'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Nachtschicht | Juli 2012
Das Puppengrab
von Karin Hübener

Die Türe öffnete sich einen Spalt breit und schickte einen Lichtkeil in den finsteren Schlafsaal. Schattenspuk huschte an das Kinderbett.

"Wach auf!"

Die Stimme erreichte Ursels Traum noch nicht.

Darin las Oma gerade ein Märchen vor auf dem urigen Sofa der kleinen Mansardenwohnung.
Sie selber hielt ihre Puppe Susi im Arm. Susi mit den lustigen Locken, den blauen Klimperaugen, den roten Pausbacken und dem freundlichen Mund. Oma hatte der Puppe aus Blümchenstoff ein hübsches Sommerkleid genäht mit Puffärmeln und Spitzensaum.
Es tat so gut, sich an Omas Schulter zu kuscheln.


"Nun mach schon!"

Ihr Herz tat einen Riesensatz. Es sprang vor Schreck bis unter die Zimmerdecke hinauf und kam wie an einem Gummiband befestigt zurück unter ihre Haut. Die böse Stimme bohrte sich tief in sie hinein.
Ihrem Körper gelang es noch nicht, sich im Jetzt zurechtzufinden. Obwohl es dunkel war, drehten sich Farben um ihren Kopf und sie fiel noch einmal auf das Kissen zurück.

"Wir haben nicht ewig Zeit!", zischte ihr die Hexe ins Ohr.

Noch immer benommen, taumelte sie auf die Füße. Der Boden war kalt. Unbeholfen angelte sie nach ihren Pantoffeln, erwischte aber nur den rechten. Grob wurde sie vorwärtsgestoßen.

"Nun geh endlich!"

Die Zimmertüre stand angelehnt. Auf dem Flur schmerzte das Licht in den Augen.

"So unzüchtig kannst du nicht bleiben, so halb nackt. Hier, verhülle dich!"

Die Hexe warf ihr eine von den Kratzdecken zu. Es war nicht leicht, sie auseinanderzufalten, denn für fließende Bewegungen war sie noch nicht wach genug.
Erneut wurde sie vorwärtsgestoßen. Eigentlich hatte sie angenommen, dass sie vor der Zimmertüre stehen bleiben sollte. Für ein oder zwei Stunden, so wie sie bereits im Dunkeln vor ihrem Bett hatte stehen müssen.
Allein diese Vorstellung war schrecklich genug. Denn auf dem Flur war es nachts unheimlich. Das wusste sie von ihren heimlichen Toilettengängen. Die vermied sie so gut es eben ging. In jeder Nische konnte eine Nonne lauern. Und die wurden nachts oft zu Hexen.
Doch heute trieb die Frau sie zum hinteren Treppenturm. Also hatte sie eine andere Bestrafung mit ihr vor. Eine, die wahrscheinlich noch schlimmer war als die Flurwache.
Im Schummerlicht der Nachtlampen ging es hinab in die Tiefe.
Tip ..., tip ..., tip ... machten ihre Füße. Wegen des einen Pantoffels musste sie humpeln. Der Hexe schien das nicht aufzufallen.
Vom Dachgeschoss gelangten sie über zwei Etagen zum Erdgeschoss. Mit jeder Stufe wuchs ihre Angst. Stiegen sie etwa in den Keller hinunter?
Nein. Die Hintertüre wurde aufgestoßen. Warum musste sie vorangehen? Konnte das nicht die Hexe tun? Vielleicht lauerte im Dunkeln ja ein Untier! Ein böser Geist! Ein Vampir!
Kalt war es. Trotz der Decke. Und immer wieder diese groben Stöße in den Rücken.

"Geradeaus! Vorwärts!"

Fast wäre sie über die Stufen gefallen. In den Schatten rechts und links erahnte sie die Parkmauer und den alten Klosterbau.
Ging es in den Garten? Den liebte sie bei Tage. Schmetterlinge gab es dort und Hummeln und Bienen und Marienkäfer. Jetzt im Frühherbst summten sie um die bunten Astern und die leuchtenden Sonnenblumen.
Aber nun war es Nacht.

"Hier rein!"

