Honigfalter
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Verzaubert | Juni 2012
GefrĂ€ĂŸige Fettzellen und StretchunterwĂ€sche
von Anne Zeisig

Was ihr an Kopfhaar fehlte, wuchs an den Beinen und Brustwarzen. Keine Frage, daran waren die vĂ€terlichen Gene schuld, welche sich mit den bindegewebsgeschwĂ€chten Genen mĂŒtterlicherseits vereint hatten.
Und sie, Jutta, seit heute vierzig und wieder einmal Single, war das Resultat dieser unglĂŒckseligen Genverbindung.

* * *

Um das spĂ€rliche Haupthaar kĂŒmmerte sich Figaro Emilio, gebĂŒrtig aus Castrop-Rauxel. Herrscher ĂŒber Dauerwellen, Ansatzsprays und sonstigen sĂŒndhaft teure Chemiekeulen.
“Juttaaaa! Wie sĂŒĂŒĂŒĂŒĂŸ du wieder aussiehst! Also wenn die Kerle jetzt nicht anbeißen, dann weiß ich es auch nicht.”
Bei Emilio haben die Klischee-Gene zugeschlagen. Er ist Friseur und steht auf MÀnner. Seine hohe Stimmlage mit dem gewissen Lispeln lÀsst daran nicht den geringsten Zweifel.
“Ein Kerl muss muskulös sein. Ich esse ja auch kein schwabbeliges Schweinefleisch. Ihhhhgiiiit!”
FĂŒr diese Bemerkung erhielt er von Jutta mindestens acht Minuspunkte auf einer Skala von zehn.
“MĂ€nner haben eine andere Bindegewebsunterkonstruktion”, berichtigte sie ihn, “da bildet sich keine dellige Orangenhaut.”
“Aber Kindchen”, flötete Emilio und kringelte sich seine rosa Locke um den Zeigefinger, “hast du ‘ne Ahnung, wieviel Cellulitepopöchen ich mir in meinem Leben ansehen musste!” Er schĂŒttelte sich und verzog sein Gesicht, als seien Orangen saurer als Zitronen.
Und Jutta nuschelte, dass sie das soooo genau nicht wissen wollte.
Emilios Kollegin, die Nadine, warf ihren Kaugummi in den Abfalleimer. “Popos mussteste dir ansehen? Abba du bist doch HÀÀÀrschteilischt wie ike und keen Proktologe.”
Mit Medizin kennt sie sich aus, weil sie sich einmal monatlich in der Mittagspause ihre Lippen mit körpereigenem Fett aufspritzen lÀsst. Und davon hat sie wirklich genug.
“Iss nich soooo teuer und tut fast nich weh, wa. WĂ€r doch auch wat fĂŒr dich, Juttalein.”
Sollte Jutta sich etwa die Orangenunterhaut vom GesĂ€ĂŸ oder den Oberschenkeln in die Lippen spritzen lassen? Wo die doch das einzig makellose an ihr waren.

‘Unsere Jutta! Gaaanz die Uromma Hilde! Gerhardt, erinnerst de dich? Die hatte auch sonne stĂ€mmige Figur.’
‘Jezz, wo de dat sachst. Jau. Die Altenpflegerinnen wollten sogar ‘ne Erschwerniszulage haben.’
Die gefrĂ€ĂŸigen Fettzellen stammten also von der Uroma mĂŒtterlicherseits.

LIEBSTES JUTTAKIND!
ALLET GUTE ZUM 40. GEBURTSTACH
VON DEINE ELTERN
KAUF DIR WAT LECKERET ZUM ESSEN

‘Und auch immer schön den Teller leer essen, damit de groß und stark wirs.’

Emilio lief zur Höchstform auf. “Vierzig? SĂŒĂŸe! Mach dir keinen Kopf. Mit mindestens vierzig ExschtĂ€nzentz und vierzig blonden StrĂ€hnen verzaubere ich dich in eine DreißigjĂ€hrige.”
“Und vierzich Botoxampullen”, ergĂ€nzte Nadine, “wa, tĂ€te ike vorschlag’n, bin aber keen Dermatologe.”

