Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Aus der Kurve geflogen | August 2012
Alles nur gespielt
von Angelika Gerber

München 5:30 Uhr
Die Stadt erwachte mit Schwung aus ihrer Nachtruhe, als Emma aus dem Haus stürmte. Sie hatte noch Zeit bis zu ihrem Termin, aber Zuspätkommen wäre eine Katastrophe. Sie musste als Erste da sein, nur so konnte sie alle ausstechen.
Es waren jedes Mal andere Sachen, die sie sich ausdachte, damit es positiv für sie ausging. Das Gefühl, mit solchen Methoden etwas selbst in der Hand zu haben, stimmte sie zuversichtlich.
Als sie ankam, war noch keiner da, der auf ihr Klingeln reagierte. Gut so. Emma setzte sich auf die Stufen vor dem Eingang und wartete. Ihr Plan ging auf, heute würde sie Erfolg haben.

7:30 Uhr
Eine ältere Dame mit silbergrauem Haar lief die Stufen herauf:
„Grüß Gott, wollen Sie zum Vorsprechen?“ Emma nickte zaghaft.
„Da sind Sie aber früh dran, es geht erst um halb zehn los.“
„Ja, ich weiß, aber es war mir wichtig früh da zu sein. Das bringt mir immer Glück,“ strahlte sie.
„Na, kommens schnell herein, mein Kind. Drinnen sitzt es sich bequemer.“
Emma ging ihr vertrauensvoll hinterher, wie nett diese Frau doch zu ihr war. Ein warmes Gefühl stieg in ihr auf, diese alte Frau erinnerte sie ein wenig an ihre Mutter.
Die Wartezeit verkürzte sie mit einem Buch, doch ihre Gedanken schweiften unentwegt wo anders hin. Als gegen neun Uhr die ersten Mitbewerberinnen ankamen, bemerkte sie an jeder etwas
Besonderes. Alle sahen besser, jünger oder selbstbewusster aus als sie selbst. Emma biss sich auf die Unterlippe, bis es weh tat, sie sah ihre Chancen schwinden. Viele kannten sich, tuschelten miteinander, vielleicht wieder einmal über sie? Emma rutschte auf ihrem Stuhl weiter nach unten, ihr Buch hielt sie wie ein Schutzschild vor das Gesicht.
Als sie aufgerufen wurde, hatte sie ihre Nerven längst nicht mehr unter Kontrolle, die Beine erschienen ihr zu schwach, um den Weg bis zur zugewiesenen Tür zu bewältigen. Sie spürte die Blicke der anderen. Lächeln, du musst lächeln, du schaffst es Emma, du warst doch vor den anderen da, sagte sie sich, atmete mit leicht geöffnetem Mund ganz tief in den Bauch ein und hörbar wieder aus.
Als sie in den Raum trat, straffte sie die hängenden Schultern, ihr Mund zauberte ein strahlendes Lächeln hervor, von dem sie wusste, dass es ziemlich echt wirkte. Emma benötigte ihr ganzes schauspielerisches Talent, um den vier Menschen hinter dem Tisch vorzuspielen, sie sei genau diejenige, die diese Rolle spielen musste. Sie war die Beste!

12:30 Uhr
Emma schleppte sich durch die Fußgängerzone. Die verweinten Augen versteckte sie hinter den dunklen Gläsern einer Sonnenbrille. In ihr drin sah es genauso dunkel aus.
Warum nur hatte sie wieder einmal versagt? Es war so peinlich gewesen. Wie ein kleines Kind stand sie vor dem Komitee und wusste plötzlich kein Wort mehr von dem gelernten Text. Sie erntete nur mitleidige Blicke, vermutlich hatte man sich mehr von ihr versprochen. Natürlich hatte sie mehr drauf, aber sie konnte es nicht zeigen. Weg! Ihr ganzes Talent war irgendwo in ihr verschüttet, sie hatte keinen Zugang mehr dazu. Wie sollte sie diesen Monat die Miete bezahlen? Was war mit den vielen Rechnungen, die tief unten in der Schublade auf die Zahlung warteten?
Es gab auch keinen, der ihr nochmal Geld leihen würde. Vielleicht konnte sie Beatrice fragen. Es kam bei der Summe, die sie ihr bereits schuldete, nicht mehr auf fünfzig Euro an. Auf der Suche nach dem Handy fühlte sie in der Jackentasche etwas Kleines, es war völlig zerknittert. Zitternd zog sie es ans Licht, als ihr ein roter Torbogen entgegen leuchtete, schrie sie ihr Glück hinaus: “Geld, ich habe Geld gefunden.“ Ein paar Passanten schüttelten den Kopf, es kümmerte sie nicht. Die hatten doch keine Ahnung, die hatten ja genug davon.
Erst einmal musste sie frühstücken, dazu vielleicht ein kleines Glas Wein? Das Leben meinte es gut mit ihr.

