Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Aus der Kurve geflogen | August 2012
Grau in Grau
von Christina Mayrhofer

Sie sehen aus, wie ein viel beschäftigter Mann“, war ein Satz, den ich gerne mal gehört hätte. Wäre er dann auch noch ernst gemeint gewesen, wäre mein Lebenswunsch in Erfüllung gegangen.
Ein bescheidener Lebenswunsch? Mag sein, aber es war ja auch meiner, und deshalb unmöglich zu erfüllen. Denn mehr als eine Melone aufzusetzen, einen Anzug anzuziehen und einen Aktenkoffer durch die Gegend zu schleppen, in dem sich nichts befand als ein paar Schokoriegel und Illustrierte, hatte ich nicht drauf. Und wenn ich so herumlief, war ich niemals auf dem Weg zur Arbeit, denn ich war arbeitslos. Nein, wenn ich meine Traumklamotten anzog, spazierte ich meist sinnlos durch die Stadt und versuchte dabei möglichst wichtig auszusehen. Oft setzte ich mich auch auf eine Bank an der U-Bahnstation und las die Tageszeitung, um so zu tun, als warte ich auf die nächste Bahn. Dabei warf ich auch immer wieder ungeduldige Blicke auf die Uhr, machte zu meinem Sitznachbarn Bemerkungen über öffentliche Verkehrsmittel und ihre Pünktlichkeit und staubte unauffällig Essensreste ab. Das war mein Alltag.
Auch heute war einer der solchen. Es war November, die Leute rannten hastig an mir vorbei und versuchten noch rechtzeitig die U-Bahn zu erreichen, während ich ihnen sehnsüchtig nachblickte. Auch ich wäre gerne an diesem Tag zur Arbeit gefahren. Egal welche, ich hätte jede angenommen, nur um mich einmal nicht so nutzlos und allein zu fühlen.
Bestimmt fragen Sie sich, ob ich denn keine Familie hatte? Nun … eben nicht. Ich war weder geschieden, noch hatte ich meine schwangere Freundin sitzen gelassen. Ich war ein Einzelgänger. Ich brauchte die Frauen nicht … na ja … die Frauen brauchten mich nicht. Was bestimmt daran lag, dass ich ein Langweiler war, ein Mauerblümchen, ein grauer Fleck auf einer noch graueren Hose.
Hätte ich einen interessanten Job gehabt, wären die Frauen vielleicht scharenweise hinter mir her gewesen. So aber, würdigte mich keine auch nur eines Blickes.
Dabei war das nicht immer so gewesen. Als Junge in der Schule, war ich umzingelt gewesen von Mädchen und jeder Junge hatte sich gewünscht, ich zu sein. Ich hatte coole Eltern, gute Noten, Stil, Charme und Witz.
Irgendwann war das alles verloren gegangen. Ich war erwachsen geworden, ich war ein Spießer geworden. Dabei konnte ich mich nicht einmal erinnern, wann sich dieses Leben angebahnt hatte. Eines Tages war ich aufgewacht und hatte bemerkt, wie sinnlos und grau alles um mich herum war.
Ab diesem Zeitpunkt hatte ich alles versucht, um wieder der zu werden, der ich einst war. Doch ich versagte und beschloss mich einfach gehen zu lassen.
So saß ich den x-ten Tag an der U-Bahnstation, las zum x-ten Mal die Tageszeitung und aß ebenfalls zum x-ten Mal einen Schokoriegel.
Ich hatte zugenommen, aber das fiel auch nicht mehr ins Gewicht.
Was sagen Sie zu meinem Wortwitz? Idiotisch? Am besten ich höre auf mit solchen Späßen.
Also saß ich da so und dachte über meinen grauen Alltag nach, als sich mein Blick mit dem eines Obdachlosen kreuzte.
Rasch richtete ich meinen Augenschein wieder auf meine Zeitung und hoffte, er möge mich nicht ansprechen.
„Wenn Sie weggucken, spreche ich Sie erst recht an!“
Verdammt! Der Kerl konnte wohl Gedanken lesen!
„Keine Panik! Ich kann keine Gedanken lesen. Die Leute denken bloß alle das Gleiche, wenn sie mich ansehen“, sagte er dann.
Er setzte sich neben mich und begutachtete mich mit seinen braunen Augen. Sie waren freundlich und warm und obwohl er nach Rauch und anderem stank, empfand ich sofort Sympathie für ihn.
„Sie sind bestimmt nicht so beschäftigt, wie sie tun“, sagte er prompt und mir versetzte es einen Stich. Das mit der Sympathie wollte wohl überlegt sein.
„Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen, wie?“, fragte der Obdachlose und lächelte. Prompt offenbarte sich mir eine schwarze Grotte in die sich hin und wieder graue Steine mischten.
Ich musste wohl verblüfft wirken, denn er fuhr fort: „In dem Koffer da sind doch nur ein paar Schokoriegel und Illustrierte, nicht wahr?“
„Woher wissen Sie das alles?“, fragte ich verdattert. „Spionieren Sie mir etwa hinterher?“
„Solchen langweiligen Würstchen wie Ihnen, bestimmt nicht“, antwortete der Obdachlose ohne Verlegenheit.
„Wollen Sie mich etwa beleidigen?“, fragte ich empört.
Daraufhin blickte mich der Alte durchdringend an und erwiderte: „Nein, ich will dich endlich dazu bringen, dein Leben zu leben! Du sitzt jeden Tag hier herum, anstatt in die Welt zu gehen und endlich etwas zu verändern! Schwing den Hintern hoch, bevor zu kleben bleibst, Robert!“
Ich saß mit offenem Mund daneben, zu verdutzt um mich zu fragen, woher er meinen Namen kannte.
Dann erhob er sich plötzlich und sagte im Gehen: „Und ruf wieder mal deine Mutter an. Sie macht sich Sorgen, weil du seit drei Wochen nichts mehr von dir hören lassen hast!“
Er bog um die nächste Ecke und erst nach ein paar Sekunden begriff ich, was da soeben passiert war. Schnell sprang ich auf und versuchte ihn noch einzuholen, doch als ich um die Ecke kam, war er bereits weg.

Seit diesem Tag wurde mein Leben anders. Ich nahm einen Job als Tellerwäscher an und wurde Jahre später, ein angesehener Anwalt. Das nennen Sie ein Klischee? Ich sagen Ihnen mal was: Dieses Klischee kommt von MIR!
Wenn ich heute manchmal mein Leben wieder so verfluche, sehe ich meist den Obdachlosen. Nur, dass er dann kein Obdachloser ist. Er taucht als Bäcker auf, wenn ich morgens meine Brötchen hole und meinen bevorstehenden, stressigen Tag verfluche, oder als Straßenkehrer, wenn ich gelangweilt durch die Stadt spaziere. Er erinnert mich dann an mein altes Leben und zeigt mir, wie sich alles zum Guten gewendet hat.

Letzte Aktualisierung: 21.08.2012 - 18.15 Uhr
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