Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Aus der Kurve geflogen | August 2012
Erinnerungslücken
von Elmar Aweiawa

Schmerz durchpflügte meinen Körper und stach mit Messern in die Eingeweide. Der Kopf dröhnte und alle Glieder taten weh. Ich fühlte mich wie von einer Dampfwalze überrollt. Einer dieser großen, mit einer mannshohen Walze vorne und einer unwesentlich kleineren hinten. Verdammt, wo war ich? Ich hatte keinen Schimmer. Und irgendetwas verhinderte, dass ich die Augen öffnen konnte.

Als ich versuchte, mit der rechten Hand das lästige Etwas, das mir die Sicht nahm, von den Augen zu entfernen, knallte ein Fremdkörper gegen meinen Kopf. Verdammt, was war mit der Hand passiert? Sehr viel vorsichtiger probierte ich es nun mit der anderen und ertastete eine Binde, die meinen halben Kopf bedeckte. Was zum Kuckuck ...?!

Etwas Dramatisches musste passiert sein, doch ich hatte keinen blassen Schimmer, was. Behutsam hob ich die Binde leicht an, öffnete mit einiger Anstrengung das rechte Auge und schaute mich vorsichtig um. Der Hals knirschte wie ein ungeöltes Scharnier und der hartnäckige Bohrer in der Schläfe ließ mich das Auge sofort wieder schließen. Verdammt, tat das weh!

Ich hatte erst mal genug gesehen. Keine Frage, dieser Raum war ein Krankenzimmer, und neben meinem Bett stand ein Galgen, von dem Schnüre zu meiner linken Armbeuge verliefen. Der harte Gegenstand, den ich mir eben an den ohnehin dröhnenden Schädel geschlagen hatte, war ein Gipsverband. Mein Gott! Mir ging es offenbar noch schlechter, als ich mich fühlte. Was war nur mit mir geschehen?

In meinem Schädel pulsierten diverse Schmerzzentren um die Wette, und trotzdem bemühte ich mich nachzudenken. Eine dumpfe Ahnung verriet mir, dass es brandeilig war, meine Lage zu durchschauen.
Und plötzlich stand sie vor meinen Augen. Heidi! Die leicht besäuselte Kleine, die ich angebaggert hatte! War das gestern gewesen? Was für ein Tag war heute? Egal, jedenfalls war da diese Kostümparty. Und Heidi. Mann, war die scharf angezogen! Der Minirock bestand fast nur aus Mini, die Bluse war durchsichtig wie klares Wasser, und was darunter zu sehen war, hätte auch ein Praxiteles nicht perfekter herausbilden können. Eine Maske trug sie nicht, und das war gut so, denn ihre Stupsnase, die eine Notunterkunft für Sommersprossen zu sein schien, sah allerliebst aus, und ihre Augen strahlten mich einladend an.

Trotz der Glockenschläge in meinem Kopf, deren Vibrationen die Gehirnmasse zu einem Wackelpudding deformierten, versuchte ich, mich aufzurichten. Der Gedanke an Heidis körperliche Attribute, an die ich mich wie an einen Strohhalm klammerte, gab mir Kraft.

„Na, bist du so lustig, wie deine Maske verspricht?“, fragte sie, wobei sie auf die Clownsmaske anspielte, hinter der ich mich versteckte.
„Meist verbirgt sich eine Menge Melancholie hinter so einer Maske“, gab ich zurück. Einfallslos wie immer, denn normalerweise bin ich überhaupt nicht der Draufgängertyp, und Frauen sehen in mir eher den guten Freund, der sich zum Beichtvater eignet, als einen Verführer. Doch Heidi machte es mir leicht.
„Aber doch nicht auf einer Kostümparty! Was fehlt dir denn zu deinem Glück?“
Wer nicht gesehen hat, wie sie mir bei diesen Worten ihren Busen unter die Nase hielt, ihn mir praktisch als Objekt der Begierde aufdrängte, wird nicht verstehen, wieso ich zu meiner frechen Antwort den Mut hatte.
„Ich wüsste zu gerne, welche schwerer ist. Die schöne linke oder die perfekte rechte? Es macht mich fast krank, das nicht zu wissen.“
„Warum probierst du es dann nicht aus? Wissbegierde ist doch etwas Positives.“
Mir brannten fast die Sicherungen durch und ich wurde rot bis zu den Haarwurzeln. Verdammt, ging die ran!

„Bist du alleine hier?“, wollte ich wissen. Vorsichtshalber. Ärger konnte ich nicht brauchen. „Was denkst du denn?“, war die salomonische Antwort.
„Keine Ahnung, aber meine Neugier ist unbezähmbar.“
Ich war mir ziemlich sicher, dass sie alleine hier war. Sonst hätte sie sich mir nicht so angeboten. Mutig wie nie legte ich die Arme um sie und presste sie an mich. Ich spürte ihre Brustwarzen, die steif hervorragten …

Meine Gedanken überschlugen sich. War das wirklich ich gewesen? Was hatte ich nur getrunken, dass ich es wagte, meine Hände unter ihr Top wandern zu lassen, um die schwierige Aufgabe der Abwägung von rechts und links vorzunehmen.
Doch wie war es weitergegangen? Im Moment hing der Film fest und das Standbild zeigte meine Hände an einem melonenförmigen Busen. Während ich mich noch daran ergötzte, durchzuckte eine Erinnerung mein Gehirn.

