Ganz schön bissig ...
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Rivalität | Mai 2012
Rollentausch
von Eva Fischer

Als sie ihn am Telefon hörte, war alles wieder da. Der Klang seiner Stimme brachte Vergangenes zum Schwingen, das sie fest verschnürt, mit Glanzpapier umwickelt, in einer Kiste wähnte, auf der stand: „Vorsicht! Hochexplosiv! Nicht öffnen!“ Ihre Knie zitterten und ihre Kehle war wie ausgedörrt.
„Hallo Peter“, hörte sie sich krächzen.
„Wie geht es dir? Du hast dich ja lange nicht gemeldet.“
„Ja, es dürfte schon zwanzig Jahre her sein.“ Sein sonores Lachen landete wie ein Ufo direkt neben ihr, ließ die Zeit schrumpfen.
„Wir sollten mal wieder miteinander reden. Genug Gesprächsstoff haben wir ja.“
Sie malte sich sein Lächeln um seine Lippen aus.
„Kann ich dich wiedersehen oder bist du mittlerweile in festen Händen?“
Sie spielte nervös mit dem goldenen Ring an ihrem Finger, drängte den Gedanken an den anderen, an Jürgen, weg.
„Na ja, ich bin schon neugierig, was aus dir geworden ist. Was hattest du dir denn vorgestellt? Sollen wir zusammen einen Kaffee trinken?“
„Ich habe zwei Karten für einen Maskenball im Holiday Inn und fände es toll, wenn du mich begleitest. Wäre der nächste Samstag für dich okay?“

In ihrem Kopf schlug es Purzelbäume. Da kam er plötzlich wie Kai aus der Kiste, brachte ihr bisheriges, wenn auch etwas monotones Leben durcheinander. Ihr Mann war auf Geschäftsreise. Warum ließ er sie auch allein, dachte sie bockig. Ein kleines erotisches Abenteuer wäre eine schöne Abwechslung. Doch dieses Mal müsste sie die Oberhand behalten. Sie würde die Bombe entschärfen, ohne erneut Blessuren davon zu tragen.

„Was ist? Hat dir mein Vorschlag die Sprache verschlagen? Wir können natürlich auch Kaffee trinken gehen, wenn dir das lieber ist?“
„Man wird doch noch überlegen dürfen, Herr Mephisto. So wirst du dich doch verkleiden, oder?“
Zufrieden registrierte sie, dass sie ihre Stimme wieder im Griff hatte.
„Meine Verkleidung wird nicht verraten. Also, bis nächsten Samstag um 20 Uhr? Soll ich dich abholen, Prinzessin?“
„Nicht nötig. Ich bin keine siebzehn mehr. Und die Prinzessin kannst du dir abschminken.“
„Ich lasse mich gern überraschen. Ciao, Bella.“

„Bella??” Sie betrachtete sich kritisch im Spiegel. Tageslicht konnte so grausam sein. Zum Glück fand ein Maskenball in gedämpftem Licht statt. Sie hatte drei Tage Zeit, sich in eine „Bella“ zu verwandeln.
Erneut griff sie zum Hörer und ließ sich einen Frisörtermin für Samstagvormittag geben.

Das Wichtigste war jetzt die Garderobe. Sie ging zu einem Kostümverleih, ließ ihre Hände durch die Reihen der Ständer wandern.
Sollte sie als Cleopatra gehen? Nein, zu theatralisch!
Oder als Domina mit schwingender Peitsche? Albern!
Vielleicht als Clown? Aber wie sollte sie da schön und verführerisch wirken?
Als Femme fatale im 20iger Jahre-Look?
Sie hielt das Charlestonkleid vor sich, tänzelte ein paar Schritte vor dem Spiegel, stellte sich schwarze Pumps und eine Zigarettenspitze vor.
„Kann denn Liebe Sünde sein? Darf es jemand wissen, wenn er mich küsst...“


