Sexlibris
Sexlibris
Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Karin H├╝bener IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Sehnsucht | September 2012
Endlich Ruh'
von Karin H├╝bener

Herr Moosbacher schloss die Augen und genoss den Duft des Bohnenkrauts.
Hummeln summten. Sie klangen satt und zufrieden.
Unter dem Farn werkelte eine Amsel.
Ein Windhauch strich durch die Bl├Ątter des Pflaumenbaums.
Endlich Ferien.
Seit Wochen hatte er diesen Augenblick herbeigesehnt.

Herr Moosbacher arbeitete gerne an der Hauptschule. Sehr gerne sogar. Er war Klassenlehrer mit Leib und Seele.
Allerdings sp├╝rte er langsam sein Alter. Die unruhige Zeit vor den gro├čen Ferien machte ihm zunehmend zu schaffen.
Konferenzen h├Ąuften sich, Elterngespr├Ąche wurden dringlicher, Zahlungen f├╝r die Klassenfahrt erfolgten nur z├Âgerlich, Schulb├╝cher mussten aufgelistet werden, Berufsberater erwarteten p├Ądagogische Flankenstellung, Kollegen fragten nach Zensuren und die Planung der Abschlussfeier verlangte Einsatz, Kreativit├Ąt und Feingef├╝hl.
Die meisten Nerven kosteten Herrn Moosbacher aber die lautstarken Streitereien unter den Sch├╝lern. Nat├╝rlich waren die Kids erholungsbed├╝rftig. Das verstand er ja. Doch schrilles Gez├Ąnk in Zeiten des Zeugnisstresses waren f├╝r ihn wie Zahnarztbohrer im Mittelohr.

Nun hatte er endlich wieder Zeit f├╝r seinen Steingarten. Der war inzwischen ganz sch├Ân zugewuchert. Besonders die K├╝chenkr├Ąuter hatten sich breit gemacht.
Gerade wollte er sich dem Zitronenthymian widmen, als eine spitze Stimme in seinen Seelenfrieden stach.

"Na, so flei├čig, Herr Moosbacher?"

Er drehte sich um und erblickte die Nachbarin zur Linken. Freundlich schaute sie ├╝ber den Zaun.
Er h├Ątte sie erw├╝rgen k├Ânnen.
"Ist l├Ąngst ├╝berf├Ąllig", erkl├Ąrte er.
"Ich habe Ihrer Frau gerade einen Strau├č von meinen Duftrosen gebracht."
Herr Moosbacher rang sich eine h├Âfliche Antwort ab.
"Das ist aber nett von Ihnen."
"Ach, gern geschehen! Mein Rhabarber wuchert in diesem Jahr so stark. M├Âchten Sie ein paar Stangen abhaben? Vor dem Urlaub kann ich die ja gar nicht mehr verarbeiten."
"Danke, nein. Ich fahre selber in die Ferien."
Die Nachbarin bekam gro├če Augen.
"Sie fahren weg? Und ich dachte, Sie k├Ânnten vielleicht ..."
Herr Moosbacher achtete nicht mehr auf die folgenden Worte. Gequassel hatte es an der Schule schon genug gegeben. Nun handelte er intuitiv.
"Oh je, ich glaube mein Kuchen brennt an!", rief er. Dann fl├╝chtete er in sein Reihenhaus.

In der K├╝che angekommen, beschloss er wirklich einen Kuchen zu backen. Denn vorl├Ąufig traute er sich nicht in den Garten zur├╝ck.
Nussmehl, Zimt, Nelken, Vanille, Ingwer und Rum, alles war da. Langsam kehrte seine Zufriedenheit zur├╝ck. Als er den Teig in die gefettete und mit Semmelmehl ausgestreute Form f├╝llte, begann er sogar ein Liedchen zu summen.

"Komisch, dat der sein Auto ├Ąrs jetz inne Werkstatt jetan hat!"

