Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Verzaubert | Juni 2012
Ein schrecklich-schöner Nachmittag für Sinja
von Susanne Ruitenberg

Sinja nahm einen roten Buntstift aus der Schachtel. Rot wäre genau die richtige Farbe für die Prinzessin in dem Malbuch, fand sie. Rosa war doof. Das hatte jeder.
Da kam Mama ins Kinderzimmer, den kleinen Bruder an der Hand.
„Sinja, ich muss kurz zum Supermarkt. Passt du bitte auf Paulchen auf? Und macht mir keine Dummheiten, hörst du?“
Sinja nickte. Seit sie neun war, ließ Mama sie gelegentlich allein. Dann probierte Sinja Mamas Schuhe und Hüte an, drehte sich vor dem Spiegel und fühlte sich wie eine richtige Prinzessin. Mama hatte ganz komische Schuhe und Hüte. Spitze Hüte, runde Hüte mit Blumen, sogar einen schwarzen mit einem riesigen Spinnennetz - brr. Der war Sinja direkt ein bisschen unheimlich.
Paul kannte das mit der Verkleiderei schon und grinste verschwörerisch. Aber doof war er nicht, der Kleine, er setzte sich erst mal brav zu ihr an den Tisch, nahm sich einen Bundstift und ein Blatt Malpapier und kritzelte ein Strichmännchen.
Mama band ihre roten Locken zu einem Pferdeschwanz, winkte und kurz darauf fiel die Tür ins Schloss. Wie auf Kommando sprangen Sinja und Paul auf und rannten ins Schlafzimmer. Paul lief zum Fenster. „Mama macht eben das Hoftor zu und steigt ins Auto.“
Sinja wusste, dass Mama fünfzehn Minuten brauchte bis ins Dorf. Ihr kleines Häuschen lag ziemlich am Rand. Plus fünfzehn Minuten Rückweg. Und für den Einkauf brauchte sie meistensimmer mindestens fünfzehn Minuten. Sie sah auf die Uhr. Um viertel vor vier musste sie alles wieder aufräumen. Paul setzte sich auf Mamas Bett. Er musste nun das Volk spielen, das der Prinzessin huldigte. Sinja wusste nicht, was das war, huldigte, aber sie hatte es letztens in einem Buch gelesen und fand, es passte zu einer Prinzessin.
Sie öffnete Mamas Schranktür und erstarrte. Das gibt’s doch nicht! Da, die mittlere Schublade. Die war sonst immer abgeschlossen. Heute hatte Mama den Schlüssel stecken lassen! Was wohl in der Lade war? Wie oft hatte Sinja sich den Kopf darüber zerbrochen und jetzt würde sie es endlich wissen!
„Menno, wann ziehst du endlich einen Hut an und die Schuhe auf“, quengelte Paul.
„Andersrum, meinst du“, lachte Sinja. „Gleich.“ Sie öffnete die Schublade und ihr blieb der Mund offen stehen. Schwarze Handschuhe, klimperige Ketten aus bunten Steinen, ein kleiner Totenkopf, eine Schachtel mit dem Aufdruck „getrocknete Spinnen, Krötenbeine und Mäusezungen“ – und ein langer schwarzer Kochlöffelstiel ohne Löffel dran. War das etwa ... vorsichtig holte sie das Ding heraus. Ein Zauberstab! Sie wedelte ihn einmal durch die Luft, wie sie es im Film gesehen hatte. Aus der Spitze des Stabes rieselten glitzernde Funken, in allen Farben! Sinja jauchzte. Paul sprang auf und rannte zu ihr. „Was hast du da, darf ich auch mal?“
„Auf gar keinen Fall! Der ist nur für Frauen.“
„Du bist blöde.“
Sinja überlegte fieberhaft. Was hatte Paul neulich unbedingt haben wollen und nicht gekriegt? Ach ja, einen neuen Fußball. Sie zeigte mit dem Stab auf Mamas Wecker. „Ich verzaubere dich, und bin nicht faul, in einen Ball für Bruder Paul. Abrakadabra.“ Weiße Funken schossen aus dem Zauberstab, umhüllten den Wecker wie tanzendes Licht und – schwupp – kullerte ein nagelneuer Fußball vom Nachttisch direkt vor Pauls Füße.
„Jippie“, schrie er, nahm den Ball, ließ ihn einmal dotzen und schoss ihn quer durchs Zimmer.
Direkt ins Fenster, das mit lautem Klirren in Tausend Scherben zersprang.
„Du IDIOT, guck, was du gemacht hast!“
Paul setze sich auf den Boden und brach in Geheul aus. Sinja betrachtete den Zauberstab. Ob man damit auch Sachen heilemachen konnte? Sie wedelte Richtung Fenster. „Fenster wieder heil und ganz, Abrakadabra Firlefanz.“ Schon kamen die Scherben zurückgeflogen und begaben sich wieder an ihre Plätze. „Juhu“, jubelte Sinja und machte einen Luftsprung.
Dummerweise riss sie dabei die Hände nach oben.
Ein blauer Funkenstrahl schoss aus dem Zauberstab, verzauberte die Deckenlampe in einen hängenden Rosenstrauß mit blauen Rosen, prallte von der Decke ab, flog aufs Bett und verwandelte das Fußende in einen Wasserwürfel. Erschrocken hielt Sinja die Luft an. Sollte sie alles zurückzaubern? Aber das Fenster! Besser jedes Ding einzeln. Sie hielt den Stab Richtung Bett und sagte laut: „Wasser nicht ins Bett gehört, weg damit, denn es stört.“ Der Würfel fiel auseinander, als hätte jemand seine Wände weggenommen, und das Wasser ergoss sich in einem riesigen Schwall quer durchs Zimmer. Paul quiekte und sprang auf, mit pitschnassem Hosenboden.
