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Sehnsucht | September 2012
Patricia
von Lajos Herpay

Bruce schaute sich in seinem Zimmer um. Er atmete tief und versuchte nun zum dritten Mal das einsetzende Herzrasen auszuatmen. Dreimal ein, fünfmal aus, wie oft hatte er es mit seiner Therapeutin geübt.

Nicht, dass er mit dem Vorhaben, die Prüfungsängste loszuwerden keinen Erfolg gehabt hätte, sie hatten das endlos durchgespielt in den Sitzungen und er hatte es geschafft, die Ruhe selbst zu sein, sogar angesichts einer imaginierten Prüfung in seinem Hassfach Mathematik.

Das Dumme an dieser Therapie war, neben der Tatsache, dass er hoffnungslos in Dr. Patricia Hackstein verliebt war - ja verfallen, könnte man sagen - das Dumme war, dass die alten Ängste sich vor wirklichen Prüfungen einen Dreck scherten um die Tatsache, dass er monatlich 100 Dollar hinlegen musste, um demütig an ihren Lippen zu hängen und zweifelhafte Atemerfolge zu erzielen. Sie kamen einfach wieder.

Bruce betrachtete die Nacktfotos an der Wand, die er, um nicht als Sonderling zu gelten, fast in der gleichen Anordnung an seine Wand gepinnt hatte, wie die beiden Nachbarn auf seinem Flur. So ein Studentenhaus war ein gnadenloser Ort. Man wurde beäugt und gewertet, man wurde gedrängt und geschoben und, wenn man Pech hatte, gemieden.

Morgen war keine Prüfung. Nein, morgen war die Abschlussveranstaltung des ersten Trimesters mit einer Zeugnisvergabe auf der Bühne. Auf der Bühne!
Wie er es hasste, im Rampenlicht zu stehen und begafft zu werden. Wie er es hasste, wenn sein Körper in Anbetracht zu vieler Augenpaare, die auf ihn gerichtet waren, ein Eigenleben zu führen begann. Wie er es hasste, wenn der Kragen feucht wurde, er die Schweißtropfen aus den Achselhöhlen hinab rinnen fühlte an die Stelle am Hemd, wo sie sich stauten und ihm das Gefühl vermittelten, in seinem eigenen Anzug zu ertrinken. Wie er es hasste, wenn die dämliche Collage-Krawatte zu würgen begann, als ob die unsichtbare Hand eines übereifrigen Henkers nicht abwarten konnte.

Die nackten Sirenen an der Wand schauten auf ihn herab und in die gespielt lasziven Blicke mischte sich Spott. Bruce atmete, dreimal ein, fünfmal aus und mit jedem in-den-Ausatem-gehen: loslassen! Die Blicke, die Bühne, die vielen Augen. Hoffentlich würde das Mittel bald wirken, die kleine Pille gegen Stress, die ihm Clark Madson zugesteckt hatte.

Mein Arm wird schwer, mein Geist wird leicht, Patricia du Engel meiner Träume, so weit und unerreichbar, doch schwebe ich zu dir empor, hinauf, empor, hinauf, empor...

Schwebend auf der chemischen Wolke der Glückseligkeit bestürmten ihn die Bilder seiner tiefsten Sehnsüchte: ihr nackter Körper im matten Licht der Straßenlaternen, das durch das Fenster schien und an der Zimmerdecke die Schatten der Zweige des Ahornbaumes wiegen ließ. Er sah ihre geschlossenen Augen, spürte ihren halbgeöffneten Mund warm und feucht auf seinen Lippen, fühlte sich eintauchen in den feinen Geruch ihres Schweißes, in den sich mit wachsender Erregung der Duft der Liebe mischte. Und doch quälend die Beimischung der leeren Realität in seinem Bett, die schmerzhafte Erkenntnis, dass das Laken keine warme Haut war, dass in der Stille ihr Atem fehlte und dass der eigene Leib sich einsam bäumte und wandt. Endlich Ruhe finden, Erlösung ...

Der Klingelton seines Weckers war anders als an den anderen Morgen und heute schien er den Tag einer Verschwörung einzuläuten. Nur schleppend im dumpfen Druck des sedierten Schädels bemühte sich Bruce in Reibungslosigkeit zu kommen, aber alles was ihm gelang, war kopflose Hektik. Man konnte gut schlafen von dem Zeug, aber konnte man denken?

Bruces Körper machte wieder ein eigenes Spiel, goss den Kaffee neben die Tasse, kämpfte mit der Henkerskravatte, die sich nicht knoten ließ. Die blöde Scherpe, gestern noch gebügelt, musste sich unter seinen dampfenden Leib geschoben haben, als er gestern die Besinnung verlor. So sah sie zumindest aus.

Mit bitterem Koffein in der Kehle und einem fahlen Gefühl im Magen traf Bruce die anderen auf dem Flur. Sie plauderten, lachten und klopften sich gegenseitig auf die Schultern, sie schienen nicht die geringste Angst zu verspüren. Ignoranten! Es war spät und die Gruppe hatte schon begonnen, sich in Richtung Seiteneingang zu bewegen.
Seine Beine stolperten hinter den anderen Beinpaaren her die Treppe hinab und vor dem Bühnenaufgang meldete der Darm die verspätete Morgenroutine, gnadenlos fordernd. Nein, jetzt nicht! Es musste gelingen, sie hatte versprochen zu kommen.

Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, ob er das Lampenfieber mit den hundert Dollar beschwichtigt oder gefüttert hatte. Bruce war entschlossen, alles zu ignorieren, von den weichen Knien bis zum festen Biss. Er reihte sich ein, stieg im Gleichschritt mit den anderen auf die Bühne. Noch drei Schritte und dann eine entschlossene Drehung!

Keine Augenpaare vor ihm, keine gleißenden Scheinwerfer! Keine Dr. Patricia Hackstein! Nur ein roter Vorhang, der rote Vorhang des Bühnenhintergrundes. Sie waren anders als bei den üblichen Mannschaftsaufstellungen von links und nicht von rechts auf die Bühne getreten und die Macht der Gewohnheit war in der Not ein wenig verlässlich Ding.

Das aufschäumende Gelächter im Nacken, das heranrollte wie eine bittere Brandung, raubte ihm für einen Moment den so wichtigen Atem. Die Peinlichkeit brannte im Rücken. Das letzte, was er dachte, als seine Beine aus dem Saal liefen war, "Sehnsucht ist dämlich! Angst ist dämlich! Ich bin dämlich!"

Letzte Aktualisierung: 26.09.2012 - 20.14 Uhr
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