Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Sehnsucht | September 2012
Der Smaragdring
von Frank Atteln

Ich war kaum ein Mann geworden, als mich das Schicksal traf, und so schrie es in mir und es brodelte und w├╝tete, dass ich vor Angst und Schreck, vor Rage und Ersch├Âpfung gleicherma├čen zitterte. Gab es einen Gott, und mit welchem Gewissen schlief er, jetzt, wo er mich zum M├Ârder gemacht hatte? Die Verzweiflung, die an dem verh├Ąngnisvollen Tag unschuldig mit s├╝├čer Wehmut anfing und am Abend mir in Schmerz und Schuld und Ausweglosigkeit die Kehle zuschn├╝rte, dass es unvorstellbar schien, sie k├Ânnte mit dem Tode enden - ja, mit den Jahren verliert sie sich in der Abstumpfung. Und dann, ganz leise und von der Welt entr├╝ckt, stiehlt sich ein unwirklicher Friede in die Seele, und ihm folgen die Bilder aus der Jugend, die hoffnungsvollen Pl├Ąne jener Zeit, und die silberhellen, leisen Echos fr├╝her Liebeleien. Ein Wink mit den Augen, eine Aufforderung mit dem F├Ącher, ein geschicktes F├╝├čchen unter dem Tisch: alle Episoden verdichten sich zu einer einzigen kleinen Geschichte, und diese Geschichte spendet Trost, bis mit dem Sterben die Verzweiflung ihren festen kalten W├╝rgegriff zum letzten Mal ansetzen wird. So habe ich es bei Gennadij und bei Wladimir beobachtet, und so holte der Tod gestern Pjotr. Ich will aufschreiben, was mir widerfuhr, bevor meine Erinnerung auch die letzten Schleusen passiert hat und zum Rinnsal aus Mythen wird.

├ťber meine ganze Kindheit hinweg arbeitete mein Vater daran, mir sein Prinzip - jeder Soldat tr├Ągt den Marschallstab im Tornister und jeder Untertan das Ministersiegel in der Rocktasche - in meine Seele einzuschmieden wie einen elastischen Kern in eine gute Klinge. Als ich mit den anderen Kindern meines Standes in einer Mini-Uniform in die Kadettenakademie einr├╝ckte, galt das F├╝hrungsprinzip meines Vaters allerdings nichts. Nach meiner milit├Ąrischen Erziehung sollte ich Frankreich kennenlernen und schrieb mich an der Sorbonne ein. Mein Drang zum weiblichen Geschlecht half mir sehr. Bald konnte ich nicht nur franz├Âsisch sprechen wie die Franzosen sondern auch in allen europ├Ąischen und einigen orientalischen Zungen gewisse Anweisungen, anatomische Benennungen und Beleidigungen vortragen. Nach meinem Examen holte er mich aus Paris ab, hielt auf der Heimreise mehrere Fassungen seiner ber├╝hmten Predigt von den Offizieren, die aus der Mannschaft herangezogen werden m├╝ssten, und ordnete an, dass ich f├╝r Onkelchen Paschas Moskauer Kontor als Kurierbursche arbeiten sollte.

Mein neuer Gast- und Brotherr, Onkel Pawel Pawlowitsch Galerkin, Kosename Pascha, war ein guter Kaufmann und einer seinem Geist entsprechend einfachen Lebens├╝berzeugung: Monopole schafft man sich im Kopf des Kunden. Seine Frau, Tante Klawdija Anatolewna, die Schwester meines Vaters, war eine herzliche, warmherzige und temperamentvolle Frau, die sich in ihre Kinderlosigkeit geschickt hatte und die Onkelchen nicht mehr beim Kosenamen nennen wollte. Er soll einmal nach ausgiebigem Champagnergenuss in der Loge der Familie Godunow einen Vers ├╝ber den Namen Klascha und seine Verwandtschaft zu kalter Kascha gemacht haben und seit jener Nacht, erz├Ąhlt man sich, an einer empfindlichen K├Ârperstelle ├╝ber eine ├Ąhnliche Narbe verf├╝gen wie mein Vater sie am Kopf tr├Ągt. Am Tag meiner Ankunft bei ihm plauderten wir bei Tee und einigen Partien Ecart├ę, bis er sich erhob. Man wolle nun in die Oper gehen, ich m├╝sse in die Moskauer Gesellschaft eingef├╝hrt werden, sagte er. Das Vergn├╝gen w├Ąhrte kurz. Sofort nach Ende der Auff├╝hrung setzte das Onkelchen mich alleine in eine Kutsche nach Hause, und aus seiner erwachenden Lebhaftigkeit war mir klar, wie sein weiterer Abend aussah.

