Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Rivalität | Mai 2012
Matchball
von Angelika Gerber

Auf in den Kampf.
Noch mal tief durchatmen. Ein letzter Blick in den Innenspiegel. Treffer, ich sah nie besser aus. Vielleicht ist der Anzug etwas übertrieben?
Nein, der erste Eindruck zählt. Er soll von Anfang an bemerken, dass ich nicht irgendjemand bin.
Als ich aus dem Auto steige, ziehe ich den Bauch ein und drücke die Brust raus. Wer weiß, ob er nicht am Fenster steht und nach mir Ausschau hält. Okay, ich gehe im Kopf noch mal meine Checkliste durch.
Natürlich sein, nicht zu dick auftragen und auf keinen Fall zu viel reden. Er soll anfangen.
Ich bleibe sachlich, ruhig und versuche, so interessant wie möglich zu wirken
Gut, dann mal los.
Ab diesem Moment läuft alles völlig aus dem Ruder.

Angespannt drücke ich auf die Klingel, wohl zu heftig, sie bleibt hängen und lautes Hundegebell aus Nachbars Garten verleiht meinem Ankommen einen extrem aufdringlichen Beigeschmack. Laute Rufe aus dem Innern des Hauses ertönen, während ich krampfhaft versuche, den Klingelknopf aus seiner Misere zu befreien. Endlich, es gelingt, die Klingel verstummt, die Haustüre wird aufgerissen.
„Papa“, lacht Max fröhlich und springt mir in die Arme.
“Max, MEIN SOHN“, rufe ich so laut wie möglich und drücke ihn eng an mich.
„Papa, lass mich los, ich krieg´ keine Luft“, schreit Max.
Als ich ihn wieder auf dem Boden abstelle, weist sein Gesicht eine rötliche Farbe auf, er ergreift die Flucht.
„Wir sind in der Küche“, ruft mir eine liebliche Stimme zu. Oha, sie scheint ja sehr gute Laune zu haben.
„Hallo Halli, ich komme schon“, singe ich zurück. Hilfe, ich habe gesungen! Schnell eile ich in die Küche, strecke den Kopf hinein und ziehe ihn augenblicklich wieder heraus.
Da stehen die zwei am Herd, Seite an Seite. Meine Frau – okay, okay Exfrau - und ihr neuer Lover. Es ist schlimmer als erwartet. Er sieht nicht mal annähernd so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe.
Kein Bierbauch, kein Schnauzer, kein kreisrunder Haarausfall, kein Buckel und auch keine grauen Haare. Nein, ich glaube sofort, er riecht nicht mal streng. Alles ganz und gar nicht wie in meinen Träumen. Er sieht einfach aus wie … wie … verdammt, ja, er sieht richtig gut aus. So eine Mischung aus Schwiegermamas Liebling, super begnadeter Liebhaber und ehrlicher Freund.
Ach je, es ist echt zum Kotzen. Da kann ich nur verlieren.
Hör auf damit, Frank, dem zeigst du es! Schnell dränge ich die negativen Gedanken zurück, setze mein sympathischstes Lächeln auf, stürme in unsere Küche und strecke ihm die Hand hin.
„Hallo, ich bin Frank, du musst dieser Jürgen sein.“ Ups, Mist, dieser hätte ich nicht sagen sollen. Zu spät.
„Ja, hallo, schön dich kennenzulernen, ja, ich bin DIESER Jürgen. Und du bist also dieser Frank.“
Aha, sehr witzig, mein Kleiner! Und gute Ohren hat er auch. Tja, wenn er so gut hören kann, dann frage ich mich, wann er gehört haben will, dass ich ihm das DU angeboten habe. Aber ich werde mich zügeln! Kein Problem. Ich bin die Ruhe selbst. Verprügeln kann ich ihn später. Super, dann duzen wir uns.
„Hab `schon viel von dir gehört“, sagen wir fast gleichzeitig im selben samtweichen Tonfall. Unsere Augen sprechen derweil eine ganz andere Sprache.
Caro schaut etwas verwundert von ihm zu mir und wieder zurück. Sie wischt ihre Hände an der Schürze ab und schenkt mir eine freundschaftliche Umarmung. Ich drücke sie kurzentschlossen ganz eng an mich. Sie befreit sich aus meinem Klammergriff.
„Frank, du im Anzug? Hast du heute noch etwas vor“, fragt sie verwundert.
„Ähm, ich habe noch einen Termin bei der Sparkasse“, lüge ich gekonnt.
Oh Gott, Sparkasse, wie hört sich das bitte an? Hätte ich nicht wenigstens Deutsche Bank sagen können oder DiBa?
„Ich meine bei der DiBa“, setze ich nach und schlage mir vor Schreck fast die Hand vor den Mund. „Die DiBa heißt ausgesprochen Direktbank, so ist es dir vielleicht eher ein Begriff, Jürgen“, höre ich mich sagen und merke noch im selben Moment, wie peinlich das klingt. Caro sieht so aus, als würde sie jeden Moment laut loslachen. Schnell werfe ich ihr einen warnenden Blick zu. Sie verlässt daraufhin wortlos die Küche, aber in ihren Augenwinkeln glitzern die Tränen. Ich habe die Befürchtung, sie geht zum Lachen in den Keller.
„Und, Jürgen, du kochst also gerne. Die Schürze steht dir wirklich gut“, versuche ich meinen Einstieg zu retten. Jürgen überhört die Anspielung. Er erzählt mir ausführlich von irgendwelchen Kochkursen, die er mit Caro belegt hat. Pfui, wie unmännlich. Mir geht´s augenblicklich besser.
Er erklärt mir, wie wichtig es gerade für Kinder ist, sich gesund zu ernähren und nicht nur Fast-Food zu sich zu nehmen. Eine Weile nicke ich nur, weil mir dies sicherer erscheint. LANGWEILIG, mein Kleener, einfach nur LANGWEILIG.
Da schreitet meine große Tochter Laura in die Küche.
„Hallo Laura, mein Schatz, da bist du ja“, sage ich erfreut. Sie haucht mir einen Kuss auf beide Wangen. „Hi Paps, alles klar bei dir. Ey, Jürgen, was gibt’s zum Essen?“
Sie legt ihm die Hand auf die Schulter und versucht, einen Blick in den Topf zu werfen.
„Finger weg, meine Liebe, schön warten, bis das Essen auf dem Tisch steht.“
Bei „meine Liebe“ schrillen die Alarmglocken in meinem Kopf. Gleich haue ich ihm eine rein. Ich balle schon mal die Faust. Meine Rechte ist gefürchtet. War sie zumindestens damals in den 90ern.

