Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Rivalität | Mai 2012
Die Ahnen
von Karl-Otto Kaminski

Die Ahnen

Ich mag keine Partys. Jedenfalls keine, auf denen es vornehm zugeht. Das kann an meinem ausgeprägten Widerwillen gegen Krawatten und Smalltalk liegen, oder daran, dass ich den bei solchen Veranstaltungen zur Schau getragenen Werten nichts entgegensetzen kann. Ich besitze keine kostbare Armbanduhr, nicht einmal eine nachgemachte. Krawattennadeln finde ich noch überflüssiger als einen Schlips. Ich trage keinen Siegelring, denn meine Familie besitzt kein Wappen. Und ich werde schnell wortkarg, wenn die Rede auf Real Estates kommt, also auf Grundbesitz, Villen und ähnliche Besitztümer. Ich wohne in einer kleinen Mietwohnung im dritten Stock, ohne Aufzug.
Meinen vierzehn Jahre alten Polo kann ich auch nicht wirkungsvoll ins Gespräch bringen, wenn andere Partygäste die Leistungen ihrer Boliden vergleichen. Mein Polly ist mir zwar inzwischen richtig ans Herz gewachsen, aber ich weiß nicht, ob ich ihn nächstes Jahr noch mal durch den TÜV bringe.
Ich mag Wagner nicht, war auch nie in Bayreuth. Verstehe überhaupt nichts von Musik. Moderne Malerei gibt mir ebenso wenig wie die unverständliche neumodische Lyrik. Eine leukoplastische Badewanne oder einen Berg zerknüllter Zeitungen kann ich nicht als Kunst ansehen, mögen die Musenpäpste so was auch noch so loben.
Ich treibe keinen Sport, segle nicht, und von Golf verstehe ich etwa soviel wie eine Kuh vom Seiltanzen …
Damit scheiden die meisten Gesprächsthemen auf Partys für mich aus. Was soll ich also dort?
Außerdem habe ich einen Heidenrespekt vor der so genannten Etikette. Natürlich kann ich mit Messer und Gabel essen, aber es gibt darüber hinaus ja leider noch viele andere gemeine Spielregeln, die ich nicht beherrsche. So habe ich jederzeit die Chance, mich prächtig zu blamieren. Auch darum drücke ich mich vor Partyeinladungen so gut ich kann.

Letzten Dienstag traf ich nach Jahren zufällig Kalle wieder, Herrn Dr. Dr. hc Karl Eduard Wilhelm von Glums. Wir gingen mal zusammen in die Volksschule, wie sie damals noch hieß. Doch dann wechselte er aufs Gymnasium, ich auf die Realschule. Damit trennten sich unsere Wege und Karrieren. Er wurde irgendwann Aufsichtsratsvorsitzender in einem internationalen Konzern, ich Lohnbuchhalter bei Meier & Mayer GmbH & Co. KG. Kalles Privatleben spielt sich in Adelskreisen ab. Da passe ich mit meinem bürgerlichen Namen und den dazugehörenden Ansichten natürlich nicht hinein. Wir sehen uns zwar gelegentlich auf der Straße, der Kalle und ich. Aber zwischen „Wie geht’s?“ und „Mach’s gut!“ haben wir uns eigentlich nie besonders viel zu sagen. Umso mehr erstaunte mich seine plötzliche Einladung: „Komm doch zu meinem sechzigsten Geburtstag. Am Dreiundzwanzigsten, das heißt nächsten Mittwoch.“ Ich schaute ihn verblüfft an.
„Ganz zwanglos, alter Junge“, sagte er jovial. „Ganz schlicht, im Straßenanzug, und bloß keine Geschenke. Es kommen viele liebe, alte Freunde. Du wirst dich bestimmt wohl fühlen. Du kommst doch? Mach mir die Freude, ja?“ Da sage einer Nein.

Jetzt stehe ich im Vestibül von Kalles überdimensionierter Villa und fühle mich, nachdem ich dem Hausherrn gratuliert habe, ziemlich überflüssig. Geschätzte hundertzwanzig Menschen sorgen dafür, dass ich nicht umfallen kann, sollte es mir einfallen. Sie stehen dicht an dicht, drängeln sich zu- und voneinander, schwatzen, lachen und haben anscheinend alle riesigen Spaß an dem „Event“. So viele Menschen auf einem Haufen mag ich nicht. Außerdem kenne ich keinen von ihnen und komme mir unendlich verlassen vor. Meine Krawatte würgt mich. Wahrscheinlich, weil sie nicht der gerade herrschenden Mode entspricht. Die Herren um mich herum tragen alle Breit mit Streifen, ich Schmal mit Punkten. Wie peinlich!
Mühsam versuche ich, mich durch die bestens gekleidete, teuer duftende Menge zu arbeiten. Ich habe gesehen, dass es da drüben eine Bar gibt. Wenn ich hier schon eingeladen bin, sollte wenigstens ein Glas Schampus drin sein.
Geschafft! Ich nehme einen Schluck. Da gibt es plötzlich Luft. Eine weibliche Stimme hat etwas Unverständliches in den Wartesaal gerufen, und nun schwemmt mich der Strom gestylter Zeitgenossen in einen noch größeren Raum. Dort steht, wie für einen Hollywoodfilm dekoriert, ein opulentes Büfett. Na, dann los …

