Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Rivalität | Mai 2012
Die Konferenz
von Elmar Aweiawa

Die Versammlungen finden turnusmäßig alle paar Jahre statt. Man sieht sich, plaudert ein wenig und feilt gegenseitig an den Nuancen. Die heutige Konferenz steht jedoch unter einem besonderen Stern, denn ein aufrüttelnder Notruf hat sie alle zusammengerufen.
Im weltweiten Netz haben sich Foren für erotische Literatur etabliert, so heißt es in der Nachricht. Dort gibt es eine Inflation und Umkehrung der Werte. Worte, die bisher einen geringen Rang innehatten, kommen groß heraus, und andere, altehrwürdige geraten in Vergessenheit.
Der Apell ist so dringlich, dass alle dem Ruf folgen, und so treffen sie sich zu einer Sonderkonferenz, um der Umwertung der Worte entgegenzutreten.

Nach und nach finden sie sich ein. Ejakulation kommt zu früh, wie meistens, Präservativ hat sich in schreiende Farben gekleidet, Gruppensex kommt wieder nicht alleine, obwohl Begleitung streng untersagt ist, und als Befriedigung endlich eintrudelt, kann der Saal geschlossen werden, denn sie ist wie immer die Allerletzte.

Kaum sind die Pforten ins Schloss gefallen, kommt es zu Protesten, denn Gier und Frust zünden sich gleich mehrere Zigaretten an, was Sensibilität so aufregt, dass sie Ohnmachtsanfälle bekommt - was wiederum Schamesröte zu völlig neuen Farbnuancen anregt. Diese Auseinandersetzung ist jedoch bald nur noch Nebenschauplatz, denn Striptease lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich, als sie Liebeslied zum Singen auffordert und ein Kleidungsstück nach dem anderen von ihrem Alabasterkörper streift.
Das ganz normale Chaos also, nicht Besonderes.

Doch dann tritt Liebeserklärung nach vorne ans Rednerpult.
„Meine Lieben, schön, dass ihr gekommen seid.“
An dieser Stelle wiehert der ganze Saal, und für gut fünf Minuten kann man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Zote ist fast nicht mehr zu beruhigen und hält sich den Bauch vor Lachen.

Als das Gelächter langsam verstummt, hat sich Liebeserklärung verschämt zurückgezogen, und Sehnsucht betritt die Tribüne.
„Ich habe mich so nach euch verzehrt, schön, dass ihr da seid.“
Einige Gluckser sind zu hören, doch Sadismus schaut böse in die Runde und schnell kehrt wieder Ruhe ein, sodass Sehnsucht fortfahren kann.
„Sicher habt ihr schon gehört, dass unsere geliebte Erotische Geschichte, - hallo, wo bist du, heb doch mal die Hand – im WWW einige neue Wohnstätten gefunden hat. Doch schaut sie euch mal genau an, ihr werdet sie nicht wiedererkennen. Komm doch mal hier herauf aufs Podest, damit dich alle gut sehen können.“

Erotische Geschichte tritt vor, und alle starren sie an, sodass sie rot anläuft und Schamesröte Konkurrenz macht.
Es ist leicht zu sehen, dass sie sich gegenüber früher verändert hat. Doch niemand kann so recht sagen, was denn nun anders ist. Doch mit jedem Kleidungsstück, das sie ablegt, wird das Getuschel lauter. Ihr Körper ist in Planquadrate eingeteilt, und wie bei dem gemalten Schwein in alten Kochbüchern, stehen in diesen Feldern Worte.
Rauchige Stimme tritt näher und liest laut vor: „Gruppensex, Schlampen, Femdom, Gummi ...“ bis sie zu „Cuckold“ und „BDSM“ kommt.

