Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Sehnsucht | September 2012
Endlich Ruh'
von Karin Hübener

Herr Moosbacher schloss die Augen und genoss den Duft des Bohnenkrauts.
Hummeln summten. Sie klangen satt und zufrieden.
Unter dem Farn werkelte eine Amsel.
Ein Windhauch strich durch die Blätter des Pflaumenbaums.
Endlich Ferien.
Seit Wochen hatte er diesen Augenblick herbeigesehnt.

Herr Moosbacher arbeitete gerne an der Hauptschule. Sehr gerne sogar. Er war Klassenlehrer mit Leib und Seele.
Allerdings spürte er langsam sein Alter. Die unruhige Zeit vor den großen Ferien machte ihm zunehmend zu schaffen.
Konferenzen häuften sich, Elterngespräche wurden dringlicher, Zahlungen für die Klassenfahrt erfolgten nur zögerlich, Schulbücher mussten aufgelistet werden, Berufsberater erwarteten pädagogische Flankenstellung, Kollegen fragten nach Zensuren und die Planung der Abschlussfeier verlangte Einsatz, Kreativität und Feingefühl.
Die meisten Nerven kosteten Herrn Moosbacher aber die lautstarken Streitereien unter den Schülern. Natürlich waren die Kids erholungsbedürftig. Das verstand er ja. Doch schrilles Gezänk in Zeiten des Zeugnisstresses waren für ihn wie Zahnarztbohrer im Mittelohr.

Nun hatte er endlich wieder Zeit für seinen Steingarten. Der war inzwischen ganz schön zugewuchert. Besonders die Küchenkräuter hatten sich breit gemacht.
Gerade wollte er sich dem Zitronenthymian widmen, als eine spitze Stimme in seinen Seelenfrieden stach.

"Na, so fleißig, Herr Moosbacher?"

Er drehte sich um und erblickte die Nachbarin zur Linken. Freundlich schaute sie über den Zaun.
Er hätte sie erwürgen können.
"Ist längst überfällig", erklärte er.
"Ich habe Ihrer Frau gerade einen Strauß von meinen Duftrosen gebracht."
Herr Moosbacher rang sich eine höfliche Antwort ab.
"Das ist aber nett von Ihnen."
"Ach, gern geschehen! Mein Rhabarber wuchert in diesem Jahr so stark. Möchten Sie ein paar Stangen abhaben? Vor dem Urlaub kann ich die ja gar nicht mehr verarbeiten."
"Danke, nein. Ich fahre selber in die Ferien."
Die Nachbarin bekam große Augen.
"Sie fahren weg? Und ich dachte, Sie könnten vielleicht ..."
Herr Moosbacher achtete nicht mehr auf die folgenden Worte. Gequassel hatte es an der Schule schon genug gegeben. Nun handelte er intuitiv.
"Oh je, ich glaube mein Kuchen brennt an!", rief er. Dann flüchtete er in sein Reihenhaus.

In der Küche angekommen, beschloss er wirklich einen Kuchen zu backen. Denn vorläufig traute er sich nicht in den Garten zurück.
Nussmehl, Zimt, Nelken, Vanille, Ingwer und Rum, alles war da. Langsam kehrte seine Zufriedenheit zurück. Als er den Teig in die gefettete und mit Semmelmehl ausgestreute Form füllte, begann er sogar ein Liedchen zu summen.

"Komisch, dat der sein Auto ärs jetz inne Werkstatt jetan hat!"

Herr Moosbacher hätte fast die Herdklappe zuknallen lassen. Es gelang ihm noch, sich die Backzeit zu merken, bevor er aus dem Küchenfenster schielte. Dummerweise hatte er es auf Kippe gelassen.
Seine Nachbarn zur Rechten waren gerade dabei, ihren Caravan mit Urlaubsgepäck zu bestücken.

"Is doch klar. Nach dem bekloppten Unfall hatte der jenuch Kummer umme Ohren. Un jetz im Urlaub hatta Zeit."
"Schonn, abba dat Heck war doch arg zerdötcht. Also, mit dem wär ich nich mehr rumjefahrn. Na, wat soll's, Änne. Gib mich mal lieba dat Hunnekörbchen."

Leise, ganz leise schloss Herr Moosbacher das Fenster. Was ging die Nachbarn denn sein Auto an? Konnte man nirgends seine Ruhe haben? Seufzend setzte er sich an den Esszimmertisch. Die Tageszeitung hatte er zwar schon gründlich studiert, aber das Sudoku wollte noch gelöst werden. Zahlenkombinationen entspannten ihn immer.

Da schrillte das Telefon.
"Hallo, Ulrich! Wollte nur kurz vorm Abflug hören, wie es dir so geht?"
"Bin fleißig beim Packen. Was soll da groß sein?"
Am anderen Ende folgte eine wohltuende Pause. Sie dauerte aber nicht lange.
"Willst du wirklich verreisen? Doch nicht etwa nach Ärö?"
"Warum denn nicht? Dort haben wir uns immer prächtig erholt. Unberührte Natur, weites Meer, nettes Ferienhäuschen. Was will man mehr?"
"Ist die Einsamkeit keine zu große Belastung für dich?"
"Glaub ich nicht. Muss es halt ausprobieren. Freue mich jedenfalls drauf."
"Na, wenn du meinst." Die Stimme des Freundes klang nicht überzeugt. "Könnten wir nicht mal ..."
"Du, ich hab was im Ofen", unterbrach Herr Moosbacher das Gespräch. "Ich wünsche euch eine gute Erholung. Und in der letzten Ferienwoche sehen wir uns dann ja zur gewohnten Radtour. Also tschüss und Grüße an die Familie!"

