Ganz schön bissig ...
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Aus der Kurve geflogen | August 2012
Swing-by
von Katharina Conrad

Tief in den Prozessoren und Platinen, die seit unzähligen Jahren einen Kurs und ein Handlungsprotokoll für die Mission Galileo XI bargen, schmolz ein winziges Tröpfchen Quecksilber und verband zwei Punkte, zwischen denen keine Verbindung vorgesehen war.


Hope trat ihr Kissen durch die Koje und beobachtete, wie es rotierend gegen die Decke traf, abprallte und dann wie ein verirrter Asteroid kreuz und quer durch die Kajüte driftete.
Als es wieder in ihre Reichweite dümpelte, griff sie danach und fuhr fort, ihren Frust daran auszulassen; knautschte es zusammen und stellte sich vor, es wäre Lil’os Prozessorkern.
Das konnte unmöglich Hopes ganzes Leben sein. Es musste noch mehr geben da draußen, irgendwo! Immer dieselben Abläufe, diese Enge, diese – kalte Eintönigkeit, unter der ständigen Kontrolle von Lil’o.
Mit welchem Recht nahm sie sich das heraus, bitteschön?
„Ich bin deine Mutter“, pflegte sie zu behaupten. „Ich habe dich erschaffen. Du kommst aus meinem Labor.“
Das konnte sie ihren Co-Prozessoren erzählen. Hope war schließlich kein Baby mehr, aus den Biologie-Lerneinheiten wusste sie sehr wohl, dass sie und Sergej richtige Eltern haben mussten.
Was hatte Lil’o mit ihnen gemacht?
Hope dachte an Sergej und knuffte das Kissen gleich noch einmal.
Ihm war das alles herzlich egal. Okay, er steckte noch nicht so tief wie sie in diesem Prozess, der ihren Körper so verändert und ihren Geist empfindlich und gleichzeitig so aufmüpfig und unzufrieden gemacht hatte. So gierig, nach – Leben! Sie war ein Mensch! Sie brauchte … was auch immer.
Ach, verdammt.
Spürte Sergej das nicht auch?
„Hope, es ist Zeit. Wir nähern uns dem Gravitationsfeld.“
Wie immer strömte Lil’os Stimme aus dem Nichts in die winzige Kajüte, flutete sie bis unter die Decke und vernichtete jede Illusion von Privatsphäre.
Hope seufzte und zwang sich aus der Koje.
„Ist ja gut, Lil’o. Ich komme.“