Am n├Ąchsten Morgen betrat ich in seiner Begleitung das Kontor und nahm meinen ersten Auftrag entgegen, die Pr├Ąsentation einer Kollektion Stoffe bei Alexej Borisowitsch Postnikow. Moskaus Stra├čen sind zu allen Jahreszeiten schlecht zu befahren. Am Ziel angekommen war ich froh, kein Durcheinander bei den Tuchwaren zu haben. Man f├╝hrte mich in die Eingangshalle und hie├č mich warten. Zwei Diener in Livr├ęe trugen die Stoffe die Treppe hinauf in die h├Âheren Gem├Ącher. Ich richtete mich auf eine l├Ąngere Wartezeit ein und lie├č meinen Blick wandern. Das Entr├ęe war gro├č und hell und der Boden war in der Art eines Schachbrettmusters gestaltet. Nach f├╝nf Jahren beengter Behausung genoss ich f├╝r diese Minuten der Mu├če das Gl├╝ck, frei atmen zu k├Ânnen. Pl├Âtzlich nahm ich ein Ger├Ąusch wahr, wandte den Kopf und sah gerade noch den Saum eines Kleides hinter einer Tapetent├╝r verschwinden. Die T├╝r selbst blieb einen Spalt auf. Dann schob sich ein blondgelocktes K├Âpfchen hinter einer wei├čen Augenmaske ins Blickfeld und verschwand wieder. K├╝hn ging ich zur Tapetent├╝r. Dahinter war ein helles, intimes Zimmer mit gr├╝nen W├Ąnden. Auf einer Chaise lag die junge, blonde Dame, das glatte, ihrer Silhouette schmeichelnde Kleid h├╝bsch drapiert, und gebot mir mit der Hand stehenzubleiben, ehe sie das Wort an mich richtete. Ob ich einer der frechen franz├Âsischen Philosophen sei und ob ich mehr der Natur oder dem Geist des Menschen zuneigte? Ich war perplex, weil sie es sehr geschickt verstand, das Wandern meiner Augen ├╝ber ihre Gestalt zu dirigieren. Dabei raffte sie, wenn ich mit ihren sch├Ânen, l├Ąchelnden braunen Augen hinter der Maske besch├Ąftigt war, das Kleid ein wenig hoch und zupfte, wenn ich die neu freigelegte Sch├Ânheit ihrer Beine studierte, das Dekollet├ę ein wenig herunter. Meine gestotterte Paraphrasierung ├╝ber die harmonische Verbindung von Geist und K├Ârper machte sie spottlustig. Minute um Minute trieb sie mich in neue Verlegenheiten und steigerte sowohl meine Scham wie mein Verlangen. Pl├Âtzlich ging die T├╝r rechts von der Chaise auf und eine zweite blonde Dame, mit einer samtschwarzen Maske, wasserklaren hellblauen Augen und der K├Ârperhaltung einer K├Ânigin kam herein. Hatte ich eben noch mit mir gek├Ąmpft, nicht jeden Rest meiner Geistesgegenwart zu verlieren, so sah mein Begehren sich pl├Âtzlich in einer Pattsituation, unentschieden, worauf es sich konzentrieren sollte, und gab mir die Kr├Ąfte, die es gebunden hatte, wieder zur├╝ck. Die erste Dame glitt von der Chaise, verlie├č das Zimmer durch die Tapetent├╝r und schloss sie hinter sich. Die zweite Dame winkte mich mit den Worten ÔÇ×Wenn er schon hier eingedrungen ist, dann soll er mich auch unterhaltenÔÇť zu sich heran. Nach einigen Minuten des Plauderns f├╝hrte sie das Spiel der ersten Dame fort, versetzte mir mit ihrem F├Ącher hin und wieder kleine Schl├Ąge und lie├č zur Verschlimmerung meiner Leiden ihre Finger manche Ausfl├╝ge und Erkundungsreisen an mir ausf├╝hren. Interessierte sie sich anfangs f├╝r meine H├Ąnde und schlug mich, wenn ich nicht absolut still hielt, heftig ins Gesicht, zwang sie