Honigfalter
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Nachtschicht | Juli 2012
In der Mitte der Nacht
von Monika Heil

Christinas Nachtdienst begann. Sie schlĂŒpfte in ihre weiße Schwesternkleidung, warf einen flĂŒchtigen Blick in den Spiegel. Das Gesicht, das sie anstarrte, gefiel ihr nicht. Gern hĂ€tte sie mit den Jeans auch ihre privaten Probleme abgestreift, um die HĂ€rte dieser Augen abzumildern. Nicht daran denken, mahnte sie ihr Spiegelbild. Wenn das so einfach wĂ€re! Der Brief lag noch immer daheim auf dem KĂŒchentisch. Sie sah Michaels SchriftzĂŒge vor sich, klein und unauffĂ€llig, als wollten sie nicht stören. Nicht die Buchstaben, der Inhalt war es. Sie hatten doch zwei Kinder! Wie konnte er sich von den Zwergen trennen? Ich begreife es einfach nicht. Wie ein Mantra spulte sich der Satz immer und immer wieder in ihrem Kopf ab. SpĂ€ter. Jetzt brauchte sie ihre Zeit und Konzentration fĂŒr das Befinden anderer. Ihre Patienten hatten Vorrang – jeder Einzelne.

Christina schaltete die Kaffeemaschine an. Die Routine der Nacht setzte ein – die stĂŒndliche Runde durch die Station, Papierkram am Computer, medizinische Berichte, Tablettenrichten fĂŒr die Morgenschicht. Die Tagschwester hatte ein paar Notizen ĂŒber das Befinden der Patienten hinterlassen. Christina hatte alles sorgfĂ€ltig gelesen. SpĂ€ter tat sie das Gleiche fĂŒr die nachfolgenden Kolleginnen. Und dazwischen immer wieder Michael, der Brief, die Zwerge, Zukunftsfragen.

Dreiundzwanzig Uhr dreißig. Zeit fĂŒr den nĂ€chsten Kontrollgang. Leise betrat sie das Zimmer von Hermann Weber, einem hochbetagten liebenswĂŒrdigen Herrn, dessen Alzheimer-Erkrankung in einem fortgeschrittenen Stadium war. Doch deshalb lag er nicht hier. Nach einem Sturz war er zur Beobachtung eingeliefert worden.
„Edith, kommst du endlich zu Bett?“, fragte er lĂ€chelnd und streckte der jungen Schwester seine schmale von Altersflecken gezeichnete Hand entgegen.
„Gleich, gleich“, antwortete sie freundlich, strich erst seine Decke glatt und dann sanft ĂŒber sein weißes volles Haar – eine Bewegung, die sie seiner Frau abgeschaut hatte. Christina kannte Edith Weber. Sie sahen sich tatsĂ€chlich ein wenig Ă€hnlich. Warum viel erklĂ€ren und den alten Herrn noch weiter verwirren? Er hatte sein Leben vergessen, die Erinnerung aber bewahrt. Damit schien er glĂŒcklich zu sein. Christina schloss die TĂŒr und atmete tief durch. Ihr eigener Vater war seit zwei Jahren tot. Er hatte das gleiche warme und zugleich mĂŒde AlterslĂ€cheln gehabt. Am Ende hatte auch er sie nicht mehr erkannt.

Kurz darauf stand sie am Bett von Wolfgang Behring. Ihr Sorgenkind. Ende zwanzig, eingeliefert nach einem schweren Verkehrsunfall. Offenbar hatte er keine Angehörigen. Die Polizei hatte nur seine Anschrift ermitteln können. Ein tristes Wohnviertel, in dem die TrĂ€ume schnell an ihre Grenzen stießen. Ein winziges Appartement in einem anonymen Hochhaus.
„Selbst seine direkten Nachbarn kannten ihn kaum. Ab und zu ein kurzer Gruß im Treppenhaus, mehr nicht, hat mir eine alte Frau erzĂ€hlt.“ Die Stimme des Polizeibeamten hatte zwischen Empörung und Resignation gependelt, als er Christina von seinen Recherchen berichtete. Christina ging dieses kurze GesprĂ€ch immer wieder durch den Kopf, wenn sie den Verletzten beobachtete. Sie wusste auch, dass Wolfgang Behring wenige Wochen zuvor seinen Arbeitsplatz verloren hatte. Die KĂŒndigung hatte die Polizei auf dem KĂŒchentisch gefunden und daraufhin Nachfragen bei seinem ehemaligen Arbeitgeber angestellt. Man sollte KĂŒchentische abschaffen, ging es Christina flĂŒchtig durch den Kopf. Die frĂŒheren Kollegen wussten zum Privatleben von Wolfgang Behring nichts zu berichten. Besucht hatte ihn bisher auch niemand. In welcher kalten lieblosen Welt leben wir nur?, fragte sich Christina nicht zum ersten Mal. Nicht einmal einen eigenen Schlafanzug trug der Patient, sondern noch immer das weite weiße Klinikhemd. Er hat die gleiche Figur wie Michael, ĂŒberlegte sie. Der geht um sieben joggen, fiel ihr dann unvermittelt ein. Die Kinder waren bei der Oma. Sie wussten noch nicht, dass ihr Papa weggegangen war.

