Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Sehnsucht | September 2012
Abschied und Sehnsucht
von Thea Derado

„Fanny, der Musikverlag in Leipzig will nun das zweite Liederalbum von mir herausgeben. Ich habe beim besten Willen vor meiner Abreise nach London keine Zeit mehr, das Zeug dazu herauszusuchen.“
„Klar erledige ich das. Hast du eine Idee, welche Lieder ...“
„Damit kann ich mich jetzt nicht auch noch befassen. Das machst du schon. Du kennst doch meine Sachen fast besser als ich selbst. Und misch wieder drei von dir darunter, das ist beim letzten Mal sehr gut angekommen. Oder hast du was dagegen, dein Sachen unter Felix Mendelssohn Bartholdy erscheinen zu lassen?“
„Machst du Witze? Ich bin glücklich. Einen anderen Weg gibt es ja für komponierende Frauen nicht. Wir sind nun mal so etwas wie weiße Elefanten in der Arena. Völlig unmöglich! Und du weißt auch, wie sehr Vater dagegen ist, dass Weibsleute in der Öffentlichkeit auffallen.“
„Hast du schon eine Ahnung, welche deiner Lieder du nehmen willst? Fanny, ich finde sowieso die meisten deiner Lieder wunderbar. Fast sind sie zu schön, um sie in die Welt zu entlassen. Nur auserwählte Menschen sollten sie zu hören bekommen.“
„Ach Felix! Du fürchtest doch wohl nicht, meine Lieder könnten größeren Gefallen finden als deine? Es muss doch ohnehin alle Welt denken, sie seien aus deiner Feder geflossen.
Aber ich weiß schon was ich für das Album komponieren werde. Unser Freund Droysen hat so ein schönes Gedicht geschrieben – Sehnsucht. Da du weg fährst, bin ich ganz in der Stimmung, das zu vertonen.“
„Das ist dann wohl bald dein zehntes Lied, das Sehnsucht heißt!“
„Na wenn schon. Ich sehne mich ja auch immer irgendwohin. Du kannst das gar nicht nachvollziehen, mit gepacktem Wandersack. Ich höre schon fast die Pferde wiehern von deiner Reisekutsche. Ach, Felix, du wirst mir so schrecklich fehlen. Mir tut innen drin alles weh, wenn ich nur daran denke, dass du so bald für so lange wegfährst. Wie gerne würde ich mit dir die weite Welt erobern. Aber da mir das verwehrt ist, sei du mein Auge und mein Ohr in da draußen und berichte mir alles.“
Wie ein kleines Kind streckte sie die Arme nach ihm aus, und Felix umschloss sie ganz fest und versuchte, sie zu trösten. Dass er selbst trostbedürftig war, das durfte er den anderen nicht eingestehen. Ein Mann durfte keine Schwächen zeigen und nicht jammern. Vater und Rebekka würden ihn noch bis Hamburg begleiten, dann aber würde er ganz auf sich allein gestellt sein. Zwei gute Freunde hatte er allerdings schon, die in London auf ihn warteten, der berühmte Pianist Ignaz Moscheles und der Diplomat Karl Klingemann, der früher in Berlin in ihrem Haus gelebt hatte und inzwischen nach London versetzt worden war.
Fanny rollte einige Notenblätter zusammen und gab sie Felix. „Flix, ich habe hier eine Abschrift meiner neuen Sonate. Wollen wir was ausmachen? Am Ostersonntag vormittags um 11 Uhr, die Zeit, zu der wir hier vor unseren Gästen musizieren, da wollen wir beide sie gleichzeitig spielen, du in London, oder wo du gerade sein wirst, und ich hier in Berlin. Ich nenne sie deshalb Ostersonate.“
Ergriffen hielt Felix seine Schwester lange in den Armen. Sie mussten beide mit den Tränen kämpfen.
Zärtlich sagte er: „Kopf hoch, mein Kantor! Es hilft doch nichts, sentimental zu sein. Wenn einer von uns beiden Musik macht, dann ist der andere doch sowieso stets ganz nah bei ihm. Denke nur an mich, dann werden dir wunderbare Melodien einfallen. Weißt du, dass ich dem lieben Gott jeden Tag dafür danke, dass er mir so eine Schwester gegeben hat?“

Alle Freunde kamen in den letzten Tagen noch einmal in der Leipziger Straße vorbei, teils zum Essen, teils um nur Lebewohl zu sagen oder zum Musizieren.
Felix spielte seinen Abschiedsschmerz hinaus in die Welt: Für seine Familie und seine Freunde gab er zwischen dem 1. und 8. April Orgelkonzerte in drei Berliner Kirchen. Sein Leid über die bevorstehende Trennung war unüberhörbar. Furchtbareres hatte Fanny nie gehört als den ersten Chor aus der Passion, wie ihn Felix spielte. Ihr krampfte es das Herz zusammen. Das letzte der drei Konzerte endete in der Dämmerung unter den Orgelklängen von Tu es Petrus, das Felix im vorletzten Jahr geschrieben hatte. Ein Lebensabschnitt, ein schöner, reicher, war zu Ende.

Letzte Aktualisierung: 02.09.2012 - 15.50 Uhr
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