Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Verzaubert | Juni 2012
Kind 23
von Hajo Nitschke

Es hämmert in seinen Schläfen. Klopft in den Ohren, durchflutet den Verstand. Setzt das Herz unter Strom und pocht in den entblößten Lenden. Keine Gnade! Winde dich und winsele, du entkommst nicht.


Chor der Schatten: “KEIN ENTKOMMEN: ER – IST – TOT!“


Der Zeremonienmeister hat sich der Anführer-Kutte entledigt. Nur noch die Augen sind von einer Maske verdeckt, sein schwitzender Körper nackt. Der Penis wirft im Schein des Feuers einen riesenhaften Schatten an die Wand über dem Altar. Schaurig, aber auch majestätisch.
Ein diabolisch grinsender Totenschädel im Pentagramm zu Füßen des Meisters. Leere Augenhöhlen, und dennoch scheint aus ihnen jede Bewegung registriert zu werden.

Hypnotische Klänge vom Band: Trommeln, auch eine Orgel. Ozongeruch. Wie ein herrlicher Gott nähert er sich seinem Opfer. Gott des Untergangs, Vollstrecker eines Todesurteils, bereits vor Jahren verhängt. Die kleine Gestalt liegt gebunden auf dem Marmor, den Kopf mit dem dunkelblonden Schopf zur Seite, um seinem Gott entgegenzusehen. Rotz und sabbernder Speichel. Er liegt in einer Pfütze, hat das Wasser nicht halten können


Chor der Schatten: “JETZT! ZEIG DEINE ALLMACHT, SATAN, ERLÖSER!“


Die Orgeltöne schwellen an. Ihr Subbass wird zum Inferno, die Mixtur zur schrillen Sirene. Dann bricht der Klang jäh ab. Der Junge liegt bereit, ein erbärmlich zitterndes Bündel. Verachtenswert. Sein Balg ein willkommenes Ziel für den Anführer, den Priester Satans. Kein Zögern, keine falsche Scham. Die Schändung nimmt ihren Anfang. Ein Kinderblick beginnt, sich ins Leere zu richten. Kleine, braune Augen, weit aufgerissen, erstarren.


Chor der Schatten: “HIERGEBLIEBEN! AUGEN AUF!“


Der Junge öffnet die Augen wieder, schreit. Doch ungerührt setzt der Zeremonienmeister das Werk fort. Stöhnt rhythmisch.



(Die Stimme: “Daddy“)


Schneller der Rhythmus, lauter das Keuchen. Crescendo der Trommeln. Die Umstehenden reißen sich die Kleider vom Leib: Männer, viele in reiferem Alter, und Frauen. Alle maskiert. An der Wand auch ihre Schatten: Monster. Behälter mit übel riechenden Exkrementen stehen bereit. Erregung entwirft Abbilder der Lust, malt sie sich gegenseitig durch die Maskenschlitze in die Augen. Diener bringen Nachschub herein: Eine Schar barfüßiger Jungen und Mädchen, nur in ein Stück Leinen gehüllt. Sie werden den Sektenmitgliedern zugeführt. Unter Drogen stehend ist keine Fixierung nötig: wehrlos und teilnahmslos schlucken sie, lassen sich die Haut mit brennenden Zigaretten versengen und den Schoß mit Stromkabeln in schneidendes Zucken versetzen.


(Die Stimme: “Daddy!“)


Schscht! Wen meinst du? Ich hab keine Tochter! Stör nicht, ich muss diesen Text fertig schreiben.

Moment! Dieses eingerahmte Foto vor mir, wie aus dem Nichts: Zauberei? Wo um alles in der Welt hergekommen? Hörte ich die Stimme nicht bereits beim Schreiben? Ein junges Mädchen im Alter von vielleicht elf oder zwölf Jahren. Schmale Schultern unter moosgrünem Stoff, von einem großen, dunklen Überhang kaum verdeckt. Antlitz eines Engels, merkwürdig vertraut. Woher …? Welcher Maler hat dieses Geschöpf zum Leben erweckt?

