe überreden.

Seine Wandlungsfähigkeit war legendär. Er konnte jede Figur glaubhaft verkörpern, und seine Kollegen fragten sich, wie Darius dieses unfassbare Arbeitspensum bewältigen konnte. Natürlich gab es Neider und Schlechtreder, Kollegen, die ihm seinen Erfolg missgönnten. Aber letzten Endes verneigten sich alle vor seinem Genie.

„Ich nehme meine Arbeit mit nach Hause“, hatte er einmal in einem Zeitungsinterview gesagt. „Eigentlich ist das eine schlechte Angewohnheit von mir – sagt jedenfalls meine Frau. Aber ich kann nicht anders. Nur so gelingt es mir, meinen Rollen vollkommen gerecht zu werden.“

Wenn es doch nur so gewesen wäre, dachte Marion bitter. Es verging keine Minute, in der es sich in seinem Leben nicht um Theater drehte, er sich nicht mit einem neuen Stück beschäftigte oder seine alten Rollen probte. Und sie, sie hatte seine Auftritte koordinieren müssen, hatte dafür sorgen müssen, dass sich keine Aufführung überschnitt oder es zu Komplikationen kam, und sein Geheimnis bewahrt blieb. Sie hatte ihn gesund pflegen müssen, wenn er sich mit einer neuen Rolle verausgabt hatte. Oft hatte sie ihn gebeten, kürzer zu treten. Aber Darius hatte nicht auf sie gehört. Er war besessen vom Theater gewesen.

Dabei war sie in den ersten Jahren ihrer Ehe glücklich gewesen. Marion hatte Darius als aufstrebenden, talentierten jungen Schauspieler kennen gelernt, dem schon damals eine große Karriere prognostiziert wurde – wenngleich nicht in diesem Ausmaß. Da waren sich alle einig. Doch hatte sie bereits damals eine gewisse Verbissenheit bemerkt bei ihm bemerkt, einen Perfektionismus, der schon ins Fanatische ging. Darius war immer auf der Suche nach der perfekten Vorstellung gewesen, der ultimativen, der wahrhaftigen Darbietung, die über alles bisher Dagewesene hinausging. Er hatte ganz in seinen Rollen aufgehen wollen, gleichsam zu ihnen zu werden.

Natürlich war das nicht möglich gewesen. Aber Darius hatte einen anderen Weg gefunden, um seiner Vision gerecht zu werden. Und von da an war Marions Ehe zu einem Martyrium geworden.

Hinter ihr fiel Krachend das Tor ins Schloss. Sie blickte sich um. Ihr gemeinsames Anwesen war umgeben von hohen Mauern, und wurde zusätzlich durch alten Baumbestand blickgeschützt. Niemand konnte von draußen hineinsehen. Und wenn es doch jemand versuchen sollte, so würde der Sicherheitsdienst den Eindringling entfernen, ehe er auch nur irgendetwas sehen konnte, aus dem er hätte Rückschlüsse ziehen können.

Aber das war niemals geschehen. Der Vorteil des Theaterschauspielers war, dass er weitestgehend vom öffentlichen Interesse verschont blieb - sofern man nicht im Film oder im Fernsehen auftrat. Aber um diese Medien machte Darius einen großen Bogen. Seine Methode hätte nicht funktioniert beim Dreh mit seinen ständigen Unterbrechungen.

Als sich das besondere Talent ihres Mannes zeigte, wurde schnell klar, dass sie ihr kleines Appartement in der Stadt verkaufen und umziehen mussten, damit er ungestört arbeiten konnte. Sie fanden diesen Landsitz aus dem neunzehnten Jahrhundert, altehrwürdig - und vor allem abgeschieden.

Denn für seine Arbeitsweise benötigte Darius absolute Ruhe. Doch ging es weniger darum, ungestört arbeiten zu können, als vielmehr darum, sein Geheimnis zu bewahren. Niemand durfte seine Methode herausfinden.

Natürlich gab es auch bei Darius Rollen, die er nicht mit Leben füllen konnte. Es kam selten vor. Aber wenn, dann konnte er noch so sehr an ihnen arbeiten, sich noch so sehr mit ihnen auseinandersetzen. Dann wollte es ihm einfach nicht gelingen.

Diese Totgeburten waren das Schlimmste. Wenn sie ihm unter den Händen wegstarben saß Darius im Schneidersitz auf dem Boden, das Gesicht in die Hände vergraben, die Überreste seines Versuches vor ihm wie eine amorphe Masse. Marion hatte sich jedes Mal übergeben müssen, wenn sie es sah. Es war ein Anblick, an den sie sich nie gewöhnen konnte.

„Habe ich zu wenig gegeben?“, hatte Darius sie beim letzten Mal gefragt und dabei auf seine blutende Wunde gezeigt.

