Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Bernd Kleber IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Rivalität | Mai 2012
Der Ritter
von Bernd Kleber

Für meine Schwestern


Da kommt er, der schöne Mann, der Fröhlichkeit ins Haus bringt. Er küsst meine Mutter, die strahlt. Er herzt meine Schwester Britta, die wird rot, und er reicht mir die Hand, kusslos.
Dann setzt er sich und winkt die Kleine zu sich. Betty! Die geht mit gesenktem Kopf auf ihn zu. Glüht noch mehr als Britta, welche dichter an Mutter heranrutscht und den Kopf nach vorn neigt, nichts zu verpassen.
Mutter sitzt gerade, die Hände hält sie still und lächelt wie selten. Er greift jetzt Betty in die Hüften und hebt sie zu sich hoch auf den Schoß. Sein bärtiges Gesicht muss ihr an den Wangen kitzeln.
Ich streiche mir über meinen Hals.
Er küsst sie. Mit dem weichen, sich gegen die Haut sträubenden Flaum des Bartes reibt er ihre Wange. Betty zappelt mit den Füßen, die fast die Tischkante berühren. Sie lacht.
„Meine Beste!“, sagt er, was mir einen kleinen Stich ins Herz versetzt. Meine Zähne pressen sich schmerzhaft aufeinander. Ich schlucke.
Ich sehe die beiden an und freue mich, dass es Betty so gut geht. Freue mich über die entspannte rosafarbene Wolke im Zimmer, die alle einlullt und einen Duft von herbem Rasierwasser jedem in die Nasen weht. Aber man sieht mich nicht.
Dann greift er in seine Aktentasche und legt eine Tafel Schokolade auf den Tisch. Ich sitze still und bewege mich nicht, versuche jedes Zucken eines Mundwinkels, jede Regung eines Lides zu verfolgen und will nichts verpassen. Er ist ein Zauberer!
Sie sitzen mir gegenüber auf der Couch, drängeln sich zu viert. Ich gegenüber auf dem Sessel, dazwischen wie ein breiter Strom, unüberwindbar für mich, ausufernd sogar: Der Tisch.
Dann greift er erneut in die Tasche und ich weiß, was jetzt passieren wird. Er zieht eine Plastikröhre, so groß wie ein Federtäschchen, hervor. Dieser Zylinder hat gelbe Begrenzungen an den Enden, Deckel und Boden, und einen kleinen Henkel wie für einen Eimer. Die Verpackung ist klar und darin steht ein Püppchen mit krausem Haar, wie es Betty trägt. Das Püppchen lächelt glücklich mit kokett aufgeschlagenen Augen. Mutter, Britta und Betty ähnlich in diesem Moment. Ich kann das genau abgleichen. Man kann alle vier nebeneinander stellen. Es ist das gleiche Lächeln. Vier Püppchen.
Dann übergibt er Betty die kleine neue Spielgefährtin in Plastikzylinder. Sie trägt diesmal eine Tracht des Spreewaldes mit riesiger Haube. Betty nimmt sie und dreht die Verpackung mit ihren kleinen Händen in alle Richtungen. Das Strahlen blendet mir in den Augen.
Die Puppe wird riesengroß, lacht laut und schaukelt sich zu einer imaginären Melodie. Der Fluss zwischen uns ist der Spreearm, auf dem die Plastikgestalt sonst Kähne mit Gurken bewegt. Sie zeigt mit einem Finger auf mich und ich frage mich, warum sie mich auslacht.
Dann sagt Betty leise und vom strengen Nicken der Mutter bewacht: „Danke, Onkel Gerhard!“
Und rutscht, nachdem sie noch einmal ordentlich durchgekitzelt wurde, von seinem Schoß.
