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Aberglaube | März 2012
Hufeisen bringen Glück!
von Ingeborg Restat

„Schau mal, ein Hufeisen!“, rief Andreas bei einem Waldspaziergang mit seiner Frau, bückte sich zum Wegesrand und holte unter raschelndem Herbstlaub ein völlig verdrecktes Etwas hervor.
„Ihhh! Was klebt denn da alles dran. Wie kannst du das anfassen? Wirf es weg!“, protestierte Renate.
„Wegwerfen, ein Hufeisen? Niemals! Das bringt Glück.“
„Dieses widerliche Ding?“
„Ja. Wer weiß, warum ich das hier finden sollte.“
„Bist du abergläubisch? Das ist mir neu.“
„Wirklich abergläubisch vielleicht nicht. Aber man kann ja nie wissen. Darum werde ich es über der Eingangstür zu unserem Haus anbringen.“
„Nein, nicht so ein hässliches Ding!“
„Warte es ab! Ich werde es reinigen, bronzefarben anstreichen und dann wirst du es nicht mehr wiedererkennen.“
Und das tat er. Einige Tage später stand er auf der Leiter, befestigte über der Tür im Mauerwerk einen Haken und hängte das nun bronzen schimmernde Hufeisen daran.

Sogar Renate gewöhnte sich an den Anblick und sah bald nicht mehr hin. Ein und aus gingen sie darunter und hatten es fast vergessen. Bis zu dem Morgen, an dem Andreas nervös nach Unterlagen zu einer wichtigen Besprechung suchte. Die Zeit drängte bereits, wenn er noch pünktlich zu dem Termin kommen wollte. Hastig und gereizt drehte er auf seinem Schreibtisch alles um und um. „Wie oft habe ich dir gesagt: Lass die Finger von meinen Sachen!“, fuhr er Renate an.
„Ja, und! Warum verdächtigst du mich jetzt?“
„Weil sie hier gelegen haben!“ Mit der Faust schlug er kurz auf den Schreibtisch.
„Dann nimm es da auch weg“, erwiderte sie kurz
„Nun überleg’ doch mal, wo kannst du sie hingeräumt haben?“
„Warum ich?“
„Wer sonst soll es gewesen sein, wenn ich selbst es nicht war?“
„Was soll ich mit deinen Sachen? Halt lieber Ordnung, dann findest du auch alles und musst nicht nach einem Schuldigen suchen.“
„Gerade du hast es nötig, mir das vorzuwerfen!“
So zeterten sie verärgert und suchten dabei wie besessen nach den wichtigen Papieren. Auf die unmöglichsten Stellen dehnten sie das inzwischen aus. Er kramte in ihren Sachen herum und sie in seinen. Dabei schaute er ständig auf die Uhr.
„Die Zeit wird immer knapper. Wo hast du die Mappe nur hingetan?“
„Und wenn du es noch hundertmal behauptest, ich habe die Unterlagen nicht!“ Dabei hob sie wütend seinen Schal neben den Autoschlüsseln vom Schränkchen im Flur hoch. Und was lag da? – Die Mappe mit den gesuchten Papieren. „Na, bitte! Du hattest sie dir hier bereits hergelegt und sie nur unter deinem Schal nicht gesehen. Aber immer erst mich beschuldigen.“
„Ja, ja, ist ja gut!“, brummte Andreas, stopfte hastig die Mappe in eine Aktentasche, zog seine Jacke über und warf sich den Schal um den Hals. Ein gehetzter Blick zur Uhr. „Jetzt kann ich es gerade noch schaffen“, murmelte er. Ein flüchtiger Kuss für Renate und raus war er.
Einen Moment blieb sie in der Tür stehen und sah ihm nach, wie er mit großen Schritten zum Auto eilte. Als sie sich umdrehte fiel ihr Blick auf das Schränkchen. Die Autoschlüssel! Da lagen sie noch. Sie nahm sie auf, winkte ihm damit und rief: „Andreas, halt! Ohne die Schlüssel kannst du nicht mit dem Auto fahren.“
„Auch das noch!“, stöhnte er und kam zurückgerannt.
Nur kurz stand er vor der offenen Eingangstür, um ihr die Schlüssel abzunehmen. Doch genau in diesem Moment löste sich der Haken aus dem Mauerwerk. Das Hufeisen fiel herab und ihm direkt auf die Nase.
Er jaulte auf vor Schmerz. Blut schoss heraus und über den Schal.
Nur kurz währte der Schreck bei Renate, schnell griff sie nach einem Tuch, das gerade in der Nähe lag, und drückte es ihm unter die Nase.
Mit einem Aufschrei stieß er ihre Hand weg und griff selbst nach dem Tuch.
Sie zuckte zurück, zog ihn am Ärmel und drängte: „Komm erst mal wieder rein.“
„Aber der Termin!“ Hastig drehte er sich zum Auto um.
„Mit dem Tuch vor der Nase? Nichts da! Die müssen jetzt ohne dich auskommen. Wenn du dich nicht hinlegst, hört das nie auf zu bluten.“ Sie griff nach seiner Tasche mit den wichtigen Unterlagen, packte ihn am Arm, zog ihn herein und stieß die Tür zu. Danach nahm sie ihm den voll gebluteten Schal ab und half ihm wieder aus der Jacke.
Ohne Widerspruch folgte er ihr jetzt und legte sich im Wohnzimmer auf die Couch. Sie holte frische Tücher, wickelte einige Eiswürfel in eins davon und legte es ihm auf die Stirn.
„Lass mal sehen!“, sagte sie dann und schob seine Hand mit dem Tuch etwas zur Seite. „Die Wunde auf der Nase ist nicht schlimm. Wohl Glück gehabt!“, stellte sie fest. Doch dann musterte sie aufmerksam sein Gesicht. „Nur, warum sieht deine Nase so schief aus?“
„Schief?“, erschrocken wollte er hochfahren.
Sie hielt ihn fest. „Bleib liegen! Sonst rutschen die Eiswürfel weg.“
Vorsichtig versuchte er, sich über den Nasenrücken zu streichen. Da! Bei der Berührung einer Stelle zuckte er zusammen und wurde bleich. „Ich glaube, das Nasenbein ist gebrochen“, murmelte er.
„Dann müssen wir ins Krankenhaus“, entschied sie.