Das war sehr lecker. Wirklich! Jetzt noch einen halbbitteren Digestif zum Abschluss, dann hat sich das Herkommen wenigstens kulinarisch gelohnt. Und wie geht’s nun weiter?
Die satten Mitmenschen formen sich nach dem ziemlich heißen Kampf am Büffet wieder friedlich zu kommunizierenden Pärchen, plaudernden Trauben, schwatzenden Gruppen und Grüppchen. Sie kennen sich offenbar alle. Mich ignorieren sie.
Ich wandere unschlüssig zwischen ihnen herum, überlege, ob ich nicht einfach nach Hause gehen soll. Da sehe ich mich plötzlich drei betagten Herren gegenüber, denen das Geld, die Bedeutung oder was immer nur so aus den Knopflöchern ihrer seidenen Westen strahlt. Ich bleibe stehen und höre zu. Sie haben es mit der Genealogie.
„Unsere Familie stammt aus dem damaligen Zentrum der Macht“, erklärt gerade ein dürrer, kahlköpfiger Herr mit Adlernase, „nämlich aus Prag. Mein Urahn, Pinkus von Wachtelschlag-Pinkelburg, kämpfte erfolgreich unter Wallensteins Fahnen. So kam er zu Titel, Ruhm und Reichtum.“ Er macht eine kleine rhetorische Pause, hebt dramatisch die rechte Hand und die linke Augenbraue. „Und das alles hält meine Familie bis heute hoch in Ehren.“
„Na, ja“, nickt sein Nachbar zur Linken, ein wohlgenährter Endfünfziger mit fehlfarbenem Haarteil, und dreht dabei ostentativ an einem klotzigen Siegelring. „Da reicht mein Stammbaum doch um ein paar Jahrhunderte weiter zurück. Sollten Sie mich zu meinem fünfundsechzigsten Geburtstag auf Schloss Niederquetschkamp besuchen – Sie sind jetzt schon herzlich eingeladen – werde ich Ihnen Dokumente zeigen, die beweisen, dass meine Vorfahren schon beim zweiten Kreuzzug dabei waren, insbesondere Martinus de Chaise et Longue.“ Damit reckt er stolz sein dreifaltiges Kinn empor und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Champagnerkelch.
Der Mensch rechts von ihm, ein eher hutzeliges Männchen, weit jenseits der Siebzig, schmunzelt nur und zupft sich müde am rechten Ohrläppchen. Dann rümpft er vornehm die Nase und sagt mit unangenehm hoher Stimme: „Sollten Sie die Chroniken meiner Familie, derer von Wulfharibo, studieren, so werden Sie feststellen, dass mein Ur-ur-urahn, Wulfhar der Pfiffige, Mundschenk bei Karl dem Großen gewesen ist.“
Die Gesichter seiner Gesprächspartner verziehen sich neidvoll, während sie betreten schweigen. Wer will diese Genealogie noch toppen?
Durch den vornehmen Saal schreitet derweil mit eingefrorenem Lächeln emsig Kalle, das Geburtstagskind Karl Eduard Wilhelm. Er marschiert von Gruppe zu Grüppchen, fragt hier, lacht dort, klopft Schultern, macht Komplimente … Ich sehe ihm zu und bedauere ihn.
Da tippt jemand an meinen rechten Ellenbogen. Der winzige Urururenkel des karolingischen Oberkellners kommt nicht höher.
„Und wie sieht es in Ihrer Familie aus?“, fragt er mit Quäkestimme und einem süffisanten Lächeln, das wohl besagen soll: Na, noch illustrer als meine kann deine Vorfahrenschaft ja wohl kaum sein.
Ich schnappe einer gerade vorbeischwebenden Serviererin rasch ein Glas Champagner vom Tablett, und dann reitet mich ein Teufelchen.
„Leider hat meine Sippe ein Problem“, sage ich und versuche mein Gesicht in betrübte Falten zu legen.
„Was denn? Wie denn?“ De Chaise et Longue zeigt sich recht interessiert. Und auch Herr von Wachtelschlag-Pinkelburg schaut mich fragend an.
„Ja, es ist wirklich zu schade“, erkläre ich bedauernd. „Ich möchte Ihnen ja gern meinen gesamten Stammbaum erklären, aber das würde den Rahmen dieser Veranstaltung zeitlich wohl sprengen.“ Ich mache eine Pause und genieße die erstaunten Blicke der drei adligen Herren.
„Außerdem“, fahre ich fort, „und das ist das eigentliche Problem: Die interessantesten Akten über den Ursprung meiner Familie sind leider seit der Sintflut verschollen.“

Letzte Aktualisierung: 17.05.2012 - 11.00 Uhr
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