Es war das 242ste Mal, dass er in seinem zwanzigjährigen Dasein als Pfarrer zu einem Sterbenden gerufen wurde. Pfarrer Goldbach führte genau Buch. Er bewunderte immer wieder das Timing der Sterbenden oder deren Angehörigen. Nach der Bitte um Krankensalbung und Sterbesakrament lebte kaum jemand länger als eine Woche. Obwohl es sich der Geistliche wahrlich wünschte, dass der ein oder andere noch länger auf dieser Erde weilen würde. Mit jedem Tag, den ein von ihm Besuchter länger durchhielt, stieg sein Gefühl, seine Arbeit gut gemacht zu haben. Schließlich hatte jeder es gern, wenn sein Bemühen Früchte trug und zum Denken anregte.
Was würde ihn heute erwarten? Die Seele quält sich besonders stark, wenn der Moment des Todes nahe rückt. Sie giert danach, Dinge ins rechte Licht zu rücken, aufzuräumen. Ein Treffen mit dem Tod entfesselt gleichzeitig den Wunsch, ins Reine zu kommen.
Diesmal ging es in eine Neubausiedlung: Thomas Winter, Familienvater, zwei kleine Kinder.
Goldbach betreute nach dem Ableben noch für lange Zeit die Hinterbliebenen. Nachdem sie einen solch großen Verlust erlitten hatten, fühlte er sich verantwortlich für ihr geistiges Seelenheil. Meist mussten sie erst wieder Vertrauen in ihn und die Kirche fassen. Schließlich erlebten sie nicht nur die körperlichen sondern auch die psychischen Veränderung eines geliebten Menschen hautnah mit. Tage, in denen der Kranke keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Eine Zeit, in der die Hinterbliebenen nie sicher sein konnten, ob es nicht doch die Krankheit war, die aus dem Menschen sprach.
Angekommen, wurde der Pfarrer sofort in das Krankenzimmer geleitet. Sein Blick fiel zuerst auf das Kreuz, mittig über dem Ehebett angebracht. Thomas Winter lag auf seiner Hälfte, ordentlich gewaschen. Für das heutige Treffen sorgfältig zurechtgemacht. Die farbige Bettwäsche gaukelte Fröhlichkeit vor, frische Blumen standen auf dem Nachttisch. An den Wänden hingen Kinderzeichnungen. Für Papa! Jeder Betrachter erkannte sofort: Hier wurde ein Mensch gepflegt, der geliebt wurde. Sanft streichelte Frau Winter ihrem Mann über die eingefallene Wange.
“Der Pfarrer ist jetzt da, Liebling.“
Sie strich die Bettdecke glatt, kontrollierte das Wasserglas, drückte noch einmal die Hand ihres Mannes, nickte dem Pfarrer zu und ließ die beiden allein.
Die Tür fiel leise ins Schloss und schuf ein Refugium innerhalb der eigenen vier Wände, in dem Goldbach und Winter Asyl fanden zwischen den Welten.
Der Geistliche stellte Öl, Weihwasser und die Schale mit Hostien auf das mit einem weißen Tuch bedecken Tischchen bereit. Dann trat er an das Bett.
Er nahm sich einen Moment, um den Kranken genau zu betrachten. Abgemagerter Körper, nach Medikamenten riechender Atem, fahle Haut. Die einzige Verbindung Todkranker zum Leben war das Gesicht. Alles, was den Menschen als Persönlichkeit ausgemacht hatte, zog sich mit dem sich nähernden Tod langsam aus dem Körper zurück, bis das wahre Ich nur noch im Gesicht und später nur noch in den Augen zu identifizieren war. So hatte er es 241 Mal erlebt.
Und immer flehten die eingefallenen Augen, flehten Goldbach stumm an, ihn, den Vermittler. Baten um Hoffnung.
Beim Anblick der liturgischen Gegenstände kam etwas Leben in den Todgeweihten.
„Guten Abend, Pfarrer Goldbach. Danke, dass sie gekommen sind.“ Winter sprach leise und zögerlich. Jedes Wort strengte ihn an.
„Ich bin hier, um dir zuzuhören, mein Sohn. Aber lass uns erst gemeinsam beten.“
Der Pfarrer entzündete die bereitstehende Kerze, schlug das Kreuzzeichen in die Luft und stimmte das Vaterunser an. Goldbach betete inbrünstig, in sich gekehrt.
„Amen.“ Winter richtete sich ein wenig auf und wandte sich so weit er konnte dem Pfarrer zu.
