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Rivalität | Mai 2012
Der große John
von Monika Heil

Die Frau nervte! Nichts konnte er ihr recht machen. Ständig mäkelte sie an ihm herum. An allem! Seiner Figur, seiner Kleidung, selbst sein Gang passte ihr auf einmal nicht mehr.
„Du latschst über den großen Zeh. Heb` deine Füße“, hat sie gestern gemault, als sie gemeinsam einkaufen gingen. Es war zum Kotzen. Dabei hatte er sie ausgesprochen witzig und charmant gefunden, als sie sich vor ein paar Monaten im Internet kennen gelernt hatten. Erst hatten sie wochenlang Mails ausgetauscht, später nächtelang telefoniert. Und so kam es, dass sie bereits ineinander verliebt waren, als sie sich endlich persönlich begegneten. Vera hatte gerade ihren Job und in dem Zusammenhang auch ihre Wohnung verloren. Was lag da näher, als dass sie zu ihm nach Frankfurt übersiedelte. Alles war sehr schnell gegangen. Auch ihre standesamtliche Trauung. Inzwischen war ihm völlig schleierhaft, wie er sich in diese Frau hatte verlieben können. Ihm schien es, als versagten im Internet alle Schutzengelmechanismen. Karl-Heinz bedauerte sich selbst am meisten.

Er starrte sein Gesicht im Spiegel an. Schön, er war nicht mehr der Jüngste, sein Haar lichtete sich und der Bart wurde grau. Als sie sich zum ersten Mal trafen, hatte er auch nicht anders ausgesehen. Okay, einen kleinen Bauch hatte er inzwischen angesetzt. Aber an den fünf Kilo Übergewicht war Vera schuld. Sie kochte wirklich phantastisch. Ja doch, sie hatte auch ihre guten Seiten. Sollte er wirklich morgens mit nüchternen Magen durch die Gegend hecheln, wie sie es immer wieder forderte? Der Gedanke war ihm zutiefst zuwider.
„John hat immer gejoggt, bei jedem Wetter. John hat sich gern fit gehalten.“ Er konnte es nicht mehr hören. „John hätte, John war, John wusste ...“ Jeder dritte Satz fing so oder ähnlich an. Meist gelang es ihm, ihren Redeschwall kommentarlos abregnen zu lassen. Warum nur hatte sie sich von diesem scheinbar perfekten Mann scheiden lassen? Er fand keine Antwort.

Karl-Heinz verließ das Bad und ging hinunter in die Küche, wo seine Frau mit dem Frühstück auf ihn wartete. Sofort ging es wieder los.
„Willst du etwa in dem Aufzug ins Büro? John wäre nie ohne Krawatte aus dem Haus gegangen.“
„John arbeitet auch in einer Bank mit Kundenverkehr. Ich bin nur Schaden-Sachbearbeiter bei einer Versicherung!“, gab er heftig zurück.
„John arbeitet nicht nur dort, er ist sogar Abteilungsleiter!“, giftete sie ihren Mann an. Karl-Heinz stürzte eine Tasse Kaffee hinunter und floh. Seine Zeitung würde er im Büro lesen. Da war es für ihn ruhiger. Trotz Großraum.
„Du willst doch bei diesem Wetter nicht ohne Mantel gehen? John wäre nie ...“ Den Rest hörte er nicht mehr.

Einmal pro Woche ging er nach Dienstschluss mit Reiner und Achim, zwei seiner Kollegen, auf ein Glas Bier in den „Letzten Anker“, auch wenn Vera jedes Mal zeterte:
„John hat nie Alkohol getrunken.“
Das war eine alte Tradition und die ließ er sich nicht nehmen. Auch nicht von seiner Frau. Seine Kollegen bedauerten ihn.
„Wie konntest du auf diese Frau hereinfallen?“, fragte Achim nicht nur einmal. Karl-Heinz zuckte dann jedes Mal mit den Schultern. Eine Antwort blieb er schuldig.
„Na ja, Internetbekanntschaft“, warf Reiner dann lakonisch ein. „Warum nur hat sie sich von diesem Mr. Perfect getrennt?“, bohrte Achim weiter und setzte noch hinzu: „Stets mit einem unsichtbaren Denkmal zu leben, das würde ich nicht aushalten.“
„Die Welt dreht sich weiter. Bei Tag und bei Nacht. Du kannst es nicht ändern. Prost!“, philosophierte Reiner.
„Kennst du den Verflossenen deiner Frau eigentlich?“, fragte Achim.
„Nein.“ Karl-Heinz schüttelte den Kopf. „Der lebt, so viel ich weiß, in Passau.“

Eines Tages lernte er ihn kennen. John, sein unsichtbarer Rivale, war in einen Unfall verwickelt worden und Karl-Heinz hatte die Akte zu bearbeiten. Reiner Zufall. Er stutzte, als er den Namen las. John Mewes, Passau. Das war der große John! Und der hatte mit seinem Porsche – klar doch, was sonst - einen Unfall verschuldet. Der Schaden belief sich auf circa fünfzigtausend Euro.
Karl-Heinz grinste. Kleine Schadenfreude-Teufelchen kitzelten ihn. Neugierig blätterte er in den Unterlagen. „Kundenbesuch erforderlich“, hatte der Chef notiert. Das war mal eine Außendienst-Tour, die ihm Spaß machte. Diese Gelegenheit ließ er sich nicht entgehen. Zu Vera sagte er kein Wort.

