Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Sehnsucht | September 2012
Endstation
von Eva Fischer

Es war schon dunkel, als ein Taxi vor dem Reihenhaus auf dem Nachtigallweg fünf hielt. Ein älteres Ehepaar ließ sich vom Fahrer die Koffer geben, bevor Herr Blischke den Schlüssel aus seiner Reisetasche zog. Feierlich entriegelte er das Türschloss.

Die Luft stand muffig in den Räumen. Während Herr Blischke die Koffer in die erste Etage trug, ließ seine Ehefrau die Rollos hoch und öffnete die Fenster. Kühle Nebelschwaden drangen ein und vertrieben den undefinierbaren Geruch nach Moder.

Herr Blischke nahm die mitgebrachte Flasche Rioja aus dem Koffer, entkorkte sie, schüttete sich und seiner Frau ein Glas ein.
„Salud! Bienvenido en Alemania.“

Erinnerungen tauchten auf an vier Monate im Süden von Spanien, wo sie dem trüben November, dem rührseligen Weihnachtsfest, dem frostigen Januar und dem nicht minder kaltem Februar entkommen waren.
Stattdessen waren sie an menschenleeren Stränden entlanggegangen, wo der Wind ihnen ins Gesicht blies, hatten mit anderen Rentnern Silvester gefeiert. Bunte Luftballons übertünchten den Blick auf eintönig weiß geputzte Kneipenwände. Laute Musik brachte die Gespräche über Rückenschmerzen, Rheuma und undankbare Kinder für einen Abend zum Verstummen.
Der Rotwein kleisterte alte Wunden zu, riss neue auf, weil man sich über eitle Hagestolze und aufgeplusterte Hennen ereiferte.
Aber am nächsten Tag war wieder alles vergessen und man lief sich in den engen Gassen in die Arme. Wer sonst stand zur Verfügung, um die Zeit mit Kartenspiel oder einem Schwätzchen zu vertreiben?
Sie priesen sich selig, weil sie dem deutschen Winter die kalte Schulter zeigen konnten, sich nicht durch Matsch und grau getretenen Schnee kämpfen mussten. Sie waren wahre Glückspilze, denn, was die anderen nicht hatten, besaßen sie in Fülle: Zeit.

Die Flasche war leer und wiegte Herrn und Frau Blischke in einen sanften Schlaf in ihren heimischen Betten.

Am nächsten Morgen suchten sich die Sonnenstrahlen einen Weg durch die staubigen Fensterscheiben. Während seine Frau die Waschmaschine mit schmutziger Wäsche füllte, schob Herr Blischke die Terrassentür beiseite, blinzelte in die Sonne und trat hinaus in seinen kleinen Garten, wo gelb knospende Forsythienbüsche den nahenden Frühling ankündigten.

Ein Schrei durchbrach die sonntägliche Stille und holte Frau Blischke aus der Küche, wo sie gerade mit dem Abwasch des Frühstückgeschirrs beschäftigt war. Sie rannte in den Garten, fürchtete das Schlimmste. Das Gesicht ihres Mannes hatte alle Farbe verloren. Sein Blick zeigte starr in eine Richtung.
Wo einst ein Teich mit Goldfischen den Garten zierte, befand sich ein Loch.

„Was ist denn da passiert?“, fragte sie etwas hilflos, während Herrn Blischkes einstige andalusische Bräune Zornesröte überschwemmte.
„Diese Verbrecher! Ich kriege sie! Die können was erleben!“, schrie er und eilte zum Telefon, um der Polizei Meldung zu machen. Da es sich aber um keinen akuten Fall handelte, wurde er auf Montag vertröstet.

Beim Mittagessen zeigte Herr Blischke kaum Appetit. Immer wieder kehrte er in seinen Garten zurück, als ob das Loch nur ein Albtraum sei, der bei richtiger Betrachtungsweise zurückgenommen und ihm seine prächtigen Goldfische nebst der im Sommer Wasser sprudelnden steinernen Venusstatue zurückbringen könne.

