Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Verzaubert | Juni 2012
Der Spiegel
von Ingo Pietsch

Nora betrachtete den Brief, der in dem riesigen Paket gelegen hatte; einem Geschenk ihrer Tante. Ihrer einzigen noch lebenden Verwandten, die sich nach dem Tod ihrer Eltern um sie gekümmert hatte.
Noras Tante war schon immer etwas merkwürdig gewesen. Sie beschäftigte sich mit Esoterik, Zauberei und ähnlichen Dingen.
Zwei Männer vom Paketdienst hatten dieses rechtwinklige Monster in den dritten Stock geschleppt.
Es war größer als Nora selbst und lehnte jetzt im Wohnzimmer an einer Wand.
Nora sah immer wieder vom Brief auf und betrachtete das Paket, als könne sie nicht glauben, was sich darin befand.

„Liebe Nora,

ich wünsche Dir alles Gute zun 25. Geburtstag! Als besondere Überraschung habe ich Dir einen Zauberspiegel geschickt. Dieser Spiegel bewahrt Dir Dein Aussehen, wenn Du einmal seinen Zauber geweckt. Du alterst zwar ganz normal weiter, aber wenn Du Dich dann wieder vor den Spiegel stellst, kehrt Dein Äußeres, das Du einmal im Spiegel gebannt hast, zurück.
Aber dabei musst du drei wichtige Dinge beachten, sonst verliert der Spiegel sofort seine Zauberkraft:
1. Du darfst nie jemandem davon erzählen, auch deinem Mann Björn nicht
2. Nutze den Spiegel mit Bedacht, weil er sonst zu schnell seine Kraft verliert
3. Der Spiegel darf niemals beschädigt werden
Ich wünsche Dir weiterhin viel Glück auf Deinem Lebensweg.


Nora las den Brief zu Ende. Sie glaubte eigentlich nicht an den Hokus-Pokus, den ihre Tante immer verzapft hatte, weil er einfach nicht funktionierte.
Trotzdem war sie neugierig.
Sie verdunkelte das Wohnzimmer, entzündete ein paar Kerzen und öffnete das Paket: Darin befand sich ein Standspiegel, mit verschnörkeltem, abgewetztem Holzrahmen.
Dann tat sie, wie im Brief beschrieben. Sie entkleidete sich und stellte sich vor den Spiegel.
Sie betrachtete sich in der gläsernen Oberfläche. Schulterlange, schwarze Haare, volle dunkelrote Lippen, ein leicht blasser Teint der Haut. Sie war auch mit ihrer Figur zufrieden.
Jetzt musste sie sich nur einmal um die eigene Achse drehen und den Spruch aufsagen:

Spiegel, Spiegel an der Wand,
mein Antlitz sei in dir gebannt


Um den Rahmen begann es zu glitzern. Aber Nora spürte nicht das Geringste. Jetzt war sie doch enttäuscht. Sie zog sich an und packte den Spiegel wieder ein. Björn konnte ihn später in den Keller bringen. Wahrscheinlich würde sie ihn auf den Müll schmeißen. Sie zerknüllte den Brief und warf ihn weg.

Als Björn abends von der Arbeit kam, wunderte er sich über das Paket.
„Ist nur so ein alter Spiegel von meiner verrückten Tante.“
Björn verdrehte wissend die Augen und brachte das Ungetüm in den Keller.
Die beiden machten es sich anschließend auf dem Sofa gemütlich und feierten Noras Geburtstag mit einer Flasche Wein.