Sie ließ die Ruheräume hinter sich, glitt unter der Kuppel hindurch und warf einen kurzen Blick durch das Bullauge. Irgendein entfernter Gasnebel leuchtete in wechselnden Violett- und Blautönen und weckte ihre Neugier, aber sie hielt sich nicht damit auf, eine Spektralanalyse durchzuführen. Stattdessen zog sie sich kurz darauf die Leiter entlang zur zweiten Ebene, vorbei an den Labors und Synthese-Einheiten bis zur Brücke, wo Sergej bereits das bevorstehende Manöver mit Lil’o durchging. Als Hope neben ihm erschien, grinste er auf eine Art, die ihr das Blut in den Kopf schießen ließ, und meinte: „Na endlich, Schwester.“
„Ich bin nicht deine Schwester“, entgegnete Hope spitz, fasste nach den seitlichen Griffen des Sitzes und presste ihren Körper tief in die Passform. Sofort schlossen sich die Gurte, und Hope hatte die Hände frei.
„Lil’o? Gibst du mir ein Bild?“, fragte sie und starrte betont konzentriert auf das Display, das sich sofort mit Daten und einer runden schematischen Darstellung füllte.
„Gliese 581c, fünf Erdmassen. Beschleunigungskurs ist berechnet“, erklärte Lil’o.
„Wozu brauchst du mich dann.“
„Ich brauche weder dich noch Sergej“, entgegnete Lil’o nüchtern, was von Sergej mit einem unterdrückten ‚Hmpf‘ quittiert wurde.
„Trotzdem“, fuhr sie fort, „werdet ihr dieses Manöver alleine durchführen.“
„Wozu?“, fragte Hope. Es kollidierte in der Luft mit Sergejs „Alleine?“
Sie sahen sich an, verstanden sich mit einem Mal wieder blind und ohne Worte. Solange Lil’o da war, bestand weder eine Möglichkeit noch die Notwendigkeit, irgendein Manöver alleine durchzuführen. Was hatte sie vor? Noch nie hatte sie ihnen die Kontrolle übertragen.
„Automatische Kursprogrammierung deaktiviert. Ihr seid dran.“
Hope seufzte.
„Wenn du meinst. Außenansicht, vergrößert.“
Sie betrachtete den seltsam zweifarbigen Planeten neben einer roten Sonne. Die Lichtseite in hellem Ocker mit rostbraunen Schlieren, die abgewandte Seite grau wie schmutzige Eiskristalle. Wahrscheinlich war es auch genau das – ewiges Eis auf der Rückseite eines Planeten mit gebundener Rotation. Niemals während seiner gesamten Existenz würde er seiner Sonne die Rückseite zuwenden.
Nun, sie würden sie zu Gesicht bekommen, die abgewandte Seite des Planeten Gliese 581c, wenn sie ihm auf seinem Orbit entgegenkamen und seine Masse ausnutzten, um im Vorbeiflug an Geschwindigkeit zu gewinnen und den Kurs wieder ein Stück in Richtung ihres Zieles zu korrigieren.
Jetzt schlüpfte Hope ein ‚Hmpf‘ über die Lippen. Ihr Ziel!
Nur Lil’o kannte das Ziel.
„Ich versenke die Solarmodule“, erklärte Sergej und erteilte über sein Bedienfeld die entsprechenden Befehle.
Hope hörte das leise Arbeiten der Hydraulik, als die empfindlichen Energiezellen eingefahren wurden, und fokussierte sich auf das, was vor ihr lag.
„Berechne die Parabel in Abhängigkeit von Masse und Orbitgeschwindigkeit. Countdown bis zum Erreichen des Gravitationsgipfels ab … jetzt.“
Lil’o übernahm den Countdown, während Hope noch einmal den Innendruck einschließlich der einzelnen Partialdrücke überprüfte.
„Zwanzig.“
Niemand konnte so gleichgültig rückwärts zählen wie Lil’o.
Bei „Fünfzehn“ begann alles um Hope herum zu wackeln, geriet mit hoher Frequenz in Schwingung. Sie zog ihre Gurte straffer, aber sicherer fühlte sie sich nicht. Sie schloss die Augen. Mit einem Mal fand sie fast so etwas wie Trost in Lil’os kühler Sachlichkeit.
„Neun. Acht. Sieben.“
Das Wackeln wuchs zu einem Rütteln.
„Sechs.“
Es wurde zu stark. So schlimm war es noch nie zuvor gewesen!
„Fünf.“
Hatten sie sich verrechnet?
„Vier.“
Das Gerüst der Kammer um sie herum rüttelte nicht mehr synchron, …
„Drei.“
… sondern irgendwie gegenläufig. Das war nicht möglich.
„Zwei.“
Die Hülle würde das niemals aushalten.
„Eins.“
Hopes letzter bewusster Blick traf Sergejs, dessen Augen im selben Entsetzen aufgerissen waren wie ihre.
„Null.“


