Wellensang
Wellensang
Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Susanne Ruitenberg IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Sehnsucht | September 2012
Vergeudet
von Susanne Ruitenberg

Die Rücklichter des Zuges verschwammen durch den Tränenschleier in seinen Augen. „Adieu, Lilly“, hauchte er, als fürchte er, die Stille des schlafenden Bahnhofs zu stören.
Lilly. Er würde sie nie wiedersehen. Mit schleppenden Schritten ging er zum Ausgang, die menschenleeren Straßen entlang, bis zu seiner schäbigen Hochhauswohnung. Wie sollte er weiterleben? Er hatte sich so sehr über ihren Anruf gefreut.
„Viktor. Hier ist Lilly, ich muss dich sehen.“
Lilly! Nach so vielen Jahren.
Sie waren sich am Bahnsteig in die Arme gefallen, hatten sich wie zwei verliebte Kinder aneinander geklammert. Seine Finger bemerkten es zuerst. Dünn war sie geworden, er spürte jeden Knochen durch den Stoff ihres Mantels. Selbst im trüben Licht des verregneten Nachmittages sah er die Schatten unter ihren Augen.
Später redeten sie, lange, und weinten gemeinsam um ihr verlorenes Leben. Von ihrem Ehemann aus besten Kreisen erzählte sie, einem gewalttätigen Trunkenbold; von ihren Fehlgeburten und von dem walnussgroßen Tumor in ihrem Kopf, der sie tötete - langsam, zentimeterweise - unbehandelbar.
„Wir hätten nie auf sie hören sollen, Viktor. Uns gehörte die ganze Welt. Wie konnten wir das zulassen?“
„Zwänge. Äußere Umstände. Die Erwartungen anderer. Und wir waren so jung.“
Er sah aus dem Fenster und hatte wieder das Bild vor Augen, wie sie damals, Hand in Hand, an ihrem letzten Abend im Café gesessen hatten, bis der Wirt sie hinauswarf, weil er schließen wollte.
Am nächsten Tag musste sie in die Schweiz fliegen für den Feinschliff, wie es hieß, bevor sie den sorgfältig von den Eltern auserwählten Bräutigam heiratete.
Auf ihn wartete Harvard, um in vierter Generation die Kanzlei zu übernehmen.
„Nichts als Unglück hat es uns gebracht, auf sie zu hören. Betrogen hat er mich, der feine Albert Huntington III, geschlagen und gequält. Ich habe gelacht an seinem Grab; oh, natürlich nicht äußerlich, die Fassade war schon immer das Wichtigste für unsere Familie. Als ich die Fotos von seinem zerstörten Wagen sah, jubelte ich, endlich frei! Jetzt habe ich nichts mehr davon. Oh Viktor, ich musste jeden Tag an dich denken. Warum?“
„Wir waren jung, viel zu jung.“
„Man ist nie zu jung, um jemanden so ganz und gar zu lieben. Was hat uns die Vernunft gebracht? Sieh dich an. Die Kanzlei verloren, Mabel mit einem anderen getürmt. Du stehst mit leeren Händen da, genau wie ich.“
Er starrte auf den Boden. „Ich träumte ständig von dir. Warum habe ich dich nicht gesucht? Warum war ich so feige?“ Er blickte zu Lilly herüber. „Was hast du?“
Sie hatte die Augen geschlossen und presste mit beiden Händen gegen ihre Schläfen.
„Ach, manchmal werden sie einfach unerträglich.“
„Hast du oft Kopfschmerzen?“
„Immer, mal stärker, mal kaum auszuhalten. Es wird nicht mehr vorbei gehen. Dr. Peel sagt, mir bleiben nur noch wenige Wochen, bis ich senil bin, oder gewalttätig, vielleicht auch depressiv. Keiner weiß, in welche Richtung dieses Monstrum wächst. Mir läuft die Zeit davon.“
„Zeit wofür?“
„Um alle Menschen, die mir im Leben etwas bedeuteten, ein letztes Mal zu besuchen. Doch ich schaffe es nicht, es strengt mich zu sehr an. Dich wollte ich mir für zuletzt aufheben. Du bist der einzige Mann, den ich je geliebt habe.“
„Kann man wirklich nichts mehr ... ich meine, gibt es keinen Spezialisten ...?“ Er ertrug es nicht. Seine Lilly, kaum fünfzig geworden, dem Tod so nah, mit bloßen Händen hätte er den Feind, den schwarzen Klumpen tödlicher Zellen aus ihrem Gehirn reißen mögen. Sie schüttelte mit spärlichen Bewegungen den Kopf und verzog dabei das Gesicht.
„Es ist zu spät. Viktor, halt mich fest, lass mich in deinen Armen schlafen, zwei letzte Nächte lang. Dann gehe ich, für immer.“
„Ich komme mit!“
„Das wirst du nicht. Ich will nicht, dass du mich als Wrack in Erinnerung behältst. Nein, zum Sterben muss ich allein sein, ganz allein.“
Er kam ihrer Bitte nach und hielt sie fest, zwei Nächte und einen Tag lang, bevor er sie wieder zum Bahnhof brachte. Sie setzte sich in den Zug und blickte nicht mehr zurück.
Und er, er sah noch wochenlang verschwimmende rote Rücklichter, sobald er die Augen schloss.

©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.09.2012 - 15.25 Uhr
Dieser Text enthält 4107 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.