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Der Psychopath | April 2012
Falling Down
von Ingo Pietsch

Über der Highway-Auffahrt kreiste ein Hubschrauber, zahlreiche Polizisten versuchten das Verkehrschaos in den Griff zu bekommen.
Captain Denning raste zum Kommandostand am Fuß der Auffahrt.
Verschlafen kletterte er aus seinem Auto und begoss sich dabei mit einem Coffee-to-go. Sein Jackett samt Hose war zerknittert, die Haare standen wirr in alle Richtungen.
Ein Polizist mit einem Klemmbrett kam ihm entgegen.
„Hey Captain! Ich hoffe, du bist wacher, als du aussiehst!“
„Gibson, lass die Witze. Was ist hier los?“ Denning nahm einen Schluck Kaffee.
„Geiselnehmer, der Schulbus da oben.“ Gibson zeigte auf den Zubringer.
Denning schirmte sein Gesicht ab und sah hinauf.
„Die Highway-Police hat schon alles abgesperrt.“
„Was will der Typ?“
„Nach Auskunft des Busfahrers will er nur mit seiner Tochter zusammen sein.“
„Erzähl keinen Quatsch. Gibt es da nicht einfachere Möglichkeiten?“
„Er hat bei der Scheidung das Sorgerecht verloren. Darf sich nicht mehr als auf fünfzig Meter seiner Ex-Familie nähern, weil er schon mehrmals den neuen Lebensgefährten seiner Ehemaligen bedroht hat.“
„Und jetzt ist er einfach so ausgerastet?“
Gibson las von seinem Klemmbrett vor: „Lester Stoke, 43. Beruf: Steuerfachberater. Laut psychologischem Profil ist er labil und wird schnell aggressiv. Hat seine Frau mehrfach geschlagen. War mehr mit seiner Arbeit verheiratet als mit seiner Frau.“
Gibson sah Denning an.
„Was soll dieser Blick? Ich habe meine Frau nie geschlagen!“
„Aber du hast dich auch nicht um sie gekümmert. Deswegen hat sie dich verlassen.“
Denning fuchtelte mit seinem ausgestreckten Zeigefinger vor Gibsons Gesicht herum: „Wenn du nicht mein Freund wärst, würde ich dir jetzt in den Arsch treten.“
Gibson wusste, dass er zu weit gegangen war. „Hast Recht, tut mit Leid. Wir sollten uns lieber um den Irren da oben kümmern, denn er ist bewaffnet.“
Denning beruhigte sich langsam wieder. Sein Gesicht war rot angelaufen.
„Auch noch bewaffnet? Wäre ich doch lieber im Bett geblieben.“ Er atmete tief ein „OK, das wird mir hier zu viel. Wo ist der Chief?“
Gibson rollte mit den Augen: „Beim Football. Heute ist Halbfinale.“
„Ist heute Freitag?“ Denning zog den Ärmel des Jacketts hoch und schüttelte die Uhr an seinem Handgelenk, als könne er die Zeit ändern.
„Und das FBI? Wo sind die?“
„Auch im Stadion. Bombendrohung. Du bist hier der Ranghöchste.“
Denning fuhr sich fahrig durchs Gesicht und dachte nach. „Können wir Kontakt mit Stoke aufnehmen?“
„Haben wir schon versucht. Kein Handy und auf Rufe reagiert er mit ungezielten Schüssen.“
„Was für Waffen hat er denn?“, wollte Denning wissen.
„Eine Schrotflinte und zwei Halbautomatik. Die hat er heute Morgen zwei Wachmännern abgenommen. Mit einer Brechstange hat er sie bewusstlos geschlagen, dann den Transporter entwendet. Bei der Flucht hat er Geldscheine auf die Straße fliegen lassen und damit ein ziemliches Verkehrschaos angerichtet. Aber wir konnten ihn dank GPS verfolgen. Er ist direkt vor seinem Büro auf diese bescheuerte Idee gekommen. Sein Chef sagte, als er die Nachricht bekommen hat, dass seine Frau wegzieht, wollte er nur mal Luftschnappen gehen. Dann hat Stoke den Schulbus mit seiner Tochter hier auf der Auffahrt gegen die Absperrung gedrückt und eine Massenkarambolage verursacht. So was hast du noch nicht gesehen.“ Gibson drückte seine Handflächen gegeneinander.
„Sind da noch Leute drinnen?“
Gibson schüttelte den Kopf. „Nur Stoke und seine Tochter sind im Bus.“
„Was ist mit dem Busfunk? Können wir ihn damit erreichen?“
„Ja, müsste gehen.“ Sie gingen beide zu einem stationären Funkgerät und versuchten mehrere Frequenzen, bis Stoke endlich antwortete.
„Lassen Sie mich in Ruhe! Ich will mit meiner Tochter alleine sein!“ Danach kam nur noch Rauschen.
Der Helikopter flog direkt über den Bus. Ein Schuss übertönte sogar den Rotorlärm und der Helikopter dreht wieder ab.
Denning zerknüllte seinen Kaffeebecher. „Ich gehe da jetzt hoch und beende das Ganze.“
Gibson hielt ihn an der Schulter fest: „Bist du verrückt, der wird dich abknallen!“
„Ja und?.“
„Du hast die beiden Wachmänner nicht gesehen. Der hat sich nicht unter Kontrolle.“
„Aber er ist auch ein Vater und wird bestimmt nicht zulassen, dass seine Tochter zusieht, wie er jemanden erschießt.“
Gibson wusste, dass er Denning nicht aufhalten konnte: „Dann nimm wenigstens eine schusssichere Weste mit.“
Denning gab seine Waffe ab und legte die Weste an. Dann griff er zum Funkgerät: „Stoke, hier Captain Denning. Ich werde jetzt unbewaffnet zu ihnen heraufkommen.“
Denning wandte sich an Gibson: „Sag meiner Frau, dass ich sie liebe.“
„Ihr lebt in Scheidung!“
Denning winkte ab und ging los.