Ich sitze aufrecht im Sessel und frage mich, wann mich der erste Blick meiner Schwestern, meiner Mutter oder Gerhards treffen wird. Nichts! Sie sehen alle auf Betty und ihr Püppchen. Sie sehen alle nur Gerhard. Das ist schon die neunte Puppe, die er ihr mitbrachte. Für Britta und mich gibt es nichts extra.
Die Tafel Schokolade gehört zum Ritual und wird an einem der nächsten Abende durch vier geteilt. Abende, wenn Mutter auf Gerhard wartet und er nicht kommen wird.
Heute ist einer dieser Abende an dem alle glücklich sind, keine bösen Worte fallen.
Der Abend, an dem Mutter gleichviel strahlt wie Betty und Britta.
Wenn Betty die Puppe unter ihr Kissen versteckt hat, werden wir essen. Geschnittene Tomaten, ein Schälchen gewürfelte Zwiebeln, ein Teller mit Wurst und die Butter stehen auf dem Tisch. Der Käse und das Brot werden noch gebracht. „Das wird sonst zu trocken und wellt sich!“
Ich lächele jetzt auch für einen Moment. Gerhard hat mich einmal kurz angesehen. Dann küsst er meine Mutter, hält sich an ihrem Kinn fest.
Ich frage vorsichtig nach der Butter. Meine Mutter reicht sie, ohne mich anzusehen.
Ich schmiere etwas davon auf die Scheibe Brot, lege Tomatenscheiben darauf und streue Zwiebelwürfel darüber. Dann greife ich geübt Messer und Gabel an ihren Enden. Die Griffe sind zum Halten dran. Und schneide, ohne dass es auf dem Porzellan quietscht, Happen für Happen, die in meinem Mund zermalmt werden. Kein Krümelchen Zwiebel fällt auf den Teller zurück. Gekonnte Balanceakte, die niemand wahrnimmt. Kein Blick, der mir dabei huldigt, wie gut ich mein Brot mit Messer und Gabel esse. Kein Geräusch, das ich mache.
Ich bin mit meinen zwei Scheiben Brot fertig.
„Du bist fett genug, Thomas! Mehr gibt es nicht!“, ist heute nicht zu vernehmen.
Ich beobachte, wie Gerhard Betty ein Häppchen Brot nach dem nächsten in ihr Mündchen schiebt und sie grinsend mit gefüllten Backen kaut. Tomatensaft läuft ihr aus dem Mundwinkel. Gerhard tupft die Wange zärtlich ab.
Ohne seine Anwesenheit würde Mutter keifen: „Betty, mach den Mund zu und friss nicht wie ein Schwein!“ Heute Abend sind wir Menschen.
Gleich, wenn wir alles in die Küche getragen haben, müssen wir ins Bett. Ruhig sein, mucksmäuschenstill!
Dann wird das Wohnzimmer geschlossen, kein Fernsehen heute Abend. Die Klappcouch wird früher zum Bett umfunktioniert als sonst und Mutter und Gerhard werden nicht mehr zu sehen sein. Ein Lachen, ein Glucksen wird hin und wieder schallen. Mehr nicht!
Es werden Abende folgen, an denen Mutter auf ihn wartet. An denen sie bei den Hausaufgaben Betty Schläge auf den Hinterkopf gibt, weil sie das Denkvermögen erleichtern. An denen sie uns anschreit, ich sei fett und Britta faul. An denen sie uns straft, uns ohne Abendbrot ins Bett schickt, weil wir ihr ohnehin schweres Leben auch noch unnötig zur Hölle machen. Womit hat sie das nur verdient, wird sie schreiend fragen. Abende, an denen ich in die Küche schleiche, vorbei am Wohnzimmer, hinter dessen Tür meine Mutter weint, ich für uns Kinder Brot und Schmierwurst stehle und meine Schwestern mich dankbar umarmen und drücken werden.
Heute sind alle glücklich! Und ich?

Letzte Aktualisierung: 23.05.2012 - 09.06 Uhr
Dieser Text enthält 6044 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.