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Rivalität | Mai 2012
Mokkabutterkreme
von Anne Zeisig

Mein Graueselchen Marlies steht inmitten von Backutensilien in der Küche. Das Mehl auf dem Kopf meiner Gattin lässt ihr ergrautes Haar weiß erscheinen und gerne würde ich den Klecks Butterkreme von ihrer Nasenspitze küssen, wenn ...

“Dieses Jahr werde ich es der aufgeplusterten Reinhards zeigen! Stell dir mal vor! Die erzählt in der gesamten Gartennachbarschaft herum, dass ihre Weihnachtstorte am besten geschmeckt hat! Wegen der besonderen Mokkabutterkreme! Ein Familiengeheimrezept! Dass ich nicht lache! Die hat doch alle Verwandten längst vergrault! Der werd ich ‘s zeigen!”

... wenn Marlies nicht diesen Ehrgeiz an den Tag legen würde.

So kenne ich meine Gattin überhaupt nicht. Da ist man gute vierzig Jahre verheiratet und lernt immer noch neue Seiten an der Partnerin kennen.

“Ich verwende schließlich auch Bourbon-Vanilleschoten und einen Milchauszug mit frischen Arabica-Bohnen, Anbaugebiet Guatemala, und Bio-Milch für die Kreme. Pah! Die olle Pute hat ja so getan, als hätte sie das Backen neu erfunden!”
Meine Frau rührt mit hochrotem Kopf in der Schüssel herum und schöpft einen Teil der Kreme in eine kleinere Form. “Die ist für das Extrastück.”
Ich frage nach dem Anlass für das Kampfbacken.
“Diese Angeberin hat mich gestern angerufen und in den Hörer getrötet, dass ich zum Sommerfest keine Torte machen muss, weil Weihnachten von meiner sowieso alles übriggeblieben ist!”
Meine Gattin rührt weiter rabiat in der Schüssel herum. “Über die Hälfte musste ich in den Mülleimer werfen.” Sie schubst mich beiseite und stellt einige Utensilien in die Spüle. “Du hast sogar von der Reinhardschen zwei Stücke gegessen und von meiner nicht ein einziges!”
“Ich hatte einfach Hunger”, entschuldige ich mich, “weil Erwin wieder zu wenig Grill-Würstchen bestellt hat.”
Meine Gattin schüttelt ihre Graumähne. “Muss man im Winter grillen? Tztz. Dieses Jahr kannst du dich jedenfalls an meinem Kartoffelsalat satt essen. Und Frikadellen werde ich auch noch machen! Wäre doch gelacht, wenn ich der Reinhards nicht ihr hochnäsiges Maul stopfen könnte!”
Sie schichtet die Tortenböden aufeinander. “Das wird eine Vierstöckige. So wie ich sie zur Hochzeit von unserer Julia gemacht habe.” Sie zwinkert mir zu. “Damit wird mir die diesjährige Tortenlaudatio sicher sein.”
Marlies versteht die politischen Zusammenhänge in unserer Kleingartenlage überhaupt nicht.
Ich erkläre ihr, dass Erwin für die Materialausgabe zuständig ist.
“Wer gut schmiert, der gut fährt. Heißt in diesem Fall, dass so ab und zu ein paar Gramm mehr Blaudünger im Garten der Tortenlobenden abgeliefert werden. So einen Schmus haben wir nicht nötig. Wir haben ein Leben lang mit ehrlicher Hände Arbeit unser Einkommen verdient und so soll es bleiben.”
Marlies reißt ihre Augen auf. “So ist das also! Dann wird es Zeit, dass du dich endlich auch zur Wahl stellst. So eine Gegenkandidatur kann für uns von Vorteil sein, Heinz-Jürgen. Das Gesicht von der Reinhards möchte ich sehen, wenn du Chef der Materialausgabe bist.”
Ich winke ab.
Marlies tippt mir auf die Brust.
“Außerdem bestellt der Erwin bestimmt extra weniger Würstchen, damit sich alle an der Torte seiner Gattin satt essen müssen. Von wegen, ich erkenne keine politischen Zusammenhänge. Womöglich meint die Reinhards, promoviert zu haben, nur weil sie das Backpulver von Dr. Oetker verwendet.”
Nun flüstert meine Schöne. “Ich habe viel zu spät bemerkt, dass meine Torte erst gegen Abend auf ‘s Büfett gestellt wurde. Ich wette, das hat die Reinhards arrangiert. Kein Mensch isst nach Siebzehn Uhr Torte. Kein Wunder, dass so viel übriggeblieben ist.”
Ich nicke zustimmend.

