'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Aberglaube | März 2012
Mit dir
von Martina Bracke

Dein Daumen fährt meine Augenbraue nach. Eine unendlich zarte Berührung, bei der ich das Gefühl habe, jedes Härchen zu spüren. Ich möchte mich dagegen lehnen, ausruhen, innehalten. Der Schmerz zuckt in die Bewegung. Nein, mach weiter. Lass deine Finger über meine Wange gleiten. Ich brauche deine Nähe. Schenk mir deine Wärme. Es ist so kalt. So kalt. Weiter fühlt dein Daumen über meine Lippen, die ich öffne. Meine Zungenspitze kommt dir entgegen, schmeckt das Blut. Ich kann die Qual nicht herunterschlucken, ich kann mich nicht zu dir träumen. Mein Gesicht liegt nur auf dem kalten, harten Boden. Hingeworfen in den Dreck. Lass es aufhören. Die Wut hat mich verlassen. Komm zurück zu mir. Du fehlst mir mehr als alles andere. Mehr als unser Kind. Was soll aus ihm werden. Das Kind einer Hexe.
Ich möchte dich festhalten. Ja, ich bin eine Hexe. Herausgeschrien habe ich es. Doch sie machten weiter. Meine Finger sind gebrochen. Mit dem Teufel habe ich geschlafen. Glaub du mir. Nur mit dir habe ich das Bett geteilt. Ich liebe dich. Über den Tod hinaus. Oh Gott, was werden sie mit unserem Kind machen. Es ist ein Teufelskind. Unsere hübsche Tochter. Wie warst du stolz, sie in den Armen zu halten. Sie hat die roten Haare von mir geerbt. Sie ist wunderschön. Einen Sohn hätte ich dir schenken sollen. Ihm würde es besser gehen.
Berühr mich. Sei bei mir. Deine Lippen liebkosen meinen Hals. Ich biete ihn dir dar. Nur dir. Du bist meine einzige Liebe. Wie hätte ich einen anderen Mann erkennen können.
Der Müller kam, warf ein Auge auf mich. Ihm gefiel meine Gestalt. Gestern hat er bezeugt. Sieh mir in die Augen. Sieh mich an, sage ich. Eine Hexe soll ich sein. Der Müller hat’s mit eigenen Augen gesehen. Was, was hat er gesehen. Wie ich die Suppe gemischt habe. Die Suppe für die alte Wäscherin. Sie starb vergangene Woche.
Tröste mich, halt mich fest. Du bist warm. Lass mich nie wieder los. Und mit dem Teufel habe ich getanzt an Walpurgis. Mit dem Besen um das Feuer. Die Funken flogen. Aus dem Feuer kam das Kind mit Haaren wie Flammen. Der Müller hat's gesehen, der Müller hat's bezeugt.
Warum bist du gegangen.
Was konnte ich tun als Witwe.
Ein Sonnenaufgang noch. Ich nehme ihn kaum wahr. Deine Finger gleiten durch mein Haar, spielen mit ihm. Es ist so verfilzt und hängt mir wirr ins Gesicht. Sie schneiden es ab. Mit einem Messer schneiden sie es ab. Meinen Glanz. Sie reißen mich hoch und schleppen mich zum See. Was ist noch heil an mir. Die Menge johlt. Zum Schauspiel sind sie versammelt. Ich komme zu dir. Sie können uns nicht auseinander reißen.
Der Müller steht da. Er sieht mich nicht an. Ich hätte ihn heiraten sollen. Für unser Kind. Sie haben es weggebracht. Die Stricke schneiden ein. Ich fühle die Hände nicht. Ich fühle die Füße nicht. Wir kommen wieder zusammen. Ich weiß es. Das Wasser ist um mich. Wenn ich untergehe, bin ich keine Hexe. Halt mich, hüll mich ein, nimm mich mit.


© mb2012, 2. Version

Letzte Aktualisierung: 27.03.2012 - 16.13 Uhr
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