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Sehnsucht | September 2012
Der Schutzengel
von Ingo Pietsch

Melanie hasste es, für ihr Taschengeld Hausarbeiten erledigen zu müssen. Und noch mehr hasste sie es, wenn sie sich abrackern musste, während es sich ihr Stiefvater auf dem Sofa bequem machte.
Das Küchenfenster im achten Stock stand angelweit offen. Melanie putzte gerade die Außenseite ab, als sie das Gleichgewicht verlor und nach draußen zu stürzen drohte.
Plötzlich blieb die Zeit stehen.
Melanie hing in der Luft, als aus dem Nichts ihr richtiger Vater erschien, ihre Hand ergriff und sie zurück in die Küche zog. Er lächelte sie an, wie vor zehn Jahren, als sie sechs gewesen war und er sich von ihr verabschiedet hatte, weil er zu einem Bundeswehrauslandseinsatz einberufen worden war.
Das war das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatte.
Kaum hatte sie wieder festen Boden unter den Füßen, löste er sich wieder in Luft auf und hinterließ einen Teenager, der wieder ein bisschen mehr Hoffnung geschöpft hatte.

Ein Jahrzehnt war vergangen.
Jetzt stand sie auf einer Fußgängerbrücke und beobachtete die unter ihr vorbeirasenden Fahrzeuge.
Immer wieder wurde sie von Scheinwerfen geblendet oder sie sah den rotglühenden Rückleuchten hinterher.
Melanie dachte darüber nach, ob ihr Leben noch lebenswert war. Sie hatte Ihre Mutter vor Kurzem verloren, den letzten richtigen Halt.
Ihre Hände verkrampften sich um das Geländer.
Sie sendete verzweifelte Hilferufe: Zwei Mal hatte sie mit einer Tablettenüberdosis versucht sich das Leben zu nehmen.
Ihr Mann hatte sie beide Male gerettet und ihr versprochen sich zu bessern, was aber nicht eingetreten war. Die körperlichen und seelischen Misshandlungen hatten nicht aufgehört.
Sie nahm all ihren verbliebenen Mut zusammen und kletterte über das kalte metallene Geländer.
Ein LKW raste zwölf Meter tiefer unter ihr hinweg. Der Sog zerrte an ihrer Kleidung.
Es war ein Leichtes loszulassen. Doch etwas in ihr sträubte sich dagegen.
Ihr Herz klopfte wie wild.
Sie hoffte ihren Vater wiederzusehen, wie damals, als er sie vor dem Sturz bewahrt hatte.
Als Melanie die Tabletten genommen hatte, war ihr Vater nicht dagewesen. Nur Finsternis. Kälte. Angst.
Sie wünschte sich dass es jetzt anders wäre. Dass ihr Vater käme, um sie mitzunehmen. Dass er sie ihrem furchtbaren Schicksal entreißen würde.
Langsam stieg das Gefühl in ihr empor, dass sie bereit wäre.
Sie schloss die Augen. Ihre Finger lösten sich langsam von dem Metall.
Ein merkwürdiges Klicken kam von links zu ihr hergeweht.
Melanie öffnete die Augen wieder und blickte zu dem Geräusch.
Da saß ein Mann auf dem Geländer und tippte auf einem Tablet-Computer herum.
Der Mann sah hoch: „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht stören!“
Melanie musterte ihn: Er trug schwarze legere Kleidung, hatte braune kurze Haare und einen Dreitagebart. Er machte trotz der Situation einen sympathischen Eindruck auf sie. Sie war verwirrt und rang nach einer Antwort.
„Oh, tun Sie sich keinen Zwang an. Machen Sie ruhig weiter mit dem, was Sie vorhatten.“ Er tippte weiter.
Melanie war immer noch völlig perplex: „Sie sitzen jetzt einfach nur da und warten, dass ich springe?“
Der Mann zuckte mit den Achseln: „Wenn ich Sie jetzt da wegzerren würde, hätte ich Ihnen dann in irgendeiner Form geholfen? Wer sagt mir denn, dass Sie sich nicht wieder umbringen wollen?“
Melanie sie ihn ratlos an. „Ich ...“
