Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Nachtschicht | Juli 2012
Das Puppengrab
von Karin H├╝bener

Die T├╝re ├Âffnete sich einen Spalt breit und schickte einen Lichtkeil in den finsteren Schlafsaal. Schattenspuk huschte an das Kinderbett.

"Wach auf!"

Die Stimme erreichte Ursels Traum noch nicht.

Darin las Oma gerade ein M├Ąrchen vor auf dem urigen Sofa der kleinen Mansardenwohnung.
Sie selber hielt ihre Puppe Susi im Arm. Susi mit den lustigen Locken, den blauen Klimperaugen, den roten Pausbacken und dem freundlichen Mund. Oma hatte der Puppe aus Bl├╝mchenstoff ein h├╝bsches Sommerkleid gen├Ąht mit Puff├Ąrmeln und Spitzensaum.
Es tat so gut, sich an Omas Schulter zu kuscheln.


"Nun mach schon!"

Ihr Herz tat einen Riesensatz. Es sprang vor Schreck bis unter die Zimmerdecke hinauf und kam wie an einem Gummiband befestigt zur├╝ck unter ihre Haut. Die b├Âse Stimme bohrte sich tief in sie hinein.
Ihrem K├Ârper gelang es noch nicht, sich im Jetzt zurechtzufinden. Obwohl es dunkel war, drehten sich Farben um ihren Kopf und sie fiel noch einmal auf das Kissen zur├╝ck.

"Wir haben nicht ewig Zeit!", zischte ihr die Hexe ins Ohr.

Noch immer benommen, taumelte sie auf die F├╝├če. Der Boden war kalt. Unbeholfen angelte sie nach ihren Pantoffeln, erwischte aber nur den rechten. Grob wurde sie vorw├Ąrtsgesto├čen.

"Nun geh endlich!"

Die Zimmert├╝re stand angelehnt. Auf dem Flur schmerzte das Licht in den Augen.

"So unz├╝chtig kannst du nicht bleiben, so halb nackt. Hier, verh├╝lle dich!"

Die Hexe warf ihr eine von den Kratzdecken zu. Es war nicht leicht, sie auseinanderzufalten, denn f├╝r flie├čende Bewegungen war sie noch nicht wach genug.
Erneut wurde sie vorw├Ąrtsgesto├čen. Eigentlich hatte sie angenommen, dass sie vor der Zimmert├╝re stehen bleiben sollte. F├╝r ein oder zwei Stunden, so wie sie bereits im Dunkeln vor ihrem Bett hatte stehen m├╝ssen.
Allein diese Vorstellung war schrecklich genug. Denn auf dem Flur war es nachts unheimlich. Das wusste sie von ihren heimlichen Toiletteng├Ąngen. Die vermied sie so gut es eben ging. In jeder Nische konnte eine Nonne lauern. Und die wurden nachts oft zu Hexen.
Doch heute trieb die Frau sie zum hinteren Treppenturm. Also hatte sie eine andere Bestrafung mit ihr vor. Eine, die wahrscheinlich noch schlimmer war als die Flurwache.
Im Schummerlicht der Nachtlampen ging es hinab in die Tiefe.
Tip ..., tip ..., tip ... machten ihre F├╝├če. Wegen des einen Pantoffels musste sie humpeln. Der Hexe schien das nicht aufzufallen.
Vom Dachgeschoss gelangten sie ├╝ber zwei Etagen zum Erdgeschoss. Mit jeder Stufe wuchs ihre Angst. Stiegen sie etwa in den Keller hinunter?
Nein. Die Hintert├╝re wurde aufgesto├čen. Warum musste sie vorangehen? Konnte das nicht die Hexe tun? Vielleicht lauerte im Dunkeln ja ein Untier! Ein b├Âser Geist! Ein Vampir!
Kalt war es. Trotz der Decke. Und immer wieder diese groben St├Â├če in den R├╝cken.

"Geradeaus! Vorw├Ąrts!"

Fast w├Ąre sie ├╝ber die Stufen gefallen. In den Schatten rechts und links erahnte sie die Parkmauer und den alten Klosterbau.
Ging es in den Garten? Den liebte sie bei Tage. Schmetterlinge gab es dort und Hummeln und Bienen und Marienk├Ąfer. Jetzt im Fr├╝hherbst summten sie um die bunten Astern und die leuchtenden Sonnenblumen.
Aber nun war es Nacht.

"Hier rein!"

