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Aberglaube | März 2012

Wie Leberwurst mit Marmelade
von Robert Pfeffer

Es gibt Verbindungen im Leben, die wird man einfach nicht mehr los. Selbst jenseits der Siebzig nicht. Völlig egal, was ich tue, ob ich daran denken möchte oder nicht. Ich kenne Menschen, deren größter lukullischer Genuss ein Leberwurstbrot mit Erdbeermarmelade ist. Seit ich zum ersten Mal Zeuge dieser Kombination geworden bin, geht mir das durch den Kopf, sobald auf einem Tisch die Streichwurst in mein Sichtfeld gerät. Erstaunlicherweise klappt das umgekehrt nicht, wenn ich Marmelade sehe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kam mein Vater am frühen Nachmittag von See zurück, gab es zwei Möglichkeiten, wie der Rest des Tages verlaufen würde. War der Fang gut, mussten wir Kinder beim Ausnehmen der Gaben des Meeres helfen. Ich hasste diese Arbeit. Wir schnitten sie in den Tod, rissen ihnen bei lebendigem Leibe heraus, was sie lieber behalten hätten. Und das glibberige Zeug blieb auf dem Tisch direkt neben mir liegen, bis auch das letzte Bisschen aus der Körperhülle gekratzt war. Mit einem schnöden Schwung aus dem Handgelenk folgte der einzige Flug des Fisches in seinem gerade ausgehauchten Leben in eine Kiste.

Bei Möglichkeit zwei war der Fang schlecht und das ersparte uns die Alternative zu den Hausaufgaben. Vater und sein Maat erledigten die wenigen Schlitzereien mit routinierten Handgriffen selbst.

Während andere Kinder nach dem Unterricht lustvoll durch das Schultor der Freizeit entgegen rannten, begleitete mich auf dem Weg nach Haus stets diese Frage, ob ich am Nachmittag Meeresgetier meucheln oder an Algebra verzweifeln würde. Vielleicht dächte ich bis heute auf dem Heimweg aus Gewohnheit darüber nach, bis hinein in mein von Fischen fernes Berufsleben, was in den restlichen Stunden des Tages zu tun wäre, hätte es nicht Möglichkeit Nummer drei gegeben.

Das Wasser lag am Strand wie ein frisch verlegter Teppich. Kaum eine Falte. Winzig kleine Wellchen, die einem Stück Treibholz nicht als Anlass gereichen, sich einmal auf die andere Seite zu drehen. Kein Salz in der Luft, das sich ungefragt auf die Lippen legt. Der Wind ist weit hinaus auf den Ozean gezogen und hat die Wolken mitgenommen. Sie müssen sich in England herumtreiben oder droben am Polarkreis. Ein unsichtbarer Finger hat auf dem Globus die Rossbreiten hierher geschoben. Die See ruht. Als bräuchte sie eine Pause. Schiffe tauchen am Horizont auf, die nicht dort fahren, sondern deren Flimmern von jenseits der Erdkrümmung kommt. Flaute. Stillstand. Selbst die Menschen am Strand sehen aus, als hätte man sie vor dem ersten Sonnenstrahl hier abgelegt, als das Bewegen noch keine Last war. Die Fliege auf einem Zitroneneis darf sitzen bleiben, weil es zu schwer ist, vertreibend den Arm zu heben. Bis heute weht dieser leise Hauch, an solchen Tagen nur in den wirklich feinsten Härchen auf der Haut überhaupt zu spüren, die Kindheitserinnerung nach oben, die sich bis zu meinem letzten Atemzug nicht wird löschen lassen.

Vater war nicht hinausgefahren auf das Meer. Wie auch. Ein Motor schlicht unbezahlbar. War Kollege Wind unpässlich, ruhte die Arbeit. Rien ne va plus. Das Boot lag am Kai wie ein auf der Seite verharrender Fisch, der noch gelegentlich dem Tod entgegen zuckt. Nur mit reichlich Geduld erhaschte man einen Augenblick, in dem sich der Mast um wenige Millimeter neigte. Als sei er selbst überrascht von dieser Hektik, vollzog er in eiliger Langeweile sogleich die Gegenbewegung und verfiel wieder in seine Starre. Nur wer ganz genau hinhörte, konnte das Knarren einer Planke aufschnappen.

Waren einzelne Tage mit Flaute vielleicht noch die willkommene Beruhigung des Alltags, bedeuteten mehrere davon das schiere Unglück. Doch es gab einen Plan, um es zu verscheuchen und mit großem Glauben an seine Existenz das Glück zur Umkehr zu zwingen.