Während des Mittagessens schlage ich mich tapfer. Ich rede wenig, esse wenig, obwohl es außerordentlich gut schmeckt - aber das muss er ja nicht wissen -, und versuche, meine guten Vorsätze wieder einzubringen.
Erst, als dieser Jürgen anfängt, mich erneut zu provozieren, entgleitet mir die Situation etwas.
„Max, wenn du willst, kann ich dich morgen zum Fußballtraining fahren“, sagt Jürgen.
„Wow, mit deinem Mercedes. Darf ich dann vorne sitzen?“, ruft Max begeistert.
„Okay, aber nur ausnahmsweise.“
„Also vorne sitzen, das kann ich unter keinen Umständen erlauben. Max, mein Sohn, das ist verboten und höchst gefährlich! Es wäre leichtsinnig. Völlig ausgeschlossen.“
„Ach, Frank, jetzt lass dem Jungen doch den Spaß“, mischt sich Caro ein. Ich springe erbost auf: “Spaß? Du nennst das Spaß? Caro, wenn dem Jungen etwas passiert, lacht keiner mehr.“ Jetzt bin ich auf hundert-achtzig. Am besten gehe ich mit diesem Frauenversteher raus. Wir können das austragen wie echte Kerle!
„Okay, dann sitzt du eben hinten, Max, das ist auch toll“, versucht Jürgen zu kitten.
Ich setze mich wieder hin. Ha, jetzt hat er Angst bekommen.
Aber Max ist sauer: „Mensch Papa, du bist ein Spielverderber, die Jungs hätten Augen gemacht.“
„Max, ich habe die Verantwortung für dich, da muss man Prioritäten setzen“, erkläre ich.
Ob Jürgen bemerkt, wie gut ich Fremdwörter kann? Um Punkte zu sammeln, füge ich hinzu:
„Was ist, Max sollen wir rausgehen, paar Körbe werfen?“
Max strahlt: „Au ja, Jürgen, kommst du auch mit? Papa, Jürgen kann richtig gut Basketball spielen.“
„Ganz sicher nicht besser als ich“, prahle ich. „Doch, Papa, echt“, sagt Max mit Unschuldsmiene. Jürgen grinst. Der Blödmann.
Eine gute Stunde später spielen wir immer noch. Max hat schon eine Weile keine Lust mehr, er fährt lieber Fahrrad.
Mit nacktem Oberkörper stehen wir uns gegenüber. Jürgen mit Waschbrett, ich mit Waschbärbauch. Egal, auf Äußerlichkeiten kommt es nicht mehr an.
Es riecht nach Schweiß, nach Mann, nach Sieg. Matchball für Jürgen.
Egal was jetzt passiert, er darf nicht gewinnen. Es geht um die Ehre, um den besseren Erzieher, um den besseren Mann, um ALLES.
Er dribbelt langsam auf mich zu, ich richte mich zur vollen Größe auf, er darf auf keinen Fall frei werfen. Er wirft verdammt gut, ich springe hoch, er springt hoch, wie in Zeitlupe steigen wir immer höher, ich lasse den Ball nicht aus den Augen, versuche, ihm das runde Ding aus der Hand zu schlagen, in dem Moment passiert es. Unsere Köpfe knallen volle Breitseite zusammen.
Ich weiß nicht, wer lauter schreit. Doch, er natürlich.
Sterne, überall leuchten bunte Sterne.

