'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Nachtschicht | Juli 2012
Geschichten über Dämonen
von Christina Mayrhofer

Hatte ich da soeben einen Schatten vorbeihuschen sehen? Ich rieb mir die Augen. Nein, ich hatte mich bestimmt getäuscht, weil ich schon so müde war. Alle Bewohner Kavans durften schlafen … nur ich musste wie ein Gespenst des Nachts rumlaufen.
Der tosende Wind peitschte mir den Regen ins Gesicht, zog an meinem Umhang und tat auch sonst alles um mir den Job als Nachtwächter schwer zu machen. Daher fluchte ich laut um das Grollen des Donners zu übertönen und zog meine Kapuze tiefer. Irgendwann wurde der Wind ganz frech und fegte mir ein gebrauchtes Taschentuch ins Gesicht.
„Das reicht! Ich kündige!“, platzte ich hervor und wie um meine Worte zu unterstreichen, erhellte ein Blitz die Stadt. Im nächsten Moment blies der Wind meine Laterne aus und ich stand im Dunkeln. Ich schnaubte genervt. Schlimmer konnte es heute nicht mehr werden!
Meine Kleidung war vollkommen durchnässt, es war sehr spät und meine Augen machten es mir auch nicht gerade einfach, wenn sie dauernd juckten vor Müdigkeit.
Der Job als Nachtwächter war wohl der undankbarste der Welt. Kaum kam man an einem Ende der Stadt an, wurde am anderen jemand mit einem Blumentopf erschlagen oder mit einem Löffel erdolcht. Das klang dämlich, war aber in Kavan durchaus möglich und auch schon passiert.
So war es eben. In der Nachbarstadt Raldar gab es oft Angriffe von Waldgeistern und anderen Monstern, da die Stadt von einem Wald umgeben war und hier in Kavan war es so langweilig, dass die Menschen begannen sich gegenseitig zu ermorden. Dann musste der Nachtwächter herhalten und alles wieder in Ordnung bringen. In Raldar war erst vor kurzem der vierzehnte Nachtwächter, innerhalb weniger Monate, gefressen worden! Da hatte ich noch Glück, in Kavan zu arbeiten. Obwohl manche Leute hier schon Dämonen gesichtet hatten, die des Nachts gerne über arglose Bürger herfielen. Normalerweise scheuten sie aber Feuer und somit das Licht meiner Laterne, die ja soeben ausgegangen war…

Gerade drehte ich meine letzte Runde und freute mich schon auf mein warmes Bett, als ich um eine Ecke bog, um sofort wieder den Rückzug anzutreten.
Hatte ich das soeben wirklich gesehen? Ein schwarzes Untier im Schein einer kleinen Straßenlaterne? Nein! Das war bestimmt ein Streich meines übermüdeten Geistes.
Um mich von meiner Theorie zu überzeugen, spähte ich um die Ecke. Schon wurde ich von kräftigen Krallen gepackt. Der Geruch von verdorbenem Fisch stieg mir in die Nase und als ich in die gelben Augen einer Dämonenfratze blickte, wusste ich, dass ich wacher war als eine Kaffeebohne.
Ich hatte einen echten Dämon vor Augen – besser gesagt: der Dämon hatte MICH vor seinem spitzzähnigen Maul! Ich wollte nicht sterben! Mein Leben lag doch noch vor mir! Verzweifelt murmelte ich leise ein Gebet. Das Amen sprach ich jedoch laut aus.
Prompt erstarrte der Dämon und glotzte mich an. „Hast du gerade „Amen“ gesagt?“
Als Antwort konnte ich nur nicken.
„Bei meinem fetten Onkel, es gibt nicht mehr viele Menschen, die an Gott glauben“, sagte der Dämon verblüfft.
Ich blinzelte. „Sagtest du soeben „bei meinem fetten…?“
„Satansdreck!“, rief der Dämon plötzlich. „Mein Kopf fühlt sich an, als hätte ich soeben meine Großmutter singen gehört! Ich hasse es so wetterfühlig zu sein!“
Was ich da hörte, konnte ich kaum fassen. Das konnte kein echter Dämon sein! Dämonen machten kurzen Prozess mit Menschen und sprachen nicht über ihre fetten Onkel und singenden Großmütter!
„Was bist du?“, fragte ich deshalb neugierig.