Zunächst die Socken. Geringelte Exemplare einer vermutlich sektbeflügelten Stricklaune meiner Großmutter sollten als Stufe eins der Luftbewegung auf die Sprünge helfen. Strümpfe aus rauer Wolle, die, stünden sie wie ihr Spenderschaf auf der Klippe, einer Windstärke acht getrotzt hätten. Oma behauptete, dass sie ein Loch an der Großzehe haben mussten, damit aufkommender Wind ungehindert im Schuh zirkulieren konnte. So strickte sie es mit Absicht hinein. Wir hinterfragten als Kinder diese Logik nur ein einziges Mal und wurden unterwiesen, die Wirkung nicht mit unnützen Zweifeln zu schmälern. Sie kratzten fürchterlich, landeten in der Beliebtheitsskala unserer Kleidungsstücke unangefochten über Jahre auf dem letzten Platz. Aber bei Flaute kamen sie auf Ansage des Familienoberhauptes an die Füße. Und so ging an Tagen wie diesen die gesamte Familie geringelt ihren Aufgaben nach.

Mit Glück gab es am Tag drauf den ersehnten Wind, die Fischer konnten wieder hinaus und die Socken in die Wäsche. Blieben Meer und Wasser jedoch unbewegt, kam Stufe zwei an die Reihe. Der Ofen wurde gereinigt und alle hatten sich zu beteiligen. Vater stieg auf das Dach und entrußte den Schornstein, Mutter und Kinder kratzten im Haus die Esse blank. Es galt als Zeichen des guten Willens gegenüber den Wettergöttern, sie mit Reinlichkeit zu erfreuen. Als Gegenleistung sollte der Wind das Feuer entfachen und am Brennen halten. Wer bei Socken nicht nach dem Sinn fragen durfte, hielt sich an Tag zwei erst recht zurück.

Blieb auch das Putzen ohne Erfolg, war schon früh am Morgen des nächsten Tages die Stufe drei zu riechen. Die Mutter hatte, von nächtlicher Anweisung des Vaters und der über Jahre bekannten Routine getrieben, zu dunkler Stunde den Weg in den Keller angetreten und Erbsen heraufgeholt. Nun lagen sie zum Quellen im Wasser, frei nach dem Motto: Wenn alles vorher nicht zur Besänftigung von Petrus reichte, macht die erzwungene Landratte eben selbst Wind. Es gab Erbsensuppe und das nicht nur bei uns. Die Socken-Ofen-Suppe-Taktik, das SOS gegen Flaute, erstreckte sich auf das ganze Dorf. Wäre an Abenden des Tages Nummer drei ein Journalist zufällig hinter dem Deich unterwegs gewesen, hätte unsere Gemeinde es vermutlich einmal in die Weltnachrichten geschafft. Zwei dicke Teller mit der Munition verspeiste jeder. Das fehlende Knarzen der Planken im Hafen wurde nach kurzer Verdauungspause ersetzt durch ein anderes aus unzähligen Häusern.

Mein Vater war ein Meister in dieser Kunst. Schonungslos donnerte er die zu Gas zersetzten Erbsen mit Wucht und Freude auf die Holzbank, behauptete uns Kindern gegenüber, er versuche, die Stubenlampe in Schwingung zu versetzen. Wie ein kleiner Junge lachte er über das Ergebnis, war es doch eine willkommene Ablenkung von dem eigentlichen Unglück, dessentwegen es die ungezählten Teller überhaupt gab. Mutter erschrak oft und sehnte ihren Gatten wieder auf die See hinaus, möge er dort Wind erzeugen. Auch sie musste die Hülsenfrüchte verarbeiten, tat es aber meist draußen vor dem Haus oder verschämt in einer der Zimmerecken.

Für uns Kinder war der Preis hoch. Die Suppe zählte wahrlich nicht zu den Lieblingsspeisen. Der Biss auf eines der Speckstücke, laut Omas Rezept für den kräftigen Geschmack unverzichtbar, löste in uns einen Brechreiz aus. Ich beherrschte ihn nur dadurch, dass ich unvermittelt schluckte, was sich im Mund befand und außerdem an einen Grießpudding dachte. Doch hohe Preise haben wenigstens gelegentlich den Vorteil eines gesteigerten Gegenwertes. War es bei Fischerwetter absolut verboten, im Haus anderswo als im eigenen Zimmer einen Wind zu lassen, geschweige denn in der Nähe des Esstisches, galten bei Flaute die vätergesetzlichen Ausnahmeregeln. Mit auf den Rand der Holzstühle hochgezogenen Füßen und vorgeschobener Hüfte saßen wir da, sammelten Kräfte wie ein Geysir vor dem Ausbruch und warteten darauf, mit darmentspannendem Schwung den Raum zu füllen. Die Pause bis zur nächsten Abluft reichte selten, um den Lachanfall zu verkraften, der sich unweigerlich anschloss.

Ob all das geholfen hat, die Flaute zu beenden? Kindliche Erinnerungen verblassen im Laufe der Jahre, werden verklärt, reduziert auf Dinge, die zur Anekdote taugen und im bierseligen Kreis von Freunden zur Erheiterung gereichen. Wir sind satt geworden als Kinder eines Fischers, selbst wenn er einige Tage nicht hinausfahren konnte. Was nach all der Zeit und dem technischen Fortschritt geblieben ist? Die Verbindung zwischen Windstille und Erbsensuppe. So unauslöschlich wie das Leberwurstbrot mit Marmelade.

(Version 2)

Letzte Aktualisierung: 25.03.2012 - 16.46 Uhr
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