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Sehnsucht | September 2012
Endstation
von Eva Fischer

Es war schon dunkel, als ein Taxi vor dem Reihenhaus auf dem Nachtigallweg f√ľnf hielt. Ein √§lteres Ehepaar lie√ü sich vom Fahrer die Koffer geben, bevor Herr Blischke den Schl√ľssel aus seiner Reisetasche zog. Feierlich entriegelte er das T√ľrschloss.

Die Luft stand muffig in den R√§umen. W√§hrend Herr Blischke die Koffer in die erste Etage trug, lie√ü seine Ehefrau die Rollos hoch und √∂ffnete die Fenster. K√ľhle Nebelschwaden drangen ein und vertrieben den undefinierbaren Geruch nach Moder.

Herr Blischke nahm die mitgebrachte Flasche Rioja aus dem Koffer, entkorkte sie, sch√ľttete sich und seiner Frau ein Glas ein.
‚ÄěSalud! Bienvenido en Alemania.‚Äú

Erinnerungen tauchten auf an vier Monate im S√ľden von Spanien, wo sie dem tr√ľben November, dem r√ľhrseligen Weihnachtsfest, dem frostigen Januar und dem nicht minder kaltem Februar entkommen waren.
Stattdessen waren sie an menschenleeren Str√§nden entlanggegangen, wo der Wind ihnen ins Gesicht blies, hatten mit anderen Rentnern Silvester gefeiert. Bunte Luftballons √ľbert√ľnchten den Blick auf eint√∂nig wei√ü geputzte Kneipenw√§nde. Laute Musik brachte die Gespr√§che √ľber R√ľckenschmerzen, Rheuma und undankbare Kinder f√ľr einen Abend zum Verstummen.
Der Rotwein kleisterte alte Wunden zu, riss neue auf, weil man sich √ľber eitle Hagestolze und aufgeplusterte Hennen ereiferte.
Aber am n√§chsten Tag war wieder alles vergessen und man lief sich in den engen Gassen in die Arme. Wer sonst stand zur Verf√ľgung, um die Zeit mit Kartenspiel oder einem Schw√§tzchen zu vertreiben?
Sie priesen sich selig, weil sie dem deutschen Winter die kalte Schulter zeigen konnten, sich nicht durch Matsch und grau getretenen Schnee k√§mpfen mussten. Sie waren wahre Gl√ľckspilze, denn, was die anderen nicht hatten, besa√üen sie in F√ľlle: Zeit.

Die Flasche war leer und wiegte Herrn und Frau Blischke in einen sanften Schlaf in ihren heimischen Betten.

Am n√§chsten Morgen suchten sich die Sonnenstrahlen einen Weg durch die staubigen Fensterscheiben. W√§hrend seine Frau die Waschmaschine mit schmutziger W√§sche f√ľllte, schob Herr Blischke die Terrassent√ľr beiseite, blinzelte in die Sonne und trat hinaus in seinen kleinen Garten, wo gelb knospende Forsythienb√ľsche den nahenden Fr√ľhling ank√ľndigten.

Ein Schrei durchbrach die sonnt√§gliche Stille und holte Frau Blischke aus der K√ľche, wo sie gerade mit dem Abwasch des Fr√ľhst√ľckgeschirrs besch√§ftigt war. Sie rannte in den Garten, f√ľrchtete das Schlimmste. Das Gesicht ihres Mannes hatte alle Farbe verloren. Sein Blick zeigte starr in eine Richtung.
Wo einst ein Teich mit Goldfischen den Garten zierte, befand sich ein Loch.

‚ÄěWas ist denn da passiert?‚Äú, fragte sie etwas hilflos, w√§hrend Herrn Blischkes einstige andalusische Br√§une Zornesr√∂te √ľberschwemmte.
‚ÄěDiese Verbrecher! Ich kriege sie! Die k√∂nnen was erleben!‚Äú, schrie er und eilte zum Telefon, um der Polizei Meldung zu machen. Da es sich aber um keinen akuten Fall handelte, wurde er auf Montag vertr√∂stet.

Beim Mittagessen zeigte Herr Blischke kaum Appetit. Immer wieder kehrte er in seinen Garten zur√ľck, als ob das Loch nur ein Albtraum sei, der bei richtiger Betrachtungsweise zur√ľckgenommen und ihm seine pr√§chtigen Goldfische nebst der im Sommer Wasser sprudelnden steinernen Venusstatue zur√ľckbringen k√∂nne.