Von der Decke des Saales leuchteten tausend Lämpchen wie Sterne am Nachthimmel. Auf den Tischen flackerten Kerzen und warfen Schatten an die Wand. Sie ging zur Bar, bestellte sich ein Glas Sekt, betrachtete das bunte Treiben, wippte mit übereinander geschlagenen Beinen zum Rhythmus der Musik. Hoffentlich konnte sie diese Pose durchhalten, denn sie spürte, wie sich ihr Herzschlag gefährlich dem Halse näherte. Sie stellte sich auf ihre neuen hochhackigen Schuhe, um zu testen, ob ihre Beine nicht mittlerweile zu Pudding geworden waren, widerstand nur mühsam der Versuchung, zur Toilette zu gehen, um mit der Puderquaste die letzten Hautrötungen im Gesicht wegzuretuschieren. Am besten verschwand sie gleich ganz, bevor sie sich unnötig lächerlich machte.

Zu spät. Sie erkannte ihn an seiner Stimme. „Ich freue mich so, dass du gekommen bist.“
Er war als Seeräuber verkleidet. Eine rote Schärpe rund um die Taille betonte seinen noch schlanken, athletischen, durchtrainierten Körper. Die einst üppigen Haare waren kurz geschoren und lugten unter einem schwarzen Kopftuch hervor. Das rechte Auge verdeckte eine schwarze Klappe. Das linke blinzelte sie jetzt freundlich an.

„Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käääse. Denn nun geht sie los, uns’re Polonäääse...“
Zwei kräftige Clownshände umfassten ihre Schultern, reihten sie in die Schlange der Tanzenden ein. Es gelang ihr nicht, sich dem Sog zu entziehen und so konzentrierte sie sich ganz darauf, im Rhythmus zu bleiben. In der Kurve begegnete ihr Peter, der hilflos die Achseln zuckte und sie breit angrinste.
„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei...“
Endlich war der Spuk vorbei. Sie suchte ihn in der Menge, fand ihn, ging auf ihn zu.
„Unsere sportliche Betätigung hatten wir nun schon. Komm, wir suchen uns einen freien Tisch,“ schlug er vor.
Er legte den Arm um ihre Schultern, doch sie geriet ins Stolpern, drohte das Gleichgewicht zu verlieren und ließ sich von ihm festhalten. Der Absatz hatte sich gelöst, lag wie ein Fremdkörper neben ihren einst eleganten Schuhen.
„Ab sofort solltest du als Sandy Shaw gehen.“
Sie fiel in sein befreiendes Lachen ein, fühlte den harten, aber sicheren Boden unter ihren Füßen.

„Sollen wir uns jetzt unser Leben im Schnelldurchgang erzählen?“ Verschmitzt lächelte er sie an. Wozu jetzt alte Wunden aufrühren, dachte auch sie.

„Und du bist also tatsächlich solo geblieben?“, begann er.
Sie spürte, wie eine Röte ihr Gesicht überflutete.
„Und du?“, fragte sie, ohne selbst zu antworten.
„Sagen wir so. Ich bin zwar nicht verheiratet, aber schwer verliebt.“
Ups, das ging aber schnell. Sie schaute fasziniert auf das eine freie Auge.
Dann griff sie zum Glas Wein, während sie krampfhaft überlegte, was diese Botschaft für sie bedeutete.

„Willst du nicht wissen, in wen ich verliebt bin?“
„Kenn’ ich sie?“ gab sie mit einem koketten Augenaufschlag zurück.
„Wieso sie?“
„Nicht sie?“ hakte sie verwirrt nach.
„Nein, er.“, grinste er schelmisch.
Auf einmal gerieten alle Masken um sie herum zu Fratzen. Die Fröhlichkeit wirkte falsch und aufgesetzt.

Warum hat der Blödmann mich hierher bestellt, wenn er nun auf Männer steht?

Sie hatte ihn nicht bemerkt. Neben ihr stand der Clown. Obwohl sein Gesicht bunt geschminkt war, und er eine Pappnase trug, kamen ihr die Augen auch im Halbdunkel bekannt vor.
Jürgen? Ihr Mann!!

Er setzte sich neben Peter, der ihm liebevoll über den Rücken strich.

2.Fassung

Letzte Aktualisierung: 06.05.2012 - 11.01 Uhr
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