Marlies bereitet ein kleines Törtchen und belegt es mit Mokkabohnen.
“Das bringst du der Reinhard gleich rüber zum Probieren.”
Verstehe einer die Frauen.
“Du willst ihr eine Kostprobe zukommen lassen?”
Marlies nickt kurz. “Erdbeerbowle mache ich auch noch.”
“Warum machst du dieses Jahr so viel?”
Sie stupst mir mit der Rührkelle auf die Stirn. “Damit keiner hungrig und durstig das Fest verlassen muss.”
“Aber Frau Doktor Reinhards wird auch was beisteuern.” Ich kichere.
Meine Frau zwinkert mir zu. “Sie könnte plötzlich krank werden.”
Sie hievt ihr Tortenungetüm in die Speisekammer und schleppt einen Sack Kartoffeln vor sich her. “Du hilfst nachher beim Abpellen!”
Ich denke nicht dran!
Mir ist es wurscht, welcher Kuchen besser schmeckt. Das ist unser alljährliches Sommerfest! Da wird gegessen, getrunken, getanzt und da hat man Spaß miteinander. Auf der Weihnachtsfeier ist dem Erwin nach dem zehnten Glas Heidelbeerglühwein übel geworden, da hat der seinen Mageninhalt samt Gebiss im Vereins-WC hinuntergespült.
“Marlies, der hat tatsächlich weit über tausend Euro im Klo versenkt! Ich wette, die Reinhards haben dieses Jahr kein Geld für Biomilch und Bohnenkaffee aus Guantanamo übrig.”
“Guatemala, Heinz-Jürgen.”
Ich winke ab. “Meinetwegen. Tatsache ist, dass der Erwin keine Zahnzusatzversicherung hat.”
“Und du hast keinen Posten im Verein.”
Nun geht dieses Leier wieder los. Mir hat ein Leben lang das Machtgehabe im Büro gereicht!

Marlies schiebt mir die Erdbeeren zum Waschen hinüber.
Ich nehme eine kleine Schüssel aus der Spüle und schleckere mit einem Löffel den Rest Mokkabuttercreme heraus.
Hm.
Lecker.
Aber die Kreme von der Reinhards hat irgendwie besser geschmeckt.
Mein Graueselchen reißt mir die Schüssel und den Löffel aus den Händen. “Bist du verrückt? Das ist der Rest vom Probierstück für die Reinhards!”
“Ja und?”
“Da habe ich ein paar Tropfen Rizinusöl eingearbeitet”, zischt Marlies mir leise zu und blickt zum geöffneten Küchenfenster. “Wenn die Reinhards Durchfall hat, dann kann sie weder backen noch Salat machen.”

Da ist man über vierzig Jahre verheiratet und dann tun sich solche Abgründe auf.
Meine Gattin wischt sich den Klecks Mokkabutterkreme von der Nasenspitze. “Schau nicht so entsetzt. An der Küchenfront wird mit allen Mittel gekämpft. Wie in der Politik.”
Dann beginnt sie, die Erdbeeren zu putzen.

Ich ziehe mir meine Jacke über und nuschele, dass ich noch Unkraut jäten müsse.
Marlies drückt mir das Tortenstück in die Hand. Sie hat es säuberlich in Alufolie verpackt. “Das ist jetzt wichtiger als dein Unkraut. Ich hoffe auf deine Solidarität, Heinz-Jürgen.”
Aber wenn die Reinhards wegen Dünnschiss nicht am Sommerfest teilnehmen kann, dann muss Erwin Zuhause bleiben, Händchen halten, Zwieback servieren und Magen-Darm-Tee kochen.
Ohne meinen Gartennachbar ist der Spaß jedoch nur halb so groß.
Deshalb kann sich der Mülleimer über die Kostprobe freuen.
Im Rausgehen höre ich noch, wie Marlies ruft: “Wage es nicht, das Stück in den Müll zu werfen!”



© anne zeisig, version 3

Letzte Aktualisierung: 20.05.2012 - 19.29 Uhr
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