Der Patient hielt seine Augen geschlossen. Christina ließ sich nicht tĂ€uschen.
„Herr Behring, wie fĂŒhlen Sie sich?“, fragte sie.
Keine Antwort.
„Haben Sie Schmerzen?“
Keine Reaktion.
Mit geschickten HĂ€nden wechselte sie den Tropf und redete scheinbar munter weiter. Seine Verletzungen waren schwerwiegend. Er wĂŒrde noch wochenlang auf ihrer Station liegen. Wie konnte sie es schaffen, seine Starre zu durchbrechen?
Mit Michael war das Reden auch schwierig geworden. Meist einseitig. Ab und zu gab er doch Antworten. Und die taten weh.

Christina verließ das Zimmer, wischte ein paar TrĂ€nen aus den Augenwinkeln und knipste ihr routiniertes SchwesternlĂ€cheln wieder an, bevor sie die nĂ€chste TĂŒr öffnete.

Bernd Volkmann war erst vor wenigen Tagen von der Intensivstation hierher verlegt worden. Er hatte eine schwere Herzoperation hinter sich. Langsam kehrte er zurĂŒck in diese Welt. Jede Stunde, die er lebte, bedeutete einen großen Schritt fĂŒr ihn. Sein Optimismus war grenzenlos. Bald wĂŒrde Bernd Volkmann die Klinik und damit ihre Obhut verlassen können. Er und seine Frau waren angefĂŒllt mit viel zu vielen PlĂ€nen fĂŒr sein zweites Leben. Jeden Tag kamen neue hinzu und Christina hörte sich alle geduldig an.
Wie viele Leben hat ein Mensch? Kann es auch fĂŒr mich irgendwann ein zweites, glĂŒcklicheres Leben geben?, fragte sie sich, wĂ€hrend ihre Finger die routinierten Handgriffe abspulten. Besteht irgend eine Hoffnung? Mit Michael? Ohne Michael? Gibt es eine Möglichkeit, die zwei Menschen wieder zu finden, die wir einmal waren, damals, als wir uns lieben lernten?
„Gute Nacht, Herr Volkmann, trĂ€umen Sie was Schönes.“
„Danke, Sie auch. Ach nein, Sie dĂŒrfen ja nicht schlafen. Sie mĂŒssen ja als Schutzengel ĂŒber uns wachen.“
Schutzengel. Tja, den hÀtte ich auch gern. Meiner ist gerade abhanden gekommen.

Sie ging durch den schmalen Flur. Ihre Schritte auf dem gummierten Boden waren nicht zu hören. Wenige Sparlampen gaben ein diffuses Licht ab. Das Fenster am Ende des Weges war gekippt. Von dort goss ein Vogel ein paar Töne in die Stille.

Christina betritt ihr Dienstzimmer. Die zweite Maschine Kaffee ist inzwischen durchgelaufen. Er duftet verfĂŒhrerisch. Sie fĂŒllt eine große bunte Tasse. Leise Radiomusik perlt durch den Raum. Mozart. Wie lange ist es her, als sie und Michael zuletzt in der Oper waren? Ein halbes Jahr? LĂ€nger. Eine ferne Kirchturmuhr schlĂ€gt. Mitternacht. Christinas Blick fĂ€llt auf das Kalenderblatt. Vergangenheit. Sie reißt es ab, schaut neugierig auf das darunter liegende. Eine große Zahl und tĂ€glich eine Lebensweisheit.
„In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag“, liest sie.
Christina lÀchelt, denkt an die positive Einstellung ihres Herzpatienten. Auch sie will sich auf den neuen unbekannten Tag freuen. Nein. Doch. Sie muss sich auf ihn einlassen.

Der rote Klingelknopf leuchtet auf. Zimmer 102. Bernd Volkmann. Sie hastet hinaus. Ihr Kaffee bleibt ungetrunken und erkaltet in der großen bunten Tasse.

Letzte Aktualisierung: 04.07.2012 - 16.28 Uhr
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