Während er beschwörend auf den Moloch stierte, hörte er seinen Nachbarn zur Linken.
„Na, Fritz, wie war der Urlaub auf Malle?“
„Andalusien, ich war in Roquetas“, knurrte Herr Blischke zurück
„Hast du gesehen, wer meinen Teich so zugerichtet hat? Bei dem Loch muss doch einer eine Bombe geworfen haben. Also, überhören konnte man das nicht.“
Erwins Augen weiteten sich bass erstaunt.
„Mensch, Fritz, das sehe ich zum ersten Mal. Das darf doch nicht wahr sein! Welches Schwein war denn da am Werk?“
„Das wüsste ich auch gern. Aber ich krieg’s raus. Ich schwör’s dir.“

Der Polizist kratzte sich ratlos am Kinn. Keiner hatte was gesehen, keiner etwas gehört.
Dafür verbreitete sich die Kunde von dem Krater in dem Viertel wie ein Lauffeuer. Nun standen die Nachbarn sensationslüstern am Gartenzaun. Vielleicht gab es doch Ufos? Wer wusste das schon so genau.

„Wurde Ihnen denn etwas gestohlen während Ihres viermonatigen Spanienaufenthaltes?“
Herr Blischke schüttelte missmutig den Kopf. Warum konnte dieser grüne Knallfrosch nicht verstehen, dass ihn der Verlust des Teiches mehr traf als andere der Diebstahl einer Stereoanlage oder eines Flachbildfernsehers?

Mochten sich andere mittlerweile an den Anblick des schwarzen Loches im Garten gewöhnt haben, Herr Blischke stand täglich stundenlang davor wie vor dem Grab einer Geliebten.
„Komm, Fritz, wir fahren in die Gärtnerei, kaufen ein paar Säcke Erde, schütten das Loch zu“, ermunterte ihn seine Frau. „Wir könnten auch einen Apfelbaum pflanzen.“
„Ich will keinen Apfelbaum und keinen Zwetschgenbaum. Ich will...“, Herr Blischke stockte und Tränen funkelten zornig in seinen Augen.

Es war an einem Freitag, als Frau Blischke vergeblich nach ihrem Mann suchte. Sie meinte, ihn das letzte Mal im Garten gesehen zu haben. Unruhig lief sie die Straßen auf und ab. Mittlerweile war es dunkel geworden.

Vom Garten her nahm sie ein Licht wahr, das sie an Glühwürmchen erinnerte. Regenbogenfarben wechselten sich kaleidoskopartig ab. Fasziniert folgte sie dem merkwürdigem Phänomen, vergaß das Loch, spürte, wie die Erde plötzlich unter ihren Beinen wegsackte. Unerwartet sanft glitt sie nach unten.

Das Licht folgte ihr auf Augenhöhe.
In einer Nische entdeckte sie den ihr vertrauten Venusspringbrunnen. Wasser sprudelte glockenhell in einem Becken. Goldfische schwammen munter ihre Bahnen.

Da seid ihr ja, dachte sie. Darüber wird sich Fritz freuen.
Sie bückte sich, um die Fische genauer zu betrachten. Die Venus tat es ihr gleich.
Frau Blischke erschrak. Als sie sich erneut bewegte, löste sich auch die Venus aus der steinernen Starre. Mutig geworden probierte Frau Fischer einige Walzerschritte. Die Venus tänzelte ebenso. Schließlich reichten sie sich die Hände und drehten sich zur Melodie des Wassers.

Scheinbar wie aus dem Nichts erschien Herr Blischke in ihrer Mitte. Obwohl seine grauen Haare schwarz waren wie einst in seiner Jugend, erkannte sie ihn sofort. In der Hand hielt er seine alte Gitarre.
„Love, love me do. You know I love you. I’ve always been true. So pleaeaease love me do!” Seine Stimme erinnerte sie an vergangene Zeiten und entflammte in ihr eine verloren geglaubte Glut. Sie wippte zum Rhythmus der Musik, während er mit den Füßen den Beat stampfte.
Da setzte sich die Erde in Bewegung.
„Neeeeeeeeeeeeeeeiiiiiin“, schrie sie und flüchtete in seine Arme.

Im folgenden Frühling entdeckte der Nachbar ein Nachtigallennest im Garten von Herrn und Frau Blischke.

Sie selbst wurden nie mehr gesehen. Man vermutete sie auf Malle, oder war es Andalusien?

Letzte Aktualisierung: 02.09.2012 - 15.52 Uhr
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