Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Katharina Conrad IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Nachtschicht | Juli 2012
Hilf mir … nicht
von Katharina Conrad

Wummwumm … wummwumm …
Sein Herz, unverkennbar. Es schlug laut und regelmäßig außerhalb seines Körpers und schickte dabei diese pulsierenden Wellen aus, die ihn wie einen Surfer durch die Nacht trugen.
Außerhalb seines Körpers?
Welches Körpers?
Er hatte das Bewusstsein verloren. Es war ihm irgendwie abhandengekommen … das Bewusstsein, wo er endete und der Rest der Welt begann. Das Universum – der Club, die Menschen, die Musik … und was war er, wenn nicht die Musik? Doch, er war der Beat, der verlängerte Tonarm und das Nervenzentrum seiner Turntables, und es fühlte sich verdammt nochmal so geil an! Dieses Vinyl … schwarzglänzend wie Schlangenhaut und unaufhörlich rotierend wie ein ekstatischer Derwisch, war das etwa kein Teil von ihm?
Wen interessierte das?
Er war Gaius Julius Caesar unter dem Triumphbogen! Er reckte die Faust nach oben, schüttelte sie kurz und schaute dann seinen Fingern dabei zu, wie sie rhythmisch Victory-Zeichen in die Luft stachen.
Das Volk schrie. Ihm zu Ehren, nur ihm.
Mitten in seiner Siegerpose erinnerte ihn ein Pochen hinter dem Auge daran, dass die gigantische Riesenwelle, auf der er schwamm, nicht ewig so weiterrollen würde. Noch war es erträglich, nur ein lauernder Schatten unter der Oberfläche … aber es würde sich nicht lange ignorieren lassen. Noch eine Weile und die Welle würde brechen, ihn als wimmerndes Häufchen Dreck in den Sand kotzen.
Wie lange stand er schon im Strobogewitter hinter dem Mischpult? Egal. Seine Fingerspitzen tasteten über Plattencover, zählend, abschätzend. Noch genügend übrig. Und doch wie immer nicht genug …
Er lachte gegen den Druck hinter seinem Auge an, versetzte der Platte auf dem zweiten Teller einen Schubs, damit sie ein wenig schneller lief, und schob dann den Pitch einen Millimeter nach oben. Das Herzstolpern zwischen Headphones und Außenwelt hörte auf.
Seine Perspektive verschob sich. Er mochte das Gefühl, sich selbst von außen zu betrachten – es hatte sowas Erhabenes.
Verschwitzte Körper wanden sich durch den blitzenden Maschinennebel wie eine seltsame Abfolge von Polaroidaufnahmen; fremdgesteuert wie er vom Takt seines Herzschlages, den die vier raumhohen Bassboxen in jeden Winkel pressten wie ein Dogma, ein Gesetz, dem sich niemand entziehen konnte.
Vage erinnerte er sich an einen Gig während eines Unwetters, das schließlich einen Strommast umgerissen und den Club in bodenlose Nacht getaucht hatte … und ihm eine Nahtoderfahrung bescherte. Ohne Atmung, ohne Puls, ohne Vorwarnung. Rückgratlos und bewegungsunfähig wie eine Qualle im Trockendock, ein sinnfreier Gallertklumpen … sorgen- und schmerzfrei, genau so musste sich der Himmel anfühlen … Bis das Notstromaggregat angesprungen war und ihn und die Technik und das ganze beschissene Leben wieder zum Funktionieren gebracht hatte.
Natürlich war sie auch damals dabei gewesen, zuverlässig wie ein Schatten. Immer wusste sie, was er brauchte, obwohl sie es ihm niemals freiwillig gab, die Kuh. Er hasste ihre Fürsorge, so süß, so klebrig, zäh wie Zuckersirup. Aber ohne sie ging es nicht. Nicht mehr.
Sie war keine von denen, die kreischten, wenn sie ihn sahen. Seine Musik ertrug sie nur um seinetwillen, mochte sie nicht einmal. Zum hundertsten, wenn nicht tausendsten Mal fragte er sich, wo zum Teufel er sie eigentlich aufgegabelt hatte. Und zum hundertsten, wenn nicht tausendsten Mal versuchte er, das Echo dieser Frage zu ignorieren: Wo wäre er ohne sie?
Sie verweigerte sich seinem Kosmos, und doch trug sie seine Last für ihn auf ihren schmalen, knochigen Schultern. Teufel auch … Sie wurde immer dürrer, oder nicht?