„Glauben sie an Wunder? Denn nur ein Wunder und Gottes Barmherzigkeit kann mich noch retten. Meine Krankheit ist zu weit fortgeschritten.“
„Irgendwann ist für jeden der Zeitpunkt gekommen, diese Welt zu verlassen. Die Frage ist, wie wir Gott gegenüber treten.“
„Ich habe Schuld auf mich geladen.“
„Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden.“
„Ich war habgierig. Ich habe mich immer nur um Äußerliches bemüht. Um ein großes Haus. Ein teures Auto. Um materielle Dinge.“
„Als deine Gemeinde Geld brauchte, um das Dach der Kirche zu reparieren, warst du nicht bereit zu helfen.“
„Ich bereue mein Verhalten. Ich wollte erst meiner eigenen Familie ein sorgloses Leben aufbauen.“
„Du warst selbstsüchtig und egoistisch.“
„Das sehe ich jetzt auch.“
„Gott sah es schon dein Leben lang. Und er sah auch all deine anderen Sünden.“
„Ich war neidisch auf meine Arbeitskollegen, denen alles so mühelos gelang, die so erfolgreich Beruf und Familie miteinander vereinbaren konnten. Ich habe mehr Energie in meine Karriere gesetzt als in mein Familienleben. Erst mit der Krankheit habe ich gelernt, dass Liebe das höchste Gut ist. Die Liebe meiner Familie gibt mir die Kraft, mein Leid anzunehmen.“
„Kannst du dir ihrer Liebe wirklich sicher sein? Frauen sind berechnend. Sie wollen verführen und nutzen die Schwäche der Männer aus. Am Ende haben ihre Kinder viele Väter.“
„Meine Frau hilft mir wo sie kann. Ohne sie könnte ich meine Krankheit schon lange nicht mehr ertragen.“
„Das ist schließlich ihre Pflicht. Bist du wirklich sicher, dass sie nicht in Gedanken schon das Leben nach deinem Tod herbeisehnt? Wahre Liebe kann es nur zu Gott geben. Gott bestimmt selbst, wer sich seiner Liebe als würdig erweist. Dein Leid hat einen Grund. Dein Leben war nicht gottesfürchtig genug. Gott straft mit Krankheit, um die Schwachen von den Starken zu unterscheiden.“
„Ich bin stark und ich bereue zutiefst, dass ich Böses getan und Gutes unterlassen habe. Bitte sprechen sie mich frei von meinen Sünden.“
Völlig erschöpft vom Sprechen sank Winter tiefer ins Kissen.
Es war immer das Gleiche. Kurz vor dem Ende baten sie um Absolution. Goldbachs Halsschlagader trat hervor, als er daran dachte, wie berechenbar dieses Verhalten war.
„Ich werde dich nicht von deinen Sünden lossprechen.“
„Aber ich bereue!“
„Dafür ist es zu spät.“
Mit flackerndem Blick hing Winter an Goldbachs Lippen.
„Bitte“, flehte er mit hoher, schriller Stimme. Seine Brust hob und senkte sich unrhythmisch unter der Bettdecke.
„Bitte, ich flehe sie an – Salben sie mich und lassen sie mich das letzte Sakrament empfangen.“
Der Pfarrer wandte sich ab, holte das Öl und trat wieder an das Bett des Kranken. In Erwartung des Kreuzzeichens auf der Stirn schloss Thomas die Augen.
„Ich kenne die Menschen. Menschen lügen. Menschen betrügen. Menschen heucheln. Menschen sehen nicht, worauf es im Leben ankommt. Nur die Liebe zu Gott ist wichtig. Auch du hast es nicht erkannt. Du bist nicht würdig, dass Gott dir vergibt.“
Die Stirn des Kranken blieb unberührt.
„Aber ich bereue! Bitte, geben sie mir ein Zeichen der Gnade! Geben sie mir das letzte Sakrament. Die heilige Kommunion.“
„Jetzt erbittest du die heilige Kommunion? Wo warst du sonntags, um gemeinsam mit der Gemeinde die Eucharistie zu feiern? Wo warst du, um Gott zu ehren?“
Jetzt liefen Tränen über Winters Gesicht.
Wie in den anderen Fällen fühlte Goldbach einen kurzen Moment des Zweifels. Er wusste, dass Gott seinen Glauben prüfte und blieb standhaft. Gott vertraute ihm. Gott setzte auf ihn und seine Arbeit. Er durfte ihn nicht enttäuschen. Was sollte Gott mit Kranken und Schwachen anfangen?
„Dein Platz ist nicht an Gottes Seite!“
„Bitte, hab Erbarmen“, versuchte Thomas Winter es ein letztes Mal.
Der Geistliche öffnete die Tür und rief nach der Frau des Hauses. Beim Zusammenpacken seiner Sachen beobachtete er, wie sie an die Seite ihres Mannes eilte, sich über ihn beugte und ihn anlächelte.
Thomas Winter presste die Lippen zusammen und drehte den Kopf weg. Es war immer das Gleiche!
Letzte Aktualisierung: 22.04.2012 - 19.20 Uhr Dieser Text enthält 7748 Zeichen.