Magische Augenblicke: Ein Wunderwerk von fast ätherischer Schönheit schaut mich an. Aus warmen, braunen Augen, in deren großen Seen man versinken könnte. Die Haare, gelockt, in dunklem Blond, kontrastieren in ihrem kupferfarbenem Glanz nur schwach zu einem Gesicht aus Milch und Honig! Feines, kaum merkliches Lächeln, der Ausdruck frei von Angst. Zutraulich, aber auch wissend. Als wäre mein Herz ein aufgeschlagenes Buch.

'Wehe dem, der diesen Kleinen auch nur ein Haar krümmt. Es wäre besser für ihn, man bände einen Mühlstein um seinen Hals.'

Von wem stammt das? Der süße Mund mit weichen, sanft geschwungenen Lippen, noch fern jeder berechnenden Sinnlichkeit. Stattdessen Reinheit, Unschuld. Ein einzigartiges, zerbrechliches und schutzbedürftiges Menschenkind, von dem man alles Böse der Welt fernhalten möchte. Doch ich reibe mir die Augen: Träume ich? Sieht mich da nicht plötzlich eine Heilige an, die umgekehrt mich beschützen könnte? Vor all dem Ekel und der Gewalt, über die ich schreibe?

Mich von einer solchen Heiligen loszureißen kostet Kraft, aber der Beitrag muss auf den Weg: Konzept für einen Snuff-Film. Natürlich gefaked. Vergewaltigungen und Stromschläge simuliert: Meisterleistungen am Schneidetisch. Attrappen. Farbe statt echtem Blut. Für Snuff werden Unsummen gezahlt. Dass er diesmal getürkt sein wird, wissen die Kunden nicht. Der gottverdammte Regisseur nervt den Drehbuchautor, der wiederum bedrängt mich. Widerlicher Job zwar, aber irgendwo muss die Kohle herkommen.

Weiter.


***


Sie tanzen im Feuerschein um die Opferstätte. Bevor sie die entkleideten, apathisch auf ihr Schicksal wartenden übrigen Bälger Kinder zu Opfern ihrer perversen Spiele machen, bevor sich die gerade erlebte Schändung vielfach wiederholt, um den Samen der Herrscher zu säen, muss das Opfer vollbracht sein.

Die Einsetzungsworte werden eine teuflische Eucharistie einleiten. Seine Hand, hoch erhoben, holt aus. Aufblitzen einer scharfen Klinge. Man wird beides herumreichen: das neue Brot, den neuen Wein. Gemeinschaftsmahl schenkt Sättigung. Das Ritual beginnt.


Chor der Schatten: „HUNGER! HUNGER!“


Doch die Spitze des Messers verharrt auf halbem Weg.


Chor der Schatten Monster: „DURST! TRINKEN!“


Satans Stellvertreter steht immer noch über den zukünftigen Kadaver …



(Die Stimme: „Daddy!!“)


den zukünftigen Kadaver den noch lebenden kleinen Jungen gebeugt. Es ist, als warte sein Peiniger auf etwas. Oder auf jemanden. Plötzlich tritt aus der Kinderschar ein Mädchen hervor. Im Gegensatz zu den Anderen vollständig angekleidet. Schlichtes, grünes Baumwollkleid, dunkler Umhang über schmalen Schultern, leichter Anorak. Geht langsam zum Altar, flankiert von einem sich bedrohlich schließenden Spalier von Jüngern. Blickt den Meister furchtlos an. Ihm ist, als könne das Mädchen seine Gedanken lesen. Er erschrickt:
„Wer bist du?“


Chor der Monster: „GREIFT SIE; BESORGT ES IHR! WIR KENNEN SIE NICHT; DIESE KLEINE HURE! WER IST DAS? FICKT GREIFT SIE!“


Doch der Satanspriester legt das Opfermesser aus der Hand. Weicht einen Schritt zurück. Das Mädchen, dunkelblond, langhaarig, braune Augen in blütenreinem Gesicht, folgt. Noch einen Schritt. Noch einen.


