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Aberglaube | März 2012

Traumfänger
von Ingo Pietsch

Peter und Barbara schlenderten Hand in Hand durch die Fußgängerzone.
Barbaras Hand fühlte sich weich und warm an. Aber auch knochig. Sie hatte in den letzten Monaten fast fünfzehn Kilo Gewicht verloren.
Peter streichelte sanft mit seinem Daumen über ihren Handrücken. Jetzt gerade gingen sie stillschweigend nebeneinander.
Seit einem halben Jahr war es ihr jeden Tag schlechter gegangen. Peter sah sie von der Seite an: Ihre Wangenknochen waren hervorgetreten, das Kinn spitzer als früher und ihre Haare dünner.
Peter blickte an seiner Frau vorbei zu einem Pärchen, das sich neckte, lachte und küsste.
Ohne dass er es merkte, waren sie vor einem Schaufenster stehengeblieben.
In großen Buchstaben prangte das Wort „Traumfänger“ auf dem Glas.
Barbara starrte wie gebannt auf die Auslage und die ausgehangenen Ausstellungsstücke.
Peter ahnte schon, dass sie nicht zufällig hier angelangt waren.
Sie wandte sich ihm zu. Peter zuckte innerlich zusammen, als er in ihr Gesicht sah: Die blasse Haut, die dunklen Augenringe und die eingefallenen Augen. Sie schienen jeglichen Glanz verloren zu haben. Peter hatte nicht Angst vor ihrem Aussehen, sondern davor seine geliebte Frau zu verlieren.
Barbara litt an Schlafstörungen. Mitunter kam es vor, dass sie tagelang gar nicht schlief.
Zuerst waren sie bei ihrem Hausarzt gewesen. Aber körperlich war alles in Ordnung.
Sie hatten neue Bettwäsche und Matratzen gekauft, sogar ihre Ernährung umgestellt. Das Bett vergeblich in einen anderen Raum geräumt. Auch ein Allergietest hatte nichts ergeben. Ein Professor Soundso checkte sie mit allen möglichen technischen Geräten durch und maß ihre Gehirnströme. Auch hier kein Erfolg. Ein Hypnotiseur fand schließlich heraus, dass irgendwo in ihrer Seele etwas beschädigt war. Aber der genaue Grund blieb auch ihm verborgen. Dann folgten Besuche bei Heilpraktikern, Selbstheilern und Esoterikern. Schließlich besaßen sie eine stattliche Sammlung an Heilsteinen, Entspannungsmusik und Körnerkissen.
„Du hast diesen Spaziergang doch nicht etwa geplant?“, fragte Peter mit einem Lächeln.
„Lass es uns wenigstens mal probieren. Was haben wir schon zu verlieren?“ Ihre Augen sahen so traurig aus.
„Nur dich!“ Peter umarmte sie. Er glaubte schon lange nicht mehr an alternative Heilmethoden.
Zusammen betraten sie den Laden.
Peter fühlte sich unbehaglich. Dutzende Traumfänger hingen so weit von der Decke, dass die eingebundenen Federn über seinen Kopf strichen. Zudem starrten ihn alle möglichen ausgestopften Raubvögel aus den Winkeln des Verkaufsraumes an.
Es roch nach exotischen Gewürzen.
Mit einem Mal stand ein Mann neben Peter, als hätte er sich dorthin gezaubert. So stellte sich Peter einen Indianer vor: Wettergegerbte Haut, eine markante Nase, die dunklen, ergrauenden Haare zu einem Zopf gebunden und mit Federn geschmückt. Fehlte nur das Kostüm, aber der Mann trug eine Jeans und ein schlichtes Hemd.
„Ein Traumfänger für Ihre Frau?“, fragte er mit leichtem Akzent.
Barbara nickte erwartungsvoll.
„Haben sie einen persönlichen Gegenstand dabei?“
Barbara kramte in ihrer Tasche, holte eine kleine Schachtel hervor und gab sie dem Verkäufer.
Darin befanden sich ihre Verlobungsringe.
„Ihre Frau hat mit mir vor ein paar Tagen telefoniert.“
„Aha“, machte Peter nur, der schon so etwas geahnt hatte. „Für mich brauchen Sie so ein Ding nicht zu flechten, ich glaube nicht an diesen Hokus-Pokus.“
Barbara sah sich Laden um und der Indianer sprach in leisem Ton zu Peter: „Aber Ihre Frau glaubt daran. Sie sollten sie dabei unterstützen. Übrigens, zaubern können Traumfänger nicht, sie beeinflussen nur die Art der Träume und damit vielleicht die Selbstheilungskräfte Ihrer Frau.“
„Das mit der Selbstheilung kenne ich schon von einer Esoterik-Tante. Wie funktioniert so ein Traumfänger überhaupt?“
Der Indianer griff nach einem Fänger und fuhr mit einer Hand über das gewobene Netz: „Hier werden die guten Träume festgehalten, damit sie nicht verloren gehen. Das Loch in der Mitte lässt die bösen Träume einfach weiterziehen. So einfach ist das.“
Peters Augen wurden groß. Er hatte mit mehr Magie gerechnet. „Und was kostet so ein Ding?“
„Der für Ihre Frau ist ein ganz spezielles Stück. 500 Euro. Und der zweite für Sie 250 Euro.“
Peter schluckte: „Gibt es eine Geld-zurück-Garantie?“
Die Augen des Indianers leuchteten eine Sekundenbruchteil rot auf, was Peter gar nicht wahrnahm. „Natürlich.“

