Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Aus der Kurve geflogen | August 2012
Der Brief
von Monika Heil

I
Regungslos steht Hannah am Fenster, die Stirn gegen die kalte Scheibe gepresst. Dunkelheit kriecht herein. Straßenlaternen werfen fahles Licht. Ihr Herz klopft in die Stille des karg möblierten Wohnzimmers.

An der rechten Wand eine Couch. Roter Samt vor einer leeren, weißen Wand. Nur diese Couch. Kein Bild, kein Tapetenmuster, das den Blick ablenkt. Ein blassblauer Teppich. Dunkle Holzdielen sind an den Rändern sichtbar und bilden den Rahmen um das farbige Teppichbild, dessen Muster alle Blicke auf sich zieht. Ranken scheinen zu schwingen, fremdartige Vögel zu flattern. Sich aufrichtende Schlangen vermitteln scheinbare Bewegungen der gewebten Kreaturen. Auf den Dielen liegt ein Bogen Papier. Links in der hinteren Ecke. Hannah steht am Fenster und weint.

Als die nahe Kirchturmuhr zur vollen Stunde schlägt, zuckt sie zusammen und dreht sich langsam um, steif wie eine Holzpuppe. Der Brief! Der Versuch, sich zu bücken, scheitert. Sie schwankt, verliert fast den Halt, ringt nach Luft und fällt taumelnd auf die Couch. Aus der Hosentasche fingert sie ein Fläschchen, sprüht mit zitternden Fingern eine Flüssigkeit in ihren weit geöffneten Mund. Bald geht der Atem langsamer und ruhiger. Erschöpft schaut sich Hannah um. Es scheint, als sähe sie dieses Zimmer zum ersten Mal. Der Brief liegt noch immer an der selben Stelle.
„Herr im Himmel, steh mir bei.“ Die Oberflächenspannung der Stille zerplatzt. Hannah erschrickt über den spröden Klang ihrer Stimme, springt auf, als wolle sie vor diesem krächzendem Ton davon laufen. Doch sie weiß, zum Weglaufen ist es jetzt zu spät.

Ihre Schuhe liegen, wie achtlos weggeworfen, auf dem Teppich. Zwei schwarze, leblose Gegenstände. Hannah streift sie langsam, wie in Zeitlupe, über die Füße. Dann fixiert sie den Blick auf die messingfarbene Klinke der Wohnungstür, stakst schwankend, wie eine Betrunkene, auf den Ausgang zu. Der weiche Teppich schluckt jedes Geräusch. Erst auf den Holzdielen klingen ihre Schritte dumpf. Als das Papier unter den Füßen raschelt, löst sie den Blick von der Türklinke, bückt sich endlich und greift nach dem Brief, dessen Inhalt ihr vor einer Stunde die Fassung geraubt hat.

II
Jonas weiß, dass alles vorbei ist. Der Brief wird Hannah den Boden unter den Füßen entziehen. Dennoch hat er ihn geschrieben, diesen verfluchten Brief. Nach drei Jahren Ehe. Doch die hat er nicht erst durch diese Zeilen zerstört.

Der Auflösungsprozess begann, kurz nachdem sie geheiratet hatten. Langsam, schleichend. Jonas hatte an die große Liebe geglaubt. Als Achtzehnjähriger verliebte er sich in seine Klavierlehrerin. Unsterblich. Hannah hatte sich mit der gleichen nichts hinterfragenden Leidenschaft in dieses Abenteuer gestürzt. Wäre es doch bei einer Affäre geblieben!

Als sich das Kind ankündigte, machte er ihr sofort einen Heiratsantrag. Hannah zögerte. Nicht nur wegen der zwanzig Jahre Altersunterschied. Für Jonas schien alles ganz einfach. Er brachte seine Jugend und sein Ungestüm mit in diese Ehe, sie ihre Erfahrung. Hannah hatte ihren Beruf als Musikpädagogin am städtischen Konservatorium. Deshalb würde er, der Student der Betriebswirtschaft, sich um das Kleine kümmern. Und einen Roman schreiben.

Hannah verlor das Kind im dritten Monat. An ihrem Schmerz ließ sie ihn nicht teilhaben. Ihre fast aggressive Art zu trauern, machte Jonas Angst. Seine Frau lebte zeitweilig in einer Welt, zu der ihm jeglicher Zugang verwehrt blieb. Wann starb diese Liebe?

