Ganz schön bissig ...
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Nachtschicht | Juli 2012
Heinzelfrau
von Helga Rougui

spinne dieses stroh zu gold wie soll ich spinnen spinnrad spinnt und nadel sticht ich weine und ich will das nicht

Ich kann das nicht. Schweißgebadet wacht Emma auf. Es ist Montag. Das ist schlimm.

Ihre beiden Haßtage sind Montag und Donnerstag. Am Donnerstag hat sie Turnen, und das ist sowieso der Supergau, aber am Montag ist es das Fach Handarbeit, das ihr die Laune zerstört.
Warum in mühevoller Kleinarbeit Topflappen, Socken, Schals und Eierwärmer stricken, wenn man all diese Dinge schnell und problemlos beim nächsten KiK kaufen kann – bis auf die Eierwärmer vielleicht? Aber wer um Himmelswillen will heutzutage Eier wärmen?

Vor drei Wochen ist Emma mit der neuen Nadelaufgabe nach Hause gekommen: herzustellen sei ein eigroßes Stricktütchen, an dessen Spitze seien rechts und links zwei kleine kreisrund gehäkelte Baumwollscheiben zu befestigen und zwei schwarze Äuglein zu sticken in deren Mitte. An diesen Hühnerkopf sei ein rotes Schnäbelchen zu heften und obenauf fein anzunähen ein stolzer Hahnenkamm aus rotem Filz.

Emma denkt: "Mir wird schlecht."

Irgendwann schlägt sie doch die erste Masche auf, obwohl sie noch immer keinen Plan hat, wie dieses Stricksäckchen zustandekommen soll. Vermutlich würde sie noch länger keinen Anfang finden, wäre da nicht ihre Mutter, die ihr ins Projekt hinein- und in der Folge hier und da ein wenig weiterhilft, so daß das Werk nicht gänzlich brach liegt.

Morgen nun der Montag des Abgabetermins. Emma hat in den letzten drei Wochen noch einmal all ihre Goldköpfchen-Mädchenromane gelesen, sie hat mit ihrer Freundin Beate im Sandkasten Matschburgen gebacken und Regenwürmerwettrennen gespielt, sie hat mit blauem Buntstift auf roter Pappe ihr erstes Gedicht geschrieben, in dem sich Sonne auf Wonne reimt.
Am Sonntagabend packt sie ihren Tornister, sie sucht ihren Handarbeitsbeutel, sie findet ihre Strickarbeit zusammengeknüllt in einer Sesselritze, das zarte Zitronengelb des Wollknäuels hat sich in ein leicht angeschmutztes Graubeige verwandelt – das Strickstück hängt trostlos und unfertig an seinen vier Nadeln, denen es voller Verzweiflung zu entkommen sucht.

Emma verbietet sich, über die Konsequenzen nachzudenken. Sie stopft alles in ihren Beutel, geht zu Bett und fürchtet sich.

***

Die Handarbeitsstunde beginnt, die Kinder werden einzeln ans Pult gerufen, Emma sucht fahrig in ihrem Handarbeitsbeutel nach dem Nadelmonster plus Wollplazenta – seltsam, das Knäuel fehlt, stattdessen kommt ein putziger leuchtendgelber perfekter Eierwärmer mit allem Drum und Dran zum Vorschein, frisch gewaschen und gebügelt. Wie benommen geht Emma nach vorn und erledigt die Formalitäten, während ihr vor Erleichterung ganz eigen wird – denn niemals kann man sicher sein ...

Als Emma nach der Schule heimkommt, ruft sie noch an der Tür:
"Mama, Mama! Wir haben schon wieder eine Eins in Handarbeit!"

Letzte Aktualisierung: 22.07.2012 - 09.50 Uhr
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