Als Nora am folgenden Tag die Gläser wegräumen wollte, trat sie auf eines, das auf den Boden gefallen war.
Sie sammelte die Scherben ein und stach sich dabei in die Handfläche.
Ein fürchterlicher Schmerz zog durch die ganze Hand.
Blass setzte sie sich aufs Sofa und zog die lange Scherbe heraus. Augenblicklich strömte Blut aus der Schnittwunde. Sie griff zu einem Lappen und wickelte ihn um ihre Hand. Die Wunde schmerzte, weil auch Weinreste mit hineingeraten waren. Sie ging in die Küche und versuchte die Blutung mit Pflastern zu stillen. Doch es gelang ihr nicht.
Björn war schon zur Arbeit gegangen. Sie wollte zu den Nachbarn, aber dann fiel ihr der Spiegel im Keller ein. Wenn er ihr Äußeres wieder auf den Zustand wie beim Aktivieren zurückstellte, konnte er vielleicht auch Verletzungen heilen.
Nora rannte nach unten, öffnete schnell den Karton und betrachtete ihr Spiegelbild.
Augenblicklich war der Schmerz verschwunden. Als sie nach ihrer Hand sah, war kein Schnitt mehr zu sehen. Nicht einmal eine kleine Narbe.

Fünf Jahre später
Nora hatte sich erfolgreich bei einer Model-Casting-Show beworben und war auf dem dritten Platz gelandet.
Nach und nach hatte sie immer lukrativere Aufträge bekommen. Björn war jetzt ihr Manager. Zusammen zogen sie in eine große Villa.
Nora war immer noch sie selbst: Sie engagierte sich für soziale Projekte und spendete eine Menge Geld an Wohltätige Organisationen.
Sie war Björn so nahe wie niemals zuvor und ihre Liebe blühte auf.
Persönlich überwachte sie den Transport des Spiegels, der gut verpackt in einer Kiste lag.
Die Möbelpacker trugen sie vorsichtig in den Keller. Fast an dem Platz angekommen, wo sie hinsollte, rutschte einem der Packer die Kiste aus den Händen.
Mit einem lauten Krachen fiel sie zu Boden. Nora kreischte auf, als sie plötzlich einen schrecklichen Schmerz im Fuß verspürte. Sie schickte die Packer unter Tränen nach draußen und schloss die Tür.
Ein langer Schnitt, wie damals in der Hand, zog sich über den Fußrücken. Noch blutend sah sie nach dem Spiegel. Die eine untere Ecke hatte ein Sprung bekommen. Mit Klebeband versuchte sie die Stelle am Spiegel zu reparieren.
Das Flickwerk hielt, das Bluten hörte auf, aber ein dünner weißer Strich war auf der Haut zurückgeblieben.
Nora nahm sich vor, den Raum für immer zu verschließen und niemanden hereinzulassen.

Weitere fünfundzwanzig Jahre später
Nora war in ihrer Arbeit als Model voll aufgegangen.
Nora war eigentlich perfekt. Nur eines fiel auf, dass sie bei jedem Shooting Socken trug.
Man sprach hinter ihrem Rücken von ihrer Achilles-Ferse .
Immer wieder versuchten Reporter das Geheimnis ihrer ewigen Schönheit herauszufinden, aber es gelang ihnen nicht. Nora wusste sich zu schützen: Gelegentlich verschwanden zu neugierige Reporter einfach.
Konkurrentinnen, die böse Worte über sie verlauten ließen, wurden Opfer von mysteriösen Unfällen.
Auch hielt Nora ihr Geld zusammen. Sie wurde immer egoistischer. Waren frühe ihre Freunde und ihr Mann der Mittelpunkt in ihrem Leben gewesen, gehörte ihre gesamte Aufmerksamkeit jetzt nun ihrem Äußeren und dem Spiegel.
Kaum begann ein graues Haar zu sprießen, verschwand Nora in ihrem Zimmer.
Ihrem Mann entging das nicht. Er hatte nie danach gefragt, wieso sie nicht alterte. Oder wenn sich doch ein kleines Fältchen zeigte, es kurz darauf wieder verschwunden war.
Irgendwann reichte es Björn. Er wollte sie zur Rede stellen.
Sie wich ihm aus: „Das sind alles Naturprodukte. Nichts, um das du dich sorgen müsstest.“
Björn war ratlos und spionierte ihr nach. Immer öfter zog sie sich in ihr Zimmer zurück.
Ihr Charakter veränderte sich weiter: Sie wurde launisch, zickig, aggressiv, nahm kaum nach Modeljobs an und verließ das Haus schließlich gar nicht mehr.
Schließlich musste sie immer öfter vor den Spiegel stehen, aber die Wirkung des Spiegels ließ dadurch immer mehr nach. Es war ein Kreislauf und Nora machte die Angst fast verrückt, dass sie irgendwann ihre Schönheit verlieren könnte.

