Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Verzaubert | Juni 2012
Wie heißt das Zauberwort?
von Helga Rougui

Da sitze ich, es ist der 30. April, Tanz in den Mai, das zweite Mal dieses Jahr auf dem Balkon, einen Korb voll blühender und halbverblühter Frühlingsblumen vor mir auf dem Tisch, ein Geburtstagskorb, Hornveilchen und violette Nelken nicken mir freundlich zu, ein Glas gekühlter Rosé lächelt mich an, ich sitze, halb liege ich auf meinem Gartenstuhl, die Sonne scheint, plötzlich ist der Frühling auch hier im Rheinland angekommen, ich atme die frische, warme Luft, der Flieder unten im Garten ist schon erblüht und winkt, leider ist die Sonne noch nicht stark genug, um seinen Duft hervorzulocken, ich gehe in die Küche, trage ein Stück Ziegenkäse und Baguette nach draußen, mein Abendessen für heute, bei den Nachbarn auf der Terrasse Gelächter, Stimmengewirr, ein Korken knallt, die Männer bewegen sich im Garten um den Grill, man riecht den Spiritus-Feuer-Geruch, ich lese einen Roman, der in der Bretagne spielt, geduckte Bauernhäuser, das Meer, die Bucht, - der Geruch des Grills vermischt mit der Frühlingsluft und der Brise am Atlantik – ich bin in Bordeaux, Pinienwälder, gleißende Heidewege, Dünen, ein Fischerdorf, ein Restaurant, abends nach dem Strand und dem Ozean, wir beide unter der Pergola, gegrillter Fisch, da ist er wieder, dieser Geruch nach Glut und Sand und Sommer und Freiheit, ich lehne meinen Kopf zurück, schaue in den Himmel und atme ein und aus und bin glücklich in diesem Moment

***

Er schlägt verzweifelt von innen gegen die Wand, die ist rauh, seine Hände sind rauh, seine Stimme rauh vom Schreien, stumm schreit er seit Stunden. Er läuft an der Wand entlang, immer im Kreis. Aber da ist keine Tür. Kein Ausgang, kein Entkommen.
Er muß aber hinaus. Er muß. Denn draußen wartet die Aufgabe.
Seine Aufgabe innerhalb der Mauern zählt nicht. Die hat er bereits vergessen, nie richtig verstanden, nicht einmal gehört.
Er muß hinaus, um die Aufgabe zu lösen.
Dort draußen.

Er sucht noch immer die Tür. Immer gab es einen Weg hinaus.
Es ist dunkel. Ihm kommt der Verdacht, daß er die Mauern selbst gebaut hat, nur um sagen zu können ich kann nicht hinaus

Wenn er hinauskönnte, müßte er feststellen, daß die Aufgabe gewachsen ist und er weiß aber doch, sich verstecken ist keine Lösung. Sich verstecken ist nicht die Aufgabe. Während er sich im Turm verbirgt, wächst die Aufgabe auf der anderen Seite der Wand weiter ins Unermeßliche, und er wird immer blasser und durchsichtiger, während draußen eine pralle rote Blase gegen den Himmel drückt.

Dessen blaues Dach schon viele Risse hat, es wird brechen und den Blick auf die Unendlichkeit freigeben.

Er wird diesem Anblick nicht gewachsen sein.

Er würde gern seinen Turm verlassen. Es geht aber nicht.
Auch wenn der Turm kein Dach hat. Leider kann er nicht fliegen.

Die Aufgabe draußen.
Den Blick nach oben, frei.
Er wird diesem Anblick nicht gewachsen sein.

