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Der Psychopath | April 2012
Stelling
von Wolf Awert

Ich hatte einen Therapieplatz bekommen. Es hatte wirklich auf die letzte Minute geklappt. Meine Nerven waren völlig ausgefranst, und in einer Klinik, wo sie mich mit Medikamenten vollpumpen würden, wollte ich nicht landen. Aber all das war seit dem heutigen Tag Vergangenheit, denn Gott sei Dank gab es Gross-Weidenbach.

„Danke, Herr Professor“, sagte ich, „dass Sie sich meines Falles annehmen wollen.“

Gross-Weidenbach war der Mann, der Stelling geheilt hatte. Stelling den Katzenschlächter. Der Mann, dem man nachsagte, er hätte mit Tieren unvorstellbar grausame Dinge angestellt. Und immer wieder mit Katzen. Über Wochen hatte er die Titelseiten beherrscht, doch am Ende konnten sie ihm nicht viel nachweisen. Stelling wurde wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz verurteilt und mit einer richterlichen Empfehlung, sich doch bitteschön in Therapie zu begeben, in die Freiheit entlassen.

„Na, ob Sie ein Fall sind, wollen wir erst einmal sehen“, sagte Gross-Weidenbach zu mir. „Aber das Gefühl überall von Feinden umgeben zu sein, ist schon mal ein hübscher Anfang.“
„Ja“, sagte ich, „viele Hunde sind der Katze Tod.“
Aber mir war nicht klar, was an meinen Ängsten hübsch sein konnte. Um so etwas zu verstehen, musste man wohl selber das verdrehte Gehirn eines Psychotherapeuten haben.

„Soll ich mich gleich hier auf die Couch legen?“ Ich bemühte mich um einen sachlichen Tonfall, klang aber selbst in meinen eigenen Ohren übereifrig. Gross-Weidenbach lachte.
„Sie haben zu viele Romane gelesen, mein Lieber. Nein, nein, wir brauchen keine Stimme ohne Gesicht. Noch nicht. Heute lernen wir beide uns nur ein bisschen besser kennen. Stellen Sie sich einfach vor, dass wir uns wie zwei ganz normale Männer bei einem ganz normalen Bier gegenübersitzen. Oder besser gesagt zwei.“
„Zwei?“
„Zwei Biere. Zwei Männer, zwei Biere.“
„Ein Mann, ein Wort“, lachte ich. Gross-Weidenbach sah mich völlig verständnislos an. Mir dämmerte, dass sein Humor nicht der meine war. Ich nahm ihn also ernst, zählte die Papierstapel auf der Schreibtischplatte und überlegte, wo man denn das Bier hinstellen sollte.

Das Zimmer war plüschig. Mir fiel kein anderer Ausdruck dafür ein. Möbel aus dem letzten Jahrhundert oder noch älter, aber noch nicht richtig antik. Bücherregale, eine Vitrine mit ein paar unangenehm scharfen Werkzeugen aus Edelstahl darin und schwere Samtvorhänge, die die Fenster bewachten. Etwas irritierte mich. Richtig, kein Bildschirm, keine Tastatur. Noch nicht einmal in einer der Ecken.

„Haben Sie Haustiere?“, platzte Gross-Weidenbach in meine Gedanken.
„Nein.“
„Schade. Über Tiere lässt sich herrlich plaudern.“
Gross-Weidenbach versank in sich selbst. Er legte die Fingerspitzen seiner gespreizten Finger gegeneinander und schaute an die Decke. Ein unangenehm drückendes Schweigen breitete sich zwischen uns aus, bis er endlich seinen Blick von der Decke löste und ihn wieder auf mich richtete. Mein Unbehagen blieb. Jetzt fühlte ich mich wie in Harz eingebettet unter einem Mikroskop.
„Sie können auch mich etwas fragen, wenn Sie möchten“, sagte Gross-Weidenbach.
Ich schluckte. Ich hatte tatsächlich eine Frage. Trotzdem dauerte es seine Zeit, bis ich mich traute.
„Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, mir Ihre Zeit zu opfern? Ich dachte, seit der Sache mit Stelling hätten Sie nur noch privatisiert.“
Ich bemühte mich um Haltung, und doch kamen meine Worte etwas hastig und stoßartig. Gross-Weidenbach schaute mich an. Mit Nachsicht und mit viel Wärme. Ich beschloss, diesem Mann zu trauen.
„Ihr Fall. Nur ihr Fall. Dass jemand als Priester auf der Kanzel steht, dort von Nächstenliebe predigt und zuhause mit der Fliegenklatsche jede Fliege tötet, die er sieht, ist etwas ungewöhnlich.“

Ich hatte ihm das nicht erzählt. Zumindest nicht direkt. Ich war ja auch nicht wegen der Fliegen hier, sondern wegen meiner Ängste. Ich fürchtete mich jeden Tag vor etwas anderem. Mir fehle das Urvertrauen, hatte mein Hausarzt gesagt. Wie soll ein Mensch in dieser Welt funktionieren, dem das Urvertrauen fehlt?
Aber was Gross-Weidenbach sagte, traf zu. Ich konnte Fliegen, Mücken und alles, was nach Fliegen und Mücken aussah, nicht ausstehen.