mich bald, ├╝ber sie gebeugt starr zu verharren. Schlie├člich wurde es f├╝r mich sehr heikel, aber kurz bevor ihre geschickten Finger mir meine Hose ruiniert h├Ątten, lie├č sie mit einem gurrenden Lachen von meiner empfindlichen Stelle ab und zog mich zu sich herunter. Weil ich keine Schl├Ąge mehr bezog, ging ich besessen auf mein Ziel los. Sie sollte sich nur noch an meine Kunst, Ausdauer und Geschicklichkeit erinnern und jeden fr├╝heren H├Âhepunkt als schwaches Vergn├╝gen dagegen sehen. Ich war so in Raserei, dass ich nicht mitz├Ąhlte, wie oft sie seufzte oder schrie. Als wir uns erhoben, war es weit nach Mittag, und als wir unsere Kleidung in Ordnung brachten, sahen wir mit dem satten Blick zufriedener Katzen in den Spiegel. Die Dame zog sich einen Smaragdring vom Finger, nahm meine Hand und legte ihn hinein. Wann immer ich sie im gr├╝nen Zimmer zu besuchen w├╝nschte, sollte ich ihr Haus betreten und den Stein sichtbar tragen, sagte sie, k├╝sste mich und verschwand durch die T├╝r, durch die sie gekommen war. Ich f├╝hlte mich noch der Welt entr├╝ckt, als ich durch die Tapetent├╝r in die Eingangshalle des Postnikowschen Anwesens stieg. Ein Diener, der dort auf mich gewartet hatte, erkl├Ąrte mir mit unbewegter Miene, dass die Kollektion wieder in der Kutsche l├Ąge und er Order habe, mir die Bestellliste f├╝r meinen Onkel mitzugeben. Dabei stopfte er mir einige lose Blatt Papier in die Rocktasche. Meine Beine verlie├čen f├╝r mich das Haus und gingen zur Kutsche. Im Wageninneren schlie├člich kam ich langsam wieder zu mir. Den Ring musste ich vor meinem Onkel verbergen, und so stopfte ich ihn in den Strumpf. Ich f├╝hlte mich als Herr der Welt, doch als ich zu Hause einfuhr, bot sich mir eine Szene, vor der ich, als w├Ąre ich vor den Kopf geschlagen worden, ein oder zwei Schritte zur├╝ckwich, bevor ich eingriff. Auf einem Tisch stand das Onkelchen, fast bis zur Besinnungslosigkeit betrunken, eine Peitsche in der Hand, vor ihm Tanta Klawdija, die ihn weinend anflehte, vern├╝nftig zu werden, und das Personal kauerte regungslos hinter Schrankecken und St├╝hlen. Er werde das Kind als seines aufziehen, komme was wolle, schrie er und trat Tante Klawdija ins Gesicht. Ich sprintete durch den Raum, sprang auf den Tisch und warf ihn zu Boden. Beim Sturz schlug er sich den Kopf an einem Schrankeck an und war augenblicklich tot. Just da kamen mein Vater und ein Mann die Wendeltreppe von der Kanzlei herunter.

Der Mann stellte sich als Geheimpolizist vor. Ich h├Ątte einen Verschw├Ârer gegen den Zaren get├Âtet, sagte er, aber es w├Ąre wohl anzunehmen, dass auch ich keine Treue kennte. Mit einem Griff in meine Rocktasche f├Ârderte er die Papiere zutage und triumphierte. Ein H├Ąndel unter politischen Verbrechern, das h├Ątte er sich schon gedacht, und ob ich einzuziehenden Besitz lieber gleich zu Protokoll geben wollte, in Sibirien sei er mir eh verboten. Als mir der Prozess gemacht wurde, war mein Vater schon aus Moskau abgereist. Seitdem lebe ich in der Verbannung, mit einem Ring im Socken.

Letzte Aktualisierung: 22.09.2012 - 21.07 Uhr
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