Stunden später sitzen wir immer noch draußen, zwischen uns der Ball und eine wunderbare Stille. Wir brauchen nicht viele Worte.
Caro ist zu einer Freundin geflüchtet, weil wir angeblich betrunken sind und Mist reden.
Mit den leeren Bierflaschen haben wir einen Halbkreis um uns herum gebaut. Es fehlen noch ein paar, um das Bauwerk zu vervollständigen.
Jürgen ist dufte. Dufte, einfach dufte.Apropos:
„Du stinkst“, sage ich. Er hebt seinen Ellbogen, schnuppert.
„Hast Recht, aber du auch. Sag, mal, was fährst du eigentlich für ein Auto?“
„Sag´ ich nicht“, brummle ich.
„Mach schon.“
„Ford Fiesta.“
Jürgen lacht, ich boxe ihm eine in die Seite. „Scheidungen sind verdammt teuer, du Idiot.“
„Du hast deinen Banktermin verpasst.“
„Egal, war eh ein Online Banking Termin“, grinse ich.
„Online! Ich dachte noch, zu der Bank werde ich wechseln, wenn die sonntags Termine vergeben.“
Wir lachen, bis der Bauch weh tut. Jürgen gibt noch eine Runde Pils aus.
Plötzlich höre ich Max rufen.
„Kann ich gehen?“, frage ich.
„Klar, du bist der Papa, aber lass ihn ja nicht vorne sitzen am Bettrand, das ist extrem gefährlich,“ sagt Jürgen ganz trocken. Wir lachen so laut los, dass die Nachbarn wieder: “Ruhe jetzt“ schreien.

Dann laufe ich leicht schwankend los zu meinem Sohn, mit dem guten Gefühl, dass es MEIN Sohn bleibt, auch wenn ich Jürgen das Feld hier wohl überlassen muss.


© Angelika Gerber Version 3

Letzte Aktualisierung: 26.05.2012 - 16.24 Uhr
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