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Aus der Kurve geflogen | August 2012
Sonnenstrahlen
von Anne Zeisig

Der und kein anderer!
Die Verkäuferin nahm sich sehr viel Zeit, Ramona die Handgriffe vorzuführen, mit denen sie den Kinderwagen ruckzuck zusammenklappen könne, um ihn im Kofferraum ihres Van zu verstauen.
Für die Urlaubsfahrt an die See.

* * *

Warmer Sand schmeichelt den Füßen und die Möwen streiten sich lauthals um die letzten Bissen und Krümel am Abend, wenn die Touristen so nach und nach den Strand verlassen. Die Sonne lächelt ein letztes Mal rot und orange über dem Horizont, bevor sie ihre Schönheit und Wärme bis zum Morgen ins Meer versenkt.
Ramona baut eine Sandburg mit Wassergraben. Aus dem Turm ragt ein Ast, an dem ein rotes Herz aus Papier im Wind flattert.

* * *

Auf den gelben Rüschenkissen tanzen rote Bären über eine bunte Blumenwiese.
Das passt gut zu dem nachtblauen Kinderwagen.
“Wann ist es denn soweit?”, wollte die Verkäuferin wissen.
Die junge Frau streichelte mit ihren blassen Händen fahrig über den flachen Bauch. “Ich will alles rechtzeitig erledigen. Auch wegen der Urlaubsplanung.”
Die Verkäuferin nickte und zeigte ihr ein Kinderbett.
Ramona schüttelte ihren Kopf. “Das Kinderzimmer ist längst eingerichtet. Weiße Möbel und die Wände habe ich in einem unaufdringlichen Orange gestrichen.” Ihr Stimme sackte hinab ins Brüchige.
“Schön”, antwortete die Verkäuferin, “da ist man farblich nicht festgelegt, wenn man noch nicht weiß, was es wird.”

* * *

Der Abend ist lau, weil der Wind eine Pause eingelegt hat. Ramonas Mann Daniel verziert die Burg mit unzähligen Muscheln.
“Du bist verrückt! Gleich kommt die Flut und zerstört alles!” Sie lacht und überlegt, ihm im Hotel eine kühlende Salbe aufzutragen, weil sein Rücken leicht gerötet ist.
Er steht auf, packt sie und wirbelt Ramona umher. “Dann baue ich morgen eine neue Burg! Für dich! Für mich! Und für unser Kind! Jeden Tag eine neue!”
Sie schnappt nach Luft und ruft laut gegen das Tosen der Wellen an. “Unser Kind wird stolz auf dich sein! Du bist der beste Sandburgen-Dekorateur weit und breit!”
Daniel hält inne, setzt sie im warmen Sand ab, küsst ihre vollen Lippen, die leicht salzig schmecken und streichelt zart über ihren Bauch. “Die nächste Burg werden wir zu dritt bauen.“
Sie seufzt, denn morgen müssen sie die Heimreise antreten.

* * *

“Kann man mit diesen Rädern auch unbeschwert durch Sand fahren?”
Die Verkaufsdame rückte ihre Brille zurecht.
“Sie müssen wissen, wir fahren gerne an die See.”, erklärte Ramona.
“Der Wagen hat kleine, geschlossene Räder. Da kann sich kein Sand in Speichen, Naben und Radlager festsetzen. Die breiten Vollgummiräder rollen mühelos durch tiefen Sand.”
Ramona entschied sich für diesen Kinderwagen. Daniel würde mit ihrer Wahl zufrieden sein.

* * *

“Hast du ins Kinderzimmer geschaut? Es quillt über! Ramona! So geht es nicht weiter!” Daniel raufte sich durch sein Haar. “Du brauchst eine Therapie!”
Sie saß zusammengesunken auf dem Sofa im Wohnraum und schluchzte. “Du gönnst mir die Freude nicht. Du bist eifersüchtig auf ein Ungeborenes!”
Er umfasste mit beiden Händen hart ihre Oberarme. “Schweig!”

* * *

Sie haben das Dach des Kabrios geöffnet. Der Motor surrt zufrieden.
Nun heißt es Abschied nehmen.
“Tschüss! Geliebte Sandburgen!”, ruft Daniel ausgelassen. “Aber wir kommen wieder!”
Das Licht der ersten Sonnenstrahlen zeichnet sein markantes Gesicht weich.
Ihr langes Haar tanzt im Wind. Ramona gurrt wie eine kleine zerbrechliche Taube.
Sie blinzelt in die tiefstehende Sonne hinein und hangelt nach der Sonnenbrille.
Dann hüllt eine schwarze Wolke beide gnädig ins Dunkel.

* * *

Er stand mit seinem Rollstuhl zum Wohnzimmerfenster und hatte ihr den Rücken zugekehrt. “Ich gebe dir keine Schuld an dem Unfall, das weiß du”, flüsterte Daniel kaum hörbar. Er drehte sein Gefährt auf der Stelle herum. Die Reifen des Rollstuhles quietschten auf dem Parkett.
Ramona nestelte mit zitternden Händen an einem Baby-Strampler, der auf ihrem Schoß lag.
Daniel schüttelte seinen Kopf und schloss die Augen. “Kapiere es endlich. Du hast bei dem Unfall unser Kind verloren”, sagte er mit tränenerstickter Stimme. “Du brauchst professionelle Hilfe.”

anne zeisig Endversion

Letzte Aktualisierung: 23.08.2012 - 21.15 Uhr
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