Tatsächlich, es ging in den Garten. Die schmiedeeiserne Pforte quietschte. Jetzt, wo man nichts sehen konnte, roch man deutlich den Moder. Gar nicht mehr die süßen Blüten oder würzigen Kräuter.
Feucht und glitschig fühlte es sich unter der nackten Sohle an. Außerdem piekten die kleinen Steine.
Die Wolkendecke ließ an dünnen Stellen fahles Mondlicht hindurch. So erkannte sie, dass es hinunter zum Kräutergarten ging. Vielleicht auch zu den Komposthaufen.

"Bleib stehen, du Sünderin!"

Sie waren in der Kompostecke gelandet. Dicht bei der Obstwiese hatten die Schülerinnen den reifen Kompost bereits abgetragen. Dadurch war eine ebene Fläche entstanden.

"Du weißt, warum wir hier sind?"

Sie versuchte es mit einem Kopfschütteln. Das ließ die Hexe im Dunkeln aber nicht gelten.

"Wie bitte?", fragte sie in scharfem Ton.

"Nein", wimmerte Ursel.

"Umso schlimmer!", keifte die Hexe. "Denn dann fehlt dir die Demut und die Gottesliebe, Madame! Das ist eine schlimme Sünde. Wir Menschen sind nur winzig vor Gott. Unwürdige sind wir! Es sind seine Gebote, die wir erfüllen müssen, nicht unsere. Wünsche und Träume stehen uns nicht zu. Dieses Los müssen wir annehmen. Jeder Ungehorsam bringt uns der Hölle näher! Hast du das verstanden?"

Nein, nicht ganz. Aber das getraute sie sich nicht zu sagen. Sie wusste zum Beispiel nicht, was die Hexe mit dem Los meinte. Früher hatte ihr die Oma manchmal Lose auf der Kirmes gekauft. Und natürlich hatte sie die immer mit Freude angenommen. Aber Gott verschenkte keine Lose. Nicht mal an Heilige.
Über welchen Ungehorsam regte die Dunkle sich auf? Was hatte sie denn heute falsch gemacht?

"Antworte!"

Es kam nur ein "Ja" infrage. Alles andere lag jenseits ihres kindlichen Mutes.

"Gut!" Die Hexe schnaufte. "Und warum malst du dann immer noch Blumen und Tiere in deine Schulhefte? Das ist Verschwendung und sieht furchtbar schmutzig aus. Ich habe es dir schon tausendmal verboten!"

Ängstlich zuckte sie mit den Schultern. Sie hätte sagen können, dass sie gerne malte. Dass sich ihre Hand oft von ganz alleine über die leeren Stellen auf dem Heftblatt bewegte. Dass sie genau so unbewusst malte, wie sie atmete. Dass es für sie ein Leben ohne das Malen nicht gab. Dass Gott ihr diese Gabe geschenkt hatte, wie Schwester Cordelia es einmal ausgedrückt hatte und dass Bienen und Blumen und alles im Garten ganz besondere Geschenke Gottes waren, wie Schwester Elisabeth ihnen immer erklärte. Aber all das durfte man einer Hexe nicht antworten. Also wusste sie sich keinen Rat.

"Weiß nicht", hauchte sie.

"Dachte ich es mir!"

Der Ausruf der dunklen Frau klang nach Triumph.
"Dann machen wir es ja richtig heute. Denn bei so einer sturen Sünderin, die keine Demut kennt, ist sowieso alles verloren. Da können wir dich auch gleich begraben!"

Die Hexe trat jetzt zum ersten Mal neben sie. In ihrer Hand hielt sie einen Spaten.

"Nimm!", forderte sie. "Damit gräbst du dir jetzt ein schönes, tiefes Loch für dein Grab!"

Ungläubig wagte sie einen Blick zu der verhüllten Frau hinauf. Aber in der Dunkelheit konnte sie deren Gesicht nicht erkennen.
War das möglich? Sie sollte heute sterben? War sie denn wirklich so böse gewesen, dass sie vor Gott den Tod verdiente?

Mit einem heftigen Ruck riss ihr die dunkle Frau die Decke vom Leib.
"Nun mach schon! Oder denkst du, ich nähme dir die Arbeit ab? Das fehlte mir noch!"