Björn und Nora saßen zusammen zum Mittagessen.
Die unheimliche Stille wurde von einem Fluch unterbrochen, den Nora ausstieß, als sie mit dem Messer abrutschte und sich den Finger verletzte.
Sofort sprang sie auf und wollte Richtung Keller.
„Warte!“, sagte Björn. „Wir machen ein Pflaster drauf.“
„Nein, es geht schon.“ Nora wollte weiter.
Björn hielt sie fest. „Ich erkenne dich nicht wieder. Hat dich dein Ruhm so verändert?“
„Lass mich!“, schrie sie ihn an. „Du hast ja keine Ahnung!“
„Dann kläre mich auf.“ Er ließ sie los.
„Das kann ich nicht.“ Sie senkte den Kopf.
„Es geht um diesen Spiegel, den du von deiner Tante bekommen hast.“
Nora nickte.
„Den du in deinem Raum wie einen Schrein verehrst.“
Mit großen Augen sah sie ihn an. Der Raum war immer verschlossen gewesen.
„Du bist besessen davon. Deswegen habe ich ihn zum Müll gestellt.“
Sie kreischte: „Nein, dann werde ich sterben.“ Sie schlug ihm auf die Brust.
„So ein Quatsch.“
Sie holte tief Luft. Es war ihr mit einem Mal egal, ob der Zauber weiter anhielt. Sie wollte den Mann, den sie so liebte nicht verlieren und weiter belügen. Sie zog ihre Socke herunter und zeigte ihm die Narbe: „Der Spiegel hat an der selben Stelle meines Spiegelbildes einen Riss. Wir sind miteinander verbunden.“
Verständnislos sah Björn sie an. Draußen klapperten die Mülltonnen, als sie entleert wurden.
Nora rannte zur Tür hinaus. Björn verwirrt hinterher. Er stolperte und fiel hin.
Das Sonnenlicht, das sich im Spiegel reflektierte, machte Nora fast blind. Sie sah weder die Nachbarn noch spielende Kinder, die ihr hinterherstarrten. Trotzdem fand sie den Gegenstand ihrer Rettung auf Anhieb.
Die Müllabfuhr war nur noch zwei Häuser entfernt.
Nora schaffte es unter äußersten Anstrengungen, den Spiegel aus den Müllsäcken zu ziehen.
Erleichterung zeigte sich auf ihrem Gesicht.
Björn kam war inzwischen wieder aufgestanden und lief ihr entgegen.
Nora trug den Spiegel vor sich, sodass Björn nur ihre Hände sehen konnte. Immer wieder musste sie ihn abstellen, so schwer war er.
Plötzlich flog der Ball der Nachbarskinder gegen den Spiegel und prallte von der Rückseite ab. Nora begann zu schwitzen. Kleine Risse zogen sich über das gesamte Glas, verästelten sich immer weiter. Das gleiche geschah mit ihrer Haut. Ein blutiges Netz spannte sich über ihren Körper.
Das Glas brach und ein Regen aus Scherben fiel auf den Bürgersteig herab.
Björn konnte Nora jetzt durch den leeren Rahmen sehen, wie sie blutete und rapide alterte. Er wünschte sich, dass ihm der Anblick erspart geblieben wäre, denn ebenso wie das Spiegelglas zerfiel der Körper seiner Frau.
Björn fiel auf Knie und blickte fassungslos auf die beiden Anhäufungen vor sich.
Der Zauber war verflogen.

Letzte Aktualisierung: 25.06.2012 - 18.05 Uhr
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