JUTTA, HABE DEINEN GEBURTSTAG NICHT VERGESSEN.
DAS MIT UNS BEIDEN TUT MIR LEID.
SORRY.
ICH BIN KEIN BINDUNGSTYP.
DENNIS-THOMAS

`Aber mit der DĂŒrren aus der Buchhaltung, da hat das Schwein plötzlich seine Bindungsgene entdeckt!’
Jutta zerriss seine Karte in mindestens vierzig StĂŒcke, trampelte kreischend darauf herum und verbrannte die Schnipsel im Aschenbecher.
Asche zu Asche.
Kein Mann will auf Dauer mit einer Frau bei Dunkelheit ins Bett steigen.
‘Aber Schatziiii! Im Dunkeln ist doch gut munkeln.’ Kicher-Rie-Kieh-Kicher-Rie-Hoh. ‘Da laufen Tast- und Geruchssinn zur Höchstform auf. Hach. Und das ist so herrlich romantisch.’
Kein Mann will auf Dauer mit einer Frau joggen, die beim Laufen in ihrer unmittelbaren Umgebung ein mittleres Erdbeben auslöst. Vom unĂ€sthetischen Auf und Ab des Vollbusens mal abgesehen. Trotz Sport-BH der StĂŒtztragekraft Vier. Bei Vier ist Schluss in der Angebotspalette. Wer mehr benötigt, der sollte lieber zu Hause bleiben und sich eine Gymnastik-CD von Jane Fonda reinschieben anstatt Kartoffel-Chips.

* * *

Inzwischen hatte Jutta dieses Sorglos-Figurform-Paket erhalten.
“Hungern? Jo-Jo-Effekt? Joggen? Schlaffes Bindegewebe? Das alles gehört endlich der Vergangenheit an”, meinte die blonde, zierliche Frau Doktor Marilyn in einem dieser Verkaufsender und versprach eine tolle Figur sozusagen sofort oder zumindest fast ĂŒber Nacht, was individuell immer sehr unterschiedlich sein könne.
Neueste Erkenntnisse aus den USA . . . Vorher- und Nachherbilder zeigten den Beweis.

Jutta trank nun zu jeder Mahlzeit Schoko- und Erdbeerdrinks, welche als Pulver in Milch eingerĂŒhrt wurden. Und die Straffungsdragees aus Meeresalgen mussten mit der Anti-Cellulite-Creme kombiniert werden, damit das schlaffe Bindgewebe von innen und außen ernĂ€hrt wird.
Zur Entschlackung gab es Tees in allen Farben: GrĂŒntee, Rotbuschtee und Schwarztee gegen MĂŒdigkeit und Mattigkeit. Juttas freigesetzte Schlacken und Giftstoffe wurden mit Brennessel-Tee ausgeschwemmt. Der Sauerkrautsaft beschleunigte die feststoffliche Entsorgung.
Sehr zum Leidwesen ihres Chefs, Herrn Doktor Marikowski.
“Es tut mir leid, aber wenn Sie wĂ€hrend der Arbeitszeit vier Stunden auf der Toilette verbringen, dann ist das wenig effektiv.”
Er meinte, Jutta sÀhe im Gesicht blass und schmal aus, sie solle eine Woche Urlaub nehmen.
`Schmal im Gesicht!ÂŽ
Die Figurform-Produkte wirkten also bereits und ĂŒberlisteten die hartnĂ€ckigen Gene.
Jutta warf sich ihrem Chef an den Hals, kĂŒsste seine Wange und hauchte: “Danke.”
Heute nahm sie nicht den Aufzug sondern schwebte federleicht die Stufen aus der achten Etage hinab und warf ihr Haar keck in den Nacken.
SelbstverstÀndlich trug sie auch seit zwei Monaten die mitgelieferte Forming-UnterwÀsche mit den Stretch-Rippstrickzonen.
“Forming gibt es in allen Farben bis StĂŒtztragekraft Zehn und der GrĂ¶ĂŸe XXXXL fĂŒr Frauen mit Format. Forming stĂŒtzt das HĂ€ngende und hebt es an, wĂ€hrend es das Runde abflacht ohne einzuquetschen. Forming denkt also mit, meine Damen, und wirkt von der Zehenspitze bis unters Kinn.”
Lediglich das Anziehen nahm eine Ewigkeit in Anspruch, weil Jutta ihre ausladenden Kurven, auch HĂŒftgold genannt, von unten bis oben mit dieser StretchwĂ€sche krĂ€ftig hochziehen musste.
“Wir nehmen das schlaffe Bindegewebe beim Anziehen mit hoch und lagern es dort, wo es in knackigeren Jahren einmal gewesen ist.”
Jetzt schlummerte ihr ĂŒppiger Busen nicht mehr gemĂŒtlich auf dem Bauch, weil er bis unters Doppelkinn angehoben wurde.
Die mitgelieferte Waage zeigte Erfreuliches.
Jutta tÀnzelte auf leichten Sohlen in Emilios Salon.
“Juttaaaa! Eine Ausstrahlung hast du!”
“Wie war dat noch, wo der Frosch den Prinzen kĂŒsst, wa, und der verzaubert sich in ‘n ehemaliget MauerblĂŒmchen? Abba ike bin ja keene MĂ€rchenerzĂ€hlerin.”
“Nadine, kleines ZuckerschnĂŒtchen, Jutta hat sich in eine Prinzessin verwandelt und wer sie verzaubert hat, das wird die SĂŒĂŸe uns bestimmt gleich erzĂ€hlen. Ich brenne darauf!”
“Ich habe fĂŒnf Kilo abgenommen!”
Jutta drehte sich um die eigene Achse und fiel schwindelig und gurrend in den Stuhl.
“Abgenommen?’”
“Echt? Abgenommen haste?”
“Die Waage lĂŒgt nicht!” Jutta stand auf und zog den Rundumgummidehnbund ihrer Forming-Stretchhose bis zum Ă€ußersten Anschlag nach vorne und gab sich selbst einen leichten Klaps aufs GesĂ€ĂŸ. “Alles knackig wie frĂŒher.”