Chor der Monster: “TÖTEN! TÖTEN! WARTET, WAS TUT SIE DA?“


Das zierliche Wesen, Gesicht eines Engels, löst die Fesseln des blutenden Knaben, der erneut flennt winselt weint, immer noch gefangen im begrenzten Verstand seines Spatzenhirns Grauen und unfassbaren Elend seines noch kurzen Lebens. Tröstend redet der Engel auf ihn ein, wiegt ihn in den Armen, summt ins Ohr und in den Bauch des Kleinen, streichelt Kopf und Rücken. Haucht Atem in sein Gesicht, bis er sich beruhigt. Trocknet mit bloßen Händen unendlich sanft seine Krokodils Tränen. Zieht ein weißes Spitzentaschentuch hervor und reinigt sein Gesäß. Von Blut ist der Damast rot gesättigt. Das Mädchen richtet seinen Schützling behutsam auf und hilft ihm mit großer Achtsamkeit auf die Beine, stützt ihn vorsichtig. Der Opfertisch ist leer.

Ein letztes, trockenes Schluchzen des Jungen. Seine Beschützerin wischt mit dem Kleidersaum liebevoll seine Nase. Leise, unverständliche Worte in einer fremden Sprache dringen aus ihrem Mund. Unter den Blicken der verstummten Menge hüllt sie ihren neuen Gefährten in den Anorak, nimmt den Umhang von ihren Schultern und breitet ihn über den Tisch wie eine Decke. Lästerliche Flüche Ein Raunen im Saal, als sich die Farbe der Decke in Weiß verwandelt. Das Mädchen rückt einen Stuhl heran und setzt seinen kleinen Gast an den Tisch. Bedeutet ihm, in die Taschen der Wetterjacke zu greifen. Gebäck und eine kleine Flasche Saft kommen zum Vorschein, Datteln, Nüsse und Feigen. Wie durch Zauberhand stehen Teller und Glas vor ihm. 'Bedien' dich!', sagt der Blick seiner großen Freundin.


Chor der Monster: “FUCK! SCHLUSS MIT DEM SEHT DOCH, SEHT: DIE PROPHEZEIUNG ... AUF DIE KNIE!“


Die Stimme der kindlichen Samariterin ist fest und klar. An dieser Stätte noch nie Gehörtes steigt auf wie ein Gebet. Stellvertretend gesprochen für ein namenloses Kind, dem der Text noch fremd ist. Fremd, aber köstlich wie feinste Speise und Wunden heilend wie Balsam. Dringt noch in den kleinsten Winkel des Saales wie himmlische Tafelmusik. Der Zeremonienmeister murmelt die uralten Worte mit: '“Und-ob-ich-schon-wanderte-im-finsteren-Tal,-fürchte-ich-kein-Unglück …,“


Chor der Monster Jünger: “... DENN-DU-BIST-BEI-MIR.“


Zeremonienmeister: „Du-bereitest-vor-mir-einen-Tisch-im-Angesicht-meiner-Feinde ...“


Auch er, gerade wie ein Wolf im Begriff gewesen, ein Kind zu reißen, sinkt zu Boden. Längst haben sich alle wieder ihrer Kleidung bemächtigt, die Masken liegen achtlos auf der Erde. Wie aus einem bösen Traum erwacht sehen sie einander an. Jemand schaltet die Trommeln ab, ein Anderer löscht das Höllenfeuer. Der beißende Geruch hat sich verflüchtigt. Helles Tageslicht statt gespenstischem Flackern. Ein leicht irisierendes Leuchten webt um das Mädchen und seine Schützlinge eine Aureole. Schützlinge, weil sich auch die anderen Kinder zu ihm gesellt haben.



***


… Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang ...

Verschwunden das Bild, der Rahmen leer. Ein Engel ist aufgetaucht und wieder gegangen. Mir ist, als hätte er meine eigenen Dämonen mitgenommen. Geblieben ist der Zauber eines Gesichtes, das sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Züge, so unverbraucht und trotzdem alt wie die Menschheit. Ein Mädchen, schwach und stark zugleich, das offenbar alles Leid in Güte, alles Weinen in einen Reigen verwandeln kann. Ein magisches Bild. Welcher Gott oder welche Göttin hat dich geschickt – und dich wieder verborgen? Ich will dich suchen gehen, meine Tochter, die ich nicht habe. Und deren Namen ich nicht kenne.


@Hajo, Version 3

Letzte Aktualisierung: 08.06.2012 - 09.02 Uhr
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