Während er beschwörend auf den Moloch stierte, hörte er seinen Nachbarn zur Linken.
‚ÄěNa, Fritz, wie war der Urlaub auf Malle?‚Äú
‚ÄěAndalusien, ich war in Roquetas‚Äú, knurrte Herr Blischke zur√ľck
‚ÄěHast du gesehen, wer meinen Teich so zugerichtet hat? Bei dem Loch muss doch einer eine Bombe geworfen haben. Also, √ľberh√∂ren konnte man das nicht.‚Äú
Erwins Augen weiteten sich bass erstaunt.
‚ÄěMensch, Fritz, das sehe ich zum ersten Mal. Das darf doch nicht wahr sein! Welches Schwein war denn da am Werk?‚Äú
‚ÄěDas w√ľsste ich auch gern. Aber ich krieg‚Äôs raus. Ich schw√∂r‚Äôs dir.‚Äú

Der Polizist kratzte sich ratlos am Kinn. Keiner hatte was gesehen, keiner etwas gehört.
Daf√ľr verbreitete sich die Kunde von dem Krater in dem Viertel wie ein Lauffeuer. Nun standen die Nachbarn sensationsl√ľstern am Gartenzaun. Vielleicht gab es doch Ufos? Wer wusste das schon so genau.

‚ÄěWurde Ihnen denn etwas gestohlen w√§hrend Ihres viermonatigen Spanienaufenthaltes?‚Äú
Herr Blischke sch√ľttelte missmutig den Kopf. Warum konnte dieser gr√ľne Knallfrosch nicht verstehen, dass ihn der Verlust des Teiches mehr traf als andere der Diebstahl einer Stereoanlage oder eines Flachbildfernsehers?

Mochten sich andere mittlerweile an den Anblick des schwarzen Loches im Garten gewöhnt haben, Herr Blischke stand täglich stundenlang davor wie vor dem Grab einer Geliebten.
‚ÄěKomm, Fritz, wir fahren in die G√§rtnerei, kaufen ein paar S√§cke Erde, sch√ľtten das Loch zu‚Äú, ermunterte ihn seine Frau. ‚ÄěWir k√∂nnten auch einen Apfelbaum pflanzen.‚Äú
‚ÄěIch will keinen Apfelbaum und keinen Zwetschgenbaum. Ich will...‚Äú, Herr Blischke stockte und Tr√§nen funkelten zornig in seinen Augen.

Es war an einem Freitag, als Frau Blischke vergeblich nach ihrem Mann suchte. Sie meinte, ihn das letzte Mal im Garten gesehen zu haben. Unruhig lief sie die Straßen auf und ab. Mittlerweile war es dunkel geworden.

Vom Garten her nahm sie ein Licht wahr, das sie an Gl√ľhw√ľrmchen erinnerte. Regenbogenfarben wechselten sich kaleidoskopartig ab. Fasziniert folgte sie dem merkw√ľrdigem Ph√§nomen, verga√ü das Loch, sp√ľrte, wie die Erde pl√∂tzlich unter ihren Beinen wegsackte. Unerwartet sanft glitt sie nach unten.

Das Licht folgte ihr auf Augenhöhe.
In einer Nische entdeckte sie den ihr vertrauten Venusspringbrunnen. Wasser sprudelte glockenhell in einem Becken. Goldfische schwammen munter ihre Bahnen.

Da seid ihr ja, dachte sie. Dar√ľber wird sich Fritz freuen.
Sie b√ľckte sich, um die Fische genauer zu betrachten. Die Venus tat es ihr gleich.
Frau Blischke erschrak. Als sie sich erneut bewegte, löste sich auch die Venus aus der steinernen Starre. Mutig geworden probierte Frau Fischer einige Walzerschritte. Die Venus tänzelte ebenso. Schließlich reichten sie sich die Hände und drehten sich zur Melodie des Wassers.

Scheinbar wie aus dem Nichts erschien Herr Blischke in ihrer Mitte. Obwohl seine grauen Haare schwarz waren wie einst in seiner Jugend, erkannte sie ihn sofort. In der Hand hielt er seine alte Gitarre.
‚ÄěLove, love me do. You know I love you. I‚Äôve always been true. So pleaeaease love me do!‚ÄĚ Seine Stimme erinnerte sie an vergangene Zeiten und entflammte in ihr eine verloren geglaubte Glut. Sie wippte zum Rhythmus der Musik, w√§hrend er mit den F√ľ√üen den Beat stampfte.
Da setzte sich die Erde in Bewegung.
‚ÄěNeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiin‚Äú, schrie sie und fl√ľchtete in seine Arme.

Im folgenden Fr√ľhling entdeckte der Nachbar ein Nachtigallennest im Garten von Herrn und Frau Blischke.

Sie selbst wurden nie mehr gesehen. Man vermutete sie auf Malle, oder war es Andalusien?

Letzte Aktualisierung: 02.09.2012 - 15.52 Uhr
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