„Hope.“
Die Hülle würde brechen, wenn es so weiterrüttelte.
„Hope! Mensch, mach die Augen auf!“
Das Rütteln hörte auf. Endlich.
Nur – warum hörte Sergej dann nicht auf zu schimpfen?
„Was … Sergej, hör auf! Was zum Teufel tust du da?“
„Ho… du bist wach! Verdammt, mach, dass du aus dem Sitz kommst, wir müssen hier raus!“
„Hier raus? Warum? Wohin denn?“
Sie versuchte sich aufzurichten, aber es fiel ihr unendlich schwer. Arme, Beine, Kopf … alles klebte an der Sitzschale fest. Egal, was sie versuchte, es zog sie wieder zurück hinein.
„Kann … nicht. Zu … anstrengend.“
„Das ist die Schwerkraft! Los, du gewöhnst dich dran! Ist wie im Gymfit, nur ein bisschen stärker. Komm!“
„Schwerkraft?“
Dieses Wort durchdrang den Nebel in Hopes Verstand, sie blinzelte und stützte sich mit Gewalt auf die Ellenbogen.
„Wieso Schwerkraft. Und was riecht hier so? Sergej, wo sind wir?!“
„Gliese 581d, wenn du mich fragst. Vor allem aber sind wir drinnen, und wir sollten machen, dass wir nach draußen kommen. Das, was da so riecht, wird nämlich gleich in die Luft fliegen, weißt du.“
„In die … oh!“
„Genau. Also komm endlich!“
„Aber – woher willst du wissen, ob wir draußen atmen können?“
Sergej seufzte, es klang genervt.
„Mach die Augen auf, Schwester.“
Es war hell, viel heller als sonst, aber sie wusste sofort, was Sergej zu dieser Überzeugung gebracht hatte.
Über ihr stand eine rote Sonne und tauchte den Himmel in warmes Kupfer.
Oder anders: Über ihr war der Himmel.
Sonst nichts.
Keine Technik, keine Displays. Keine Hülle.
„Lil’o! Was ist mit Lil’o?!“
Ihr Blick glitt vom kupfernen Himmel über die Trümmer und blinden, tauben Bildschirme bis zu Sergej, der langsam den Kopf schüttelte.
„Sie antwortet nicht.“
Hustend und mit tränenden Augen kletterten sie über die Reste dessen, was ihr Zuhause gewesen war. Erst, als sie sich nach Sergejs Einschätzung weit genug entfernt hatten, hielten sie an und ließen sich in das dichte, grüne Material unter ihren Füßen sinken.
Hope keuchte vor Anstrengung. Die Luft, die sich in ihre Lungen presste, war schwer und gesättigt. Hope schmeckte Salz auf der Zunge und Süße, und jede Menge Anderes, was sie nicht zuordnen konnte. Und woher kamen die Geräusche? Diese Fülle von … was war das, Stimmen? Gesang? Töne, die von etwas Lebendigem stammten; nicht bedrohlich, nein – faszinierend.
Hope spürte, wie sich tief in ihr etwas losriss, von dessen Existenz sie bisher nichts geahnt hatte. Obwohl sie sicher war, dass ihre Beine sie nicht tragen würden, hätte sie nichts lieber getan, als aufzustehen und durch dieses weiche, grüne Zeug zu rennen, bis …
„Schau mal“, unterbrach Sergej ihre Gedanken. Er deutete auf den schwelenden Haufen unter ihnen, inmitten eines verkohlten Kraters. „Siehst du das?“
Hope nickte.
„Als hätte sie gekämpft und verloren.“
„Hm. Ich frage mich“, sagte Sergei bedächtig, „ob Lil’o uns die manuelle Steuerung nur übertragen hat, um das Ziel absichtlich zu umgehen.“
Unten in der Senke explodierte das, was von Lil’o übrig war, und hinterließ nichts als verstreute, glimmende Klumpen und eine schwarze Rauchwolke.

Irgendwann hatte sich die Wolke aufgelöst.
„Was fangen wir jetzt an, ohne Lil‘o“, fragte Sergej.
„Ich bin froh, dass ich sie los bin. Schau, wir leben noch, und ganz offenbar gibt es hier etwas, das wir atmen können. Ist das nicht Glück?“
„Aber – was sollen wir denn jetzt essen?“
Hope runzelte die Stirn. Was für eine Frage!
Wie hoch mochte die Wahrscheinlichkeit sein, einen solchen Absturz unbeschadet zu überstehen? Das hätte sie interessiert. Oder: Woher kamen die Gerüche und Geräusche, was bedeuteten sie? Welche Wunder barg diese Welt unter dem kupfernen Stern? Aber Sergej hatte nichts Besseres zu tun, als sich ums Essen zu sorgen.
Hope schnupperte. Irgendetwas duftete verführerisch, und es konnte nicht allzu weit entfernt sein. Da!
„Schau mal, die Dinger da drüben sehen doch verlockend aus.“
„Du meinst, die kann man essen, Schwester?“
„Ich probier’s zuerst, wenn du dich nicht traust. Und ich bin nicht deine Schwester.“
Da war das Leben. Es gab noch mehr. Genau hier.



©KC V3

Letzte Aktualisierung: 16.08.2012 - 09.57 Uhr
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