Der große Kerl! Erst als er vor mir stand und mich rüde von Heidi wegschubste, ging mir ein ganzer Kronleuchter auf. Sie hatte mich angelogen. Oder auch nicht, wenn ich ihre Antwort auf die Goldwaage legte.
„Lass die Griffel von meiner Frau, du unterbelichteter Idiot!“, brüllte der Riese mich an.
Solche Beschimpfungen ließ ich mir seit meiner Scheidung nicht mehr gefallen, und von jemandem, der sich hinter einer Bill-Gates-Maske versteckte, schon gar nicht. Ich schubste ihn meinerseits von mir weg, und es kam zu einem Handgemenge.

Wie war es weitergegangen? Die Gedanken ruckelten wie ein uralter Bummelzug. Als der Nebel sich zu lichten begann, wurde mir schlagartig übel.

Bei dem Gerangel flog die Bill-Gates-Maske davon und ich erblickte das Entsetzlichste, was mir jemals vor Augen gekommen war. Schlagartig wusste ich, wie sich Prometheus gefühlt haben musste, als er an den Felsen geschmiedet wurde. Oder Hiob. Denn ich blickte in das wutverzerrte Gesicht meines neuen Chefs. Mit dem Mann war eindeutig nicht gut Kirschen essen.

Ellenlange, nicht druckreife Flüche schossen mir durch den Kopf, und kalter Angstschweiß lief über meinen Rücken.
Und doch, er kannte mich kaum, hatte mich erst zwei Mal gesehen. Unter der Clownsmaske …
Hatte ich noch eine Chance? Vielleicht wusste er gar nicht, wer da gerade mit seiner Frau rumgemacht und ihm Bill Gates vom Gesicht geschält hatte. Nix wie weg!!

Noch nie in meinem Leben habe ich irgendwo so schnell die Kurve gekratzt. Soll man mir das ruhig als Feigheit auslegen, hier ging es um Wichtigeres. Meinen Job verlieren wegen so einer Schnepfe?! Nein!
In einem Tempo, das jedem Hundertmeterläufer Respekt abgenötigt hätte, suchte ich das Weite, raste quer durch den Raum, pflügte eine Schneise durch die Tanzenden und ließ in meinem Kielwasser Chaos und fluchende Menschen zurück.
An eine Kellnerin mit vollem Tablett, das in hohem Bogen durch die Luft sauste und einige Meter weiter scheppernd zu Boden stürzte, konnte ich mich erstaunlicherweise bis ins Detail erinnern, obwohl ich in Sekundenschnelle vorbeigerast war.

Ein Blick zurück zeigte mir, dass ich verfolgt wurde, und so holte ich das Letzte aus mir heraus. Der Ausgang war bereits in Sichtweite und ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Gewonnen! Der konnte sich an jemand anderem abreagieren. An mir nicht!
Unmittelbar vor dem Ausgang flog ich infolge der Fliehkraft, die ich nicht ins Kalkül gezogen hatte, aus der Kurve. Der rechte Arm verfing sich in einem Garderobenständer, wodurch selbiger zu einem Fixpunkt wurde, um den ich kreiste. Die nächste Station ... war die zartgrün gestrichene Wand, deren Farbe mir eindrücklich im Gedächtnis geblieben ist, ... danach gab es einen Filmriss ... aus, vorbei, da kam nichts mehr.

Mein Gott! Welch ein Abenteuer!
So sehr ich mein Gehirn zermarterte, die Antwort auf die elementare Frage, welche ihrer Brüste die schwerere war, wollte sich nicht finden lassen. Auch wenn meine Handflächen immer noch brannten, wenn ich daran zurückdachte, das Glück der vollen Hände war mir viel zu kurz beschieden gewesen. Alles umsonst also! Aber das haben Chefs so an sich, sie kommen immer im falschen Moment und stören bei den wichtigsten Arbeiten.

Nicht auszudenken, wenn er mich erkannt hätte.
Vorsichtig schob ich die Binde erneut zurück und öffnete das freigelegte Auge. Die Schmerzen hatte inzwischen etwas nachgelassen, doch mein Herz raste wie verrückt, während ich mich umsah.
Gott sei Dank, auf dem Nachttisch lag meine Maske. Ich war schon ein seltsamer Clown!
Aber wenigstens konnte ich annehmen, dass mein Chef mich wirklich nicht erkannt hatte. Dankbar nahm ich das gute Stück zur Hand - und wie eine grässliche Fratze grinste Bill Gates mich an.

© by aweiawa, 2012

Version 3

Letzte Aktualisierung: 17.08.2012 - 07.12 Uhr
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