Herr Moosbacher h├Ątte fast die Herdklappe zuknallen lassen. Es gelang ihm noch, sich die Backzeit zu merken, bevor er aus dem K├╝chenfenster schielte. Dummerweise hatte er es auf Kippe gelassen.
Seine Nachbarn zur Rechten waren gerade dabei, ihren Caravan mit Urlaubsgep├Ąck zu best├╝cken.

"Is doch klar. Nach dem bekloppten Unfall hatte der jenuch Kummer umme Ohren. Un jetz im Urlaub hatta Zeit."
"Schonn, abba dat Heck war doch arg zerd├Âtcht. Also, mit dem w├Ąr ich nich mehr rumjefahrn. Na, wat soll's, ├änne. Gib mich mal lieba dat Hunnek├Ârbchen."

Leise, ganz leise schloss Herr Moosbacher das Fenster. Was ging die Nachbarn denn sein Auto an? Konnte man nirgends seine Ruhe haben? Seufzend setzte er sich an den Esszimmertisch. Die Tageszeitung hatte er zwar schon gr├╝ndlich studiert, aber das Sudoku wollte noch gel├Âst werden. Zahlenkombinationen entspannten ihn immer.

Da schrillte das Telefon.
"Hallo, Ulrich! Wollte nur kurz vorm Abflug h├Âren, wie es dir so geht?"
"Bin flei├čig beim Packen. Was soll da gro├č sein?"
Am anderen Ende folgte eine wohltuende Pause. Sie dauerte aber nicht lange.
"Willst du wirklich verreisen? Doch nicht etwa nach ├är├Â?"
"Warum denn nicht? Dort haben wir uns immer pr├Ąchtig erholt. Unber├╝hrte Natur, weites Meer, nettes Ferienh├Ąuschen. Was will man mehr?"
"Ist die Einsamkeit keine zu gro├če Belastung f├╝r dich?"
"Glaub ich nicht. Muss es halt ausprobieren. Freue mich jedenfalls drauf."
"Na, wenn du meinst." Die Stimme des Freundes klang nicht ├╝berzeugt. "K├Ânnten wir nicht mal ..."
"Du, ich hab was im Ofen", unterbrach Herr Moosbacher das Gespr├Ąch. "Ich w├╝nsche euch eine gute Erholung. Und in der letzten Ferienwoche sehen wir uns dann ja zur gewohnten Radtour. Also tsch├╝ss und Gr├╝├če an die Familie!"

Herr Moobacher wischte sich den Schwei├č von der Stirn. Vor lauter Panik hatte er sich hei├č geredet. Doch ab morgen w├╝rde es ihm besser gehen. Da waren endlich alle verreist. Freunde, Kollegen, Familie und auch die Nachbarn.
"Bremers fahren mit Zelt an den Gardasee, Frau Gerber besucht ihre Schwester im Harz und Schnitzlers ├╝berfallen mit ihrer Bagage wieder einen bayrischen Bauernhof", hatte ihm seine Frau schon vor Wochen mitgeteilt. Und in solchen Dingen war auf Almut Verlass.

Vorsichtig schlich er mit dem noch warmen Gew├╝rzkuchen auf die Terrasse. Die Weinranken boten ihm einen guten Sichtschutz. Aber er getraute sich nicht, einen Gartenstuhl zurechtzur├╝cken. Denn er h├Ârte, wie die Nachbarin zur Linken in ihrem Gew├Ąchshaus rumorte. Wahrscheinlich goss sie gerade die Tomaten. Um ihre Aufmerksamkeit nicht zu wecken, hockte er sich leise auf die Bodenfliesen. Den R├╝cken lehnte er gegen die Hauswand.
Kleines Picknick im Verborgenen, dachte er belustigt. Ohne Diskussionen, Erkl├Ąrungen, Entschuldigungen, Beschwerden, Versprechungen, Anfragen, Rechtfertigungen, Gez├Ąnk, Mitteilungen oder gar Klatsch und Tratsch.
Nur Stille.
Wundersch├Ân die F├Ąrbung des Weinlaubs. Sonnenflecken schaukelten ├╝ber die Bl├Ątter. Im Herbst w├╝rde er zum ersten Mal Trauben ernten k├Ânnen.
Entspannt biss er in das lockere Backwerk.