„Wenn du mehr gibst, stirbst du“, hatte sie erwidert.

Anfangs hatte sie noch versucht, sich mit seiner Vorgehensweise abzufinden, sie als das Geniale anzusehen, das ihn auszeichnete. Aber je länger ihre Ehe dauerte und je erfolgreicher Darius wurde, desto stärker spürte sie, dass sie es nicht konnte. Zumal mit dem Erfolg sein Perfektionismus zunahm. Immer musste es noch besser werden, noch beeindruckender, noch realistischer.

Sie schloss die Wohnungstür auf, und augenblicklich drang das Stimmengewirr ungedämpft zu ihr herüber.

„Oh! Ihr seid Menschen von Stein; hätt‘ ich eure Zungen und Augen, ich wollte sie so brauchen, dass des Himmels Gewölbe krachen sollte“ , ertönte eine Stimme.

Marion erkannte sie sofort. Shakespeare – König Lear, zehnter Auftritt. Darius hatte ihn zum ersten Mal 2005 in Wien gegeben. Seitdem verging kein Monat, in dem er ihn nicht mindestens einmal aufführte.

„Ha, ha, das ist lustig!“, tönte eine andere Stimme. „Dann wird es ernst. Ich freue mich, dass Sie Sinn für Humor haben.“

Das war Jim aus der Glasmenagerie. Daran hatte Darius zuletzt gearbeitet. Er war noch nicht ausgereift. Marion merkte das an der eintönigen Sprache und der fehlenden Kontur im Ausdruck. Oh, wie es sie anekelte, wenn er eine neue Rolle formte, sie aus einer wagen Idee Gestalt annehmen ließ - ihnen Leben einhauchte. Es war ein furchtbarer Prozess, ein widerlicher Prozess, wie eine Szene aus Die Körperfresser.

Doch Jim würde Darius nicht weiterentwickeln. Marion wünschte sich nur, sie hätte eine Phase abgewartet, in der Darius kein neues Stück einstudierte. Aber wer hätte das ahnen können? Auf der anderen Seite: länger hätte sie es nicht mehr ausgehalten.

Am Ende hatte Darius viel für seine Rollen gegeben. Waren es anfangs ein Büschel Haare oder das Stück eines Fingernagels gewesen, so hatte er in der letzten Zeit angefangen, sich ein Fingerlied abzuschneiden oder einen Zahn auszuschlagen und im Anschluss versucht, daraus seine Rolle zu formen. Für den Jim hatte er sich den rechten Fuß mit einer Säge abgetrennt. Er sollte besonders gut werden. Beinahe wäre Darius daran verblutet.

Allein der Gedanke daran löste Übelkeit in ihr aus, und fast hätte sich Marion auf die Einkaufstüten übergeben. Natürlich hätte sie sich scheiden lassen können. Aber damit hätte es nicht aufgehört. Darius hätte weitergemacht wie bisher.

Marion schob die Tüten und Kartons in den Hausflur. Bevor sie hinter sich die Türe wieder schloss, blickte sie auf den Liguster im Garten, dort, wo sie vor zwei Wochen ihren Darius begraben hatte, der, seitdem sie hierher gezogen waren, das Haus nie verlassen hatte. Sie hatte ihn verscharrt wie ein totes Haustier, nachdem sie ihm mit einem Hammer den Schädel eingeschlagen hatte.

„Hab ich geträumt? Bin ich denn nicht tot? Bin ich denn immer noch nicht tot?“ – Beckmann aus Draußen vor der Tür – wie passend, dachte Marion. Ja, warum bist du noch nicht tot?

Sie hatte gehofft, dass es mit Darius‘ Tod aufhören würde. Aber es hatte nicht aufgehört. Seine Rollen existierten weiter. Sie bevölkerten das Wohnzimmer, drängten sich in seinem Arbeitszimmer, in der Küche, im Keller.

Sie hatte sie nicht töten können. Sie hatte es versucht, bei Gott, sie hatte es versucht! Aber wie sollte man etwas töten, das im Grunde gar nicht existieren durfte?

Als Marion hereinkam, unterbrachen Darius‘ Doppelgänger kurz ihre Textrezitationen und nickten ihr zu, ehe sie sich wieder ihren Proben widmeten. Marion begann, die Lebensmittel einzuräumen.

Sie hatte nie ergründen können, wie Darius all dies gelungen war. Vielleicht war es seine Besessenheit gewesen. Aber wenn Marion es sich recht überlegte, wollte sie es auch gar nicht wissen.

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Zitate aus Shakespear König Lear, Tennessee Williams Die Glasmenagerie, Wolfgang Borchert Draußen vor der Tür.

Letzte Aktualisierung: 22.02.2012 - 22.17 Uhr
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