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Sehnsucht | September 2012
Tahiti
von Wolf Awert

Jimmy Brown lag wieder einmal im Sterben. Aber dieses Mal sah es so ernst aus, dass sogar Päule und der Philosoph sich Sorgen machten.
Die Sonne schien durch die blinden Fenster der alten Lagerhalle und versprach einen warmen Tag. Und trotzdem wollte Jimmy nicht aufstehen.
„Was is’n?“, fragte der Philosoph. „Nu komm doch.“
„Is zu Ende mit mir, Jungs“, sagte Jimmy, „dabei wollte ich doch noch ein letztes Mal nach Tahiti. Ich hab’ da ne Braut. Wisst ihr?“
Jimmys Stimme zerbrach unter einem bellenden Husten.
„Komm, nimm erst mal einen“, sagte Päule. „Ein Schluck is noch drin.“ Und er reichte ihm den Flachmann rüber.
Jimmy hustete, trank und hustete noch einmal. Die Flasche ließ er einfach fallen. „Tahiti“, murmelte er und: „Dem Teufel ins Maul spucken.“
Der Philosoph verschwand im Dunkel zwischen zerborstenen Paletten und Bauschutt.
„Hanse, wir brauchen deinen Karren. Krichste zurück.“
„Ne.“
„Is für’n Jimmy.“
„Na gut, aber ich komme mit.“

Hanse nahm seine vier Plastiktüten aus dem Einkaufswagen, und der Philosoph schnappte sich den Drahtkorb auf Rädern. Gemeinsam mit Päule hob er Jimmy an und wollte ihn in den Korb legen.
„Warte“, sagte Hanse, „ich leg’ seine Decke drunter.“
„Meine Gitarre“, krächzte Jimmy, „vergiss meine Gitarre nich.“
Päule nahm die eingedrückte Gitarre mit den drei verrosteten Saiten und hängte sie an den Plastikhaken, der für die Einkaufsbeutel gedacht war.
„Alles klar?“
Jimmy nickte. Zu mehr fehlte ihm die Kraft.
Die vier traurigen Gestalten verließen das Industriegelände am Hafen und zogen stadteinwärts. Der Philosoph ging voran, Päule schob den Wagen und Hanse machte den Schluss mit seinen vier Sack Ladung.
Jeder Bordstein war eine Herausforderung, und die Fahrbahn war Kriegsgebiet um diese Uhrzeit.
„Bitten vorbeifahren zu dürfen“, sagte der Philosoph immer, wenn ihm das Gedränge zu groß wurde. Es hörte ihm niemand zu, aber das nahm ihm nichts von seiner Würde.
„Simmer bald da?“, krächzte Jimmy.
„Simmer“, sagte der Philosoph und hielt den Einkaufswagen an.
„Wer geht rein?“
„Wer fragt“, sagte Päule. „Du hast einen Hut auf. Das macht was her. Hanse und ich halten derzeit Wacht.“
Hanse nickte gravitätisch.
„Sag ich auch immer. Ein Hut macht einen Herrn aus dir.“
Der Philosoph hob noch einmal den Blick und schaute auf die Palme über der Eingangstür.
„Tahiti. Hier simmer richtig.“
Er stieg die zwei Stufen hinauf, öffnete die Tür, drängte sich durch den Vorhang und stand dann mitten in der mäßig gefüllten Kneipe.
„Nix auf Pump“, sagte die Wirtin.
„Is nich wegen mir. Is wegen Jimmy. Ich glaub, der will sich verabschieden.“
Die Wirtin drehte sich um und nahm eine Flasche Wacholder und drei Schnapsgläser aus dem Regal.
„Ich komme“, sagte sie.

„Hallo Hilde mein Engel“, krächzte Jimmy. „Ich hoffe, du bist mir treu geblieben.“
„Aber immer, Jimmy. Hast mich diesmal aber lange warten lassen.“
„Ging sich nich aus die letzte Zeit. Aber musst jetzt noch länger warten, fürchte ich. Soll ich noch mal was für dich singen?“
Jimmy machte eine fahrige Bewegung in Richtung seiner Gitarre.
„Ne, lass man. Trinken wir lieber einen zusammen. Auf unser Wiedersehen.“
Hilde füllte drei Gläser. Eines für Jimmy, eines für sich und eines für Päule.
„Prost“, sagte sie, füllte dann ihr Glas erneut und reichte es an Hanse weiter. Die Flasche gab sie dem Philosophen.
„Pass drauf auf, Kerl“, sagte sie.
„Hilde, mein Alles“, hustete Jimmy, „ich muss weiter. Ich will noch mal das Kreuz des Südens sehen.“
„Solltest du“, sagte Hilde, „und wenn du da ankommst, dann grüß die Doris von mir, Junge.“
Sie streichelte Jimmy Brown noch einmal über die flusigen Haare, drehte sich um und verschwand wieder in ihrer Kneipe.

„Und was meine Laube angeht …“, sagte gerade einer der Gäste. Unterbrach dann aber seine Rede, als er die Hilde sah und fragte:
„Was gibst du dich eigentlich mit diesen Pennern ab, Hilde? Könntest doch was Besseres haben.“
„Ach, halt den Mund, Kurt. Was verstehst du denn schon von Fernweh.“

Letzte Aktualisierung: 12.09.2012 - 09.05 Uhr
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