Als das Paar gegangen war, trat ein Mann im Anzug an den Perlenvorhang, der die hinteren Räume vom Laden trennte.
„Wie lange?“
Der Indianer sah sich die Verlobungsringe an und sagte: „Eine Woche. Länger hält der Ungläubige nicht durch.“

Zwei Tage später hingen die Traumfänger über dem Bett an der Wand.
Peter fand, dass sie wie überdimensionierte Schneeschuhe aussahen. Doch Barbara überhörte den Spott einfach und legte sich früh schlafen.
Und tatsächlich: Kaum lag sie im Bett, fielen ihr die Augen zu.
Peter konnte es nicht glauben. Er ruckelte sie ein paar Mal an, aber sie schlief tief und fest.
Peter las noch ein bisschen in einem Buch und erwartete eigentlich, dass seine Frau jeden Moment wieder erwachte. Aber nichts dergleichen geschah.
Schließlich war er so müde, dass er auch schlafen wollte. Er blickte noch einen kurzen Moment auf seinen Traumfänger und schaltete das Licht aus.
Er schloss die Augen und als er sie wieder öffnete, stand er auf einer weitläufigen Wiese mit wilden Blumen unter blauem Himmel.
Peter wusste, dass er träumte. Und wie aus dem Nichts erschien Barbara und strahlte ihn an. Sie fassten sich bei den Händen und tanzten wild, bis ihnen schwindelig wurde.
Peter ließ sie los, damit sie ins Gras fallen konnten, doch sie schwebte einfach davon. Sie streckte die Arme nach ihm aus. Irgendwann war sie verschwunden.
Schwarze Wolken verdunkelten den Himmel. Wind kam auf, der zu einem Sturm heranwuchs.
Peter konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Blüten wirbelten überall herum. Blitze zuckten am Himmel.
Am Horizont, kaum erkennbar trottete ein riesiger Wolf auf Peter zu.
Er begann zu laufen. Doch obwohl der Wolf sein Tempo nicht erhöhte, holte er auf.
Peter sah sich gehetzt um: Das Untier setzte zum Sprung an und überbrückte die letzten Meter mit einem Satz.
Mit den Vorderpranken drückte er auf Peters Brust, dass dieser kaum noch Luft bekam.
Peter erwartete aufzuwachen, aber nichts dergleichen geschah.
Er starrte in die rotglühenden Augen der Bestie und sah dann nur noch den mächtigen Kiefer mit den Reißzähnen. Fauliger Atem schlug ihm entgegen. Dann fühlte er den furchtbaren Schmerz, als sich die messerscharfen Zähne in seinen Hals schlugen.
Peter saß plötzlich aufrecht in seinem Bett und hechelte in kurzen Stößen. Er tastete nach seinem Hals, aber es war alles in Ordnung.
Er atmete tief aus und kniff die Augen angestrengt zu.
Ein Knurren drang an seine Ohren.
Peter riss die Augen wieder auf. Zwei rote Punkte hingen vor ihm im Dunkel und näherten sich schnell. Er wurde zurück aufs Bett geworfen und spürte den erneuten Biss des Wolfes am Hals.
Und wieder befand er sich in seinem Bett. Hastig schaltete er das Licht an und sprang auf. Panisch sah er sich um; alles war ganz normal. Wütend sah er zum Traumfänger auf.
Langsam beruhigte er sich wieder. Er war so durchgeschwitzt, dass ein neues Unterhemd fällig war.
Komischerweise war seine Frau nicht aufgewacht.
Peter trank ein Glas Wasser und überlegte, ob er sich wieder hinlegen sollte. Er tigerte solange auf und ab, bis er so müde war, dass er sich doch traute, wieder einzuschlafen. Diesmal träumte er gar nichts mehr.