Tats├Ąchlich, es ging in den Garten. Die schmiedeeiserne Pforte quietschte. Jetzt, wo man nichts sehen konnte, roch man deutlich den Moder. Gar nicht mehr die s├╝├čen Bl├╝ten oder w├╝rzigen Kr├Ąuter.
Feucht und glitschig f├╝hlte es sich unter der nackten Sohle an. Au├čerdem piekten die kleinen Steine.
Die Wolkendecke lie├č an d├╝nnen Stellen fahles Mondlicht hindurch. So erkannte sie, dass es hinunter zum Kr├Ąutergarten ging. Vielleicht auch zu den Komposthaufen.

"Bleib stehen, du S├╝nderin!"

Sie waren in der Kompostecke gelandet. Dicht bei der Obstwiese hatten die Sch├╝lerinnen den reifen Kompost bereits abgetragen. Dadurch war eine ebene Fl├Ąche entstanden.

"Du wei├čt, warum wir hier sind?"

Sie versuchte es mit einem Kopfsch├╝tteln. Das lie├č die Hexe im Dunkeln aber nicht gelten.

"Wie bitte?", fragte sie in scharfem Ton.

"Nein", wimmerte Ursel.

"Umso schlimmer!", keifte die Hexe. "Denn dann fehlt dir die Demut und die Gottesliebe, Madame! Das ist eine schlimme S├╝nde. Wir Menschen sind nur winzig vor Gott. Unw├╝rdige sind wir! Es sind seine Gebote, die wir erf├╝llen m├╝ssen, nicht unsere. W├╝nsche und Tr├Ąume stehen uns nicht zu. Dieses Los m├╝ssen wir annehmen. Jeder Ungehorsam bringt uns der H├Âlle n├Ąher! Hast du das verstanden?"

Nein, nicht ganz. Aber das getraute sie sich nicht zu sagen. Sie wusste zum Beispiel nicht, was die Hexe mit dem Los meinte. Fr├╝her hatte ihr die Oma manchmal Lose auf der Kirmes gekauft. Und nat├╝rlich hatte sie die immer mit Freude angenommen. Aber Gott verschenkte keine Lose. Nicht mal an Heilige.
├ťber welchen Ungehorsam regte die Dunkle sich auf? Was hatte sie denn heute falsch gemacht?

"Antworte!"

Es kam nur ein "Ja" infrage. Alles andere lag jenseits ihres kindlichen Mutes.

"Gut!" Die Hexe schnaufte. "Und warum malst du dann immer noch Blumen und Tiere in deine Schulhefte? Das ist Verschwendung und sieht furchtbar schmutzig aus. Ich habe es dir schon tausendmal verboten!"

├ängstlich zuckte sie mit den Schultern. Sie h├Ątte sagen k├Ânnen, dass sie gerne malte. Dass sich ihre Hand oft von ganz alleine ├╝ber die leeren Stellen auf dem Heftblatt bewegte. Dass sie genau so unbewusst malte, wie sie atmete. Dass es f├╝r sie ein Leben ohne das Malen nicht gab. Dass Gott ihr diese Gabe geschenkt hatte, wie Schwester Cordelia es einmal ausgedr├╝ckt hatte und dass Bienen und Blumen und alles im Garten ganz besondere Geschenke Gottes waren, wie Schwester Elisabeth ihnen immer erkl├Ąrte. Aber all das durfte man einer Hexe nicht antworten. Also wusste sie sich keinen Rat.

"Wei├č nicht", hauchte sie.

"Dachte ich es mir!"

Der Ausruf der dunklen Frau klang nach Triumph.
"Dann machen wir es ja richtig heute. Denn bei so einer sturen S├╝nderin, die keine Demut kennt, ist sowieso alles verloren. Da k├Ânnen wir dich auch gleich begraben!"

Die Hexe trat jetzt zum ersten Mal neben sie. In ihrer Hand hielt sie einen Spaten.

"Nimm!", forderte sie. "Damit gr├Ąbst du dir jetzt ein sch├Ânes, tiefes Loch f├╝r dein Grab!"

Ungl├Ąubig wagte sie einen Blick zu der verh├╝llten Frau hinauf. Aber in der Dunkelheit konnte sie deren Gesicht nicht erkennen.
War das m├Âglich? Sie sollte heute sterben? War sie denn wirklich so b├Âse gewesen, dass sie vor Gott den Tod verdiente?

Mit einem heftigen Ruck riss ihr die dunkle Frau die Decke vom Leib.
"Nun mach schon! Oder denkst du, ich n├Ąhme dir die Arbeit ab? Das fehlte mir noch!"

