Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Aus der Kurve geflogen | August 2012
Der erwachende Drache ...
von Klaus Lütkenhorst

Alizahra stolperte und fiel mit dem Gesicht voran nach vorn auf den Boden. Nur der weiche, mit Efeu, Heidekraut und Springgras bewachsene Waldboden, und ihre instinktiv nach vorn stoßenden Hände, bewahrten sie vor einem Nasenbeinbruch. Nicht aber davor, einen kräftigen Fluch ausstoßend, das feuchte Gras von ihrem Mund zu wischen, bei dem Mutter mal wieder die Hände über den Kopf geschlagen und den selbst ihr Oheim zum Erröten gebracht hätte.
Solche Wörter geziemten sich einfach nicht für eine vierzehn Sommer zählende Dorflerin – selbst wenn sie im besten heiratsfähigen Alter war und schon wesentlich Schlimmeres in Grmtals Scheune getrieben hatte – und nicht nur dort.
Sie kniete sich auf. Grummelnd und mit knirschenden Zähnen tasteten ihre Finger über den Boden. Ihre Hände strichen über knorriges Holz. Nur eine blöde Wurzel!
Erleichtert und gleichzeitig genervt stieß sie die Luft aus ihrer Lunge. Merkte erst jetzt, dass sie angsvoll die Luft angehalten hatte. Nicht umsonst hieß es der 'Verbotene Wald'.
Vorsichtig richtete sich die Tochter der Markterin auf. Doch kaum belastete sie ihren linken Fuß, sog sie aufstöhnend die Luft zwischen den Zähnen und sank erneut zu Boden. Dieses Mal aber auf ihren wohlgeformten Hintern der erst vor wenigen Klicks von den großen Händen Harbolds, Grmtals Knecht, nicht nur geknetet sondern regelrecht erforscht worden war.
Mit einem wohligen Schauer dachte die zierliche Alizhara an Boldis große Hände. Hände, die so kraftvoll und doch so zärtlich sein konnten. Und sie waren nicht das Einzige, was dann dem fast doppelt so alten Knecht groß war. Bei dem Gedanke daran spürte die jüngste Tochter der Markterin nicht nur die Hitze an ihren Ohren …
Leise kicherte sie vor sich hin. Die Erinnerung an die vergangene Doppelstunde ließen für einen Moment den scharfen Schmerz in ihrem Knöchel und den zu erwartenden Ärger vergessen. Genauso wie sie die Zeit in Harbolds Armen vergessen hatte. So war die Sonne schon untergegangen, als sie sich verschwitzt und heftig atmend das dritte Mal von ihm löste – diesmal endgültig.
Sie hatte drei Anläufe gebraucht, um mit ihren weichen Knien die Leiter vom Heuboden hinabzusteigen, und als der erste Viertel-Mond über dem Feenwald auftauchte, entschied sie sich für die Abkürzung – trotz aller Warnungen. Und jetzt hatte sie den Schlamassel.
Nicht nur ihr linker Knöchel war verstaucht, auch ihr gutes Kleid hatte den Sturz nicht schadlos überstanden. Ein gut handlanger Riss an der Seite ließ ihre helle Haut hervor blitzen. Wolldan sei Dank war nur die Naht aufgeplatzt. Vielleicht konnte sie das reparieren, bevor Mutter überhaupt mitbekam, dass sie ihr gutes Kleid angezogen hatte. Schließlich hatte sie ihr erst heute noch verboten, es während der Markttage zu tragen.
Aber dazu musste sie nicht nur nach Hause kommen, das Ganze musste auch noch unbemerkt geschehen. Und die Chancen dazu wurden immer geringer, je länger sie hier auf dem Waldboden hockte.
Im schwachen Licht des ersten Mondes – der gerade in dem Moment auch noch von einer Wolke verhangen wurde – versuchte Alizahra Näheres zu erkennen. Rechter Hand der kleinen Lichtung erkannte sie einen schwachen dunklen Schatten, dessen Größe und Form sie erröten ließ – weniger, weil sie Solches noch nie gesehen hatte sondern weil ihr Gedanken erneut abschweiften.
Sie hob das Kleid und raffte es um ihren Bauch zusammen. So kroch sie in Richtung des Schattens, der sich als brauchbarer, kräftiger Ast entpuppte. Den konnte sie gut als Krücke benutzen. Dass während des Kriechens ihre blankes Hinterteil im Mondlicht schimmerte, war ihr nicht nur bewusst, sondern auch egal. Zum einen betrachtete ihr ganz privater Mond heute nicht zum ersten Mal seine Umgebung und zum anderen mochte sie es nicht nur, ihren wohlgeformten Hintern zur Schau zu stellen, sondern überhaupt völlig ohne alles zu sein.
Mit dem Dolchmesser an ihrem Gürtel schnitt sie die störenden Zweige weg und hatte danach einen mannslangen, gut handgelenkdicken Stab in ihren Händen der ihr gute Dienste leisten würde. Und dabei dachte die kleine Görre nicht nur an die Krücke, als sie sich die Finger ihrer rechten Hand um einen unterarmlangen dickeren Querast in Höhe der Hüfte legten und sie die ersten Gehversuchen erfolgreich hinter sich brachte.