Hannah wurde krank, musste die Unterrichtszeiten einschränken. Asthma. Jonas kam mit seinem Roman nicht voran, suchte einen Job. Ein Fitness-Studio stellte ihn stundenweise als Trainer ein. Dort lernte er Julia kennen. Sie hatte Ähnlichkeit mit Hannah. Der gleiche Typ, die gleiche Haarfarbe, eine ähnliche Art, sich zu bewegen. Sie sahen sich regelmäßig. Auch außerhalb der Trainingszeiten. Irgendwann blieb er bei ihr über Nacht und betrog zum ersten Mal seine Frau, die schon lange nicht mehr seine Frau war.

III
Als Jonas am folgenden Morgen die Augen aufschlug, blickte er sich überrascht um. Das fahle Licht der frühen Stunde versuchte, durch die weißen Vorhänge einzudringen. Schmale, rote und schwarze, seidig schimmernde Stoffbahnen ersetzten die Übergardinen. Er betrachtete alles mit konzentrierter Aufmerksamkeit, ließ Julias Geschmack auf sich wirken. Auf dem Futon rote, glänzende Bettwäsche mit schwarzen Schriftzeichen. Weiße Schränke. Puristisch auch der Toilettentisch. Eine einzelne Anturie in schwarzer Vase, schwarze Flakons über die Fläche verteilt, ein Lederhocker im Farbton zur Bettwäsche passend. Die Wände schmucklos. Ein überdimensionierter roter Ledersessel in der rechten Zimmerecke. Dort lag seine Kleidung. Julia war bereits aufgestanden. Auch Jonas stand nun auf, lief nackt in das angrenzende kleine Bad und duschte. Danach kehrte er in das Schlafzimmer zurück und wusste ohne jeden Zweifel, hier wollte er in Zukunft seine Nächte verbringen. In diesem Raum konnte man atmen. Er folgte dem verführerischen Duft von frischen Brötchen und fand Julia in ihrer kleinen Küche.
„Kaffee ist fertig. Guten Morgen, mein Lieber.“ Wie frisch sie aussah. Wie jung. Sie schmiegte sich in seine Arme. Offenbar fühlte sich das nicht nur für ihn gut an. Nach einer kurzen Zeit einvernehmlichen Schweigens sagte er, und Erstaunen lag in seiner Stimme:
„Julia, ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.“
Sie nickte wie zur Bestätigung. Eine kleine Geste, die sein Herz höher schlagen ließ. Der Raum füllte sich mit ihrer beider Gefühle. Sie brauchten einander.

Als Julia ins Büro fuhr, setzte sie Jonas am Studio ab. Nach den Trainingsstunden hetzte er nach Hause, wechselte die Kleidung, nahm seinen Laptop und kehrte zurück in die Wohnung seiner Geliebten. Einen Schlüssel hatte sie ihm am Morgen bereits ausgehändigt. Ohne Aufenthalt ging er in die Küche, stellte die Espresso-Maschine an, stöpselte den Laptop ein und schrieb. Wie ein Besessener. Drei Stunden ohne Pause.

Irgendwann lehnte sich Jonas aufatmend zurück, schloss die Augen und formulierte im Kopf seinen Brief an Hannah. Er wollte sie nicht verletzen, nur ehrlich seine Situation beschreiben, auch wenn Erschütterungen unausweichlich waren. Und dann schrieb er diesen verfluchten Brief. Jonas rannte zum Briefkasten, schob den Umschlag hastig durch den schmalen Schlitz, als wolle er vermeiden, dass seine Finger daran verbrannten. Erschöpft warf er sich kurz danach auf das Bett und schlief sofort ein. Julia weckte ihn Stunden später. Sie schien glücklich, dass er da war. Beide brauchten ihre Wünsche nicht zu formulieren, mussten die kommenden Stunden nicht planen. Julia zog sich aus und schlüpfte zu ihm ins Bett. Nach dem Liebesakt und einem gemeinsam zubereiteten Abendessen betrat er mit einem Rotweinglas in der Hand zum ersten Mal ihr Wohnzimmer. Da sah er das Foto.

IV
Hannah liest den Brief, wieder und wieder. Sie hält ihn in ihren verkrampften kalten Händen, den verfluchten Brief, in dem Jonas ihr mitteilt, dass er sie verlassen werde wegen einer Julia. Sachlich, fast geschäftsmäßig klingt der Text. Sogar die neue Anschrift und Telefonnummer seiner Geliebten hat er angegeben. Sie ist wieder da. Er lebt nun bei Julia. Lebt fortan bei ihrer Tochter, die sie nie erwähnt hat in drei Jahren Ehe.

3. Version

Letzte Aktualisierung: 25.08.2012 - 19.26 Uhr
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