Sie konnte sich nicht bewegen. Es ging einfach nicht. Da schlug ihr die Hexe mit dem Spatenstiel ├╝ber den R├╝cken. Der Schmerz befreite sie aus ihrer Erstarrung.
Merkw├╝rdig weich war der Boden hier. Wahrscheinlich hatte der Kompost ihn aufgelockert. Stich um Stich hub sie ein Loch aus. Schwarze Erde t├╝rmte sich hinter ihr.

"Hier entlang! Nein hier! Diese Seite muss breiter werden!"

Irgendwann erkannte sie die l├Ąngliche Form eines halb fertigen Grabes. Wann hatte sie es ausgehoben? Ihr K├Ârper musste das von alleine getan haben.
Es ist gar nicht so schlimm, tot zu sein, dachte sie. Dann w├Ąre sie erl├Âst von dieser Hexe und allem. Im Himmel wartete ja schon die Oma auf sie und w├╝rde ihr M├Ąrchen vorlesen wie in dem alten, verlorenen Leben.
Als ihr eine kalte Windb├Âe unter das Nachthemd fuhr, da flog mit dem Wind auch dieser sch├Âne Traum davon. Sie sah das dunkle, feuchte Loch und stellte sich vor, wie man sie da hineinlegte, wie sie noch die Wolkenfetzen und das Mondlicht ├╝ber sich sah, vielleicht auch ein paar Sterne, und wie dann die Erde auf sie geschaufelt wurde.
Zuerst auf die F├╝├če, dann auf die Beine, dann auf den Bauch, die Brust, den Hals, das Gesicht. Das Mondlicht w├╝rde verschwinden und auch die Luft. Oh mein Gott, sie w├╝rde keine Luft mehr bekommen! Und wenn sie dann erstickt w├Ąre, dann l├Ąge sie ganz einsam und allein in diesem Grab und k├Ânnte sich nicht mehr r├╝hren. Finster w├Ąre es und kalt.
Im Sommer w├╝rden die anderen M├Ądchen mit Schwester Elisabeth oben im Garten springen und lachen und singen. Die konnten ja nicht ahnen, dass sie hier unten l├Ąge in ihrer Gottverlassenheit.
Und wenn sie nach dem Fegefeuer nun gar nicht zur Oma in den Himmel durfte? Die Hexe hatte sie eine S├╝nderin genannt. Also musste sie vielleicht zum Teufel in die H├Âlle.
Die H├Ąnde brannten von den offenen Blasen, waren aber dennoch eiskalt, so wie ihr ganzer K├Ârper. L├Ąngst hatte sie sich eingen├Ąsst.
Da sah sie es.
Im Erdreich zeigte sich etwas Helles. Als sie z├Âgernd mit dem Spaten dagegen stie├č, sp├╝rte sie einen Widerstand.

"Ach, was haben wir denn da?", h├Âhnte die Hexe ├╝ber ihr.
"Heb es mal mit dem Spaten heraus!"

Einen kleinen Arm erkannte sie und ein kleines Bein. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Dann ├╝bergab sie sich.

"Ziehe es heraus!"

Kein Erbarmen bei der dunklen Frau.
In der Nase brannte es s├Ąuerlich. Zaghaft ber├╝hrte sie den Stoff des winzigen ├ärmels. Das war ja Susi! Ihre Puppe Susi! Voller Erdkrumen ├╝berall. Im Kleid, im Gesicht, in den sch├Ânen Haaren. Ihre Susi! Ihre liebe, liebe Susi mit dem Kleidchen noch von der Oma! Am Saum hing die zarte Spitze verschmutzt und eingerissen herunter. Die Schlafaugen waren von Erde verklebt. Die Lider bewegten sich nicht mehr. Susi. Tot und begraben. Ihr einziger Schatz!
Etwas schrie aus ihr hinaus und schrie und schrie und schrie. Sie wollte es ihm verbieten, aber es ging nicht. Das war wie beim Wadenkrampf. Der ging auch nicht auf Kommando vorbei.
Sie konnte nicht h├Âren, wie die dunkle Frau mit ihr schimpfte. Sie merkte auch nicht, wie jemand versuchte, ihr den Mund zu schlie├čen. Etwas Fremdes hatte die Kontrolle ├╝ber sie gewonnen. Und dieses Dings schrie und schrie und h├Ârte einfach nicht mehr auf damit.
Ein zweiter Schatten trat hinzu. Eiskaltes Wasser ergoss sich ├╝ber ihren K├Ârper und alles verlor sich in einer weichen, barmherzigen Wolke.

Letzte Aktualisierung: 23.07.2012 - 17.43 Uhr
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