***

Als Al-Bambh aus seinem Traum erwachte, war der Wald leer und es fror. Alle waren weg, keiner hatte sich gekümmert, es geweckt und mit auf die Reise genommen. Nun konnte er kommen, T.Rex höchstpersönlich. War es nicht immer so, daß der versprengte, der vergessene Außenseiter als erster gefressen wurde? Aber so einfach wollte Al-Bambh es dem Untier nicht machen. Es würde sich anstrengen, vorher zu ersticken. Eine tote Beute ist keine gute Beute.
Wie wäre es, wenn man dem Tod eine Nase drehte - man stürbe vorher und wäre tot, wenn er käme, um einen zu holen, dann lachte man schadenfroh – ey tod pech gehabt bin schon tot ah boooo also zieh ab und such dir n andres opfer – und so wäre er endlich besiegt, der Tod, und das wäre die einzige Rechtfertigung für Selbstmord, die mir jemals einfallen möchte zu meinem Leben.

***

Orla kreist seit Jahrtausenden von Millionen Jahren unsterblich im Orbit, ob sie lebt oder nicht, ist ihr egal, ob andere sie wahrnehmen, ebenfalls, das Gezänk der Planeten, Erden, Sterne und Sonnen interessiert sie nicht, die Arroganz der Schwarzen Löcher ist ihr gleichgültig, weil, wenn sie es nicht will, sie sie nicht erreichen werden, sie ist frei von allen Zwängen, es gibt kein du mußt und du solltest und es gehört sich aber und wenn du nicht dann und sei vorsichtig sonst. Scheiß auf alle Besserwisserei, Hochmut und Dummheit am Arsch, Überheblichkeit, Selbstzufriedenheit und Dünkel kotzen mich an, Unflat rettet auch nicht die Welt, macht aber Spaß. Auch darüber stehe ich, Orla, und was wo auch immer zappelt und sich windet, wird als historisches Rätsel in zweitausend Jahren mühselig rekonstruiert werden müssen, wenn überhaupt.
Und doch dreht sich das Mensch in seinem Sumpfloch um sich selbst und hört nicht auf, sich wichtig zu nehmen, das Wicht.
Orla küßt Hero, und Hero küßt Orla.
Das geht nur, seitdem sie in verschiedenen Galaxien existieren.

***

Die Spinne kennt ihr Netz, sie hat es selbst gewebt, das Netz ist ihr Lebensradius, da hockt sie, da atmet sie, da hat sie Hunger, sie wartet auf die Fliegen, sie legt sich einen Vorrat an, sie lauert, noch eine Fliege, noch ein Vorrat, dann kommt der Große Lappen und wischt sie weg samt ihrem Netz und den Fliegenvorräten, der für eine halbe Ewigkeit gereicht hätte,

früher oder später.

***

Als Pizza ist man seines Lebens nicht sicher.
Nach meiner Fertigstellung flüchtete ich mich zunächst in einen Karton, um in Ruhe über mein weiteres Vorgehen nachzudenken. Ich wußte, mir blieb nicht viel Zeit. In etwa einer Viertelstunde würde ich, noch leicht dampfend, auf einem Teller liegen, umringt von einer Bande hungriger Fresser, und welche Chance hatte ich eigentlich, dem zu entgehen?
Keine.
Aber vorher würde ich noch die Zeit finden, einen Roman zu schreiben – über die Lust der Pizza an der Dauerhaftigkeit allen Seins – gerade als ich beginne, an die Innenseite des Kartondeckels zu schreiben, hebt sich dieser und grelles Licht fällt auf meinen Belag es ist zu spät ruhmlos muß ich untergehen in ihren mäulern die ewigkeit zum greifen nah