Der Druck in seinem Kopf nahm zu, und gleichzeitig wurde er sich schmerzhaft bewusst, dass er atmete. Scheiße, das war so anstrengend … Er brauchte sofort … Wo war sie?
Hinter ihm, klar, da stand sie und rührte sich nicht, noch immer diese dämliche Wasserflasche in der Hand. Er hatte sie ausgelacht, als sie damit ankam. Am liebsten hätte er sie auf der Stelle erwürgt. Wasser! Gott sei Dank war sie da.
Er winkte mit zwei Fingern. Sie verstand sofort, aber ihr Blick verschloss sich. Ständig musste er sie zwingen … Weil er wusste, was sie von ihm wollte, zog er sie an sich und küsste sie feucht und tief; immer wieder aufs Neue verblüfft von der Tatsache, dass ein Mensch so intensiv nach Pfefferminz schmecken konnte, und presste seine Hand auf ihr Kreuzbein, obwohl er sie viel lieber halb zu Tode geschüttelt hätte.
Er bekam seinen Willen, endlich. Sie wischte sich über den Mund und reichte ihm widerstrebend ein kleines Papierkügelchen, das für die Dauer eines Stroboblitzes weiß aufleuchtete. Es fühlte sich hart an auf seiner Zunge, aber nur für einen Augenblick … dann spürte er, wie sich das Zigarettenpapier auflöste und ein feines Pulver freigab, das ohne Verzögerung seine Mundschleimhäute pelzig werden ließ.
Unten riss sich ein Mädchen das Top vom Leib und begann sich wild zu drehen, so dass ihre verschwitzten blondierten Haare in alle Richtungen davongeschleudert wurden wie in einer verfluchten Spaghetti-Zentrifuge, bis ihre Füße dem Tempo ihres Körpers nicht mehr folgen konnten und sie gegen einen kahlglänzenden Kerl krachte, der taumelnd mit ihr zu Boden ging.
Was für ein Anblick! Um nichts hätte er seinen Platz am Mischpult aufgeben wollen.
Sie alle gehörten ihm, und sie alle waren ihm hörig. Das pelzige Gefühl kroch ihm über den Rachen ins Genick und unter der Kopfhaut an seinen Schädelknochen entlang, bis es mit glitzernden Fingern sein Hirn aus der Schüssel hob und es frei schwebend über dem Nebel und den zuckenden Leibern seine Kreise drehen ließ, und bei all dem lachte er im Rhythmus des Basses, ein lachendes Gehirn inmitten einer bizarr zerrissenen Welt aus Nebel, Licht und dröhnendem Klang.
Auch, wenn es im Augenblick nicht interessierte … ein paar Windungen in seinem Gehirn wussten weiterhin, dass auch dieser Flug nicht ewig dauern würde. Je höher er flog, desto tiefer war der Sturz … der Sturz zurück in seinen Körper.
Denn wenn das Set erst zu Ende gespielt war und die Gäste längst zu Hause, wenn das gnadenlose Neonlicht den Putzfrauen die schmierigen Reste der Nacht präsentierte und er den Rückweg zu sich selbst finden musste, ob er wollte oder nicht … dann war der Flug vorbei und er schlug in der Bedeutungslosigkeit auf wie auf Stahlbeton.
Auch dann war sie an seiner Seite.
Fing ihn auf, trug ihn fast nach Hause in seine spärliche, chaotische Studentenbude und träufelte ihm ihr bescheuertes Wasser in den Mund. Weckte verschüttete Erinnerungen an eine Zeit, in der sein Herz in seiner eigenen Brust geschlagen und sein Rückgrat ihn aufrecht gehalten hatte.
In diesen Momenten wollte er sie unter seine Decke ziehen und sich wie ein Embryo vor ihrem wärmenden Körper zusammenrollen. Ein ungeschlüpftes Küken, das noch nichts von der Existenz von Habichten, Legebatterien und Raubtierfütterungen weiß und sein Ei für das komplette, weißglänzende Universum hält, das wollte er sein.
Und gleichzeitig wollte er sie hinauswerfen, sie und ihre gottverdammte, bedingungslose Fürsorge, die ihn immer wieder auffing, ihn gesund pflegte und die Welt für ihn erträglich hielt, so dass er es niemals alleine schaffen würde, niemals …
Niemals.


©K.Conrad 2012, Version 3

Letzte Aktualisierung: 24.07.2012 - 07.12 Uhr
Dieser Text enthält 7209 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.