Eine Woche später war er in Passau. Er betrat die Bank. Sein Herz klopfte. Endlich sollte er den großen John kennen lernen.
„Karl-Heinz Steiner, Orbis-Versicherung“, stellte er sich den beiden Damen am Empfang vor. „Ich bin mit Herrn Mewes verabredet.“ Die Jüngere nickte ihm freundlich zu und meldete ihn telefonisch an.
„Nehmen Sie bitte ein paar Minuten Platz. Herr Mewes kommt sofort.“
Zu nervös, sich hinzusetzen, ging Karl-Heinz ein paar Schritte auf und ab. Gern hätte er eine Zigarette geraucht. Doch das hatte Vera ihm sofort nach ihrem Einzug abgewöhnt. Er blieb am Fenster stehen. Dort kontrollierte er sein Aussehen in der Scheibe, rückte die Krawatte zurecht, wendete sich um und sah einen kleinen, älteren Herrn in einem pfefferfarbenen Sakko auf sich zukommen. Karl-Heinz taxierte ihn unauffällig. Kanariengelbes Hemd und braune Streifenkrawatte. Die helle Leinenhose hatte einen merkwürdigen Senfton und erinnerte an ... Karl-Heinz gestattete sich nicht, diesen Gedanken fortzusetzen. Die braunen Schuhe waren auf Hochglanz poliert. „John wäre nie ohne tiptop geputzte Schuhe aus dem Haus gegangen“, geisterte eine Stimme durch seinen Kopf. Karl-Heinz schaute unwillkürlich auf seine eigenen Füße und dann wieder auf sein Gegenüber. Der Mann trug eine unmoderne runde Nickelbrille mit so dicken Gläsern, dass Karl-Heinz vermutete, er müsse fast blind sein. Das sollte der Große John sein? Er hatte sich noch nicht von seiner Verblüffung erholt, als ihm dieser Zwerg wirklich die Hand schüttelte und sich vorstellte.

Gemeinsam gingen sie in Johns Büro. Hier hatte Karl-Heinz Gelegenheit, den Exmann seiner Frau näher zu studieren. Verblüfft stellte er fest, dass ihm sein Gegenüber sehr sympathisch war und sie sich angeregt unterhalten konnten. Nicht nur über den Unfallschaden. Als Karl-Heinz erwähnte, er bliebe zwei Tage in Passau, schlug John ein gemeinsames Abendessen beim Italiener vor.
„Es ist nicht schön, abends allein im Hotel zu sitzen. Ich kenne das aus früheren Zeiten“, lächelte John Mewes und Karl-Heinz willigte gern ein.

Es war ein hübsches kleines Lokal und es wurde ein fröhlicher Abend. John erwies sich – unter anderem – als exzellenter Weinkenner.
„John hat nie Alkohol getrunken!“ Vera trieb als unsichtbare Dritte ihr Unwesen. Karl-Heinz wedelte mit der Speisenkarte, als könne er sie damit aus seinen Gedanken verscheuchen. Niemand sollte ihm heute Abend erklären, dass John auf Kalorien achtete. Tat der auch nicht, sondern bestellte für sich das Menue des Monats. Und John strahlte, als seine Fettucchine mit Garnelen kamen, zumal der Duft von Kräutern und Knoblauch schneller ihren Tisch erreichte als die beiden Teller.

Bei der zweiten Flasche Barolo kamen sie darauf, dass nicht nur Karl-Heinz in Frankfurt wohnte, sondern auch Johns geschiedene Frau. Da erzählte Karl-Heinz, dass er nun mit Vera verheiratet war und dann platzte er damit heraus, dass John zu einem unumstößlichen Denkmal geworden war und so seine Ehe bedrohte.
John lachte herzlich.
„Das kann ich Ihnen gut nachfühlen. Bei mir war es Alexander der Große.“ Karl-Heinz schaute verdutzt.
„Ich habe gar nicht gewusst, dass meine Frau schon zweimal verheiratet gewesen ist“, stotterte er.
„Nein, war sie nicht. Dieser Mann hat knapp zehn Jahre mit ihr gelebt, aber ohne Trauschein. Wie auch immer. Ich hätte diesen unglaublich perfekten Alexander erwürgen können. Wir lebten zu dritt, sie, ich und das imaginäre Vorbild. Ich hatte ihn Alexander der Große getauft, bis ich ihn – auch per Zufall – kennenlernte. Er ist sehr nett und häuslich und handwerklich ungemein begabt. Sein perfekt angelegter Garten mit einer hübschen Laube und vielen bunten Blumen ist wirklich sehenswert. Das Grundstück ist Teil einer Kleingartensiedlung in Aschaffenburg. Jedes erste Wochenende im Juli besuche ich ihn. Unser Ehemaligentreffen, nennen wir es und freuen uns, noch einmal davon gekommen zu sein.“
Karl-Heinz wurde richtig neidisch.

***
„Nach dreihundert Metern biegen Sie links ab.“ Karl-Heinz betätigt den Blinker. Langsam fährt er den schmalen Weg entlang, der rechts und links von Ligusterhecken gesäumt ist. Seine Blicke laufen dem Auto voraus. Er entdeckt das verabredete Zeichen – drei rote Luftballons an der fünften Gartenpforte rechts und lässt den Wagen ausrollen. Jetzt sieht er auch das Pappschild mit den großen bunten Druckbuchstaben.
„Willkommen im Club“ liest er und die Stimme seines Navis ergänzt:
„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

2. Version

Letzte Aktualisierung: 10.05.2012 - 13.54 Uhr
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