14:00 Uhr
Zwei Gläser Rotwein später reichte das Geld nicht mehr für etwas Essbares. Lieber noch einen letzten Wein. Emma bediente sich an den Erdnüssen, die auf der Theke standen. Nur sie saß an der Bar, die anderen Gäste zogen es vor draußen zu speisen.
Auch gut, sie wollte keine Unterhaltung. Emma zog die Jacke aus. Der Wirt starrte sie an. Schon wieder. Es war ihr unangenehm, er war ganz und gar nicht ihr Fall. Seine riesigen Augen sprangen fast aus den Höhlen heraus, die Nase war so unförmig wie eine Ingwerknolle, die schmierigen Haare benötigten dringend eine Wäsche. Sie rümpfte die Nase. Der Blick, den sie ihm nun schenkte, hatte schon viele in die Flucht getrieben.

14:30 Uhr
Den letzten Schluck Rotwein behielt sie eine Weile im Mund, bis er warm wurde. Schließlich schluckte sie die köstliche Flüssigkeit hinunter und seufzte. Weg! Wie ihr Talent. Alles weg.
Die letzten zwanzig Cent reichten nicht einmal für einen Kurzen.
„Ach jemine“, jammerte sie laut vor sich hin. Wieder sah der Wirt sie lange an. Der steht wohl tatsächlich auf mich, na denn. Sie zog ihren Pullover aus, ganz langsam, so dass sie sich seiner Aufmerksamkeit sicher sein konnte. Auch mit Vierzig hatte sie noch etwas zu bieten. Emma gluckste. Ach, was war schon so ein verpatztes Vorsprechen. Das nächste Mal würde sie die Rolle bekommen. Ganz sicher.
„Kenne ich Sie nicht irgendwoher?“, fragte der Wirt freiweg. Sie hasste es ja, wenn Männer sie so plump anmachten. Andererseits, er schien sich an sie zu erinnern, hoffte sie jedenfalls. Wenigstens er kannte sie noch aus ihren ruhmreichen Tagen. Sie kniff die Augen zusammen, so schlecht sah er eigentlich gar nicht aus. Seine Hände trockneten gekonnt ein Weizenglas nach dem anderen. Es waren sehr starke Hände. Ihr wurde heiß. Hier war eine Chance, was waren schon Äußerlichkeiten? Vielleicht war sie einfach zu anspruchsvoll. Sie warf die blonden Haare mit Schwung in den Nacken, beugte sich so weit vor, dass er direkt in ihren Ausschnitt sehen konnte und schenkte ihm einen gekonnten Augenaufschlag: “Schon möglich, ich bin Schauspielerin.“