„Sei endlich still!“
Wedel.
Oh nein!
Wo eben noch Pauls Mund geschrien hatte, gab es nur noch glatte Haut. Pauls Augen waren weit aufgerissen, während er sich mit der Hand panisch ins Gesicht fasste und „mmmmmmm“-Laute von sich gab, wie jemand, dem der Mund zugehalten wird. Oje oje ojemmine -das konnte nicht so bleiben, Mama würde schimpfen.
Da spürte Sinja, wie etwas ihre Haare anfasste. Sie sah nach oben und stieß einen Schrei aus. Aus dem blauen Rosenstock schlängelten sich Schlangen herab, böse aussehende Schlangen mit giftgelben Zungen. „Erstarrt!“, rief Sinja und gab eine großzügige Dosis mit dem Zauberstab hinzu. Giftorangene Funken flogen in alle Richtungen und die Schlangen blieben stocksteif hängen. Gut. Was als nächstes? Da fiel ihr auf, wie still es auf einmal war.
Sie sah sich um und ihr Herz begann, ganz wild zu schlagen. Paul! Völlig unbeweglich stand er da und atmete nicht mehr. Er war doch nicht etwa totgegangen? Hätte sie bloß nicht die Schublade aufgemacht! An allem war nur der blöde Zauberstab schuld. Zornig warf sie ihn zu Boden. Er dotzte zurück, flog quer durchs Zimmer wie ein wild gewordener Flummi und schoss bunte Funken in alle Richtungen. Zuletzt landete er in Sinjas Hand, als würde er dahingehören. Sinja wagte es kaum, sich umzusehen. Als sie es tat, überlegte sie, ob der Zauberstab sie auch an den Nordpol zaubern könnte. Oder nach Afrika, dann müsste sie nicht den kratzigen Wintermantel mitnehmen.
Alles war verwandelt! Das halbe Bett war ein Hochbeet mit giftgrünen Kräutern, der Schrank eine Felswand, die Stehlampe schlängelte sich als Gummibaum bis zur Decke, Mamas Lesesessel war einem dampfenden Misthaufen gewichen und der schöne blaue Teppichboden vertrocknetem Gras. Jetzt brannten Sinjas Augen und ehe sie es stoppen konnte, brach sie in Tränen aus. Was hatte sie bloß getan?
Vor lauter Aufregung hatte sie weder das Auto kommen sehen, noch den Schlüssel gehört. Auf einmal stand Mama in der Tür. „Sinja! Was ist denn hier los?“
Schluchzend warf sich Sinja in Mamas Arme und beichtete alles von Anfang an.
Mama nahm ihr behutsam den Zauberstab aus der Hand, den sie immer noch fest umklammert hielt, holte ein Taschentuch aus der Handtasche und wischte Sinjas Tränen ab. „Na, das kommt davon, wenn man sich heimlich an Mamas Sachen vergreift. Du kleine Hexe.“ Sie grinste schadenfroh. „Guck nicht so erschrocken. Alle Frauen in unserer Familie sind Hexen. Normalerweise beginnt die Ausbildung aber erst mit zehn.“ Lässig schwang sie den Zauberstab mal hierhin, mal dorthin. Lampe, Sessel, Schrank und Bett standen wieder an ihren Plätzen, als wären sie nie fort gewesen, der blaue Teppich glänzte wie neu.
Sinja sah Mamas Handbewegungen staunend hinterher. Sie war eine Hexe?!? „A...aber ... und Paul?“
Mama warf einen Blick auf den Boden. „Der kann noch fünf Minuten warten. Es ist zu schön, dass der mal still ist und nicht um irgendwas quengelt.“ Sie zwinkerte. „Normalerweise hättest du mit meinem Stab in der Hand gar nichts ausrichten können dürfen. Du musst über ganz schön viel Hexenkraft verfügen. Wir werden den Unterricht vorziehen.“
„Und Paul?“
„Der ist ein Junge. Jungen können keine Hexen sein.“
Das wurde ja immer besser! Endlich mal wieder etwas, das nur sie mit Mama teilte. Ein warmes Gefühlt machte sich in ihrer Brust breit und sie musste Mama ganz fest umarmen.
Mama gab ihr einen Kuss und stand auf. „Das ist geregelt. Deckst du bitte den Tisch, ich habe uns Kuchen mitgebracht. Ich wecke Paul auf. Und dann schließe ich den Stab ein. Er hat dich einmal gerufen, er wird es wieder tun.“
„Du meinst ...?“
„Ja, es ist kein Zufall, dass ich den Schlüssel heute vergessen habe. Da wurde jemand ungeduldig.“ Mama starrte den Zauberstab an und guckte dabei streng, so wie abends, wenn Sinja nicht aufräumen wollte. Täuschte sie sich, oder zog er sich ein wenig zusammen? Ein paar bunte Fünkchen stoben hervor und malten Blümchen in die Luft. Er entschuldigte sich! Sinja sah Mama dabei zu, wie sie den Stab über Paul hielt und ein paar Worte murmelte. Bevor Paul jedoch aus seiner Starre erwachte und ihr die Ohren vollplärren konnte, rannte sie zur Küche.
Geplärr hatte sie heute genug gehört.


©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.06.2012 - 14.54 Uhr
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