Als Peter am nächsten Morgen aufwachte, wusste er nicht, ob er tatsächlich geschlafen oder nur gedöst hatte.
Barbara schlief bis um zehn Uhr. Sie sah ausgeruht aus.
Peter hingegen hatte rote Äderchen in den Augen und sein Blick wirkte glasig.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte er müde. Seine Hand umklammerte eine Tasse Kaffee. Es war nicht seine erste.
„Herrlich“, Barbara streckte sich genüsslich. „Und ich habe wunderbar geträumt!“
„Das freut mich für dich.“
„Das klingt aber nicht so.“ Barbara sah ihn fragend an.
„Dafür hatte ich Albträume. Aber es geht schon. Natürlich bin ich froh, dass dein Traumfänger so gut funktioniert.“ Die beiden umarmten sich.

Peter duschte und hoffte, damit seine Müdigkeit wegzuspülen.
Er konnte Barbara durch die Milchglasscheibe sehen und wollte die Kabinentür öffnen, doch diese war verschlossen. Das Wasser stieg um seine Knöchel, so als hätten Haare den Abfluss verstopft. Das Wasser stieg höher und höher. Peter versuchte das Wasser abzudrehen, doch es lief weiter, stand schon bis zu den Hüften. Er schlug gegen die Kunststoffscheiben und brüllte, ihn möge jemand befreien. Der Wasserstand kletterte bis zum Hals. Bald würde es über den Rand der Kabine schwappen. Aber das geschah nicht, das ganze Badezimmer stand unter Wasser. Peters Kopf wurde gegen die Decke gedrückt. Automatisch holte er Luft und Flüssigkeit füllte seine Lungen. Sein Brustkorb schmerzte. In seinem letzten bewussten Moment nahm er wieder das angsteinflößende Augenpaar war, das ihn anstarrte.

Eine Woche verging. Während es Barbara immer besser ging, verschlechterte sich sein Zustand. Er nahm Schlaftabletten und Antidepressiva, damit er gar nichts träumte. Er glaubte immer noch nicht an den Zauber. Vielleicht leitete das Ding ja seine Träume an Barbara weiter oder sonst was. Er musste dieses okkulte Teil wieder loswerden.

Er riss seinen Verlobungsring vom Traumfänger ab und verlangte sein Geld von dem Indianer zurück.
„Hat nicht funktioniert oder?“, fragte der Mann.
Peter sah direkt in die rotglühenden Augen des Indianers. Hektisch nahm Peter sein Geld und verschwand ohne eine Antwort.
Der Indianer ging mit dem Traumfänger ins Hinterzimmer. Dort wartete der Mann im Maßanzug. „Erstaunlich, ihre Menschenkenntnis. Genauso erstaunlich wie ihre Gabe, Traumfänger ins Gegenteil zu verkehren.“
Der Indianer übergab die Ware. „Eine Woche schöne Träume, wie abgemacht.“
Ein Koffer wechselte den Besitzer: „Fünfzigtausend Euro, wie abgemacht.“
Der Mann ging: „Bis zum nächsten Mal!“

Letzte Aktualisierung: 22.03.2012 - 13.59 Uhr
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