Die Unruhe im Saal wird so groß, dass die letzten Worte kaum noch zu hören sind. Wie ist das zu verstehen? Wollen die Menschen anfangen, die Erotischen Geschichten in Schubladen zu verpacken? Dann tun sie das mit den Worten wohl auch in nächster Zukunft.
Das wollen sie sich nicht gefallen lassen, darüber sind sich alle einig. Doch wie sollen sie sich zur Wehr setzen?
Masochismus kriecht ans Rednerpult vor und piepst in den Raum:
„Wir werden uns alle selbst eliminieren, dann sehen die Menschen, was sie davon haben.“
Natürlich, er schüttet mal wieder das Kind mit dem Bad aus, und außer von Sklave und Sklavin erntet er nur Buhrufe.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Zwei grell geschminkte Worte treten vor ans Mikrofon. Kaum jemand kennt sie, niemand hat sie auf seiner Rechnung, und Vulgarität steht ihnen direkt auf den Fersen. Fotze reißt das Mikrofon zu sich heran und brüllt in den Raum:
„Ihr verfickten Ärsche, wenn ihr glaubt, dass meine Schwester Votze und ich aus Solidarität zu euch auch nur mit der Lippe zucken, dann habt ihr euch geschnitten. Letztlich sind die meisten von euch nichts anderes als überflüssige Wortruinen und unnützes Beiwerk zu uns beiden. Komm Votze, wir gehen nach Hause, die haben noch gar nicht geschnallt, dass jetzt wir und ein paar krasse Freunde die Welt der Worte regieren.“

Einige altehrwürdige, doch in letzter Zeit in Vergessenheit geratene Worte suchen fieberhaft nach ihren Riechfläschchen und Godemiché muss gar wiederbelebt werden. Andere kichern, denn sie fühlen sich der neuen Elite zugehörig. Geilheit grinst Lust frech an, und die Zwillingsschwestern Votze und Fotze lassen sich von Faustfick und Arschfick auf den Schultern tragen.

Im folgenden Tohuwabohu geraten sogar verbündete Worte aneinander. So streiten in einer Ecke des Saals Fellatio und Cunnilingus über die völlig nebensächliche Frage, wer von ihnen beliebter sei. Koitus, der gerade vorbeikommt, beansprucht die Krone für sich und erklärt die beiden Zungenfertigen nur zu einer Beilage, sich selbst jedoch zum Hauptgericht. Über diese Anmaßung gerät Analpenetration in Rage und verfällt in unkontrollierte Zuckungen. Das will sie nicht auf sich sitzen lassen, und Homoerotik stimmt ihr lauthals zu.

Jetzt geht es drunter und drüber, und es beginnt eine Keilerei, die in die Annalen
eingehen wird. Die neu zu Ruhm und Ehre gekommenen, früher verachteten und scheel angesehenen Worte bilden eine Phalanx und stürmen durch den Saal, ohne Rücksicht auf die zarter besaiteten Mitglieder. Metze wird von Hure niedergetrampelt, Phallus geht unter den Fäusten von Schwanz und Schwengel zu Boden, während Vorhaut sich nicht entscheiden kann, wem sie beistehen soll. Schwanzlutscher und Mösenlecker kreuzten ihre Zungen, während Ejakulation und Natursekt sich gegenseitig nass spritzten. Möse und Muschi tanzen durch die Menge, als gehe sie das ganze Durcheinander gar nichts an. Ohne es auch nur zu bemerken, rempeln sie Vagina zu Boden, und Klitoris, die sich wie immer ganz in ihrer Nähe aufhält, bekommt auch ihren Teil ab.

Der hochbetagte Penis, der kaum mehr stehen kann, versucht, sich Gehör zu verschaffen, doch seine Stimme versagt ihm den Dienst. Er ist ja so sensibel, der Gute. Als endlich das Chaos perfekt ist, ziehen die Rabauken ab und lassen einen Ort der Verwüstung zurück. Vagina leckt ihre Wunden und streichelt Klitoris über den Kopf. Sie hat einiges auszuhalten gehabt.

Einige Neulinge, die mit der Horde verschwunden sind, hat noch keiner von ihnen jemals zuvor gesehen. Was soll etwa Cybersex bedeuten? Niemand hat eine Ahnung. Und wie der sich aufgespielt hat!
Sogar zu einem Bruderzwist ist es gekommen, denn Schwanz hat Penis über die Eichel gehauen, und ihm Schimpfwort an den Kopf geworfen. Ein Glück für Penis, dass Fäkalie sich gerade woanders aufhielt. Ein Fiasko sondergleichen, diese Sonderkonferenz.

© by aweiawa, 2012

Version 3

Letzte Aktualisierung: 25.05.2012 - 06.54 Uhr
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