Das Ungetüm richtete seine gelben Augen auf mich und legte den unförmigen Kopf schief. „Ein Schmetterling – was für eine blöde Frage ist das denn? Ich bin ein Dämon, was sonst?“
„Warum hast du mich dann nicht schon längst gefressen?“, wollte ich wissen. Ich hatte zwar noch immer Angst, aber man begegnete schließlich nicht jede Nacht einem Dämon. Auch nicht als Nachtwächter.
„Das erzählen sich die Menschen also über uns! Dass wir Menschenfresser sind! Wetten, ihr glaubt auch, wir hassen das Licht von Feuer und lieben das Dunkel?“
„Tatsächlich“, antwortete ich bloß.
„Das ist gequirlte Sch…!“
„Und dass ihr Ausgeburten der Finsternis seid?“, fuhr ich dazwischen. „Dass ihr Satan dient und Besitz von Menschen ergreift?“
„Dir hat wohl eine Taube ins Gehirn ge… – diesem pelzigen Idioten mit den Pferdehufen soll ich dienen? Ich bin ein vernünftiger Bewohner unseres Landes! Ich diene Gott!“, rief der Dämon aufgebracht.
„Warte! Das geht mir zu schnell! Du bist ein Dämon und glaubst an Gott?“
Das Untier nickte.
„Ich nicht.“
„Du bist Satanist? Dann muss ich dich töten!“, rief der Dämon.
„Nein! Ich bin kein Satanist!“, widersprach ich hastig.
Der Dämon blinzelte.
„Ich gehe nur nicht zur Kirche!“
„Dann muss ich dich töten!“
„Ich dachte, Gott verbietet so was?“, versuchte ich die Kreatur zu beruhigen.
In der Tat hielt er inne und glotzte mich erneut an. „Hast auch wieder Recht!“
Endlich setzte er mich wieder ab. Ich blickte zu ihm auf und fragte: „Wie kommt es, dass ein Dämon Gott dient? Und weshalb seid ihr Dämon bei uns so unbeliebt, wenn ihr gar nicht das tut, was man sich erzählt?“
„Lange Geschichte! Willst du sie hören?“
„Ja.“
Schweigend schauten wir uns an. Der Dämon roch an seinen Füßen. Ich räusperte mich. Der Dämon kratzte sich unter den Achseln. Ich schnalzte wiederum mit der Zunge.
„Was denn, jetzt gleich?“, fragte er dann plötzlich fassungslos.
„Wann sonst? Wartest du auf eine Einladung zu mir nach Hause?“, fragte ich ungläubig.
„Sehr gerne! Ich hätte gerne ein Glas Milch!“

„Bei meiner vollbärtigen Tante! Das ist kein Glas, sondern ein Fingerhut!“, stieß der Dämon hervor.
„Trink einfach, Dämon“, sagte ich genervt, als ich ihm die Milch hinstellte.
Ohne zu murren leerte der Dämon das Glas und rülpste jäh taifunartig, sodass mir erneut der Gestank von verfaultem Fisch entgegenschlug.
„Erzählst du mir jetzt, weshalb ihr Dämonen bei uns Menschen so unbeliebt seid und warum du Gott dienst?“, fragte ich dann.
„Simple Sache“, meinte der Dämon lässig, „da gibt’s nicht viel zu erzählen.“
„Vorhin sagtest du etwas anderes“, antwortete ich etwas verärgert.
„Weil ich von dir eingeladen werden wollte. Noch ein Glas Milch!“
Widerwillig füllte ich nach und der Dämon fuhr fort: „Ein Grund ist bestimmt, dass wir für die Menschen hässlich sind. Dabei haben die nicht mal Fell. Erbärmlich!“
„Komm zur Sache!“, platzte mir der Kragen.
„Du glaubst nicht an Gott, obwohl es ihn gibt“, sagte der Dämon. „Warum nicht?“
„Weil ich nichts von seiner, ach so großen, Liebe spüre.“
„Wie meinen?“
„Ich habe bloß Pech in meinem Leben, einen Job den ich nicht mag, keine Frau die mich liebt.“
„Hast du jemals versucht mehr zu erreichen, als Nachtwächter zu sein?“, fragte der Dämon.
Ich verneinte.
„Hast du dich um eine Frau bemüht?“
Kopfschütteln.