Die Polizisten ließen ihn durch und er kletterte über die Autowracks.
Sofort, nachdem er den Transporter umrundet hatte, blickte er direkt in den Lauf einer Schrotflinte.
„Hände hoch!“, rief Stoke. Sein verschwitztes weißes Hemd hing ihm halb aus der Hose, er wirkte nervös. Der Lauf der Waffe pendelte hin und her, als würde sie ihr Ziel nicht finden.
Denning hob die Arme ganz langsam über den Kopf. „Ganz ruhig, ich bin unbewaffnet.“
Seine leeren Handflächen hielt er nach vorn.
Der Captain konnte hinter Stoke im Bus ein kleines blondes Mädchen mit verweinten Augen sehen.
„Was wollen Sie? Mir vielleicht helfen? Ich komme hier sowieso nicht lebend raus.“ Stoke klang beinahe hysterisch.
„Nehmen Sie doch erst mal Ihre Waffe runter.“ Denning ließ sich seine Angst nicht anmerken.
Stoke sah sich um. Als er sicher war, dass es kein Trick war, senkte er den Lauf.
„Hören Sie Stoke, ich bin in einer ähnlichen Situation wie Sie. Aber so etwas können Sie nicht einfach tun.“
„Sie haben überhaupt keine Ahnung, wie es in mir aussieht. Meine Frau hat mich verlassen und zieht mit meiner Tochter weg. Vielleicht werde ich sie nie wieder sehen! Mein Chef hat mir gekündigt. Würden Sie da nicht durchdrehen? Kann ich nicht einmal in meinem Leben an mich denken? Habe ich die vielen Überstunden vielleicht für mich gemacht? War ich etwa kein guter Vater? Ich wollte meine Tochter nur noch ein letztes Mal in die Arme schließen. Was ist falsch daran?“ Stoke standen die Tränen in den Augen und er zitterte.
„Sie haben dafür zwei Menschen krankenhausreif geprügelt und viele weitere hätten schwer verletzt werden können! Das ist nicht ok und das wissen Sie!“ Denning ging ein Stück auf Stoke zu. „Meine Frau hat mich auch verlassen, aber deswegen lasse ich andere nicht bluten.“
„Bleiben Sie stehen, wo Sie sind!“ Stoke riss das Gewehr wieder hoch und schoss Denning vor die Füße. Stokes Tochter zuckte zusammen.
„Stopp!“ Stoke wartete, bis der Schuss verhallt war. „Haben Sie Kinder?“
Denning schüttelte den Kopf.
„Mussten Sie in Ihrem Beruf täglich Menschen belügen? Ich bin Steuerfachberater. Meinen Kunden musste ich falsche Zahlen vorlegen, damit mein Büro mehr Gewinn machen konnte. Wie lange hält man so was schon durch? Fünf Jahre, zehn? Zwanzig Jahre lüge ich meinem Nächsten in Gesicht. Und wissen Sie was? Es reicht mir! Ich hätte viel früher damit aufhören müssen. Aber es war ein fester Job und ich hatte Familie. Und dann hat mir der Staat auch noch meine Tochter weggenommen. Ich habe mir nur wiedergeholt, was mir zusteht!“
Das kleine Mädchen fing an zu weinen. „Bitte, Daddy, tu ihm nicht weh.“
Stoke drehte kurz seinen Kopf und sagte einfach nur: „Pssst!“
Denning hätte ihm das Gewehr entreißen können, doch er dachte über die Worte des Mannes nach. Ihm ging es ähnlich. Und doch hatte er sich besser im Griff.
„Wenn Sie mir Ihre Waffen geben, verspreche ich Ihnen, dass Sie mildernde Umstände bekommen.“ Denning öffnete seine Hände und bedeutete Stoke, ihm die Waffen zu übergeben.
„Daddy, ich will nicht, dass dir was passiert!“ Stokes Tochter schluchzte laut auf.
Stoke schien hin und hergerissen. Er wollte seine Tochter nicht verlieren, er wollte aber auch nicht nachgeben. Schließlich warf er die Schrotflinte zur Seite.
„Die Pistolen auch. Ihnen wird nichts passieren. Ich lege Ihnen nur Handschellen an und wir drei gehen zusammen nach unten.“
Stoke gab auf. Er sah keinen Ausweg mehr.
Denning fesselte seine Hände und steckte sich die Pistolen in den Hosenbund. Dann gingen sie zu dritt zur Absperrung zurück.
Mehrere Polizisten und Sanitäter stürmten auf sie los.
Als Stokes Tochter mit einem Krankenwagen weggebracht wurde, sagte Stoke zu Denning, der sich schon abwandte: „Sagen Sie meiner Tochter, dass ich kein böser Mensch bin.“
Er riss sich aus den Griffen der Polizisten, zog eine Pistole Denning aus dem Hosenbund und schoss.
Denning blickte auf die Pistole an Stokes Kopf, der ihn mit leeren Augen ansah.

Letzte Aktualisierung: 26.04.2012 - 22.10 Uhr
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