Sie konnte sich nicht bewegen. Es ging einfach nicht. Da schlug ihr die Hexe mit dem Spatenstiel über den Rücken. Der Schmerz befreite sie aus ihrer Erstarrung.
Merkwürdig weich war der Boden hier. Wahrscheinlich hatte der Kompost ihn aufgelockert. Stich um Stich hub sie ein Loch aus. Schwarze Erde türmte sich hinter ihr.

"Hier entlang! Nein hier! Diese Seite muss breiter werden!"

Irgendwann erkannte sie die längliche Form eines halb fertigen Grabes. Wann hatte sie es ausgehoben? Ihr Körper musste das von alleine getan haben.
Es ist gar nicht so schlimm, tot zu sein, dachte sie. Dann wäre sie erlöst von dieser Hexe und allem. Im Himmel wartete ja schon die Oma auf sie und würde ihr Märchen vorlesen wie in dem alten, verlorenen Leben.
Als ihr eine kalte Windböe unter das Nachthemd fuhr, da flog mit dem Wind auch dieser schöne Traum davon. Sie sah das dunkle, feuchte Loch und stellte sich vor, wie man sie da hineinlegte, wie sie noch die Wolkenfetzen und das Mondlicht über sich sah, vielleicht auch ein paar Sterne, und wie dann die Erde auf sie geschaufelt wurde.
Zuerst auf die Füße, dann auf die Beine, dann auf den Bauch, die Brust, den Hals, das Gesicht. Das Mondlicht würde verschwinden und auch die Luft. Oh mein Gott, sie würde keine Luft mehr bekommen! Und wenn sie dann erstickt wäre, dann läge sie ganz einsam und allein in diesem Grab und könnte sich nicht mehr rühren. Finster wäre es und kalt.
Im Sommer würden die anderen Mädchen mit Schwester Elisabeth oben im Garten springen und lachen und singen. Die konnten ja nicht ahnen, dass sie hier unten läge in ihrer Gottverlassenheit.
Und wenn sie nach dem Fegefeuer nun gar nicht zur Oma in den Himmel durfte? Die Hexe hatte sie eine Sünderin genannt. Also musste sie vielleicht zum Teufel in die Hölle.
Die Hände brannten von den offenen Blasen, waren aber dennoch eiskalt, so wie ihr ganzer Körper. Längst hatte sie sich eingenässt.
Da sah sie es.
Im Erdreich zeigte sich etwas Helles. Als sie zögernd mit dem Spaten dagegen stieß, spürte sie einen Widerstand.

"Ach, was haben wir denn da?", höhnte die Hexe über ihr.
"Heb es mal mit dem Spaten heraus!"

Einen kleinen Arm erkannte sie und ein kleines Bein. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Dann übergab sie sich.

"Ziehe es heraus!"

Kein Erbarmen bei der dunklen Frau.
In der Nase brannte es säuerlich. Zaghaft berührte sie den Stoff des winzigen Ärmels. Das war ja Susi! Ihre Puppe Susi! Voller Erdkrumen überall. Im Kleid, im Gesicht, in den schönen Haaren. Ihre Susi! Ihre liebe, liebe Susi mit dem Kleidchen noch von der Oma! Am Saum hing die zarte Spitze verschmutzt und eingerissen herunter. Die Schlafaugen waren von Erde verklebt. Die Lider bewegten sich nicht mehr. Susi. Tot und begraben. Ihr einziger Schatz!
Etwas schrie aus ihr hinaus und schrie und schrie und schrie. Sie wollte es ihm verbieten, aber es ging nicht. Das war wie beim Wadenkrampf. Der ging auch nicht auf Kommando vorbei.
Sie konnte nicht hören, wie die dunkle Frau mit ihr schimpfte. Sie merkte auch nicht, wie jemand versuchte, ihr den Mund zu schließen. Etwas Fremdes hatte die Kontrolle über sie gewonnen. Und dieses Dings schrie und schrie und hörte einfach nicht mehr auf damit.
Ein zweiter Schatten trat hinzu. Eiskaltes Wasser ergoss sich über ihren Körper und alles verlor sich in einer weichen, barmherzigen Wolke.

Letzte Aktualisierung: 23.07.2012 - 17.43 Uhr
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