„Was erwartest du dann?“
Das machte mich wütend und ich rief: „Aber wenn Gott doch so gütig ist, wie immer alle behaupten, dann müsste er mir doch zu meinem Glück verhelfen!“
„Das ist nicht wahr“, sagte der Dämon plötzlich ernst.
„Für dein eigenes Glück bist du verantwortlich. Kein Gott und kein anderer Mensch. Um glücklich zu sein, musst du fest an dich glauben und deine Ziele mit Optimismus und Eifer verfolgen. Gott ist dazu da, dir die nötige Kraft zu geben. Das kann er aber nicht, wenn du dich vor ihm verschließt!“, erklärte der Dämon.
„Ich dachte, er sei allmächtig!“, konterte ich siegessicher.
Der Dämon schüttelte schnaubend seinen großen Kopf. „Das könnt ihr Menschen am besten: anderen die Schuld für euer mieses Leben geben! Vor allem Gott!“
Ich sagte nichts.
„Gott kann alles, nur nicht den Willen eines Menschen ändern. Er kann keine Frau dazu bewegen dich zu lieben. Du musst selbst ihr Herz erobern!“
„Aber wenn man alles versucht und trotzdem nichts klappt?“, fragte ich verzweifelt.
„Schon mal was von Schicksal gehört?“
„Oh, Gott! Jetzt kommst du mir auch noch damit!“
„Jeder hat sein Schicksal. Jedoch ist es möglich aus mehreren Wegen zu wählen, die vorgegeben sind. Wie es mit dir weitergeht, hängt aber wieder von deinem Willen ab. Ganz einfach!“, sagte der Dämon und begann zu grinsen.
Ich sank innerlich zusammen und rang um Worte.
„Warum fühle ich mich dann so, als würde es stets abwärts gehen?“
Schweigen. Der Wind draußen heulte.
„Du musst an dich glauben.“
Ich brachte kein Wort heraus.
„Sprich dich aus“, sagte der Dämon.
„Ich … ich hatte eine kleine Schwester … sie wurde vergewaltigt und getötet …“
„Und du fragst dich, weshalb Gott das zugelassen hat?“
Ich nickte und unterdrückte meine Tränen.
„Ihr Weg war zu Ende.“
Zorn stieg in mir hoch. „Aber warum lässt Gott solche Dinge zu?“
„Er kann nichts tun, wenn ein Mensch beschließt solch eine Tat zu begehen. Kriege, Morde … alles die Entscheidung von Menschen. Aber glaub mir: deiner Schwester geht es dort gut, wo sie jetzt ist. Sie wurde erlöst!“, versicherte der Dämon mir.
Prompt erhob er sich und stapfte Richtung Tür.
„Was tust du?“
„Mich verdrücken.“
„Du schuldest mir noch eine Geschichte! Wieso mögen Menschen keine Dämonen?“
„Es gibt keine Geschichte. Merk dir eins: Dämonen sind Lügner.“
„Aber du dienst doch Gott! Solltest du nicht ehrlich sein?“, fragte ich verwirrt.
Der Dämon grinste. „Sollte ich etwa auch in dieser Angelegenheit gelogen haben? Such dir aus, was du glauben willst. In einem Punkt lüge ich bestimmt. Entweder es gäbe eine tolle Geschichte, die ich zu faul bin sie zu erzählen. Oder ich diene Gott gar nicht!“
„War dann alles gelogen, was du sagtest?“, fragte ich verzweifelt.
Der Dämon blickte mich einen Moment an. Seine Miene war unmöglich zu deuten.
„Nein“, sagte er dann todernst und ich atmete erleichtert auf.
Der Dämon öffnete die Tür und trat nach draußen.
„Warte! Eine Frage habe ich noch!“
Er wandte sich perplex um.
„Was ist der Sinn des Lebens?“
Verdutzt über diese Frage blinzelte er, dann begann er zu grinsen. „Den musst du schon selbst herausfinden! Ansonsten hast du keinen Grund mehr, überhaupt am Leben zu bleiben!“ Mit diesen Worten erhob er sich in die Lüfte und verschwand in der Finsternis.
Ich blieb nachdenklich zurück. War der Sinn des Lebens etwa, eben diesen herauszufinden?

Letzte Aktualisierung: 23.07.2012 - 20.59 Uhr
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