***

Und ich? Es ist des Vampirs Ewigkeit, die ich begehre.
Ich habe alle Romane von Frau Meyer gelesen, bin also bestens vorbereitet.
Und kürzlich wurden auf dem Balkan Gräber gefunden, in denen sich echte Vampire befanden. Denn sie hatten Pflöcke im Herzen, also waren sie Vampire, diese Leichen.
Ich werde sehr darauf achten, daß mir niemand einen Pflock durchs Herz treibt.
Nun muß ich nur noch meinen Edward finden.
Das ist leicht.
Ich probiere einfach alle Edwards der Reihe nach durch. Und irgendwann werde ich merken, daß mir meine unendliche Zukunft in die Augen sieht.
Und es wird damit beginnen, daß er mich nicht verläßt – wie all die anderen.
Jedenfalls so lange nicht, wie ich all die Schätze besitze, die ich seinen Vorgängern abgenommen habe.
Wir werden uns freiwillig aneinanderketten und diese Verbindung Liebe nennen.
Und wenn der eine ausbrechen will, wird der andere unerträgliche Schmerzen leiden.
Also werden wir zusammenbleiben, und so wird sie sein, die Ewigkeit: eine Qual, wenn die Freiheit droht.
Wenn alles ewig wäre, wären auch ewig die Gefangenschaft, die Krankheit, der Kummer, die Trauer, das Versagen, der Schmerz, das Elend, der Hunger, der Durst

***

Der Säufer: Ich saufe seit vierzig Jahren, und ich lebe immer noch. Warum sollte ich mir das Saufen abgewöhnen? Wie könnte ich das Leben und seine Endlichkeit ertragen ohne das Saufen?
Der Engel: Still. Schweig. Du machst dich verletzlich. Angreifbar. Verwundbar. Sie werden dir das nicht durchgehen lassen. Sie sehen das als Schwäche. Sie werden dir deine Krücke nehmen. Und sie werden nicht einsehen, daß es nichts ändert.
Der Säufer: Du bist auf meiner Seite? Wie kannst du auf meiner Seite sein? Du bist mein Feind. Mein Freund ist der Teufel, der mich mit sich in die Hölle zieht.
Der Engel: Du irrst dich. Den Teufel hat es nie gegeben. Und als es ihn gab, da war er schon lange tot. Deine Krankheit und dein Tod, das bin ich. Du säufst für einen Engel, für mich allein, von der Stunde deiner Geburt bis zum ersten Biß der Würmer, die um die Wette laufen werden, um sich in dein pralles Fleisch zu wühlen. So eine Hausbar hatten sie noch nie. Du wirst, ohne es zu merken, von deinen größten Fans deiner natürlichen Bestimmung zugeführt. Stellvertretend für alle.
Der Säufer: Ich möchte nicht banal oder geschmacklos erscheinen, aber wenn ich schon für alle stehe - dann heißt es jetzt – Lokalrunde für die ganze Welt!

Möge der Wurm in euch sein!

***

das kann es nicht gewesen sein
ich lehne es ab
daß jemals irgendwann irgendwo
irgendetwas
endet
ich werde dafür kämpfen daß das ende abgeschafft wird
ich werde mich wehren
durch die momente der ewigkeit
die ich anhäufen werde
bis zum erbrechen
wörter werden aus mir herausströmen unaufhörlich
wie mein blut aus der letzten wunde am abend
und bevor nicht alles blut verströmt
und nicht alle wörter gesagt
hat keiner das recht zu behaupten
ich hätte das eine wort nicht gefunden
das eine auf das es ankommt
ich werde nicht aufgeben
und ich werde verlieren

***

Ich sitze auf dem Balkon, es ist der 30. April, Tanz in den Mai, es ist dunkel jetzt, Nacht samtweich, Veilchenduft, die Stimmen nebenan sind leiser geworden, Pausen der Stille, ich bin müde, so viele Wörter, erfunden, erdichtet, erlogen, gesprochen, geschrieben, gesetzt, verschwendet, verschüttet, verstreut, ihr werdet mir fehlen, ihr fehlt mir jetzt schon, ihr wart ein Teil von mir, kommt zurück
Kommt zurück, bitte.
Aber sie kommen nicht zurück.
Ich sammele die ein, die mir verblieben sind.
Ich sammele sie ein, sie passen in eine hohle Hand.

Ich gehe hinein und schließe leise die Tür.

Letzte Aktualisierung: 22.06.2012 - 09.16 Uhr
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