15:30 Uhr
Der Flirt zahlte sich aus, das Schnittchen hatte ihr noch einen Wein und zwei Schnäpse ausgegeben. Seine Telefonnummer befand sich in ihrer Tasche, er erwartete ihren Anruf nach seinem Dienst. Die erfolgreiche Schauspielerin hatte er ihr abgenommen. Wie schon so oft hatte sie dabei ihre Rolle gut gespielt. Die steile Karriere im Ausland, das Angebot von Hollywood und die Frage, was sie nun tun sollte, hatte sie ausführlich mit ihm diskutiert. Er war hingerissen. Es fühlte sich so gut an, sie schwebte förmlich durch die Fußgängerzone. Es war wie früher, wenn sie wollte, war sie heute Nacht nicht alleine. Das kurze Frösteln, das ihr bei diesem Gedanken über die Haut fuhr, schüttelte sie ärgerlich ab.
„Was willst du denn eigentlich? Jetzt hör endlich auf zu träumen, es kommt kein Prinz mehr, der dich rettet. Nimm lieber eine Kröte, bevor du lebenslang allein bist,“ sprach sie leise zu sich selbst.
Ein Anruf genügte. Er würde sie liebevoll in seine starken Arme nehmen, ihr das Gefühl geben, begehrt zu werden. Sie brauchte jemanden, der für sie da war. Vielleicht konnte sie bei ihm leben. Zumindest solange, bis sie einen Job hatte.
Ihr Weg führte sie in den Englischen Garten, hier war immer was los. Eine Gruppe junger Leute saß mitten auf dem Rasen im Kreis zusammen. Sie legte sich ganz in deren Nähe hin, stellte sich vor, es wäre ihre Clique. Das fröhliche Herumalbern verfolgte sie eine Weile und schlief kurz darauf lächelnd ein.

18:00 Uhr.
Emma kam zu sich. Sie blinzelte verschlafen durch die verquollenen Lider, brauchte einen Moment um sich zu erinnern, was sie hier tat. Ihre Clique war schon gegangen, traurig huschte ihr Blick über den plattgedrückten Rasen. Weg, alle weg.
Sie spürte die gewohnte Verzweiflung, die ihr das Atmen schwer machte, wie ein Korsett, das drei Nummern zu klein war. Als sie sich an den schmierigen Wirt erinnerte, wurde ihr übel. Wie hatte sie nur daran denken können, so einen Typen anzurufen? Wie tief war sie gesunken? Wo war die stolze Emma geblieben, die einmal in ihrer Paraderolle Millionen begeistert hatte?
Damals hatte sie jeder auf der Straße erkannt, alle wollten ein Foto mit ihr, ein Autogramm oder wenigstens einen Händedruck. Heute lachte man über sie, weil sie erfolglos war. Sie wusste, dass die Leute redeten über die stolze Emma Raspan, die wohl gedacht hatte, sie sei etwas Besseres. Nun seht sie euch an, geschieden, ohne nennenswerte Rollen, ohne Freunde und Familie. Die Tränen warteten hinter den Lidern schon wieder auf einen glanzlosen Auftritt. Doch das Weinen würde ihr nicht helfen.
„Hör auf damit, du dumme Kuh“, schalt sie sich.
Den Zettel mit der Telefonnummer von dem Typ warf sie auf den Rasen und bohrte ihren Absatz immer wieder hinein. Weg damit. Sie würde schon dafür sorgen, dass sie keiner mehr auslachte.

23:00 Uhr.
Es war ungewöhnlich still in der Eibseestrasse. Vereinzelt fuhren Autos an dem Haus mit der Nummer Zwölf vorbei. Ganz oben in der Mietwohnung schien noch ein Licht. Emma schlief nie im Dunkeln. Es war ihr wohler so. Das kleine Nachtlicht war aus der Kindheit übrig geblieben. Sie hatte es auf dem Speicher gefunden vor einiger Zeit, als sie das Haus ihrer Eltern auflösen musste. Das Licht mit dem Bärenmotiv darauf warf einen gelblichen Schein in das kleine Zimmer.
Emma lag alleine in ihrem großen Bett, sie sah aus als würde sie schlafen.
Auf dem Nachtisch lag ein Stück Papier. Es stand nur ein einziges Wort darauf: HALLO. Es war ihr kein Name eingefallen, den sie dahinter hätte schreiben können.

***
Emma Raspan wurde an einem sonnigen Tag beerdigt. Es waren sieben Menschen, die an ihrem Grab standen. Keiner weinte, keiner lachte.


Version 3 © Angelika Gerber

Letzte Aktualisierung: 27.08.2012 - 08.42 Uhr
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