Mit einem großen Schritt trat Renate über das bronzen schimmernde Hufeisen hinweg, als sie mit Andreas das Haus verließ und zum Auto ging. Er legte sich mit dem Tuch unter der Nase auf den Beifahrersitz zurück und sie fuhr.
Den kürzesten Weg zum Krankenhaus wollte sie nehmen. Doch sie kam nicht auf die Autobahn. Polizei versperrte die Einfahrt. Von allen Seiten klang das Tatütata! Krankenwagen und Feuerwehren musste Renate ausweichen.
„Da muss gerade etwas passiert sein“, sagte sie und sah zu ihm. Dachte er das Gleiche wie sie?
Aber er meinte nur: „Da wird es wieder ein Raser zu eilig gehabt haben.“
Sie schaltete das Radio ein. Bald wurde die Nachricht durchgegeben: Mehr als zwanzig Autos waren ineinander gefahren. Tote und Verletzte sollte es dabei gegeben haben.
Überrascht schauten sie sich an.
„Du könntest mittendrin sein, wenn du vorhin losgefahren wärst“, stellte sie fest.
„Welch unheimlicher Gedanke!“, erklärte er betroffen.
„Glück gehabt!“, fand sie erleichtert.
Doch dann suchten sich erneut ihre Blicke.
„Das Hufeisen! Denkst du auch an das Hufeisen?“, fragte er.
„Ja! Man könnte fast meinen, dass …“
„… dass es Glück gebracht hat“, ergänzte Andreas.
Einen Moment schwiegen sie, bis er mit fast hörbarem Grinsen erklärte: „Gebrochenes Nasenbein! Das ist aber eine seltsame Art, Glück zu bringen.“
Erst druckste sie verhalten, bis sie auflachte und von ihm forderte: „Sobald du kannst, musst du unbedingt das Hufeisen wieder anbringen. Aber diesmal bitte so, dass es länger auf seinem Fleck bleibt. Vielleicht kann es uns das nächste Mal auch auf sanftere Art Glück bringen.“

Letzte Aktualisierung: 25.03.2012 - 19.09 Uhr
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