"Isabelle, komm sofort rein, du faules Luder!"
Das war Frau Schnitzler. Sie wohnte drei H├Ąuser weiter und kreischte nach ihrer Brut.

Herr Moosbacher verschluckte sich. Da er wegen der Nachbarin im Gew├Ąchshaus nicht laut husten wollte, musste er noch eine Weile mit den Kr├╝meln k├Ąmpfen. Dabei traten ihm Tr├Ąnen in die Augen. Endlich bekam er wieder Luft.

"Du wei├čt doch, dass wir heute packen! Pass auf, mein Frollein, gleich nehm' ich dir das Handy weg."
Es folgte ein schmerzhaftes Aufkreischen, das in ein schauriges Dauergeheul ├╝berging.
"Gut, von mir aus k├Ânnen wir auch alle zu Hause bleiben!", verk├╝ndete Frau Schnitzler.

Herr Moosbacher traute seinen Ohren nicht. Blo├č nicht, betete er.

"Is ja schon gut!" Isabelle gab klein bei.
Aber Frau Schnitzler war noch nicht fertig.
"Wo ist denn eigentlich der Dennis?", schrie sie vorwurfsvoll.

Ihre Stimmgewalt erinnerte ihn an seine Almut. Das reichte. Unauff├Ąllig trat er den R├╝ckzug an. Garten und Terrasse mussten bis morgen warten. Jetzt w├╝rde er erstmal seine Frau besuchen.

Als er zur Garage ging, packten die Nachbarn noch immer ihr Urlaubsauto. Mit einem kurzen Nicken gr├╝├čte er zu ihnen hin├╝ber. Kuchen und Kanne waren schnell in den Satteltaschen verstaut. Schwungvoll trat Herr Moosbacher in die Pedalen. Er schlug den Weg durch den Stadtpark ein, denn der war ihm der liebste.

"Den Kuchen habe ich genauso gut hingekriegt wie du", erkl├Ąrte er. "Wunderbar einfaches Rezept."
Gen├╝sslich kaute er an seinem St├╝ck.
"Habe allen erz├Ąhlt, dass ich verreise", fuhr er nach einer Weile fort. "Dabei ist es in den ersten Ferienwochen nirgends friedlicher als daheim. Werde mich einfach tot stellen und auch nicht ans Telefon gehen."
Sorgf├Ąltig wickelte er den restlichen Kuchen in die mitgebrachte Alufolie. Dann legte er das P├Ąckchen neben sich auf die Bank. Die Gie├čkanne stand bereits umgedreht beim Fahrrad. So konnten die restlichen Wassertropfen vor der R├╝ckfahrt noch auslaufen. L├Ąchelnd blickte er zu seiner Frau hin├╝ber.
Kr├Ąnze und Schleifen waren l├Ąngst entsorgt. Stattdessen prangte nun ein dicker Strau├č Duftrosen neben seinen Petunien.
Verlegen rieb er sich die H├Ąnde. Noch immer qu├Ąlte ihn der Gedanke, dass Almut ihn nicht verstanden haben k├Ânnte.
"Du, das mit dem R├╝ckw├Ąrtsfahren aus der Garage tut mir wirklich leid, Almut", gab er zu. "Das war nicht die feine Art. Aber ich konnte einfach nicht anders. Nimm es bitte nicht pers├Ânlich. Du warst mir immer eine gute Frau. Nur eben zu laut. Und einmal musste einfach Ruhe sein."

Letzte Aktualisierung: 22.09.2012 - 19.24 Uhr
Dieser Text enthńlt 8309 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.