Herr Moobacher wischte sich den Schweiß von der Stirn. Vor lauter Panik hatte er sich heiß geredet. Doch ab morgen würde es ihm besser gehen. Da waren endlich alle verreist. Freunde, Kollegen, Familie und auch die Nachbarn.
"Bremers fahren mit Zelt an den Gardasee, Frau Gerber besucht ihre Schwester im Harz und Schnitzlers überfallen mit ihrer Bagage wieder einen bayrischen Bauernhof", hatte ihm seine Frau schon vor Wochen mitgeteilt. Und in solchen Dingen war auf Almut Verlass.

Vorsichtig schlich er mit dem noch warmen Gewürzkuchen auf die Terrasse. Die Weinranken boten ihm einen guten Sichtschutz. Aber er getraute sich nicht, einen Gartenstuhl zurechtzurücken. Denn er hörte, wie die Nachbarin zur Linken in ihrem Gewächshaus rumorte. Wahrscheinlich goss sie gerade die Tomaten. Um ihre Aufmerksamkeit nicht zu wecken, hockte er sich leise auf die Bodenfliesen. Den Rücken lehnte er gegen die Hauswand.
Kleines Picknick im Verborgenen, dachte er belustigt. Ohne Diskussionen, Erklärungen, Entschuldigungen, Beschwerden, Versprechungen, Anfragen, Rechtfertigungen, Gezänk, Mitteilungen oder gar Klatsch und Tratsch.
Nur Stille.
Wunderschön die Färbung des Weinlaubs. Sonnenflecken schaukelten über die Blätter. Im Herbst würde er zum ersten Mal Trauben ernten können.
Entspannt biss er in das lockere Backwerk.

"Isabelle, komm sofort rein, du faules Luder!"
Das war Frau Schnitzler. Sie wohnte drei Häuser weiter und kreischte nach ihrer Brut.

Herr Moosbacher verschluckte sich. Da er wegen der Nachbarin im Gewächshaus nicht laut husten wollte, musste er noch eine Weile mit den Krümeln kämpfen. Dabei traten ihm Tränen in die Augen. Endlich bekam er wieder Luft.

"Du weißt doch, dass wir heute packen! Pass auf, mein Frollein, gleich nehm' ich dir das Handy weg."
Es folgte ein schmerzhaftes Aufkreischen, das in ein schauriges Dauergeheul überging.
"Gut, von mir aus können wir auch alle zu Hause bleiben!", verkündete Frau Schnitzler.

Herr Moosbacher traute seinen Ohren nicht. Bloß nicht, betete er.

"Is ja schon gut!" Isabelle gab klein bei.
Aber Frau Schnitzler war noch nicht fertig.
"Wo ist denn eigentlich der Dennis?", schrie sie vorwurfsvoll.

Ihre Stimmgewalt erinnerte ihn an seine Almut. Das reichte. Unauffällig trat er den Rückzug an. Garten und Terrasse mussten bis morgen warten. Jetzt würde er erstmal seine Frau besuchen.

Als er zur Garage ging, packten die Nachbarn noch immer ihr Urlaubsauto. Mit einem kurzen Nicken grüßte er zu ihnen hinüber. Kuchen und Kanne waren schnell in den Satteltaschen verstaut. Schwungvoll trat Herr Moosbacher in die Pedalen. Er schlug den Weg durch den Stadtpark ein, denn der war ihm der liebste.

"Den Kuchen habe ich genauso gut hingekriegt wie du", erklärte er. "Wunderbar einfaches Rezept."
Genüsslich kaute er an seinem Stück.
"Habe allen erzählt, dass ich verreise", fuhr er nach einer Weile fort. "Dabei ist es in den ersten Ferienwochen nirgends friedlicher als daheim. Werde mich einfach tot stellen und auch nicht ans Telefon gehen."
Sorgfältig wickelte er den restlichen Kuchen in die mitgebrachte Alufolie. Dann legte er das Päckchen neben sich auf die Bank. Die Gießkanne stand bereits umgedreht beim Fahrrad. So konnten die restlichen Wassertropfen vor der Rückfahrt noch auslaufen. Lächelnd blickte er zu seiner Frau hinüber.
Kränze und Schleifen waren längst entsorgt. Stattdessen prangte nun ein dicker Strauß Duftrosen neben seinen Petunien.
Verlegen rieb er sich die Hände. Noch immer quälte ihn der Gedanke, dass Almut ihn nicht verstanden haben könnte.
"Du, das mit dem Rückwärtsfahren aus der Garage tut mir wirklich leid, Almut", gab er zu. "Das war nicht die feine Art. Aber ich konnte einfach nicht anders. Nimm es bitte nicht persönlich. Du warst mir immer eine gute Frau. Nur eben zu laut. Und einmal musste einfach Ruhe sein."

Letzte Aktualisierung: 22.09.2012 - 19.24 Uhr
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