Ein Motorrad jagte unter der Überführung hindurch.
„Fünfzehn Minuten.“
„Was ist in fünfzehn Minuten?“, fragte Melanie.
„Dann ist der Motorradfahrer tot. Verschätzt sich bei einem Überholmanöver mit zu hoher Geschwindigkeit, prallt gegen die Leitplanke und wird von einem LKW überrollt.“ Der Mann zog einen Finger über das Pad. „Zu seinem Glück stirbt er sofort.“
Melanie begann zu dämmern, wer die Person neben ihr war. „Steht da auch etwas über mich drin?“
„Wenn es nicht so wäre, säße ich nicht hier. Übrigens ist es hier sehr windig, da könnte man sich glatt den Tod holen.“ Er verzog nicht eine Mine, so trocken war der Witz gewesen.
Melanie spürte den Sarkasmus: „Sind Sie denn der Tod persönlich?“ Allmählich wurde ihr wirklich kalt.
Er hielt die Hände abwehrend zu ihr hin, das Pad hatte er auf das Geländer gelegt. „Danke für das Kompliment, aber da muss ich Sie leider enttäuschen. Dann würde ich Sie sicher nicht vor dem Sprung bewahren. Was hätte ich denn davon?“
„Vielleicht wollen Sie mir meine Seele stehlen oder so was in der Art?“
Der Mann in schwarz rieb sich das Kinn: „Mhm, ich denke, das überlasse ich anderen.“
„Warum sind Sie dann hier?“
„Melanie, glauben Sie an das Schicksal?“
Sie lachte unecht auf: „Meines hat mich hergeführt.“
„Ja, Sie hatten kein leichtes Leben. Das ist mir bewusst. Aber es muss hier und heute nicht zu Ende sein.“
Melanie beugte sich vor und blickte kurz nach unten. Der Mann musste verrückt sein: „Sie klingen wie jemand aus der Werbung.“
„Wenn ich Ihnen versprechen würde, dass sich Ihr Leben zum Guten wenden wird, würden Sie dann vom Geländer zurückklettern?“
Melanie glaubte dem Mann nicht. Er schien irgendetwas im Schilde zu führen.
„Ich weiß, dass Sie ihre Eltern vermissen. Besonders Ihren Vater. Und Sie erhoffen sich durch ihre Tat, dass er Ihnen erscheint.“
Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Doch das wird nicht geschehen. Einmal hat jeder die Möglichkeit, hier in dieser Welt nach seinem Tod zu helfen. Ihr Vater hat Ihnen geholfen und Ihre Mutter, ohne dass Sie davon wissen, auch schon.“
Tränen liefen ihr übers Gesicht. Hatte der Unbekannte wirklich recht?
Er stieg vom Geländer herunter und ließ seinen Tablet-PC einfach verschwinden.
„Kommen Sie nicht näher! Sonst springe ich!“ Melanie war außer sich vor Zorn. Sie war ihrer Hoffnung und Sehnsucht beraubt. Welche Motivation hatte sie jetzt noch, sich das Leben zu nehmen oder was viel schlimmer war: Weiterzuleben?
Sie konnte den Mann jetzt besser sehen, da er sonst nur von vorbeifahrenden Fahrzeugen angeleuchtet worden war. Das Merkwürdige daran war, dass er ihr bekannt vorkam.
„Melanie, gib mir deine Hand und ich werde dir helfen!“
Sollte sie dem Fremden vertrauen? Gerade hatte sie es noch gedacht, fasste sie schon seine Rechte.
Im gleichen Moment wurde sie von Gefühlen durchflutet: Dankbarkeit, Liebe, inneren Frieden. Es schien, als teile der Mann dies alles nicht nur mit ihr, sondern er übertrug es an sie.
Sie schloss die Augen, weil sich die Welt um sie herum zu drehen begann. Sie brauchte einen Moment, um all das zu verarbeiten. Sie konnte ihre Eltern sehen, wie sie ihr zulächelten.
Als sie wieder aufschaute, war der Mann verschwunden. Aber Melanie war es, als hielte sie immer noch seine Hand. Sie wusste jetzt nicht nur, wie sie ihr Leben zum Besseren wenden konnte, sondern dass es wirklich besser werden würde.

Letzte Aktualisierung: 26.09.2012 - 21.58 Uhr
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