* * *

Jutta wirbelt ins Chefzimmer. “Mooorgeeeeen!”

Herr Marikowski gibt ihr die Hand. “Freut mich, dass es Ihnen wieder besser geht.”
Er zwinkert ihr zu und blickt auf den Aktenstapel. “Schön, ja, Ă€hem, dass Sie wieder da sind. Ohne Sie ist viel Arbeit liegengeblieben.”
Er hÀlt ihre Hand immer noch fest.
“Aber wollen Sie nicht meine Hand loslassen?”
Abrupt löst er seine von ihrer. “‘tschuldigung.”
Jutta lacht. “EinhĂ€ndig kann ich nicht so schnell tippen.” Sie fischt die Akten vom Tisch und huscht in ihr BĂŒro.

Nach der Mittagspause steht auf Juttas Schreibtisch ein bunter Blumenstrauß in einer Vase.
`Der wird doch wohl nicht von Dennis-Thomas sein?ÂŽ
Sie nimmt die Karte und klappt sie auf.

ERINNERN SIE SICH AN DEN LETZTEN ARBEITSTAG VOR IHREM URLAUB?
DA HABEN SIE MIR EINEN KLEINEN KUSS AUF DIE WANGE GEHAUCHT.
DAS HAT BEI MIR EINE GROßE WIRKUNG HINTERLASSEN.
DARF ICH SIE ZUM ABENDESSEN EINLADEN?

`Doktor Stefan Marikowski! So eine Überraschung.®

Er war nicht gerade das, was man gemeinhin als Frauentyp bezeichnen wĂŒrde mit dem Bauchansatz und der Halbglatze, aber . . .

* * *

“Und das Licht bleibt nun auch an.” Jutta rĂ€kelt sich vor dem Friseur-Spiegel. “Komplexe wegen meiner Figur habe ich nicht mehr nötig.” Sie gurrt. “Bin sozusagen tageslichttauglich geworden.”
“So wie de aussiehst, wa, da tut der Sex dir so richtig jut. Ike höre de Hochzeitsglocken lĂ€uten.”
“Wie sĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒĂŸ! Und ich fertige die Brautfrisur. Mit ExtĂ€ntschents und . . . “
“Habta dat gelesen?”, unterbricht Nadine Emilio und hĂ€lt ein Yellow-BlĂ€ttchen hoch. “Die ham da ‘n Figur-Paket verkauft und ‘ne Waage mitgeliefert, die automatisch jede Woche locker ma ‘n Kilochen weniger angezeigt hat. Den MĂ€dels wurde suggeriert, dat se von Pillen und Tees abnehmen. Wer fĂ€llt denn auf son faulen Zauber rein. Ike nich.”
Jutta starrt erschreckt in den Spiegel.
Emilio bĂŒrstet ihr Haar und schĂŒttelt den Kopf. “BeeeetrĂŒĂŒĂŒger. Igiittigitt.”
“Kurzhaarschnitt”, flĂŒstert Jutta aus blassen Lippen, “runter mit den dĂŒnnen Flusen.”
“Recht haste, dat macht ‘n rundet Gesicht doch gleich um Dezimeter schmaler. Wa? Aber ike bin ja keen Mathematiker.”
“Och neeeee! Und was ist mit den ExtĂ€ntschents zur Hochzeit?”


© anne zeisig version 2

Letzte Aktualisierung: 17.06.2012 - 10.11 Uhr
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