Der erste Mond des Monats konnte sein Licht inzwischen ungehindert auf die Lichtung senden. Zum ersten Mal sah Alizahra das Hindernis genauer, dass ihren Weg so abrupt gestoppt hatte.
Sie hatte das Gefühl in einen Bergbach zu stürzen. Das aus den Winterbergen kommende Wasser ließ nicht nur ihr Herz aussetzen, der Sturz von der Klippe umklammerte auch ihre schmale Brust, die Harbold mit seinen großen Händen bequem umfassen konnte. Sämtliche Luft entwich ihrer Lunge. Wirbelnde Schleier vor ihren Augen entstanden und ihre Beine hatten plötzlich nicht mehr die Kraft, ihren sehnigen, zierlichen Körper zu tragen – doch dieses Mal war es nicht der kleine Tod, den sie so liebte und brauchte. Dieses Mal war es der Anblick des echten Todes, der sie fast zusammensinken ließ.
Nur ihr neuer Diener und ein tief verborgener Funke, der sich aus ihrem Inneren an die Oberfläche drängte, hielt sie davon ab erneut Gras und Heidekraut zu spucken.
Von wegen Baumwurzel! Alizahras Blick klärte sich. Das watteartige Gefühl in ihrem Kopf ließ nach. Ihr Atem ging rasselnd wie nach einem langen Berglauf oder einem Ritt mit Harbold. Sie sog tief die kühle Abendluft in ihre Lunge. Ganz bewusst und langsam. Einmal … zweimal … ihr Herz rannte jetzt nur noch halb so schnell und auch das eiskalte Wasser des Gebirgsbaches versiegte nach und nach.
Nicht jedoch ihr Frösteln. Und auch das Ziehen in ihren Brustwarzen und im Unterleib hatte nichts mit dem wohligen Gefühl in den Armen eines der Dorflerjungen zu tun.
Obwohl alles in ihr danach schrie, den Ort des nahenden Todes schnellstens zu verlassen, obsiegte ihre angeborene Neugierde. Sie musste es wissen. Musste sich Gewissheit verschaffen. Musste sich davon überzeugen, dass ihre eigene Fantasie – die zugegeben sehr eigen war – ihr keinen Streich spielte.
Zwei Fuß vor dem, was wie eine sich schlängelnde Baumwurzel aussah, welche halbvergraben im Waldboden lag und nach gut zwölf Fuß wieder völlig im Boden verschwand, blieb die Tochter der Markterin stehen.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass der nächst größere Baum gut dreißig bis vierzig Schritte entfernt war. Dick wie ein Männerbein hatte das Etwas den Waldboden durchbrochen, lag mit seinem Leib immer noch halb im Erdboden und endete gut fünf bis sechs Schritte in drei fast zwei Fuß lange Glieder, deren wieder im Erdboden verschwindenden Krallen jederzeit zuschlagen konnten.
Alizahra schluckte. Bis Vollmond waren es nur noch sieben Tage. Dann würden für eine Nacht all die Geschöpfe, die im Untergrund des Feenwaldes hausten, aus ihren Löchern steigen.
Das geschah jeden Monat und die Bewohner des Dorfes Dogal lebten schon seit Jahrhunderten damit. Solange niemand in der Zeit den Feenwald betrat, bestand keine Gefahr, denn die gleiche Magie, welche den Verborgenen einmal im Monat die Freiheit schenkte, begrenzte diese auch auf den Wald.
Doch mit dem, was sich da jetzt schon seinen Weg an die Oberfläche bahnte, würde es ganz anderes werden. Jeder Dorfler wuchs mit den uralten Geschichten auf und von den Kindern und jungen Leuten glaubte heute fast keiner mehr daran. Das waren Märchen und Gruselgeschichten. Von den Erwachsenen erfunden, die Jungen zu ängstigen.
Ganz besonders die Geschichte vom Rogg hatte es Alizahra angetan. Denn sogar die meisten Alten hielten es nur noch für eine Legende.
Wie hatte Oheim Calusas immer gesagt: 'In jeder Legende steckt auch ein Fünkchen Wahrheit.' Und das, was da vor ihr lag, war schon ein Feuerspan.
In wenigen Tagen würde das schlimmste, das grausamste Wesen, welches je die bekannte Welt bevölkert hatte, durch die Magie des Feenwaldes in den Jahrhunderten an die Oberfläche gebracht, auferstehen – und ob die Magie ausreichte, ES, dessen Namen man nicht aussprach, auch hier zu halten … daran glaubte Karlowas jüngste Tochter keinen Atemzug.
Seit über tausend Jahren hatte es keine Sichtung gegeben. ER der mit seinem heißen Atem ganze Dörfer verschlang. SIE deren Flügelschlag Berge einstürzen ließ. ES, das gefangen wurde war dabei, sich aus seinem Grab zu befreien. Einem Grab, dass die Vorfahren der heutigen Dörfler geschaffen und das die Nachkommen vergessen hatten.
Alizahra wusste es. Sie wusste es so sicher, wie sie auch wusste, dass ihr niemand glauben würde – außer? Ja ihr Oheim der würde ihr glauben.
ENDE

Letzte Aktualisierung: 23.08.2012 - 14.21 Uhr
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