„Ich bin wohl nicht der Einzige, der nach einer Fliege schlägt“, bemerkte ich endlich etwas ungnädig.
„Nein, aber Sie sind der Einzige, den ich kenne, der nach fünf getöteten Fliegen mit einer heißen Backnadel in seine Fliegenklatsche eine Kerbe hinein brennt.“
„So etwas habe ich nie getan“, protestierte ich.
„Noch nicht, mein Lieber, noch nicht. Aber das das kommt noch. Warten Sie es ab. Wie ist eigentlich das Verhältnis zu Ihrer Mutter?“

Was hatte denn meine Mutter damit zu tun. Meine Mutter lebte doch schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Ich beschloss, die Frage zu überhören. Ich musste herausfinden, warum der Mann, der Stelling geheilt hatte, sich ausgerechnet mit meinen Ängsten beschäftigen wollte.
„Wie ist Ihnen das eigentlich gelungen, Herr Professor? Den Stelling zu heilen, meine ich.“
„Oh, wie interessant“, sagte Gross-Weidenbach
„Was ist interessant?“
„Sie haben auf meine Frage mit einer Gegenfrage geantwortet.“
„Aber Sie sagten doch, ich dürfte Fragen stellen.“
„Ja, das sagte ich, aber Sie stellen sie gerade jetzt, wo Sie meine Frage beantworten sollten.“ Er drohte mir mit dem Zeigefinger wie einem unartigen Erstklässler. „Sie laufen mir davon, Sie Schlingel. Was ist denn nun mit Ihrer Mutter?“
Aber so einfach wollte ich mich nicht geschlagen geben.
„Unser Verhältnis war gut. Und meine Mutter kannte den Stelling. Sie wohnten beide in derselben Straße.“
„Aber das weiß ich doch, mein Guter. Ihre Mutter hatte damals eine weiße Katze. Ganz weiß. Trug ein rotes Halsband. Rot wie Blut. Und die Katze fing Vögel. Holte sie von den Bäumen. Alle haben sich darüber aufgeregt. Die ganze Straße. Es war eine sehr böse Katze. Sie gehörte bestraft. Man hätte sie aber auch therapieren können. Vielleicht.“
Ich konnte mich an keine weiße Katze erinnern. Ich musste damals noch sehr jung gewesen sein.
„Wie war es denn nun mit dem Stelling?“, bohrte ich nach.

Gross-Weidenbach lehnte sich so weit zurück, wie die Rückenlehne seines Sessels es zuließ, und presste wieder die Fingerspitzen gegeneinander.
„Die Medien haben meine Rolle damals gewaltig übertrieben. Sie müssen wissen, jemanden wie den Stelling heilt man nicht. Man kann ihn zähmen, entschärfen, seine Persönlichkeit etwas abrunden, aber nicht heilen. Aber deshalb sind Sie doch nicht zu mir gekommen. Wollen wir nicht lieber über Sie reden? Haben Sie Katzen?“
„Nein!“, antwortete ich. „Ich habe keine Haustiere. Aber das sagte ich doch bereits.“
„Hmmm, keine Haustiere.“
Professor Gross-Weidenbach kritzelte ein paar kurze Worte auf seine Schreibtischunterlage, schaute hoch und meinte:
„Nicht schlimm, nicht schlimm. Das kommt noch. Hier, nehmen Sie rasch dieses Blatt Papier und zeichnen Sie einfach ein paar Kreise darauf.“

Ich musste an einen alten Witz denken. Da saßen die Therapeuten mit ihren Patienten in geselliger Runde und niemand konnte sagen, wer die Therapeuten und wer die Patienten waren. Und am Ende stellte sich heraus, dass die Therapeuten die Verrückten waren. Ich malte einen großen Kreis und weiter vorn, etwas höher, einen kleinen.
„Reicht das?“, wollte ich wissen.
„Sicher. Ganz ausgezeichnet. Sie wissen, was Sie da gezeichnet haben?“
„Zwei Kreise.“
„Oh nein. Das ist eine Katze. Die Katze Ihrer Mutter. Aber lassen wir das für den Augenblick. “

So langsam durchschaute ich Gross-Weidenbachs Strategie. Wahrscheinlich wollte er mich verunsichern oder von Stelling abbringen. Aber wenn er sich an meiner Mutter festbiss, wie der Hund an einem Knochen, dann würde ich meine Zähne in Stelling schlagen.

„Der Stelling, Herr Professor. Wie ist es Ihnen denn nun gelungen, ihn zu zähmen oder seine Persönlichkeit zu runden.“
„Das war nicht schwer. Ich habe mit Rollenspielen gearbeitet, mit sich verändernden Positionen. Sagen Sie, können Sie Tierstimmen imitieren? Wie bellt der Hund?“
„Wuff wuff.“
„Und wie kräht ein Hahn?“
Ich rang mir ein widerstrebendes Kikeriki ab.
„Und die Katze?“
Der hatte es wirklich mit den Katzen. „Miau, Mio, Maunz“, machte ich, während ich mit meinen Gedanken ganz woanders war. „Einfach nur Rollenspiele? Und das hat funktioniert?“
„Sicher. Ich habe ihm vorgeschlagen, er solle sich hin und wieder in meine Rolle versetzen und den Therapeuten spielen, aber bleiben wir doch bitte bei den Tierstimmen. Ihr Miau, Mio, Maunz hat mir wunderbar gefallen. Und wie klingt es nun, wenn eine Katze vor Schmerzen aufschreit. Wenn man ihr …“

Ich hörte das Ende des Satzes nicht mehr. Ich sprang aus meinem Sessel heraus und stürzte aus dem Zimmer, rannte aus dem Haus quer über den Rasen des Vorgartens und immer weiter die Straße hinunter.

Letzte Aktualisierung: 22.04.2012 - 19.27 Uhr
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